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Theater, Blitz und Donner

Es musste so kommen. Der Himmel über Netzeband, dem kleinen märkischen Theaterdorf, verfinstert sich dramatisch. Die Premiere von „Nacht des Schicksals“ steuert gerade auf ihren Höhepunkt zu. Mitten im ESC-Contest um 350 Jahre Musikgeschichte, von Guiseppe Verdi bis Roland Kaiser entlädt sich die Hochspannung. Blitz und Donner gehen auf den Theaterpark nieder. Sogleich ergießt sich heftiger Regen über die Kulisse. Ensemble, Technik und Publikum werden innerhalb weniger Minuten klatschnass. Das Wunder! Niemand wird vom Blitz getroffen, nur wenige verlassen ihren Platz. Die meisten bleiben und klatschen am Ende begeistert Beifall. Was für eine Nacht! Was für ein Spektakel! Die Kraft der Natur trifft auf die Kreativität der Kultur.

 

Was für eine Premiere! Petrus inszeniert mit. „Die Nacht des Schicksals“ mit Blitz, Donner und Gewitterregen.

 

„Am Rande der Welt entstehen die besten Ideen“, sagte einmal Theatermann Jürgen Heidenreich. Er gilt als Gründungsvater vom Theaterwunder in Netzeband. Einem 180-Seelen-Dorf, knapp hundert Kilometer nördlich von Berlin. Es ist seit genau dreißig Jahren eine echte Erfolgsgeschichte. Kultur am gefühlten Ende der Welt. In einem ehemaligen DDR-Dorf, von den Einheimischen liebevoll-melancholisch „das letzte Loch vor der Hölle genannt“. Mit der Einheit kam für das Dorf der Bauern, Soldaten und Jäger der stetige Niedergang. Die LPG ging pleite, Jobs und alte Sicherheiten waren weg. Die Jugend zog der Arbeit hinterher gen Westen. Das Dorf versank in Schnaps, Frust und Depression.

Wie in einem Märchen tauchte Anfang der neunziger Jahre ein Investor aus Düsseldorf auf. Landschaftsarchitekt Horst Wagenfeld und Ehefrau Johanna, eine Marketingexpertin, krempelten das Dorf komplett um. Sie sanierten mit Hilfe von Fördermitteln Gutskirche, Park und Höfe, träumten von „Integrierter Ländlicher Entwicklung“ und holten Theaterleute aus der Stadt. Während die hochambitionierten „Wessis“ Wagenfeld nach wenigen Jahren scheiterten, blieb der damals junge Regisseur, Schauspieler und Theatermann Frank Matthus bis heute. Ein Glücksfall. Matthus und sein kleines, aber großartiges Team beweisen seitdem: Kultur kann sehr wohl etwas verändern, wenn die richtige Mischung aus Kreativität, Programm und Bodenhaftung zum Tragen kommt. Wenn Profis und Laien gemeinsam Theater machen.

 

Hilfe! Wer rettet das Dorf vor Investoren? Foto: Uta Gasper

 

Netzeband mauserte sich in drei Jahrzehnten zu einem kleinem Dorf mit großem Anspruch. Diese Entwicklung feiert die diesjährige Neuinszenierung „Die Nacht des Schicksals“ von Frank Matthus und Axel Poike. Das Pop-Oper-Freiluft-Spektakel ist Höhepunkt von dreißig Jahren Theatersommer Netzeband und zwanzig Jahren Synchrontheater. Synchron bedeutet: Stimmen kommen vom Band, Menschen geben in Masken und Kostümen ihren Protagonisten Herz und Seele. Intendant Frank Matthus: „Wir zitieren auch die Masken der vergangenen Jahre. Es ist sowohl Feier, Einkehr als auch Zukunftsexperiment. Was daraus wird, wird sich zeigen.“

Hier kurz die Story: Friedhof, Dorf und Gutspark eines kleinen Provinznests sollen einem Ferienresort weichen. Der Investor „West goes East Holding“ verspricht Zukunft, Jobs und das große Geld. Allein der Friedhofsgärtner hält dagegen. Er will, dass alles so bleibt. Ihm kommen plötzlich „Untote“ zu Hilfe. Die Vergangenheit erhebt sich aus den Gräbern. Alle machen mit: von Theodor Fontane über Kleists Prinz von Homburg bis zum hier herrschenden Adelsgeschlecht der von Königsmarck. Sie prägten Jahrhunderte das abgelegene, arme Gutsdorf zwischen Berlin und Hamburg.

 

Auch im ersten Akt mischt Co-Regisseur Petrus mit: Abendliches Wolkenleuchten kurz vor der Gewitter-Entladung.

 

Der Plot – Friedhofsgärtner gegen Marketing-Manager, David gegen Goliath – geht an diesem Abend auf. Die Jubiläums-Inszenierung mobilisiert großartige Arien und Songs. Ein wilder Mix aus Klassik und Popkultur. Von Verdi, Puccini, Mozarts Zauberflöte bis zu Richard Wagners „Walkürenritt“. Von Black Sabbath, Money, Money aus Cabaret bis zu Brecht/Weills Dreigroschenoper und Roland Kaiser. Für Nicht-Opern-Experten eine echte Herausforderung.

Das Finale soll nicht verraten werden. Nur so viel: Michael Jackson und die beste Sparkasse der Welt spielen bei der Rettung des Dorfes eine gewisse Rolle. Und ein gewaltiger Gewitterschauer. Den gibt es allerdings nur, wenn Petrus mitspielt.

Operndrama „Die Nacht des Schicksals.“ Netzeband. Brandenburg. Bis 29. August 2026. Fr/Sa 20.30 Uhr. (ab Berlin mit RE6). Mehr als ein Geheimtipp! Es lohnt sich.

 

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Opas gegen links

„Jetzt ist die Stunde der Rentner. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Sie müssen auf die Straße gehen“, fordert Peter Hahne, 73 Jahre alt. Der mediengestählte Diplom-Theologe, Ex-ZDF-Moderator und Bestseller-Autor meint, es sei höchste Zeit für so etwas wie Opas gegen links. Der Fernsehpfarrer sieht größte Not. „Unser Land wird umgekrempelt. Ich will das nicht!“ Freundlich im Ton, kämpferisch in der Sache jammert der Mann im Unruhestand: „Ich will unser altes Land zurück. Das gute alte Deutschland. Normal soll es wieder werden.“ Normal ist bei ihm ein wichtiges Wort. Hahne – jetzt ein Rentner-Rebell? Einer der alten, zornigen Männer, die unter Bedeutungsverlust leiden? Die vom Weltuntergang reden, wenn, ja wenn nicht endlich auf sie gehört wird?

 

Stets auf Sendung. Peter Hahne. Er will Deutschland retten.

