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What a wonderful world

Die Frau ist ein echtes Phänomen. Sie veredelt Cover-Versionen wie geschickte Hände Rohdiamanten in Schmuckstücke. Sie interpretiert berühmte Songs und präsentiert sie besser als die Originale von Sting, Cindy Lauper oder Louis Armstrong. Berühmt wird die schüchterne Sängerin erst nach ihrem frühen Tod. Ihr Name: Eva Cassidy aus Washington D.C. Ihr einmaliges Geschenk: eine klare, unglaublich gefühlvolle, unverwechselbare Stimme. Sichert Euch Taschentücher, wenn sie Over the Rainbow oder Time after Time anstimmt. Evas Lieder sind für die Ewigkeit. Eine Stimme für die vielen Menschen ohne Stimme. Für die Einsamen und Kranken und für alle, die mit ihrem Schicksal hadern. Und für den großen Rest, der einfach gute Musik mag.

 

 

Geboren im Februar 1963 in der US-Hauptstadt Washington, wächst Eva Cassidy als drittes von vier Kindern in einer einfachen, hochmusikalischen Vorortfamilie auf. Vater Hugh ist beim US-Militär, Mutter Barbara eine Deutsche, die er aus Rheinland-Pfalz mitgebracht hat. Mit neun Jahren gibt Vater Hugh Tochter Eva Gitarrenunterricht. Es folgen erste kleine Auftritte: Hausmusik in der Familie mit Gesang und Gitarre, in der Schule oder bei Festen. Eigentlich will Eva Malerin werden, als Brotberuf lernt sie Gärtnerin. Musik ist eine Option, die sie schätzt; ihr größter Traum einmal mit Stevie Wonder auf einer Bühne zu stehen.

Eine Zusage des California Institute of the Arts muss sie absagen. Dazu fehlt das Studiengeld. So singt sie weiter in Garagen oder Übungskellern und verdient ihre Brötchen als Gärtnerin in Beltsville. Unverdrossen tingelt sie mit ihrer Band BTS auf Hochzeiten, Straßenfesten oder in Cafés. Die großen Plattenfirmen zeigen nur die kalte Schulter. Viele Jahre gilt Eva als Geheimtipp, der ab und an von kleinen Radiosendern gespielt wird. Alle Versuche, das blonde Talent im Musikgeschäft zu etablieren, scheitern.  „Kommerziellen Scheiß“ (“commercial crap”) mag sie nicht singen, folglich: keine Chance im harten Musikbusiness.  Als endlich ein Produzent einen Vertrag anbietet, geht dieser gerade sang- und klanglos pleite.

 

 

Eva ist dreißig, als ihr 1993 nach Schmerzen ein Melanom (Hautkrebs) am Rücken entfernt wird. Mit Nachkontrollen nimmt sie es offenbar nicht genau. Im Sommer 1996 arbeitet sie an einer Wandmalerei in einer Grundschule. Plötzlich leidet sie an heftigen Schmerzen an der Hüfte. Eine Untersuchung ergibt einen Beckenbruch, verursacht durch Tumorzellen. Der Krebs hat sich außerdem in der Lunge festgesetzt. Im Herbst 1996 organisieren Freunde ein Benefizkonzert für die schwerkranke Eva. Am Ende des Abends verabschiedet sich Eva Cassidy mit ihrer Version von What a Wonderful World. Die erzielten Spendeneinnahmen stellt sie anderen Patienten zur Verfügung. Am 2. November 1996 erliegt Eva Cassidy ihrem Leiden. Sie ist 33 Jahre alt geworden.

 

 

Was für eine wunderbare, was für eine schreckliche Welt! Im Jahr 2000 gelingt Eva Cassidy in England mit dem Sting-Klassiker Fields of Gold posthum der große Durchbruch Vier Jahre nach ihrem Tod erobert ihre Stimme weltweit die Charts. 2007 erscheint What a wonderful world als Single, einst aufgenommen bei einer Wohltätigkeitsgala des Roten Kreuzes. Eva Cassidy sagte einmal, bescheiden wie sie war: „Ich habe den einfachsten Job der Welt. Alles, das ich tun muss, ist singen und Gitarre zu spielen.“

 

 

Freunde haben mich auf die Sängerin Eva Cassidy aufmerksam gemacht. Eine Entdeckung, die – nicht nur – mein Leben reicher macht.

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Mein optimiertes Leben

Die Sonne klettert nach oben. Eine Amsel zwitschert verschlafen. Höchste Zeit für frühe Vögel aufzustehen. „4 Uhr früh ist das neue 5 Uhr früh“, erklärt Wellness-Club-Guru Robin Sharma. Auf geht´s! Das Leben optimieren. Einatmen, ausatmen. Ein dreifaches Ooohm. Abschalten. Zur Ruhe kommen. Wer konsequent der Lehre der Achtsamkeit folgt, erreicht optimiertes Glück, Selbstzufriedenheit und Weisheit. Folglich wird früher aufgestanden und Hilfsmittel aller Art geschluckt: Vitamin B12, Folsäure, Proteine, Aminosäuren, Kalzium, Magnesium, Zink. Das Frühstück ist keine einfache Brötchen- oder Haferflocken-Mahlzeit mehr, sondern hochdosiertes Tages-Tuning. Schicker ist, statt Apfel- Quittensaft zu trinken. Obst wird zu Shakes- und Smoothie-Brei verrührt. Und unbedingt Sellerie verwenden.

Wie wäre es nach Aerobic und Gymnastik ins Cardio-Training einzusteigen. „Spinning Classes sind en vogue. Bei Morning Wellness Raves, Sober Morning Coffee Raves und Soulcycling wird in diskothekenhafter Atmosphäre zu Pop und Trance rauschhaft in die Pedale getreten.“ Danach ruhe man auf der 2.790 Euro teuren Akupressur-Matte VitaMat mit Anwendungen wie UVB- und Infrarot-Licht. Wer noch Zeit hat, genießt Aromatherapie, Klangschalenmassage, Saunaaufguss und Tee auf japanischer Matchabasis, genau wie Rapperin Shirin David mit ihrer Hymne „Bauch, Beine, Po“. „Auf TikTok rufen die Livestreamer zur Morgenroutine zusammen wie der Muezzin zum Gebet.“

 

 

Alles klar? Achtsamkeit ist die neue Religion im neoliberalen KI-Zeitalter. Eine milliardenschwere Wellness-Wellcare-Branche (globaler Jahresumsatz 2023: 1.8 Billionen $) vermittelt einfache Botschaften: Gegen Stress im Alltag, Arbeitsverdichtung und 24/7-Allzeitverfügbarkeit helfen Achtsamkeit, Klangschale und Infrarot-Strahler. Außerdem steht eine Armee von teuren Business- und Glücks-Coaches bereit. Das schreibt die 35-jährige Diana Kinnert in ihrem neuen Buch:Die Achtsamkeitsfalle“.

Diana Kinnert. Markenzeichen: Frau mit Hut und Migrantenkind. CDU-Karriere seit dem 15. Lebensjahr. Ein Paradiesvogel in der aufgedrehten Influencer Welt. Diana stellt nüchtern fest: „Achtsamkeit ist keine Befreiung. Sie ist Kannibalismus im Dienste des Kapitalismus.“ Die gebürtige Wuppertalerin geht noch einen Schritt weiter: „Mit der Achtsamkeit macht sich der Kapitalismus die Innenwelten des Menschen zu eigen. Der Kapitalismus hat sich eine Kultur gegeben.“

 

Diana Kinnert. Autorin, Beraterin, CDU-Mitglied. Sie fühlt dem Zeitgeist auf den Nerv.

