Tanz der Spione
Eine neue Doku über die Stasi? – Oh, my God. Was soll das? Der Verein ist doch so was von tot. Alles gesagt, alles erzählt, aus und vorbei. In Zeiten von Fake News, KI und der Herrschaft neuer Autokraten ist diese DDR-Schattenarmee nur noch Schnee von gestern. – Nein, sagt das US-Filmemacherduo Jamie und Gabriel Silverman, privat und beruflich ein Paar. Jamie arbeitete unter anderem für USA Today und kommt aus Minneapolis. Ihr Bruder demonstriert gegen die ICE-Einsätze, ihre Eltern sind Trump-Fans. Eine zerrissene Familie. Genau darum geht es in ihrem Film „Spione unter uns“. Im Mittelpunkt steht eine deutsche Familientragödie. Ein junger Mann gerät in den Strudel von Stasi und deren Zersetzungswahn. Die Logik ist einfach: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.
Die Doku aus den USA erzählt behutsam die Geschichte des Turniertänzers Peter Keup. In den siebziger Jahren tanzte er sich mit seiner Schwester bis ins DDR-Nationalteam. Im Alter von 23 Jahren will er die enge DDR verlassen. Seine Flucht nach Österreich 1981 scheitert bereits im Zug in die damalige CSSR. Wegen Republikflucht sitzt Keup fast ein Jahr lang im Knast in Cottbus – bis zu seinem Freikauf. Im Westen gelingt der Neuanfang. 25 Jahre lang leitet Keup eine Tanzschule in Nordrhein-Westfalen. Bis er erfährt, dass sein älterer Bruder ihn an die Stasi verraten hatte.
Peter Keup studiert Politik und Geschichte. Er wird vom Tänzer zum Aufklärer seiner eigenen Geschichte. Als Historiker forscht er in der Familie, studiert Stasi-Akten und trifft ehemalige Verantwortliche. Hier setzt der Film Spione unter uns an. Dem Autorenduo Silverman gelingt, woran westdeutsche Filmleute meistens scheitern. Mielkes Männer sagen: „Mit denen reden wir nicht. Die verfilmen nur ihre Vorurteile“. So begegnen Stasi-Pensionäre einem ehemaligen Opfer vor der Kamera einer amerikanischen Filmcrew. Hier entwickelt die Doku ihre Kraft. Die Mächtigen von einst schwanken zwischen Ausreden, Beschwichtigungen und überraschenden Einsichten.
MfS-Generalmajor Heinz Engelhardt, der letzte lebende Stasi-General schlägt sich nach der Wende als Reiseleiter durch. Der Mann steht zu seinen Taten. „Ich bereue nichts.“ Er habe sein Land schützen wollen. Niemand sei zu Tode gekommen. Er bedauert durchaus, nicht über moderne Überwachungstechniken wie KI, Internet oder Palantir verfügt zu haben. Anders Jochen Girke. Offizier im Ministerium für Staatssicherheit und Dozent für „operative Psychologie“. Spezialist für Geiselnahme. Er sagt heute: Man könne die Menschen nicht zum Glück zwingen. Freiheit lasse sich am Ende nicht unterdrücken. „Moralisch fühle ich mich heute als Täter, ich würde es nicht mehr tun.“
Auch Stasi-Opfer Peter Keup verändert seine Sichtweisen. Sein Bruder, der bereits kurz nach der Einheit starb, sei zur Spitzelei gepresst worden, sagt er. Schwarz-Weiß reiche nicht. Was bleibt? Keup: „Ein verrücktes System produziert verrückte Menschen.“
Sechs Jahre lang hat das Regiepaar Silverman am deutsch-deutschen Stasi-Drama gearbeitet. Der Kinofilm feierte Ende Januar im Berliner Zoo-Palast Premiere. Doch weder die Berlinale zeigt die aufrüttelnde Geschichte über Macht und Moral toxischer Geheimdienste, noch gibt es einen Kino- oder TV-Termin. Das muss sich ändern. Spione unter uns ist von beeindruckender Aktualität. Was mache ich, wenn mir der Staat die Luft zum Atmen nimmt?



