 

Peter Hahne war im ZDF viele Jahre mein geschätzter Kollege. Auf dem Nachttisch meiner Mutter lag eines seiner vielen Lebensmut-Bändlein. Über sechs Millionen seiner Besinnungs- Kalender- und Streitschriften-Exemplare hat er verkauft. Meine Mutter mochte ihn, den netten Mann vom Fernsehen. Er kann so schön reden, sagte sie, und sei ein freundlicher Mensch. Sie war sogar auf einer seiner Lesungen, vor vielen Jahren. Meine Mutter ist längst tot. Peter Hahne zieht weiter durchs Land, derzeit von Plauen nach Weißenfels. Tausende hören ihm zu. Seine Botschaft ist einfach: Deutschland retten! Vor Merz, Merkel, Klingbeil, den Grünen und dem linken Zeitgeist. Sein jüngstes Buch heißt: „Warum macht ihr uns kaputt? Wie wir unsere Zukunft verspielen“.

Peter Hahne betont, er sei nicht rechts abgebogen. Das müsse er auch nicht, denn er sei von Jugend an konservativ und rechts gewesen. „Ich hatte einen linken Lehrer.“ Der Sohn eines Drogisten aus Minden wollte eigentlich Pfarrer werden. Er studierte Theologie, landete jedoch bei ARD und ZDF. Dort machte er Karriere. Viele Jahre bis zu seinem Ruhestand 2017. Seitdem zieht er rastlos gegen die Öffentlich-Rechtlichen durchs Land. ARD und ZDF würden eine andere Welt zeigen. „Nicht die Realität.“ Er wolle keine Zwangsgebühren mehr zahlen, „für etwas, was ich nicht benutze“. Die „Öffis“ hätten sich nach links verirrt. Schluss damit, fordert der ZDF-Rentner. Das kommt beim Publikum an.

 

 

Hahne missioniert mittlerweile im Netz, in alternativen Kanälen. Er kommentiert, kritisiert und erklärt die Welt für rechte und rechtskonservative Medien wie Achse des Guten, Tichys Einblick, NIUS, Apollo News, Junge Freiheit oder das Portal Scharf rechts. Dort präsentieren zwei TV-Schönheiten, gemeinsam nicht so alt wie Gast Hahne, einen gutgelaunten älteren Herrn auf dem Sofa, der aus dem Nähkästchen plaudert und Deutschland auf der Kippe wähnt. Hahne sagt, die Wahl am 6. September in Sachsen-Anhalt habe „weltweite Bedeutung, vom Kreml bis zum Weißen Haus“. Bei dieser Schicksalswahl hoffe er auf die Wende.

Nichts mehr sei normal in Deutschland, wiederholt er. Man dürfe nicht mehr reden wie einem der Schnabel gewachsen sei. Alles ginge den Bach runter. Die Große Koalition ist für ihn ein einziges Desaster. Die Folge: Masseneinwanderung, Messerstechereien, Vergewaltigungen, Wirtschaftskrise, Pleitewelle, Volksverarmung und Klimawahn. Die beiden Moderatorinnen feuern Hahne an. Die drei auf dem Sofa sind sich total einig. Wie schön: Der alte, zornige Mann spricht aus, was viele klammheimlich denken. Schließlich liefert Hahne den entscheidenden Satz: „Die Zeit war noch nie so reif für einen Machtwechsel wie heute.“ Was danach kommt, wird nicht gefragt.

 

Nichts funktioniert mehr. Nichts ist mehr normal. Wenn Peter Hahne loslegt, sagt er, was viele hören wollen.

 

Rettet das Zigeunerschnitzel, beendet den Gender-Unfug, macht Deutschland wieder normal. Das ist Hahnes Kernbotschaft: Make Germany normal again. Vorwärts in die Vergangenheit! Als das Leben noch einfach, normal und übersichtlich war. Als Opa noch etwas zu sagen hatte. Nur, damals gab es keinen Podcast: Scharf rechts. Damals sendeten nur die Öffentlich-Rechtlichen. Selbstverständlich stets mit Peter Hahne auf Sendung. Der Mann, der gerne sagt, was viele hören wollen.

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What a wonderful world

Die Frau ist ein echtes Phänomen. Sie veredelt Cover-Versionen wie geschickte Hände Rohdiamanten in Schmuckstücke. Sie interpretiert berühmte Songs und präsentiert sie besser als die Originale von Sting, Cindy Lauper oder Louis Armstrong. Berühmt wird die schüchterne Sängerin erst nach ihrem frühen Tod. Ihr Name: Eva Cassidy aus Washington D.C. Ihr einmaliges Geschenk: eine klare, unglaublich gefühlvolle, unverwechselbare Stimme. Sichert Euch Taschentücher, wenn sie Over the Rainbow oder Time after Time anstimmt. Evas Lieder sind für die Ewigkeit. Eine Stimme für die vielen Menschen ohne Stimme. Für die Einsamen und Kranken und für alle, die mit ihrem Schicksal hadern. Und für den großen Rest, der einfach gute Musik mag.

 

 

Geboren im Februar 1963 in der US-Hauptstadt Washington, wächst Eva Cassidy als drittes von vier Kindern in einer einfachen, hochmusikalischen Vorortfamilie auf. Vater Hugh ist beim US-Militär, Mutter Barbara eine Deutsche, die er aus Rheinland-Pfalz mitgebracht hat. Mit neun Jahren gibt Vater Hugh Tochter Eva Gitarrenunterricht. Es folgen erste kleine Auftritte: Hausmusik in der Familie mit Gesang und Gitarre, in der Schule oder bei Festen. Eigentlich will Eva Malerin werden, als Brotberuf lernt sie Gärtnerin. Musik ist eine Option, die sie schätzt; ihr größter Traum einmal mit Stevie Wonder auf einer Bühne zu stehen.

Eine Zusage des California Institute of the Arts muss sie absagen. Dazu fehlt das Studiengeld. So singt sie weiter in Garagen oder Übungskellern und verdient ihre Brötchen als Gärtnerin in Beltsville. Unverdrossen tingelt sie mit ihrer Band BTS auf Hochzeiten, Straßenfesten oder in Cafés. Die großen Plattenfirmen zeigen nur die kalte Schulter. Viele Jahre gilt Eva als Geheimtipp, der ab und an von kleinen Radiosendern gespielt wird. Alle Versuche, das blonde Talent im Musikgeschäft zu etablieren, scheitern.  „Kommerziellen Scheiß“ (“commercial crap”) mag sie nicht singen, folglich: keine Chance im harten Musikbusiness.  Als endlich ein Produzent einen Vertrag anbietet, geht dieser gerade sang- und klanglos pleite.