 

Warum? In Zeiten, in denen sich alle gestresst fühlen, sei das eine fatale Entwicklung,  so Kinnert, weil: „Wir hören uns nicht mehr selbst!“ Die Achtsamkeitsbranche verlange Kontrolle und Gehorsam. Alles müsse optimiert werden: Schlaf, Leben, Arbeit, Freizeit. Die Achtsamkeitsfalle bedeute Individualisierung von Verantwortung, Versagen und Schuld. Beispiel: Wirst Du arbeitslos, bist du zu faul, also selbst schuld. Die CDU-Querdenkerin fordert: „Erschöpfung muss Widerstandsgeste sein.“ Und: „Der Zweifel ist die größte Ressource des Menschen. Der Zweifel unterscheidet den Menschen von der Maschine.“

Was tun? Sie habe überhaupt nichts gegen Klangschalen und Yoga, erklärt Diana Kinnert. Pausen, Erholung und Entspannung seien überlebenswichtig. Keine Frage sagt die belesene Kritikerin des Zeitgeists, die als liberales „Feigenblatt der CDU“ kritisiert wird. Vor vier Jahren hagelte es Plagiatsvorwürfe gegen ihre ersten beiden Bestseller: Für die Zukunft seh’ ich schwarz (2017) und Die neue Einsamkeit (2021). Vorwurf: sie habe bis zu zweihundert Stellen abgekupfert. Kinnert entschuldigte sich öffentlich. Dies sei „nicht mutwillig“ geschehen. Und zog sich zurück. Ihr neues Buch „Achtsamkeitsfalle“ erscheint nun im Selbstverlag. Es ist eine überzeugende Bestandsaufnahme unserer überdrehten TikTok-Welt.

 

 

 

Wenn Diana Achtsamkeit sucht, fährt sie früh im alten Sportwagen an stille Seen, sagt sie, angelt und lauscht aufmerksam Vogelstimmen. Selbstverständlich in der unschuldigen Morgendämmerung, bevor der Weltenlärm wieder aufdreht. Natur wahrzunehmen sei schöner und wichtiger, als die Angst, den neuesten Podcast mit Peter Thiel zu verpassen.

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Das Leben ist eine Baustelle

Schloss Bellevue. Der Sitz des Bundespräsidenten ist geschlossen. Für mindestens acht Jahre. Höchstwahrscheinlich deutlich länger. Das Schloss in Berlin ist in die Jahre gekommen, ein Sanierungsfall. Ab und zu fällt Strom aus oder der Fahrstuhl bleibt stehen. „Besonders sparsam und zweckmäßig“ war Bellevue 1785 in zwei Jahren erbaut worden. Das Schloss diente Prinz August Ferdinand von Preußen, dem jüngsten Bruder Friedrich des Großen als Sommerresidenz. Bellevue – zu deutsch: Schöne Aussicht – gilt als das erste klassizistische Schloss Preußens.

Im II. Weltkrieg brannte Bellevue bereits im April 1941 nach einem britischen Volltreffer aus. Vom Mittelbau blieben nur Außenmauern stehen; der südliche Anbau wurde vollständig zerstört. Bis heute steht der unterirdische Bunker unter Wasser. Das Schloss verharrte bis 1955 als Ruine, in der anfangs Ausgebombte ihre Wäsche aufhängten. Der eigentliche Wiederaufbau wurde 1959 nach vier Jahren abgeschlossen. Die Kosten sind nie dokumentiert worden. Schätzungen gehen von etwa zehn Millionen DM aus. Nach heutiger Kaufkraft wären das rund sechzig Millionen Euro.

 

Schloss Bellevue 1945. Bereits im April 1941 durch einen britischen Bombenangriff zerstört. Wiederaufgebaut ab 1955.

 

Jetzt startet die Generalsanierung des Bundespräsidenten-Schlosses. Fertig werden soll alles 2034, inklusive der Sanierung des rund zwanzig Jahre alten ovalen Neubaus. Das Bundespräsidialamt, Spitzname: Elefantenklo, ist gleichfalls ein Sanierungsfall. Aktuelle Baukosten 601 Millionen Euro plus 188 Mio. Risikoreserve für unvorhersehbare Entwicklungen und 71 Mio. € Vorsorge für Baupreissteigerungen. Das macht nach Adam Riese 860 Millionen Euro. Baufachleute rechnen eher mit Gesamtkosten bis zu einer Milliarde. Die heutige Sanierung kostet bis zum Vierzehnfachen im Vergleich zum bescheidenen Wiederaufbau Ende der 50er- Jahre. Warum?

Die zuständigen Stellen argumentieren mit gestiegenen Baupreisen und höheren Löhnen. Hinzu kommen hohe technische, sicherheitsrelevante und denkmalpflegerische Anforderungen. Das Schloss soll sicher wie eine Festung sein und klimaneutral werden. Damit steht Bellevue prototypisch für Kostenexplosion und deutsches Schneckentempo. Es gibt unzählige Beispiele von der Hamburger Elbphilharmonie (Kostensteigerung: + 1.025 %) über die Kölner Oper (+ 215 %) bis zum Berliner Flughafen BER (+ 225%). Alle Bauten dauerten um Jahre länger. Viele Milliarden Euro wurden infolge von Fehlplanung, Schlamperei und Behördenbingo in den Sand gesetzt. Geld, das heute überall fehlt.

 

Klaus Stuttmann. Tagesspiegel.

 

Zwei weitere aktuelle Fälle zeigen, wie Steuergelder in teuren Prestigeprojekten regelrecht versenkt werden. Das neue Museum des 20. Jahrhunderts neben der Berliner Philharmonie nennt sich offiziell Berlin Modern. Es sollte eigentlich in diesem Sommer eingeweiht werden. Das Vorzeigeprojekt des renommierten Schweizer Architektenbüros Herzog & de Meuron steht jedoch derzeit unter Wasser. Fertigstellung voraussichtlich 2030. Die Kosten haben sich von zweihundert Millionen auf vermutlich 526,5 Millionen € mehr als verdoppelt. Berlin Modern gilt inzwischen als teuerster Museumsneubau Deutschlands.

 

Stillstand auf der Baustelle „Berlin Modern“. Wasser ist eingedrungen. Die Kosten für das neue Museum des 20. Jahrhundert laufen aus dem Ruder.

 

Die Dauerbaustelle Stuttgart 21 ist das größte Finanzdesaster der Republik. Vor fast zwanzig Jahren wurden bei Planungsbeginn 4,5 Milliarden Euro Kosten veranschlagt. Tatsächlich sind mittlerweile mindestens 11,5 Milliarden Euro kalkuliert. Tendenz steigend. Derzeit beträgt die Verspätung der Deutschen Bahn in Stuttgart 2.750 Tage, das sind 7 ½ Jahre. Spötter sprechen längst von Stuttgart 31.

