Frau Mann
Spät, aber nicht zu spät haben wir uns kennengelernt. Gut so. An der Weltzeituhr am Alex. Rendezvous mit der „Lütten“, mit der Sängerin und Schauspielerin Angelika Mann. Gemeinsam tauschen wir Erinnerungen aus: an die Weltzeitspiele 1973 in der Hauptstadt der DDR. Ich war nicht dabei, aber die Lütte mittendrin. So etwas hatte Ost-Berlin noch nicht erlebt. Ein Hauch von weiter Welt. Acht Millionen Besucher aus 140 Ländern. 1.500 Straßenfeste, Konzerte und Foren. An neun Tagen schien alles möglich. Love, Peace and Rock ‘n Roll. Die Weltfestspiele, erzählst du, wurden zu Feldbettspielen mit langen Haaren, kurzen Röcken und ungebremster Leidenschaft. Das rote Woodstock.
Die lütte Angelika Mann, gerade mal 24, steht in diesem Sommer of Love abends am Alex auf der Bühne. Sie covert unter anderem Tina Turner. Live vor Hunderttausenden. Volle Röhre Nutbush City Limits. Leider gibt es in den Archiven keinen Mitschnitt mehr. Aber Tina Turner covert sie immer wieder. Angelika: „Irre, irre. Mit so was hat man im Leben nicht gerechnet, dass so etwas passiert. Und die waren alle gut drauf. Es war gute Laune. Es war, glaube ich, nie so gute Laune in der DDR wie zu dem Zeitpunkt.“
Vom ersten Moment an haben wir uns prächtig verstanden. Es hagelt Anekdoten, Witze und Geschichten unter der Weltzeituhr. Sie die Berliner Pflanze. Apothekenhelferin, Allrounderin: Sängerin, Schauspielerin, Schlagersternchen, Traumzauberfrau, Biermann-Protest-Resolution-Unterzeichnerin, Ausreisewillige, Ost-West-Wanderin, als es in der DDR nicht mehr ging.
Neustart im Westen, als Lucy in der Dreigroschenoper, als Hexe in „Hänsel & Gretel“ und Sängerin in Rosa von Praunheims „Der Einstein des Sex“. Zuletzt umjubelte Hausfrau in „Höchste Zeiten“; Angelika Mann (1949-2026) eine vielseitige Volksschauspielerin, Komödiantin, gute Fee, schlagfertig, hellwach und unbestechlich. Ihr großes Vorbild als Sängerin: Janis Joplin.
Was an der Lütten so fasziniert, ist ganz einfach ihre Art durchs Leben zu gehen. Performance, heißt das heute. Hier einige Klischees, um sich ihr anzunähern, aber sie stimmen allesamt: „Klein, aber oho!“ (Angelika misst genau 149 Zentimeter). „Berliner Schnauze mit Herz!“, „bodenständig, vielseitig, offen und heiter“. Als vor fast fünf Jahren Krebszellen ihre Brust überfallen, führt sie einen stillen, zähen Kampf. Angelika: „Als hätte Corona und der ganze Mist nicht gereicht!“
Was folgt, sind Chemo, Operation, Bestrahlung und ihr unverwechselbarer Optimismus: „Ich habe einen unerschütterlichen Glauben an die Schulmedizin und immer genau das gemacht, was mir meine Ärztin sagte. Aber das Wichtigste war: Ich hab’ die ganze Zeit Theater gespielt. Perücke auf den Kopf und fertig. Das war meine Therapie.“ Angelika Mann im Duett mit Tochter Ulrike Weidemüller:
Wer das Glück hatte in ihre Küchenstube zu einer köstlichen Lasagne von Ehemann Ralf „Ralli“ Rasch eingeladen zu werden, kann verstehen, was diese kleine Frau Mann so groß gemacht hat. Ihre Menschlichkeit. Ihr Humor und ihr unerschütterlicher Glaube, auch nach Niederlagen und Rückschlägen wiederaufzustehen. Hinfallen, Mund abwischen, aufstehen, weitermachen.
Tja, Lütte. Den aufrechten Gang, den konntest Du. Und Rückgrat zeigen, wenn´s drauf ankommt. Alles Gute, wo immer Du auch gerade bist. Höre ich nicht in der Ferne Dein Lachen, irgendwo da oben vom Sternenhimmel?


