 

 

Eva ist dreißig, als ihr 1993 nach Schmerzen ein Melanom (Hautkrebs) am Rücken entfernt wird. Mit Nachkontrollen nimmt sie es offenbar nicht genau. Im Sommer 1996 arbeitet sie an einer Wandmalerei in einer Grundschule. Plötzlich leidet sie an heftigen Schmerzen an der Hüfte. Eine Untersuchung ergibt einen Beckenbruch, verursacht durch Tumorzellen. Der Krebs hat sich außerdem in der Lunge festgesetzt. Im Herbst 1996 organisieren Freunde ein Benefizkonzert für die schwerkranke Eva. Am Ende des Abends verabschiedet sich Eva Cassidy mit ihrer Version von What a Wonderful World. Die erzielten Spendeneinnahmen stellt sie anderen Patienten zur Verfügung. Am 2. November 1996 erliegt Eva Cassidy ihrem Leiden. Sie ist 33 Jahre alt geworden.

 

 

Was für eine wunderbare, was für eine schreckliche Welt! Im Jahr 2000 gelingt Eva Cassidy in England mit dem Sting-Klassiker Fields of Gold posthum der große Durchbruch Vier Jahre nach ihrem Tod erobert ihre Stimme weltweit die Charts. 2007 erscheint What a wonderful world als Single, einst aufgenommen bei einer Wohltätigkeitsgala des Roten Kreuzes. Eva Cassidy sagte einmal, bescheiden wie sie war: „Ich habe den einfachsten Job der Welt. Alles, das ich tun muss, ist singen und Gitarre zu spielen.“

 

 

Freunde haben mich auf die Sängerin Eva Cassidy aufmerksam gemacht. Eine Entdeckung, die – nicht nur – mein Leben reicher macht.

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Mein optimiertes Leben

Die Sonne klettert nach oben. Eine Amsel zwitschert verschlafen. Höchste Zeit für frühe Vögel aufzustehen. „4 Uhr früh ist das neue 5 Uhr früh“, erklärt Wellness-Club-Guru Robin Sharma. Auf geht´s! Das Leben optimieren. Einatmen, ausatmen. Ein dreifaches Ooohm. Abschalten. Zur Ruhe kommen. Wer konsequent der Lehre der Achtsamkeit folgt, erreicht optimiertes Glück, Selbstzufriedenheit und Weisheit. Folglich wird früher aufgestanden und Hilfsmittel aller Art geschluckt: Vitamin B12, Folsäure, Proteine, Aminosäuren, Kalzium, Magnesium, Zink. Das Frühstück ist keine einfache Brötchen- oder Haferflocken-Mahlzeit mehr, sondern hochdosiertes Tages-Tuning. Schicker ist, statt Apfel- Quittensaft zu trinken. Obst wird zu Shakes- und Smoothie-Brei verrührt. Und unbedingt Sellerie verwenden.

Wie wäre es nach Aerobic und Gymnastik ins Cardio-Training einzusteigen. „Spinning Classes sind en vogue. Bei Morning Wellness Raves, Sober Morning Coffee Raves und Soulcycling wird in diskothekenhafter Atmosphäre zu Pop und Trance rauschhaft in die Pedale getreten.“ Danach ruhe man auf der 2.790 Euro teuren Akupressur-Matte VitaMat mit Anwendungen wie UVB- und Infrarot-Licht. Wer noch Zeit hat, genießt Aromatherapie, Klangschalenmassage, Saunaaufguss und Tee auf japanischer Matchabasis, genau wie Rapperin Shirin David mit ihrer Hymne „Bauch, Beine, Po“. „Auf TikTok rufen die Livestreamer zur Morgenroutine zusammen wie der Muezzin zum Gebet.“

 

 

Alles klar? Achtsamkeit ist die neue Religion im neoliberalen KI-Zeitalter. Eine milliardenschwere Wellness-Wellcare-Branche (globaler Jahresumsatz 2023: 1.8 Billionen $) vermittelt einfache Botschaften: Gegen Stress im Alltag, Arbeitsverdichtung und 24/7-Allzeitverfügbarkeit helfen Achtsamkeit, Klangschale und Infrarot-Strahler. Außerdem steht eine Armee von teuren Business- und Glücks-Coaches bereit. Das schreibt die 35-jährige Diana Kinnert in ihrem neuen Buch:Die Achtsamkeitsfalle“.

Diana Kinnert. Markenzeichen: Frau mit Hut und Migrantenkind. CDU-Karriere seit dem 15. Lebensjahr. Ein Paradiesvogel in der aufgedrehten Influencer Welt. Diana stellt nüchtern fest: „Achtsamkeit ist keine Befreiung. Sie ist Kannibalismus im Dienste des Kapitalismus.“ Die gebürtige Wuppertalerin geht noch einen Schritt weiter: „Mit der Achtsamkeit macht sich der Kapitalismus die Innenwelten des Menschen zu eigen. Der Kapitalismus hat sich eine Kultur gegeben.“

 

Diana Kinnert. Autorin, Beraterin, CDU-Mitglied. Sie fühlt dem Zeitgeist auf den Nerv.

 

Warum? In Zeiten, in denen sich alle gestresst fühlen, sei das eine fatale Entwicklung,  so Kinnert, weil: „Wir hören uns nicht mehr selbst!“ Die Achtsamkeitsbranche verlange Kontrolle und Gehorsam. Alles müsse optimiert werden: Schlaf, Leben, Arbeit, Freizeit. Die Achtsamkeitsfalle bedeute Individualisierung von Verantwortung, Versagen und Schuld. Beispiel: Wirst Du arbeitslos, bist du zu faul, also selbst schuld. Die CDU-Querdenkerin fordert: „Erschöpfung muss Widerstandsgeste sein.“ Und: „Der Zweifel ist die größte Ressource des Menschen. Der Zweifel unterscheidet den Menschen von der Maschine.“

Was tun? Sie habe überhaupt nichts gegen Klangschalen und Yoga, erklärt Diana Kinnert. Pausen, Erholung und Entspannung seien überlebenswichtig. Keine Frage sagt die belesene Kritikerin des Zeitgeists, die als liberales „Feigenblatt der CDU“ kritisiert wird. Vor vier Jahren hagelte es Plagiatsvorwürfe gegen ihre ersten beiden Bestseller: Für die Zukunft seh’ ich schwarz (2017) und Die neue Einsamkeit (2021). Vorwurf: sie habe bis zu zweihundert Stellen abgekupfert. Kinnert entschuldigte sich öffentlich. Dies sei „nicht mutwillig“ geschehen. Und zog sich zurück. Ihr neues Buch „Achtsamkeitsfalle“ erscheint nun im Selbstverlag. Es ist eine überzeugende Bestandsaufnahme unserer überdrehten TikTok-Welt.

 

 

 

Wenn Diana Achtsamkeit sucht, fährt sie früh im alten Sportwagen an stille Seen, sagt sie, angelt und lauscht aufmerksam Vogelstimmen. Selbstverständlich in der unschuldigen Morgendämmerung, bevor der Weltenlärm wieder aufdreht. Natur wahrzunehmen sei schöner und wichtiger, als die Angst, den neuesten Podcast mit Peter Thiel zu verpassen.