Deutschland sei Weltmeister im Geldverschwenden für Gigaprojekte, heißt es. Die Gründe sind offenbar so vielfältig wie die Ausreden der Verantwortlichen. Viele Megavorhaben dauern bis zu zwanzig Jahre. In dieser Zeit ändern sich ständig Gesetze, Technik, Wünsche und Sicherheitsvorschriften. Politiker agieren nach der Devise: Tatkraft zeigen und nach vorne Breschen. Das heißt loslegen, um erst später das eigene Prestigeprojekt ordentlich gegenzufinanzieren. Je länger gebaut wird, desto intensiver wirken steigende Energie- und Materialpreise, Lohnzuwächse, teure Finanzierungskredite und – nicht zu vergessen – schlechtes Projektmanagement. Hinzu kommen Subunternehmen, die reihenweise Konkurs gehen. Als Brandbeschleuniger im Geldversenkungs-Wettbewerb gilt die deutsche Leidenschaft für kleinteilige Bauvorschriften, Planfeststellungen, Umweltprüfungen und Widerspruchsverfahren.

 

Das Leben ist eine Baustelle. Genau wie die SPD und das ganze Land. Es gibt viel zu tun. Karikatur: Klaus Stuttmann.

 

Als Schloss Bellevue vor fast zweihundertfünfzig Jahren in zwei Jahren errichtet wurde, waren die Baufirmen zu Vertragstreue, Kosten- und Termineinhaltung verpflichtet worden. Bei Verstoß mussten nach preußischem Baurecht Vertragsstrafen gezahlt werden. Natürlich war das damalige Schloss weder klimaneutral noch mit Sicherheitspanzergläsern oder smarter Haustechnik ausgestattet. Tja, so ist das heute. Deshalb müssen der oder die neue Bundespräsidentin mit ihren gut zweihundert Beschäftigten noch viele Jahre warten. Niemand weiß, wie lange. Das präsidiale Ausweichquartier befindet sich mittlerweile am Berliner Hauptbahnhof. Ein Trost: Dort kennt man sich mit Verspätungen bestens aus.

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Wo war mein Opa 1945?

Mein Großvater war eine Respektperson. Eleganter schwarzer Anzug, rot-weiße Fliege, Einstecktuch. Ein Musikdirektor vom alten Schlage. Trollinger-Liebhaber, Caféhaus-Stammgast, Konzertkritiker. Er rauchte leidenschaftlich gern, selbst beim Klavierunterricht. Bei ihm lernte ich meine ersten Töne an seinen geliebten 88 Tasten. Da er seine Zigarette stets mit Spitze paffte, fiel die Asche manchmal zwischen die Tasten. Zum Ärger meiner Großmutter Maria, die sie mühsam herauskramen musste. Ich bewunderte meinen Opa, auch wenn ich beim Spielen im dichten Qualm ab und zu husten musste. Max nahm mich sogar in sein Lieblingscafé mit. Ich durfte eine Limo bestellen, während die älteren Herren neueste Skandale debattierten oder der Kellnerin Komplimente hinterherwarfen.

Mein Opa, geboren 1894, war eine Instanz für mich. Ein Mann der Musik, der Bildung und der Kultur. Seine Qualmerei wurde ihm Anfang der siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts zum Verhängnis. Was solls? Er lebte eben ein echtes Künstlerleben, bis zum Schluss. Musik und Freunde seien die beiden Dinge, die im Leben wirklich zählen, brachte er mir bei. Als zehnjähriger Steppke wollte ich so werden wie er: Pianist, Konzertmeister und tiefes Eintauchen in die wunderbare Welt der Musik.

 

Mein Großvater Max war Musiker, Musenliebhaber und mein Vorbild. Meine ersten Klaviertöne hat er mir beigebracht.

 

Kurz vor seinem Tod klärte mich mein Vater auf, mein geliebter Opa Max sei „in der Partei“ gewesen. Mein Großvater ein Nazi? Ich wollte es nicht wahrhaben. Ich brauchte zwanzig Jahre Zeit, bis ich Anfang 2025 wagte, einen Antrag beim Bundesarchiv zu stellen. Das Ergebnis kam relativ prompt und war … positiv. Eingetreten ist mein „konservativ gebildeter Musiklehrer“, so steht es auf seiner Visitenkarte, am 1. Mai 1933, drei Monate nach der Machtergreifung Hitlers. War mein Opa ein Opportunist? Ein Überzeugungstäter? Oder einer der Millionen Mitläufer? Ich weiß es nicht. Von 1933 bis 1943 war er Mitglied in Goebbels Reichsmusikkammer, erfahre ich noch. Meine Vorfahren kann ich nicht mehr fragen. Was mache ich damit? Was hilft mir dieses Wissen?

Seit einigen Wochen können sich deutsche Enkel und Urenkel auf Spurensuche nach Oma und Opa im NS-Regime begeben. Per Mausklick, digital, ohne umständliche Anträge beim Bundesarchiv. ZEIT, SPIEGEL und Süddeutsche Zeitung bieten schnelle Online-Recherchen nach den Großeltern im Dritten Reich an. Trumps US-Regierung hatte die 1945 eroberte Nazi-Kartei Anfang 2026 freigegeben. Das Angebot wird millionenfach genutzt. Mehr als achtzig Jahre nach Ende des „Tausendjährigen Reichs“, das eine riesige Trümmerlandschaft hinterließ.

 

Susanne Beyer hat sich intensiv mit ihrem Großvater beschäftigt. Ein Buch, das viele Fragen stellt und eine Reihe Antworten gibt: Was hat Opa im Dritten Reich gemacht?

 

Das perfekte Buch zur Familienrecherche hat die Journalistin Susanne Beyer vor einem Jahr geschrieben. Es heißt poetisch „Kornblumenblau“. Ihr Großvater, dessen Namen sie nicht nennt, war Chemiker. Als Doktorand forschte er an der Blütenfarbe Blau, an dem schönen Kornblumenblau. Tatsächlich arbeitete er später für Buna an der Herstellung von synthetischem Kautschuk, um Gummi für Reifen herzustellen, denn: „Räder rollen für den Endsieg.“ Die IG-Farbentochter Buna errichtete 1942 ein neues Werk in Monowitz, besser bekannt als Auschwitz III. 35.000 KZ-Häftlinge arbeiteten auf der Baustelle, bis zu dreißigtausend seien gestorben, heißt es. Der leitende Chemiker und Großvater von Susanne Beyer wurde im April 1945 im brandenburgischen Kloster Lehnin erschossen.

Akribisch begibt sich die SPIEGEL-Autorin auf Spurensuche. Am Ende wird sie nicht klüger als zuvor sein. Weder lässt sich der geheimnisvolle Tod ihres Großvaters klären, angeblich sei er von seinen Kameraden ausgewählt worden, um als Opfer betrunkenen Rotarmisten zu dienen. Auch kann die „Kriegsenkelin“ nicht herausfinden, welche Rolle ihr Großvater im NS-System tatsächlich spielte. Susanne Beyer verweist auf „Gefühlserbschaften des Holocausts“.  Für sie war ihr Opa ein „Täter“, denn: „Wer Zeuge eines Unrechts wird, ist Teil des Unrechts.“

 

 

„Schädlich Wahrheit ziehe ich dem nützlichen Irrtum vor“, meint Altmeister Goethe. Aber: ist es nicht besser zu schweigen und den „alten Kram“ ruhen zu lassen? Was Susanne Beyers Buch nicht nur für Babyboomer lesenswert macht, sind zwei Dinge. Ihre Reportage ist emotional und – ja – gefühlig. Einen solchen Text können nur Frauen schreiben. Sicher kein Zufall. Männer schweigen lieber. Frauen wollen reden. Zum zweiten finden sich im Anhang viele Adressen, weiterführende Literatur und konkrete Recherchehilfen. Praktisch und hilfreich.