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Das Leben ist eine Baustelle

Schloss Bellevue. Der Sitz des Bundespräsidenten ist geschlossen. Für mindestens acht Jahre. Höchstwahrscheinlich deutlich länger. Das Schloss in Berlin ist in die Jahre gekommen, ein Sanierungsfall. Ab und zu fällt Strom aus oder der Fahrstuhl bleibt stehen. „Besonders sparsam und zweckmäßig“ war Bellevue 1785 in zwei Jahren erbaut worden. Das Schloss diente Prinz August Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder Friedrich des Großen als Sommerresidenz. Bellevue – zu deutsch: Schöne Aussicht – gilt als das erste klassizistische Schloss Preußens.

Im II. Weltkrieg brannte Bellevue bereits im April 1941 nach einem britischen Volltreffer aus. Vom Mittelbau blieben nur Außenmauern stehen; der südliche Anbau wurde vollständig zerstört. Bis heute steht der unterirdische Bunker unter Wasser. Das Schloss verharrte bis 1955 als Ruine, in der anfangs Ausgebombte ihre Wäsche aufhängten. Der eigentliche Wiederaufbau wurde 1959 nach vier Jahren abgeschlossen. Die Kosten sind nie dokumentiert worden. Schätzungen gehen von etwa zehn Millionen DM aus. Nach heutiger Kaufkraft wären das rund sechzig Millionen Euro.

 

Schloss Bellevue 1945. Bereits im April 1941 durch einen britischen Bombenangriff zerstört. Wiederaufgebaut ab 1955.

 

Jetzt startet die Generalsanierung des Bundespräsidenten-Schlosses. Fertig werden soll alles 2034, inklusive der Sanierung des rund zwanzig Jahre alten ovalen Neubaus. Das Bundespräsidialamt, Spitzname: Elefantenklo, ist gleichfalls ein Sanierungsfall. Aktuelle Baukosten 601 Millionen Euro plus 188 Mio. Risikoreserve für unvorhersehbare Entwicklungen und 71 Mio. € Vorsorge für Baupreissteigerungen. Das macht nach Adam Riese 860 Millionen Euro. Baufachleute rechnen eher mit Gesamtkosten bis zu einer Milliarde. Die heutige Sanierung kostet bis zum Vierzehnfachen im Vergleich zum bescheidenen Wiederaufbau Ende der 50er- Jahre. Warum?

Die zuständigen Stellen argumentieren mit gestiegenen Baupreisen und höheren Löhnen. Hinzu kommen hohe technische, sicherheitsrelevante und denkmalpflegerische Anforderungen. Das Schloss soll sicher wie eine Festung sein und klimaneutral werden. Damit steht Bellevue prototypisch für Kostenexplosion und deutsches Schneckentempo. Es gibt unzählige Beispiele von der Hamburger Elbphilharmonie (Kostensteigerung: + 1.025 %) über die Kölner Oper (+ 215 %) bis zum Berliner Flughafen BER (+ 225%). Alle Bauten dauerten um Jahre länger. Viele Milliarden Euro wurden infolge von Fehlplanung, Schlamperei und Behördenbingo in den Sand gesetzt. Geld, das heute überall fehlt.

 

Klaus Stuttmann. Tagesspiegel.

 

Zwei weitere aktuelle Fälle zeigen, wie Steuergelder in teuren Prestigeprojekten regelrecht versenkt werden. Das neue Museum des 20. Jahrhunderts neben der Berliner Philharmonie nennt sich offiziell Berlin Modern. Es sollte eigentlich in diesem Sommer eingeweiht werden. Das Vorzeigeprojekt des renommierten Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron steht jedoch derzeit unter Wasser. Fertigstellung voraussichtlich 2030. Die Kosten haben sich von zweihundert Millionen auf vermutlich 526,5 Millionen € mehr als verdoppelt. Berlin Modern gilt inzwischen als teuerster Museumsneubau Deutschlands.

 

Stillstand auf der Baustelle „Berlin Modern“. Wasser ist eingedrungen. Die Kosten für das neue Museum des 20. Jahrhundert laufen aus dem Ruder.

 

Die Dauerbaustelle Stuttgart 21 ist das größte Finanzdesaster der Republik. Vor fast zwanzig Jahren wurden bei Planungsbeginn 4,5 Milliarden Euro Kosten veranschlagt. Tatsächlich sind mittlerweile mindestens 11,5 Milliarden Euro kalkuliert. Tendenz steigend. Derzeit beträgt die Verspätung der Deutschen Bahn in Stuttgart 2.750 Tage, das sind 7 ½ Jahre. Spötter sprechen längst von Stuttgart 31.

Deutschland sei Weltmeister im Geldverschwenden für Gigaprojekte, heißt es. Die Gründe sind offenbar so vielfältig wie die Ausreden der Verantwortlichen. Viele Megavorhaben dauern bis zu zwanzig Jahre. In dieser Zeit ändern sich ständig Gesetze, Technik, Wünsche und Sicherheitsvorschriften. Politiker agieren nach der Devise: Tatkraft zeigen und nach vorne Breschen. Das heißt loslegen, um erst später das eigene Prestigeprojekt ordentlich gegenzufinanzieren. Je länger gebaut wird, desto intensiver wirken steigende Energie- und Materialpreise, Lohnzuwächse, teure Finanzierungskredite und – nicht zu vergessen – schlechtes Projektmanagement. Hinzu kommen Subunternehmen, die reihenweise Konkurs gehen. Als Brandbeschleuniger im Geldversenkungs-Wettbewerb gilt die deutsche Leidenschaft für kleinteilige Bauvorschriften, Planfeststellungen, Umweltprüfungen und Widerspruchsverfahren.

 

Das Leben ist eine Baustelle. Genau wie die SPD und das ganze Land. Es gibt viel zu tun. Karikatur: Klaus Stuttmann.

 

Als Schloss Bellevue vor fast zweihundertfünfzig Jahren in zwei Jahren errichtet wurde, waren die Baufirmen zu Vertragstreue, Kosten- und Termineinhaltung verpflichtet worden. Bei Verstoß mussten nach preußischem Baurecht Vertragsstrafen gezahlt werden. Natürlich war das damalige Schloss weder klimaneutral noch mit Sicherheitspanzergläsern oder smarter Haustechnik ausgestattet. Tja, so ist das heute. Deshalb müssen der oder die neue Bundespräsidentin mit ihren gut zweihundert Beschäftigten noch viele Jahre warten. Niemand weiß, wie lange. Das präsidiale Ausweichquartier befindet sich mittlerweile am Berliner Hauptbahnhof. Ein Trost: Dort kennt man sich mit Verspätungen bestens aus.

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Wo war mein Opa 1945?

Mein Großvater war eine Respektperson. Eleganter schwarzer Anzug, rot-weiße Fliege, Einstecktuch. Ein Musikdirektor vom alten Schlage. Trollinger-Liebhaber, Caféhaus-Stammgast, Konzertkritiker. Er rauchte leidenschaftlich gern, selbst beim Klavierunterricht. Bei ihm lernte ich meine ersten Töne an seinen geliebten 88 Tasten. Da er seine Zigarette stets mit Spitze paffte, fiel die Asche manchmal zwischen die Tasten. Zum Ärger meiner Großmutter Maria, die sie mühsam herauskramen musste. Ich bewunderte meinen Opa, auch wenn ich beim Spielen im dichten Qualm ab und zu husten musste. Max nahm mich sogar in sein Lieblingscafé mit. Ich durfte eine Limo bestellen, während die älteren Herren neueste Skandale debattierten oder der Kellnerin Komplimente hinterherwarfen.

Mein Opa, geboren 1894, war eine Instanz für mich. Ein Mann der Musik, der Bildung und der Kultur. Seine Qualmerei wurde ihm Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Verhängnis. Was solls? Er lebte eben ein echtes Künstlerleben, bis zum Schluss. Musik und Freunde seien die beiden Dinge, die im Leben wirklich zählen, brachte er mir bei. Als zehnjähriger Steppke wollte ich so werden wie er: Pianist, Konzertmeister und tiefes Eintauchen in die wunderbare Welt der Musik.

 

Mein Großvater Max war Musiker, Musenliebhaber und mein Vorbild. Meine ersten Klaviertöne hat er mir beigebracht.

 

Kurz vor seinem Tod klärte mich mein Vater auf, mein geliebter Opa Max sei „in der Partei“ gewesen. Mein Großvater ein Nazi? Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich brauchte zwanzig Jahre Zeit, bis ich Anfang 2025 wagte, einen Antrag beim Bundesarchiv zu stellen. Das Ergebnis kam relativ prompt und war … positiv. Eingetreten ist mein „konservativ gebildeter Musiklehrer“, so steht es auf seiner Visitenkarte, am 1. Mai 1933, drei Monate nach der Machtergreifung Hitlers. War mein Opa ein Opportunist? Ein Überzeugungstäter? Oder einer der Millionen Mitläufer? Ich weiß es nicht. Von 1933 bis 1943 war er Mitglied in Goebbels Reichsmusikkammer, erfahre ich noch. Meine Vorfahren kann ich nicht mehr fragen. Was mache ich damit? Was hilft mir dieses Wissen?

Seit einigen Wochen können sich deutsche Enkel und Urenkel auf Spurensuche nach Oma und Opa im NS-Regime begeben. Per Mausklick, digital, ohne umständliche Anträge beim Bundesarchiv. ZEIT, SPIEGEL und Süddeutsche Zeitung bieten schnelle Online-Recherchen nach den Großeltern im Dritten Reich an. Trumps US-Regierung hatte die 1945 eroberte Nazi-Kartei Anfang 2026 freigegeben. Das Angebot wird millionenfach genutzt. Mehr als achtzig Jahre nach Ende des „Tausendjährigen Reichs“, das eine riesige Trümmerlandschaft hinterließ.

 

Susanne Beyer hat sich intensiv mit ihrem Großvater beschäftigt. Ein Buch, das viele Fragen stellt und eine Reihe Antworten gibt: Was hat Opa im Dritten Reich gemacht?

 

Das perfekte Buch zur Familienrecherche hat die Journalistin Susanne Beyer vor einem Jahr geschrieben. Es heißt poetisch „Kornblumenblau“. Ihr Großvater, dessen Namen sie nicht nennt, war Chemiker. Als Doktorand forschte er an der Blütenfarbe Blau, an dem schönen Kornblumenblau. Tatsächlich arbeitete er später für Buna an der Herstellung von synthetischem Kautschuk, um Gummi für Reifen herzustellen, denn: „Räder rollen für den Endsieg.“ Die IG-Farbentochter Buna errichtete 1942 ein neues Werk in Monowitz, besser bekannt als Auschwitz III. 35.000 KZ-Häftlinge arbeiteten auf der Baustelle, bis zu dreißigtausend seien gestorben, heißt es. Der leitende Chemiker und Großvater von Susanne Beyer wurde im April 1945 im brandenburgischen Kloster Lehnin erschossen.

Akribisch begibt sich die SPIEGEL-Autorin auf Spurensuche. Am Ende wird sie nicht klüger als zuvor sein. Weder lässt sich der geheimnisvolle Tod ihres Großvaters klären, angeblich sei er von seinen Kameraden ausgewählt worden, um als Opfer betrunkenen Rotarmisten zu dienen. Auch kann die „Kriegsenkelin“ nicht herausfinden, welche Rolle ihr Großvater im NS-System tatsächlich spielte. Susanne Beyer verweist auf „Gefühlserbschaften des Holocausts“.  Für sie war ihr Opa ein „Täter“, denn: „Wer Zeuge eines Unrechts wird, ist Teil des Unrechts.“

 

 

„Schädlich Wahrheit ziehe ich dem nützlichen Irrtum vor“, meint Altmeister Goethe. Aber: ist es nicht besser zu schweigen und den „alten Kram“ ruhen zu lassen? Was Susanne Beyers Buch nicht nur für Babyboomer lesenswert macht, sind zwei Dinge. Ihre Reportage ist emotional und – ja – gefühlig. Einen solchen Text können nur Frauen schreiben. Sicher kein Zufall. Männer schweigen lieber. Frauen wollen reden. Zum zweiten finden sich im Anhang viele Adressen, weiterführende Literatur und konkrete Recherchehilfen. Praktisch und hilfreich.

Susanne Beyer will das sympathische Bild ihres Großvaters nicht zerstören. Am Ende ihrer langen, intensiven Recherche bleibt nun eine große Leerstelle. Gewissheit gibt es nicht, Opas NS-Rolle und sein gewaltsames Ende bleiben ungeklärt. Aber sie hat herausgefunden, wie viele kleine Rädchen das große Getriebe einer Diktatur in Schwung halten.

Susanne Beyer. Kornblumenblau. Der geheimnisvolle Tod meines Großvaters und die Frage, was er mit den Nazis zu tun hatte. Eine Spurensuche.

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Thank you, Dublin Teil II

Am Eingang zum Literatur-Institut der Trinity Universität von Dublin stehen große Fragen: „Sind Bibliotheken die letzte Bastion der Demokratie? Hört Lernen jemals auf? Braucht Technologie Kultur? Kann Kunst widerstehen? Dienen Gesetze stets dem Allgemeinwohl? Sprechen Ruinen lauter als Denkmale? Ist Menschlichkeit in der Lage, einen lebenswerten Planeten zu erhalten? Wie sieht Frieden aus?“

Noch eine Frage lautet: „Wer erzählt unsere Geschichten?“ Diesen Punkt können wir alle selbst beantworten. Ganz einfach: Indem wir genau hinschauen, neugierig bleiben und nicht unentwegt auf Handys glotzen. Gleich gegenüber der Uni residiert die Zentrale der Bank of Ireland. Das mächtige Gebäude besitzt die größte Tür Irlands, aber kein einziges Fenster. Warum? Fenster bringen Unglück, sagt der irische Aberglaube. Das Geld fliegt zum Fenster raus. Dank der Tech-Konzerne ist das einst bitterarme Irland neureich. Die neue Zentrale der Bank of Ireland hat nur noch Beton und Glasflächen. Ob sich Fenster öffnen lassen, ist unbekannt. Dublin zählt zu den teuersten Städten Europas.