Susanne Beyer will das sympathische Bild ihres Großvaters nicht zerstören. Am Ende ihrer langen, intensiven Recherche bleibt nun eine große Leerstelle. Gewissheit gibt es nicht, Opas NS-Rolle und sein gewaltsames Ende bleiben ungeklärt. Aber sie hat herausgefunden, wie viele kleine Rädchen das große Getriebe einer Diktatur in Schwung halten.

Susanne Beyer. Kornblumenblau. Der geheimnisvolle Tod meines Großvaters und die Frage, was er mit den Nazis zu tun hatte. Eine Spurensuche.

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Thank you, Dublin Teil II

Am Eingang zum Literatur-Institut der Trinity Universität von Dublin stehen große Fragen: „Sind Bibliotheken die letzte Bastion der Demokratie? Hört Lernen jemals auf? Braucht Technologie Kultur? Kann Kunst widerstehen? Dienen Gesetze stets dem Allgemeinwohl? Sprechen Ruinen lauter als Denkmale? Ist Menschlichkeit in der Lage, einen lebenswerten Planeten zu erhalten? Wie sieht Frieden aus?“

Noch eine Frage lautet: „Wer erzählt unsere Geschichten?“ Diesen Punkt können wir alle selbst beantworten. Ganz einfach: Indem wir genau hinschauen, neugierig bleiben und nicht unentwegt auf Handys glotzen. Gleich gegenüber der Uni residiert die Zentrale der Bank of Ireland. Das mächtige Gebäude besitzt die größte Tür Irlands, aber kein einziges Fenster. Warum? Fenster bringen Unglück, sagt der irische Aberglaube. Das Geld fliegt zum Fenster raus. Dank der Tech-Konzerne ist das einst bitterarme Irland neureich. Die neue Zentrale der Bank of Ireland hat nur noch Beton und Glasflächen. Ob sich Fenster öffnen lassen, ist unbekannt. Dublin zählt zu den teuersten Städten Europas.

 

Keine Fenster in der Zentrale der Bank of Ireland. Warum? Sonst fliegt das Geld zum Fenster raus.

 

Das Kilmainham Gaol ist ein furchteinflößendes Gefängnis. Aber noch mehr: Ein Monument und Mahnmal. Gaol steht für die verhasste viktorianische Empire-Herrschaft, 1796 von den Briten als Reformgefängnis errichtet. Pro Zelle sollte nur ein Gefangener untergebracht werden. Tatsächlich waren es bis zu zehn, erzählt Guide Alan. Ein waschechter Ire. Wortgewandt und witzig, ein versierter Geschichtenerzähler. Er weiß alles, über den wichtigsten Ort der irischen Freiheitsgeschichte. In der großen Hungersnot 1840 drängten viele Iren freiwillig in den Knast, da es dort wenigstens einmal so etwas wie eine Mahlzeit gab. 1881 gelang einem Gefangenen mit Hilfe von Bettlaken die einzige erfolgreiche Flucht über die fünf Meter hohe Außenmauer. Die Freude währte kurz. Der Ausbrecher wurde rasch wieder geschnappt.

Am bewegendsten ist die Love Story von Joseph Blunkett. Der Dichter und Journalist war 1916 einer der sieben Unterzeichner der irischen Unabhängigkeitsresolution. Plunkett war mit der Künstlerin Grace Gifford verlobt. Eigentlich wollten sie am Ostersonntag heiraten, doch der Aufstand kam dazwischen. Als Grace erfuhr, dass Joseph zum Tode verurteilt worden war, kaufte sie in Dublin einen Ehering. Joseph Plunkett durfte sieben Stunden vor seinem Tod Grace in der Gefängniskapelle heiraten. Genau zehn Minuten konnten sie danach noch gemeinsam unter britischer Aufsicht in der Zelle verbringen. Am nächsten Morgen, am 4. Mai 1916, wurde der 28-jährige Joseph Plunkett im Innenhof des Kilmainham Gaol exekutiert. Seine letzten Worte waren: „Ich sterbe für den Ruhm Gottes und die Ehre Irlands“. Miss Joseph Blunkett, geborene Grace Gifford, konnte wenigstens noch eine Locke retten.

 

Zehn Minuten Zeit, um die Hochzeit zu feiern. Die Todeszelle von Joseph Blunkett in Dublin.

 

Beim irischen Oster-Aufstand 1916 kamen etwa 250 Zivilisten, darunter vierzig Kinder, ums Leben. Die Soldaten des British Empires schossen sogar mit Artillerie ins Stadtzentrum. Von den siebenhundert Gefangenen, berichtet Guide Alan, wurden neunzig hingerichtet. Sechzehn allein im Innenhof des Gaol-Gefängnis. Wie durch ein Wunder überlebte James Connolly die erste Exekution. Der Schwerverletzte wurde tags darauf auf einem Stuhl sitzend erschossen. „Hier änderte sich die Geschichte Irlands“, erklärt Alan mit Pathos in der Stimme, als wäre der irische Aufstand gerade erst niedergeschlagen worden. Der Hof ist Nationale Gedenkstätte, mit zwei einfachen Kreuzen und der irischen Nationalflagge.

 

Erschießungsstätte von irischen Widerstandskämpfern. Für Guide Alan im Gefängnis Kilmainham Gaol Mahnmal und Ort, der Irlands Geschichte grundlegend verändert hat.

 

Am 6. Dezember 1922 wird Irland vom Königreich unabhängig. 1949 tritt die Republik Irland aus dem Commonwealth aus und ist seitdem vollständig souverän. Die irische Insel jedoch ist bis heute geteilt. Das verhasste Gefängnis wurde 1924 geschlossen und erst 1966 wieder zeitweise als Gedenkstätte eröffnet. Nach jahrzehntelanger Renovierung durch eine private Initiative konnte Kilmainham Gaol 1996 als Museum der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Ein Besuch lohnt sich.

 

 

Zurück in Dublins City erklingen an allen Ecken und Enden Balladen und Lieder. Wer eine staatliche Lizenz ergattert hat, darf öffentlich auftreten. Dazu muss allerdings vorher eine Prüfung bestanden werden. Vor dem alten Jugendstil-Kaufhaus in der Grafton Street spielt ein Musiker unermüdlich live auf seiner Gitarre Songs von Pink Floyd bis Metallica. Einer der vielen Kleingeld-Prinzen und -Prinzessinnen von Dublin im Sommer 2026. Das ist typisch irisch: Sangesfreudig und gewitzt, unabhängig und frei, umsonst und schräg. Alles zusammen: höchst liebenswert. Denn: Wo man singt, da lass dich nieder. Böse Leute haben keine Lieder.