 

Keine Fenster in der Zentrale der Bank of Ireland. Warum? Sonst fliegt das Geld zum Fenster raus.

 

Das Kilmainham Gaol ist ein furchteinflößendes Gefängnis. Aber noch mehr: Ein Monument und Mahnmal. Gaol steht für die verhasste viktorianische Empire-Herrschaft, 1796 von den Briten als Reformgefängnis errichtet. Pro Zelle sollte nur ein Gefangener untergebracht werden. Tatsächlich waren es bis zu zehn, erzählt Guide Alan. Ein waschechter Ire. Wortgewandt und witzig, ein versierter Geschichtenerzähler. Er weiß alles, über den wichtigsten Ort der irischen Freiheitsgeschichte. In der großen Hungersnot 1840 drängten viele Iren freiwillig in den Knast, da es dort wenigstens einmal so etwas wie eine Mahlzeit gab. 1881 gelang einem Gefangenen mit Hilfe von Bettlaken die einzige erfolgreiche Flucht über die fünf Meter hohe Außenmauer. Die Freude währte kurz. Der Ausbrecher wurde rasch wieder geschnappt.

Am bewegendsten ist die Love Story von Joseph Blunkett. Der Dichter und Journalist war 1916 einer der sieben Unterzeichner der irischen Unabhängigkeitsresolution. Plunkett war mit der Künstlerin Grace Gifford verlobt. Eigentlich wollten sie am Ostersonntag heiraten, doch der Aufstand kam dazwischen. Als Grace erfuhr, dass Joseph zum Tode verurteilt worden war, kaufte sie in Dublin einen Ehering. Joseph Plunkett durfte sieben Stunden vor seinem Tod Grace in der Gefängniskapelle heiraten. Genau zehn Minuten konnten sie danach noch gemeinsam unter britischer Aufsicht in der Zelle verbringen. Am nächsten Morgen, am 4. Mai 1916, wurde der 28-jährige Joseph Plunkett im Innenhof des Kilmainham Gaol exekutiert. Seine letzten Worte waren: „Ich sterbe für den Ruhm Gottes und die Ehre Irlands“. Miss Joseph Blunkett, geborene Grace Gifford, konnte wenigstens noch eine Locke retten.

 

Zehn Minuten Zeit, um die Hochzeit zu feiern. Die Todeszelle von Joseph Blunkett in Dublin.

 

Beim irischen Oster-Aufstand 1916 kamen etwa 250 Zivilisten, darunter vierzig Kinder, ums Leben. Die Soldaten des British Empires schossen sogar mit Artillerie ins Stadtzentrum. Von den siebenhundert Gefangenen, berichtet Guide Alan, wurden neunzig hingerichtet. Sechzehn allein im Innenhof des Gaol-Gefängnis. Wie durch ein Wunder überlebte James Connolly die erste Exekution. Der Schwerverletzte wurde tags darauf auf einem Stuhl sitzend erschossen. „Hier änderte sich die Geschichte Irlands“, erklärt Alan mit Pathos in der Stimme, als wäre der irische Aufstand gerade erst niedergeschlagen worden. Der Hof ist Nationale Gedenkstätte, mit zwei einfachen Kreuzen und der irischen Nationalflagge.

 

Erschießungsstätte von irischen Widerstandskämpfern. Für Guide Alan im Gefängnis Kilmainham Gaol Mahnmal und Ort, der Irlands Geschichte grundlegend verändert hat.

 

Am 6. Dezember 1922 wird Irland vom Königreich unabhängig. 1949 tritt die Republik Irland aus dem Commonwealth aus und ist seitdem vollständig souverän. Die irische Insel jedoch ist bis heute geteilt. Das verhasste Gefängnis wurde 1924 geschlossen und erst 1966 wieder zeitweise als Gedenkstätte eröffnet. Nach jahrzehntelanger Renovierung durch eine private Initiative konnte Kilmainham Gaol 1996 als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein Besuch lohnt sich.

 

 

Zurück in Dublins City erklingen an allen Ecken und Enden Balladen und Lieder. Wer eine staatliche Lizenz ergattert hat, darf öffentlich auftreten. Dazu muss allerdings vorher eine Prüfung bestanden werden. Vor dem alten Jugendstil-Kaufhaus in der Grafton Street spielt ein Musiker unermüdlich live auf seiner Gitarre Songs von Pink Floyd bis Metallica. Einer der vielen Kleingeld-Prinzen und -Prinzessinnen von Dublin im Sommer 2026. Das ist typisch irisch: Sangesfreudig und gewitzt, unabhängig und frei, umsonst und schräg. Alles zusammen: höchst liebenswert. Denn: Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Leute haben keine Lieder.

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Thank you

Der grüne 16er Doppeldeckerbus quält sich vom Flughafen ins Zentrum von Dublin. Am Trinity College, eine der ältesten Universitäten der Welt, steige ich aus. Achtung! Linksverkehr. Die Uni ragt wie eine Festung mitten in die City. Viktorianischer Pomp mit Harry-Potter-Charme, ein riesiger Campus mit altehrwürdigen Gebäuden. Hier eine Gedenktafel für Samuel Beckett („Warten auf Godot“), der vor hundert Jahren am College studierte. Dort Institute, Bibliothek, Rugby-Feld und Tennisplätze. Versteckt ein Wohnheim mit Jugendherberge-Charme, die Nacht für zweihundert Euro, Frühstück in der Mensa inklusive. Dublin ist eine der teuersten Städte der Welt, erzählen die Einheimischen. Das wird wohl stimmen. Das einstige Armenhaus hat sich in eine Boomtown verwandelt. Dank der europäischen Zentralen von Tech-Giganten wie Google, PayPal & Co.

Dublin. Das ist Guiness, Irish Folk und sangesfrohe Menschen in jedem Pub und an jeder Straßenecke. Die Iren sind wahre Geschichtenerzähler. Ihre Anekdoten und Storys sind witzig und stets ein wenig skurril. Wer an der Trinity College während der Prüfungszeit unter dem Glockenturm hindurchgeht, fällt durch, wird behauptet. Die beiden Säulengebäude heißen Himmel und Hölle. Im Himmel wird geheiratet und gefeiert, in der Hölle gegenüber werden Examen geschrieben. Die Durchfallquote sei gigantisch, weiß unsere junge Guide, eine Absolventin. Nur sechs Prozent würden ihr Examen im ersten Durchgang schaffen.

 

Trinity College. In der Mitte der Glockenturm. Während der Prüfungen nie untendurch gehen. Weiter hinten „Himmel“ (rechts mit Säulen) und gegenüber „Hölle“.