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Thank you

Der grüne 16er Doppeldeckerbus quält sich vom Flughafen ins Zentrum von Dublin. Am Trinity College, eine der ältesten Universitäten der Welt, steige ich aus. Achtung! Linksverkehr. Die Uni ragt wie eine Festung mitten in die City. Viktorianischer Pomp mit Harry-Potter-Charme, ein riesiger Campus mit altehrwürdigen Gebäuden. Hier eine Gedenktafel für Samuel Beckett („Warten auf Godot“), der vor hundert Jahren am College studierte. Dort Institute, Bibliothek, Rugby-Feld und Tennisplätze. Versteckt ein Wohnheim mit Jugendherberge-Charme, die Nacht für zweihundert Euro, Frühstück in der Mensa inklusive. Dublin ist eine der teuersten Städte der Welt, erzählen die Einheimischen. Das wird wohl stimmen. Das einstige Armenhaus hat sich in eine Boomtown verwandelt. Dank der europäischen Zentralen von Tech-Giganten wie Google, PayPal & Co.

Dublin. Das ist Guiness, Irish Folk und sangesfrohe Menschen in jedem Pub und an jeder Straßenecke. Die Iren sind wahre Geschichtenerzähler. Ihre Anekdoten und Storys sind witzig und stets ein wenig skurril. Wer an der Trinity College während der Prüfungszeit unter dem Glockenturm hindurchgeht, fällt durch, wird behauptet. Die beiden Säulengebäude heißen Himmel und Hölle. Im Himmel wird geheiratet und gefeiert, in der Hölle gegenüber werden Examen geschrieben. Die Durchfallquote sei gigantisch, weiß unsere junge Guide, eine Absolventin. Nur sechs Prozent würden ihr Examen im ersten Durchgang schaffen.

 

Trinity College. In der Mitte der Glockenturm. Während der Prüfungen nie untendurch gehen. Weiter hinten „Himmel“ (rechts mit Säulen) und gegenüber „Hölle“.

 

Die Trinity-Uni aus dem 16. Jahrhundert ist die älteste Universität Irlands, betont die junge Frau weiter. Gegründet von Königin Elizabeth I als Kaderschmiede exklusiv für Protestanten. Erst 1873 wurden Katholiken zugelassen. Es dauerte ein weiteres Jahrhundert, bis 1970 junge Menschen aus aller Welt unabhängig von Religion, Geschlecht und Herkunft studieren konnten. Heute kommt der Nachwuchs aus mehr als hundert Nationen. Auf dem Eingangstor weht die Regenbogenfahne. Im Museum von Trinity kann das Book of Kells für stolze 39 Euro bestaunt werden. Das Neue Testament, mehr als 1.200 Jahre alt. Die prächtig verzierte Bibel erstand das Trinity College 1661. Im selben Gebäude der altehrwürdige Lesesaal mit Büsten von Aristoteles bis Shakespeare. Mittlerweile sind im reinen Männerclub auch vier Frauenbüsten aufgestellt worden. Im Saal heißt es euphorisch: „Eine Bibliothek ist wie ein Paradies“.

 

Der altehrwürdige Lesesaal des Trinity College. Motto: Bibliotheken sind ein Paradies. Unter den Würdenträgern sind mittlerweile auch vier Frauen vertreten, u.a. Rosalind Franklin.

 

Hinaus ins Leben. Überall musizieren Straßenmusikanten. Songs auf der Klampfe, von den Beatles bis Billy Eilish. Es sind meist Profis. Sie müssen vor einer Jury vorspielen, versichert ein anderer Guide, um die begehrte Straßen-Lizenz zu erwerben. Die Iren trinken und singen gerne … und das sehr lange. Rasch fällt an der St. Andrews-Kirche eine Statue auf. Sie zeigt Molly Malone. Eine Marktfrau. Eine arme, aber freizügige Fischhändlerin, die früh stirbt, so die Legende. Und eine irische Institution. Gegenstand einer Volksballade, die inoffizielle Hymne Dublins. Es gibt sogar einen „Molly Malone Day“. Wer ihren Busen berührt, so der Volksmund weiter, erfährt ein wenig Glück. Der Fischhändlerin ist am Dekolleté anzusehen, wie viele Menschen nach dem Glück grabschen. „Diese Skulptur muss weg“, schimpft eine junge Frau. „Geht gar nicht. Sowas von vorgestern!“

 

An der legendären Marktfrau Molly Malone kommt kaum jemand vorbei. Viele legen an der Dame Hand an, weil das Glück bringen soll.

 

Irland war eines der letzten europäischen Länder, dass Scheidungen erlaubte. Lange Zeit schwang die erzkatholische Kirche unangefochten das moralische Zepter. Längst füllen Missbrauchsgeschichten ihres irdischen Personals ganze Buchregale. So überrascht es nicht, dass eines der angesagtesten Lokale ausgerechnet in der ehemaligen St. Mary-Kirche residiert. Seit zwanzig Jahren heißt es in der „Church Café Bar“: Guiness, Cheeseburger und Irisch Folk statt Amen, Predigt und Weihrauch. Die Bibel trägt hier Henkel, meint ein Scherzbold am Tresen.

 

 

Dublin präsentiert sich weltoffen, gastfreundlich, abwechslungsreich und leider auch sehr teuer. Die Globalisierung hat in der irischen Hauptstadt den Alltag kräftig umgekrempelt. Ein paar Dinge bleiben: Der unbedingte Freiheitswillen der Iren. Alles, bloß kein British Empire. Das Land ist nach wie vor geteilt. Tatsächlich existieren weitere liebgewonnene Traditionen. Wer in Dublin einen der vielen vollen Busse verlässt, ruft beim Ausstieg dem Fahrer ein lautes „Thank you“ zu. Für Berliner Ohren eine echte Überraschung. Geht doch, freundlich zu sein: in einer wuseligen und lebendigen Stadt. Got Irish!

Fortsetzung folgt.

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So viel Zukunft war nie

Das ehemalige Centrum-Warenhaus von Hoyerswerda ist nicht zu übersehen. Kaum kleiner als sein großer Bruder am Berliner Alexanderplatz. Auffällig durch seine markante, wabenförmige Metall-Fassade. Parterre residiert das Lausitz-Center. Weiter oben steht alles leer. Wir suchen den Zugang zum Tanz-Projekt-Abend. Niemand weiß den Weg. Besucher irren wie wir rund um das Gebäude. Einen Familienvater fragen wir nach dem Weg. Er kennt ihn auch nicht. Wir kommen ins Gespräch.

Gemeinsam eilen wir um das riesige Gebäude im Zentrum von Hoyerswerda-Neustadt. Die Neustadt ist mittlerweile über ein halbes Jahrhundert alt. Unser Zufallsbegleiter ist von der Sparkasse. „Wir sponsern den Abend“, sagt er stolz. „Wir brauchen so was für die Zukunft.“ Plötzlich finden wir die breite Auffahrtsrampe zum Parkdeck. „Hoyerswerda kommt. Mit den Milliarden von der Kohle-Transformation investieren wir in Karbonfaser, Wasserstoff und Windräder. Die Lausitz wird zum Zentrum der Elektromobilität und Batterieproduktion.“

 

Hoyerswerda tanzt. Ein faszinierendes Projekt. Das pralle Leben in einem leerstehenden Kaufhaus. Selbst entwickelt, selbst gespielt und zurecht seit 2010 gefeiert.

 

Wir sind ganz oben. Über den Dächern der einstigen sozialistischen Vorzeige-Planstadt, im einstigen Braunkohlerevier und Energiezentrum der DDR, im heutigen Sachsen. Nach der Wende Krawall-, Frust- und Ausländer-Raus-Hochburg. Wir finden gemeinsam den Eingang. Hier sind wir richtig. Hier ist was los. Menschen plaudern vor dem Einlass. Sie hoffen auf eine wunderbare Sommernacht. Über Hoyerswerda zeigt sich der Junimond. Endlich ist was los: Tanztheater. Alle sieben Vorstellungen sind restlos ausverkauft. Zum wiederholten Mal seit 2010 heißt es. „Eine Stadt tanzt. Die Entscheidung.“ Tanz den Frust. Tanz ihn einfach weg. Gemeinsam. Über hundert Mitwirkende. Die meisten sind Laien. Menschen von nebenan. Pflegerin oder Arzt, dazu ein paar Profis. Bereit für achtzig Minuten Lebensgefühl. Für flotte Songs, Rhythmus, Bewegung und Begeisterung.

 

 

Im Saal ist es heiß und stickig. Egal. Die Show beginnt. Die erste von dreizehn Tanz-Szenen beginnt furios. Eine neue Stadtplanerin soll die von siebzigtausend auf 32.000 Einwohner geschrumpfte Stadt retten. Die Bässe wummern. Die Songs gehen unter die Haut. Die Choreographie sitzt.  In den Augen der Beteiligten ist Glanz zu sehen. Schaut her, was wir können. Wir haben uns nicht aufgegeben. Für das Ensemble ist Hoyerswerda kein Schicksal, sondern eine Entscheidung. Zu bleiben. Die Welt zuhause besser zu machen. Lebens- und liebenswert. Im Stück ringen Traditionalisten mit Erneuerern. Klar ist: Die Abrissbirne ist keine Lösung. Auch nicht die Parolen der AfD. Oder die Ignoranz der Westler. Das Tanztheater steigert sich, fragt in den Songs: Was wäre, wenn?

Was wäre eine Stadt, die Spaß macht. In der nicht der Geldbeutel entscheidet. Eine Stadt von morgen, in der es gereicht zu geht. In die Menschen strömen und nicht wegziehen. Der Vater des Tanzprojekts ist Dirk Lienig. Ein ausgebildeter Tänzer, der die Welt bereist hat. In Hoyerswerda geboren will er seine Vaterstadt nicht weiter untergehen sehen. Der Erfinder und Regisseur der tanzenden Stadt sagt: „Beim Tanzen vergesse ich alles. Kummer, Sorgen, Stromrechnungen, Stress. Ich bin völlig bei mir. Schwebe schwerelos. Bin in einer anderen Welt.“

 

Eine Stadt tanzt. Über 100 Mitwirkende. Neunzig Tänzerinnen und Tänzern. Allesamt Laien. Sie tanzen sich frei.

 

Finale. Das Publikum rast vor Freude. Vergessen sind Alltag und Sorgen. Vergessen die Kritiker, die lästern, mit Tanz-Gedöns werde die Welt nicht besser werden. Hoyerswerda schwebt in diesen Minuten. Komm, das wissen wir: Seit der Einheit sind sechzig Prozent der Einwohnerschaft weggezogen. Hoyerswerda schrumpft gnadenlos weiter. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. In den nächsten Jahren treten die Babyboomer ab. Wer besetzt dann die viertausend Jobs in Verwaltung, Versorgung und Gesundheit?

 

Hoyerswerda leuchtet. Die 32.000 Einwohner-Energiestadt in der Lausitz will eine Zukunft haben.

 

Nicht jetzt. Hoyerswerda will sich amüsieren, tanzen und sich freuen. Die Menge tritt auf das Parkdeck hinaus. Genießt den Juni-Abend. Tanztheater-Chef Lienig: „Hoyerswerda wird geliebt, gehasst, be­lächelt, besungen, bewundert, links liegengelassen oder rechts eingeordnet.“ Für den 56-jährigen ist Hoyerswerda „eine der faszinierendsten Städte Deutschlands“. Er strahlt an diesem freundlich-lauen Abend. Geschafft! Klar, kommt der nächste Montag. Aber ist die Zukunft nicht „ne abgeschossene Kugel“? Wie es der Held von Hoyerswerda, der singende Baggerfahrer Gerhard „Gundi“ Gundermann besungen hat.

Die tanzende Stadt trägt die Kugel weiter. Mal sehen, wo sie hinfliegt. Zukunft in der Lausitz? Hier gibt es 99 Tipps.

 

 

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Das innere Leuchten

Mittendrin steht sie. Millionenfach besucht. Genauso viel fotografiert und in die Welt gepostet. Die Gedächtniskirche. Auf Berlinerisch: Hohler Zahn mit Lippenstift und Puderdose. Symbiose aus Alt und Neu. Offizieller Name seit 131 Jahren: Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Das Kirchenensemble mit der markanten Turmruine ist ein wenig in die Jahre gekommen. Keine Frage. Längst spielt die Musik anderswo. Einst Kaiserlicher neoromanischer Prunk- und Protz-Bau der Superlative. Dann Kriegsruine am zerstörten Kudamm. Im Kalten Krieg: Wahrzeichen des alten West-Berlin. Symbol des freien Westens und Sehnsuchtsort für viele DDR-Bürger.

 

Die Berliner Gedächtniskirche musste sich immer wieder neu erfinden. Architekt Egon Eiermann bei der Einweihung 1961: „Ich wünsche mir und uns allen, dass nie wieder Schatten des Schreckens durch den Traum des Lichts dieser Gläser fallen mögen.“

 

Das Schicksal der Gedächtniskirche ist so wechselvoll wie die deutsche Geschichte: Schauplatz für Kaiser-Wilhelm-Jubelfeiern und totale NS-Kriegskatastrophe. Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und 68er-Proteste. Heute Ort für Friedensgebete und Terroranschläge, Konzerte und Trauerfeiern unter anderem für Hildegard Knef oder Harald Juhnke.

Die Gedächtniskirche birgt ein Geheimnis. Ihr inneres Leuchten. Der Grundton Blau ist ein großes Versprechen. Wie das Meer oder der Himmel. Wie der Eindruck von Unendlichkeit und Ewigkeit. An der Stirnseite der goldene, schwebende Auferstehungschristus, 1962 geschaffen von Karl Hemmerter. Der Kirchenraum schafft eine Atmosphäre von Klarheit, Stille und Spiritualität. Er weckt Sehnsucht nach Geborgenheit und Sinn. Besucher schwärmen von dem leuchtenden Ultramarinblau. Dieses magische Licht haben wir dem deutschen Architekten Egon Eiermann und dem französischen Glasbaukünstler Gabriel Loire zu verdanken. Ihre gemeinsame, streit- wie fruchtbare Arbeit vor über sechzig Jahren erreichte etwas völlig Neues. Damals hoch umstritten, mittlerweile längst ein Meilenstein der Moderne.

 

Der Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle. Er zeigt uns zwischen den Doppelwänden der Kirche das große Geheimnis der Gedächtniskirche.