 

Die Trinity-Uni aus dem 16. Jahrhundert ist die älteste Universität Irlands, betont die junge Frau weiter. Gegründet von Königin Elizabeth I als Kaderschmiede exklusiv für Protestanten. Erst 1873 wurden Katholiken zugelassen. Es dauerte ein weiteres Jahrhundert, bis 1970 junge Menschen aus aller Welt unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft studieren konnten. Heute kommt der Nachwuchs aus mehr als hundert Nationen. Auf dem Eingangstor weht die Regenbogenfahne. Im Museum von Trinity kann das Book of Kells für stolze 39 Euro bestaunt werden. Das Neue Testament, mehr als 1.200 Jahre alt. Die prächtig verzierte Bibel erstand das Trinity College 1661. Im selben Gebäude der altehrwürdige Lesesaal mit Büsten von Aristoteles bis Shakespeare. Mittlerweile sind im reinen Männerclub auch vier Frauenbüsten aufgestellt worden. Im Saal heißt es euphorisch: „Eine Bibliothek ist wie ein Paradies“.

 

Der altehrwürdige Lesesaal des Trinity College. Motto: Bibliotheken sind ein Paradies. Unter den Würdenträgern sind mittlerweile auch vier Frauen vertreten, u.a. Rosalind Franklin.

 

Hinaus ins Leben. Überall musizieren Straßenmusikanten. Songs auf der Klampfe, von den Beatles bis Billy Eilish. Es sind meist Profis. Sie müssen vor einer Jury vorspielen, versichert ein anderer Guide, um die begehrte Straßen-Lizenz zu erwerben. Die Iren trinken und singen gerne … und das sehr lange. Rasch fällt an der St. Andrews-Kirche eine Statue auf. Sie zeigt Molly Malone. Eine Marktfrau. Eine arme, aber freizügige Fischhändlerin, die früh stirbt, so die Legende. Und eine irische Institution. Gegenstand einer Volksballade, die inoffizielle Hymne Dublins. Es gibt sogar einen „Molly Malone Day“. Wer ihren Busen berührt, so der Volksmund weiter, erfährt ein wenig Glück. Der Fischhändlerin ist am Dekolleté anzusehen, wie viele Menschen nach dem Glück grabschen. „Diese Skulptur muss weg“, schimpft eine junge Frau. „Geht gar nicht. Sowas von vorgestern!“

 

An der legendären Marktfrau Molly Malone kommt kaum jemand vorbei. Viele legen an der Dame Hand an, weil das Glück bringen soll.

 

Irland war eines der letzten europäischen Länder, dass Scheidungen erlaubte. Lange Zeit schwang die erzkatholische Kirche unangefochten das moralische Zepter. Längst füllen Missbrauchsgeschichten ihres irdischen Personals ganze Buchregale. So überrascht es nicht, dass eines der angesagtesten Lokale ausgerechnet in der ehemaligen St. Mary-Kirche residiert. Seit zwanzig Jahren heißt es in der „Church Café Bar“: Guiness, Cheeseburger und Irisch Folk statt Amen, Predigt und Weihrauch. Die Bibel trägt hier Henkel, meint ein Scherzbold am Tresen.

 

 

Dublin präsentiert sich weltoffen, gastfreundlich, abwechslungsreich und leider auch sehr teuer. Die Globalisierung hat in der irischen Hauptstadt den Alltag kräftig umgekrempelt. Ein paar Dinge bleiben: Der unbedingte Freiheitswillen der Iren. Alles, bloß kein British Empire. Das Land ist nach wie vor geteilt. Tatsächlich existieren weitere liebgewonnene Traditionen. Wer in Dublin einen der vielen vollen Busse verlässt, ruft beim Ausstieg dem Fahrer ein lautes „Thank you“ zu. Für Berliner Ohren eine echte Überraschung. Geht doch, freundlich zu sein: in einer wuseligen und lebendigen Stadt. Got Irish!

Fortsetzung folgt.

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So viel Zukunft war nie

Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch.

Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir die breite Auffahrtsrampe zum Parkdeck. „Hoyerswerda kommt. Mit den Milliarden von der Kohle-Transformation investieren wir in Karbonfaser, Wasserstoff und Windräder. Die Lausitz wird zum Zentrum der Elektromobilität und Batterieproduktion.“

 

Hoyerswerda tanzt. Ein faszinierendes Projekt. Das pralle Leben in einem leerstehenden Kaufhaus. Selbst entwickelt, selbst gespielt und zurecht seit 2010 gefeiert.

 

Wir sind ganz oben. Über den Dächern der einstigen sozialistischen Vorzeige-Planstadt, im einstigen Braunkohlerevier und Energiezentrum der DDR, im heutigen Sachsen. Nach der Wende Krawall-, Frust- und Ausländer-Raus-Hochburg. Wir finden gemeinsam den Eingang. Hier sind wir richtig. Hier ist was los. Menschen plaudern vor dem Einlass. Sie hoffen auf eine wunderbare Sommernacht. Über Hoyerswerda zeigt sich der Junimond. Endlich ist was los: Tanztheater. Alle sieben Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zum wiederholten Mal seit 2010 heißt es. „Eine Stadt tanzt. Die Entscheidung.“ Tanz den Frust. Tanz ihn einfach weg. Gemeinsam. Über hundert Mitwirkende. Die meisten sind Laien. Menschen von nebenan. Pflegerin oder Arzt, dazu ein paar Profis. Bereit für achtzig Minuten Lebensgefühl. Für flotte Songs, Rhythmus, Bewegung und Begeisterung.

 

 

Im Saal ist es heiß und stickig. Egal. Die Show beginnt. Die erste von dreizehn Tanz-Szenen beginnt furios. Eine neue Stadtplanerin soll die von siebzigtausend auf 32.000 Einwohner geschrumpfte Stadt retten. Die Bässe wummern. Die Songs gehen unter die Haut. Die Choreographie sitzt.  In den Augen der Beteiligten ist Glanz zu sehen. Schaut her, was wir können. Wir haben uns nicht aufgegeben. Für das Ensemble ist Hoyerswerda kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Zu bleiben. Die Welt zuhause besser zu machen. Lebens- und liebenswert. Im Stück ringen Traditionalisten mit Erneuerern. Klar ist: Die Abrissbirne ist keine Lösung. Auch nicht die Parolen der AfD. Oder die Ignoranz der Westler. Das Tanztheater steigert sich, fragt in den Songs: Was wäre, wenn?

Was wäre eine Stadt, die Spaß macht. In der nicht der Geldbeutel entscheidet. Eine Stadt von morgen, in der es gereicht zu geht. In die Menschen strömen und nicht wegziehen. Der Vater des Tanzprojekts ist Dirk Lienig. Ein ausgebildeter Tänzer, der die Welt bereist hat. In Hoyerswerda geboren will er seine Vaterstadt nicht weiter untergehen sehen. Der Erfinder und Regisseur der tanzenden Stadt sagt: „Beim Tanzen vergesse ich alles. Kummer, Sorgen, Stromrechnungen, Stress. Ich bin völlig bei mir. Schwebe schwerelos. Bin in einer anderen Welt.“

 

Eine Stadt tanzt. Über 100 Mitwirkende. Neunzig Tänzerinnen und Tänzern. Allesamt Laien. Sie tanzen sich frei.