 

Architekt und Archivar der Gedächtniskirche Manfred Selle führt uns eine Treppe hinter der Orgel hinauf zum begehbaren Ort des Geheimnis. Um Verkehrslärm und Leuchtreklame abzuschirmen, wurde der Kirchenneubau mit zwei Wänden in Stahlskelettbauweise mit Tausenden Glasfenstern in Betonwaben ausstaffiert. Der doppelwandige, achteckige Bau kann umrundet werden. Die Wände sind in kleine Raster aufgeteilt, mit insgesamt 21.334 Beton-Dickglas-Elementen in Betonwaben aus Stahl und Beton. Jedes einzelne farbige Glasteil ist ein Unikat. Handgefertigt, aus Altglas recycelt. Errichtet in anderthalb Jahren.

 

Alles eine Frage des Lichts. Die Betonwaben mit insgesamt knapp 22.000 Glasfenstern in den Doppelwänden der Gedächtniskirche.

 

Der Franzose Gabriel Loire war ein Meister der Dickglastechnik. Sein Vorbild: die Kathedrale von Chartres. In Loires Fenster-Waben entstehen keine konkreten Bilder, sondern unzählige farbige Strahlungen. Wie geschliffene Juwelen. Diese Fenster sorgen für das innere Leuchten. Die gläserne Lichtstrahlbrechung je nach Sonnenstand ergibt am Ende das blaue, warme Licht im Kirchenschiff. Menschliche Kreativität auf höchstem Niveau. Ohne App und KI.

 

Das Blaue Licht. Eine deutsch-französische Meisterleistung von Architekt Egon Eiermann und Glasbaukünstler Gabriel Loire. Damals als „Eierkiste“, „Papp- und Hutschachtel“, „Bibelschuppen“, „Puderdose mit Lippenstift“ und „Halleluja-Gasometer“ geschmäht. Längst eine Ikone der Moderne.

 

Dieses Leuchten hat im Laufe der Jahrzehnte durch Abgase und Abnutzung stark gelitten. Das Problem: Der Stahl der Bewehrung, der die Gläser zusammenhält, ist nicht rostfrei. Nun muss jedes einzelne der knapp 22.000 Gläser entfernt, gereinigt und in einer neuen rostfreien Stahlkonstruktion neu eingefasst werden. Das wird länger dauern als achtzehn Monate wie damals in der Bauzeit, dazu braucht es keine Propheten. Mindestens fünf Jahre Bauzeit sind aktuell veranschlagt. 35 Millionen Euro soll die Komplett-Sanierung kosten. Spenden sind erwünscht, damit die neue, alte Gedächtniskirche wieder leuchten kann. Im nächsten Jahr soll die Gedächtniskirche wieder Großbaustelle werden.

 

Der schwebende Jesus von Karl Hammeter aus Bayern in der „neuen“ Gedächtniskirche. Ernst Barlach lässt grüßen.

 

Ach, du schnöde Welt: das innere Leuchten ist wichtiger denn je. An diesem symbolträchtigen Ort, auferstanden aus Ruinen. Die Gedächtniskirche bleibt ein Mahnmal für Neuanfang und Niedergang, für Verständigung und Frieden. Wenn das blaue Licht wieder leuchtet, vielleicht sogar noch heller und besser als früher, dann wäre nicht nur Hegel begeistert. Er würde von der „List der Vernunft“ sprechen. Das ist doch ein schönes Ziel.

 

Das innere Leuchten. Es hilft gegen Verzagtheit, schlechte Laune und das Gerede vom Weltuntergang.

 

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„Det is Berlin?“

Was ist typisch Berlin? Der Fernsehturm, die Millionen-Metropole ohne Sperrstunde, Events bis zum Abwinken und Clubs zum Abstürzen. Dazu ein großer Steinhaufen im märkischen Sand, bevölkert mit ruppigen Eingeborenen und großer Klappe, einstürzende Mauern (lange her: 1989), Verkehrschaos, bröselnden Brücken, tagelangem Stromausfall und Mega-Mieten. In der Hauptstadt ballt sich alles zusammen: eine ausgepowerte Verwaltung, ein undurchdringlicher Dschungel an Vorschriften und das berühmte Berliner Motto: Bin nicht zuständig, da kann ja jeder kommen!

Da braucht eine neue Ampel an einer Schule schon mal 25 Jahre bis zur Einweihung. Das nennt sich Behördenpingpong. Der Bauzaun ist Ikone und Symbol vom heutigen Babylon Berlin. So eine Absperrung kann durchaus mal vergessen werden. Seit 21 Jahren bewacht ein Absperrzaun zuverlässig die Leere mitten im Zentrum, direkt an der Staatsbibliothek. Wo? Genau: Unter den Linden, Ecke Charlottenstraße. Merke: Berlin ist eine Metropole mit dem einzigartigen Talent zum Scheitern.

 

Staatsbibliothek. Berlins vermutlich ältester Bauzaun. Seit 2005.

 

Berlin – das neue Kalkutta? Muss das sein? Oder war das nicht schon immer so? Wir fragen jemanden, der sich mit dieser Frage ein Leben lang intensiv beschäftigt hat. Karl Scheffler: Historiker. Kunstwissenschaftler. Kulturkritiker. Hier sein Berlin-Check:

Berlin war lange Zeit nicht ein Ziel, sondern bestenfalls eine Etappenstation an der Karawanenstraße. Ein Zufluchtsort für solche, die nichts zu verlieren haben.“

Über die Berliner: „Jeder hält sich für gut und richtig nur was er sagt. Unter hundert Berlinern gibt es nicht zwei, die zuzuhören verstehen.“

Über die Berlinerin: „Sie ist dafür, dass alles im Hause seine Ordnung hat, aber sie ist doch nicht eigentlich sauber und adrett. Sie regiert gerne Mann, Kinder und Dienstmädchen. … als junges Mädchen ist die typische Mittelklasse-Berlinerin niedlich genug … vielmehr ist selbst in den Töchtern schon eine unhemmbare Lust, alles Reine ins Schmutzige, alles Große ins Kleine, alles Leidenschaftliche ins Niedere ironisch herabzudenken und Gefühlsworte mit scharfen Spottworten zu erwidern.“

Über das Paarungsverhalten: „Die allgemeine Jagd auf die Frau gehört in Berlin zu den deutlichsten Zeichen roher Kulturlosigkeit. Die Männer benehmen sich dabei schamlos zudringlich, taktlos und formlos, so dass dem Betrachter auf der Straße, im Café, in den Kunstausstellungen und Varietés oft ist, als befände er sich in einer Goldgräberstadt.“

 

Cornelia Schleime, Künstlerin, Malerin, Urberlinerin. Selbstporträt als Schaf. Für sie gilt, bange machen, gibt´s nicht. „Ich nehme, wie es kommt.“

 

Über den Bauboom: „Denn nicht die verantwortlichen Behörden haben Berlin und seine Vororte nach einheitlichem Plan gebaut, sondern ein Haufen profitgieriger, geistig verblödeter und rohe Spekulanten hat die Stadt und ihre Vororte angelegt. … Ob man am Alexanderplatz wohnt oder in Steglitz, Tempelhof oder Pankow, das ist ziemlich dasselbe.“

Über die Hassliebe zu Berlin, beginnend an der Stadtgrenze: „Die Annahme, die Provinz hasse und verabscheue Berlin, ist nur zum Teil richtig. Man hat in der Provinz wohl den Instinkt für die Unproduktivität des hauptstädtischen Geistes, und man höhnt über jede sichtbare Unzulänglichkeit; aber daneben herrscht allgemein auch Neid auf die Genüsse, die die Großstadt zu bieten hat.“

 

Karl Scheffler. Gemalt von Max Liebermann 1918.

 

Wir danken Karl Scheffler für seine pointierte Polemik, die in dem geflügelten Bonmots gipfelt: „Berlin ist dazu verdammt: Immerfort zu werden und niemals zu sein.“ Dieser Befund stammt aus dem Jahre 1910 und ist genau 126 Jahre alt. Da regierte noch der Kaiser. Was hat sich geändert? Finde den Unterschied.

Wer mehr über die Stadt an der Spree erfahren will, hier meine Empfehlung. Jens Bisky. Fast 1.000 Seiten Berlin. Hochkompetent, gut geschrieben und unterhaltsam:

 

 

 

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Weimar, „groß und frei“

»Hier ist gut sein!« sagt der alte Dichterfürst an einem sonnigen Septembermorgen des Jahres 1827, als er mit seinem Gefährten Eckermann den Ettersberg bestiegen hatte. »Ich dächte, wir versuchten, wie in dieser guten Luft uns etwa ein kleines Frühstück behagen möchte.« Bei gegrilltem Rebhuhn und Wein fühlt sich Goethe „groß und frei“, hoch über Weimar. Der Legende nach habe der Meister hier seine Initialen in eine Eiche geritzt, auf dem Ettersberg, Goethes Olymp. Genau hier errichten die Nazis gut ein Jahrhundert später im Sommer 1937 das größte Konzentrationslager auf deutschem Boden. Es soll K.L. Ettersberg heißen, KL steht für Konzentrationslager.

Doch die traditionsbewusste NS-Kulturgemeinde in Weimar erhebt Einspruch. Nicht gegen das geplante Konzentrationslager, nein, nur der Name Ettersberg dürfe nicht besudelt werden, er soll Goethe vorbehalten bleiben. So entscheidet sich SS-Chef Heinrich Himmler am Ende für den unverfänglichen Begriff Buchenwald. Bald ein Ort des Grauens und der völligen Gesetzlosigkeit. Buchenwald wird das größte KZ auf deutschem Boden. Diesem Dreiklang von Goethe, Ettersberg und Buchenwald begegnen wir im neuen Buch der Historikerin Katja Hoyer: „Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.“

 

Was von der Goethe-Eiche auf dem Ettersberg übriggeblieben ist. Quelle: Gedenkstätte Buchenwald. 2022

 

Der Ettersberg wird gerodet. Raum schaffen für alle Feinde der „Volksgemeinschaft“, für insgesamt 280.000 Buchenwald-Gefangene. Jeder fünfte Insasse überlebt die sieben Höllenjahre auf dem Ettersberg nicht. Einzig die dicke Goethe-Eiche zwischen Lagerküche und Wäscherei darf stehen bleiben. Im August 1944 muss der einzige Baum auf dem KZ-Gelände doch noch gefällt werden. Eine alliierte Bombe hatte die deutsche Eiche getroffen. Aus den Resten schnitzt der Leipziger Kommunist und Häftling Bruno Apitz heimlich „Das letzte Gesicht“, das Antlitz eines sterbenden Häftlings. Ein geflügeltes Wort in Weimar heißt: „Was ist der höchste Berg Deutschlands? Der Ettersberg! Hoch kommst du schnell, aber runter nicht mehr.“

Dieses weltberühmte Weimar schält Katja Hoyer wie eine Zwiebel. Schicht für Schicht legt sie frei. Mit Tränen der Freude und der tiefen Traurigkeit. Deutsche Geschichte auf dem Hackbrett. Prominenz ist ausreichend vorhanden. Hier wohnten Goethe, Schiller, Nietzsche, dessen Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche, der Schriftsteller und Verleger Harry Graf Kessler. Aus Weimar kommen NS-Reichsjugendführer Baldur von Schirach, der Großvater des Schriftstellers Ferdinand von Schirach oder Hitlers persönlicher Sekretär und Trauzeuge Martin Bormann. Hitler selbst besuchte mehr als vierzig Mal die thüringische Kleinstadt. Er residierte im eigens für ihn umgebauten Hotel „Elephant“, in einer 80 Quadratmeter großen Führer-Suite. Hermann Göring lernte in Weimar die Schauspielerin Emmy Sonneman kennen; 1932 heirateten sie. Weimar erhält ein überdimensioniertes Gau-Forum.

 

Plakat zur Bauhaus-Ausstellung 1923. Weimar. Ort des Neuanfangs. Nationalverfassung. Bauhaus, NSDAP-Hochburg. Das kurze Leben der Weimarer Republik.

 

Die einstige Residenzstadt Weimar ist für Hoyer „Deutschlands Leuchtturm der Kultur“. Ort der ersten demokratischen Verfassung der „Weimarer Republik“, Geburtsstätte der Bauhauskultur und frühe NS-Hochburg, schließlich zwölf Jahre lang „Herz der Finsternis“. Die Stärke ihrer Buches liegt in der Vielfalt der Erzählung von Historischem im Privaten – von Nietzsches Schwester über Marlene Dietrich bis zum einfachen Schreibwarenhändler Carl Weirich, einem fleißigen Tagebuchschreiber oder der alteingesessenen Hotelbesitzerin Rosa Schmidt. Die Chefin des Hohenzollern, die anfangs Hitler als Stammgast beherbergte, überlebt den NS-Führer nicht. Ihr einziges Vergehen: Jüdische Großeltern, was sie bis zu ihrer Ermordung Ende 1944 in Auschwitz verbergen konnte.

 

Viele Anekdoten, spannende Geschichten aus dem Weimar-Biotop. Eine Frage bleibt: Haben die Deutschen damals wie heute Angst vor dem Neuen? Wählen sie statt der Moderne wieder völkisch-national?

 

Hoyers Gretchenfrage ist zeitlos wie brandaktuell: „Wie konnte sich Deutschland binnen weniger Jahre von einer der liberalsten Demokratien der Welt in eine völkermörderische Diktatur verwandeln? Welche Entscheidungen trafen einfache Deutsche, die diese Entwicklung möglich machten?“

Für Katja Hoyer erschließt sich „ein wesentlicher Teil dieses Rätsels“ am Beispiel Weimars.  Das Städtchen der „Dichter und Denker“ gleiche einer Nussschale. Alles findet sich ein: Geist, Glanz und Grausamkeiten der letzten hundert Jahre. Wenn wir das Verhalten der Menschen von Weimar besser verstehen, so hofft Hoyer, könne der Schlüssel zu Erkenntnissen liegen, „wie wir Demokratie und Freiheit in unserer Zeit bewahren können“.

Fast 600 Seiten Weimar, wo man sich „groß und frei“ fühlen kann. Davon träumt im idyllisch-schönen Thüringen auch Björn Höcke. Ein ehemaliger Geschichtslehrer, dessen Interviews millionenfach geklickt werden.

Katja Hoyer. Weimar. Glanz und Grauen der deutschen Geschichte.

 

 

Goethe in Weimar. Schiller nicht zu vergessen. Ein Ort zum Verweilen, Genießen und Nachdenken, worauf es im Leben ankommt.