 

Finale. Das Publikum rast vor Freude. Vergessen sind Alltag und Sorgen. Vergessen die Kritiker, die lästern, mit Tanz-Gedöns werde die Welt nicht besser werden. Hoyerswerda schwebt in diesen Minuten. Komm, das wissen wir: Seit der Einheit sind sechzig Prozent der Einwohnerschaft weggezogen. Hoyerswerda schrumpft gnadenlos weiter. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. In den nächsten Jahren treten die Babyboomer ab. Wer besetzt dann die viertausend Jobs in Verwaltung, Versorgung und Gesundheit?

 

Hoyerswerda leuchtet. Die 32.000 Einwohner-Energiestadt in der Lausitz will eine Zukunft haben.

 

Nicht jetzt. Hoyerswerda will sich amüsieren, tanzen und sich freuen. Die Menge tritt auf das Parkdeck hinaus. Genießt den Juni-Abend. Tanztheater-Chef Lienig: „Hoyerswerda wird geliebt, gehasst, be­lächelt, besungen, bewundert, links liegengelassen oder rechts eingeordnet.“ Für den 56-jährigen ist Hoyerswerda „eine der faszinierendsten Städte Deutschlands“. Er strahlt an diesem freundlich-lauen Abend. Geschafft! Klar, kommt der nächste Montag. Aber ist die Zukunft nicht „ne abgeschossene Kugel“? Wie es der Held von Hoyerswerda, der singende Baggerfahrer Gerhard „Gundi“ Gundermann besungen hat.

Die tanzende Stadt trägt die Kugel weiter. Mal sehen, wo sie hinfliegt. Zukunft in der Lausitz? Hier gibt es 99 Tipps.

 

 

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Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.

 

Die Berliner Gedächtniskirche musste sich immer wieder neu erfinden. Architekt Egon Eiermann bei der Einweihung 1961: „Ich wünsche mir und uns allen, dass nie wieder Schatten des Schreckens durch den Traum des Lichts dieser Gläser fallen mögen.“

 

Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete und Terroranschläge, Konzerte und Trauerfeiern unter anderem für Hildegard Knef oder Harald Juhnke.

Die Gedächtniskirche birgt ein Geheimnis. Ihr inneres Leuchten. Der Grundton Blau ist ein großes Versprechen. Wie das Meer oder der Himmel. Wie der Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit. An der Stirnseite der goldene, schwebende Auferstehungschristus, 1962 geschaffen von Karl Hemmerter. Der Kirchenraum schafft eine Atmosphäre von Klarheit, Stille und Spiritualität. Er weckt Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn. Besucher schwärmen von dem leuchtenden Ultramarinblau. Dieses magische Licht haben wir dem deutschen Architekten Egon Eiermann und dem französischen Glasbaukünstler Gabriel Loire zu verdanken. Ihre gemeinsame, streit- wie fruchtbare Arbeit vor über sechzig Jahren erreichte etwas völlig Neues. Damals hoch umstritten, mittlerweile längst ein Meilenstein der Moderne.

 

Der Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle. Er zeigt uns zwischen den Doppelwänden der Kirche das große Geheimnis der Gedächtniskirche.

 

Architekt und Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle führt uns eine Treppe hinter der Orgel hinauf zum begehbaren Ort des Geheimnis. Um Verkehrslärm und Leuchtreklame abzuschirmen, wurde der Kirchenneubau mit zwei Wänden in Stahlskelettbauweise mit Tausenden Glasfenstern in Betonwaben ausstaffiert. Der doppelwandige, achteckige Bau kann umrundet werden. Die Wände sind in kleine Raster aufgeteilt, mit insgesamt 21.334 Beton-Dickglas-Elementen in Betonwaben aus Stahl und Beton. Jedes einzelne farbige Glasteil ist ein Unikat. Handgefertigt, aus Altglas recycelt. Errichtet in anderthalb Jahren.

 

Alles eine Frage des Lichts. Die Betonwaben mit insgesamt knapp 22.000 Glasfenstern in den Doppelwänden der Gedächtniskirche.

 

Der Franzose Gabriel Loire war ein Meister der Dickglastechnik. Sein Vorbild: die Kathedrale von Chartres. In Loires Fenster-Waben entstehen keine konkreten Bilder, sondern unzählige farbige Strahlungen. Wie geschliffene Juwelen. Diese Fenster sorgen für das innere Leuchten. Die gläserne Lichtstrahlbrechung je nach Sonnenstand ergibt am Ende das blaue, warme Licht im Kirchenschiff. Menschliche Kreativität auf höchstem Niveau. Ohne App und KI.

 

Das Blaue Licht. Eine deutsch-französische Meisterleistung von Architekt Egon Eiermann und Glasbaukünstler Gabriel Loire. Damals als „Eierkiste“, „Papp- und Hutschachtel“, „Bibelschuppen“, „Puderdose mit Lippenstift“ und „Halleluja-Gasometer“ geschmäht. Längst eine Ikone der Moderne.

 

Dieses Leuchten hat im Laufe der Jahrzehnte durch Abgase und Abnutzung stark gelitten. Das Problem: Der Stahl der Bewehrung, der die Gläser zusammenhält, ist nicht rostfrei. Nun muss jedes einzelne der knapp 22.000 Gläser entfernt, gereinigt und in einer neuen rostfreien Stahlkonstruktion neu eingefasst werden. Das wird länger dauern als achtzehn Monate wie damals in der Bauzeit, dazu braucht es keine Propheten. Mindestens fünf Jahre Bauzeit sind aktuell veranschlagt. 35 Millionen Euro soll die Komplett-Sanierung kosten. Spenden sind erwünscht, damit die neue, alte Gedächtniskirche wieder leuchten kann. Im nächsten Jahr soll die Gedächtniskirche wieder Großbaustelle werden.

 

Der schwebende Jesus von Karl Hammeter aus Bayern in der „neuen“ Gedächtniskirche. Ernst Barlach lässt grüßen.

 

Ach, du schnöde Welt: das innere Leuchten ist wichtiger denn je. An diesem symbolträchtigen Ort, auferstanden aus Ruinen. Die Gedächtniskirche bleibt ein Mahnmal für Neuanfang und Niedergang, für Verständigung und Frieden. Wenn das blaue Licht wieder leuchtet, vielleicht sogar noch heller und besser als früher, dann wäre nicht nur Hegel begeistert. Er würde von der „List der Vernunft“ sprechen. Das ist doch ein schönes Ziel.

 

Das innere Leuchten. Es hilft gegen Verzagtheit, schlechte Laune und das Gerede vom Weltuntergang.