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Was bleibt

„Man lebt zweimal. Das erste Mal in der Wirklichkeit, das zweite Mal in der Erinnerung“, heißt es bei Balzac. Erinnern als Aufgabe. Einer meiner letzten Jobs kurz vor Dienstschluss beim ZDF war es, lebende Prominente im Fließbandtakt zu beerdigen. Nekrolog hieß es früher, jetzt Lebensbild. Das klingt freundlicher. Eine anderthalbminütige Kurz- und eine Langfassung von drei Minuten. So bastelte ich möglichst kurzweilige, gleichwohl treffende Lebensbiografien. Aus Archivschnipseln, alten und neuen Interviews, ein Best of im Telegrammstil. Lässt man die Schattenseiten beiseite? Es heißt doch, kaum wird so viel gelogen wie auf Trauerfeiern und Premieren. Viele Nachrufe sind entstanden: Über Promi-Künstler, Maler, Musiker, Ministerinnen, Schriftsteller und sogar zwei Intendanten. Die eigenen Chefs würdigen – was für ein Ritt auf der Rasierklinge!

 

„Ich bin stur. Glaube an Papier und Bleistift. Widerspruch auf Papier.“ Georg Baselitz. (1938-2026) Foto: Geoffroy Van Der Hasselt

 

Seit meinem Ausscheiden aus der ZDF-Anstalt gilt die Regel: Tote beleben das Geschäft. Eine alte Nachrichten-Weisheit. Das heißt: Wenn eine Person der Zeitgeschichte die Lebensbühne verlässt, komme ich ins Programm und – klar – in alle digitalen Kanäle. Jetzt hat sich Georg Baselitz verabschiedet. Ein klarer, kräftiger, kompromissloser, lautstarker wie sensibler Malerfürst der alten Schule. Sein Durchbruch gelang ihm 1969 mit Der Wald auf dem Kopf. Warum? Baselitz wechselte die Perspektive. Er wollte, dass seine Bilder neu gesehen werden. Das Ergebnis: Kopfüber wurde er weltweit berühmt. Eine Provokation wie sein onanierender Junge in Die große Nacht im Eimer, einige Jahre zuvor. In heutigen TikTok-Zeiten würde es heißen: mega-provokativ geht viral, die optimale Aufmerksamkeitsmaschine.

 

„Baselitz Jetzt“. Museum der Moderne Salzburg. Foto: wildbild Herbert Rohrer

 

Was bei diesen kurzen „Lebensbildern“ leider untergeht, sind Zwischentöne und Details. Auch alles, was zwischen den Zeilen ist. Dinge, die nicht ausgesprochen und trotzdem verstanden werden. Baselitz arbeitete sich zeitlebens an Krieg und Zerstörung ab, aber auch an seinem Vater, einem überzeugten Nazi aus dem sächsischen Deutschbaselitz. „Ich bin in eine zerstörte Ordnung hineingeboren worden, in eine zerstörte Landschaft, in ein zerstörtes Volk, in eine zerstörte Gesellschaft. Und ich wollte keine neue Ordnung einführen. Ich hatte mehr als genug sogenannte Ordnungen gesehen. Ich war gezwungen, alles in Frage zu stellen, musste erneut ‚naiv‘ sein, neu anfangen.“

 

 

Seine Helden-Bilder gehören zu den beeindruckendsten Auseinandersetzungen mit der deutschen Geschichte. Gebrochene Männer, zwischen Schlamm, Verzweiflung und dem brennenden Wunsch nach Vergessen; merkwürdige Monster voll verletztem, vernarbtem Stolz.  Sie schauen uns an! Direkt in die Augen!

 

Ein Geheimtipp für Pfingsten 2026. Ein Ausflug an die Ostsee mit Baselitz.

 

Hier einige Tipps für alle, die sich intensiver mit Baselitz (1938-2026) beschäftigen wollen.  Mit Hans-Georg Kern, so sein Geburtsname, und Ehefrau Elke, seine Lebensgefährtin, Ratgeberin und schärfste Kritikerin. Es gibt viel zu entdecken:

Museum der Moderne Salzburg. „Baselitz jetzt“, bis 18. Oktober 2026

72 Stunden Baselitz nonstop in der Seemannskirche Prerow. Mecklenburg-Vorpommern. „Mein Vater sieht einen Engel“. Pfingsten. 22. bis 25. Mai 2026.

Baselitz-Atelier und Museum. Schloss Derneburg bei Hildesheim.  „Zeit für neue Helden“ (bis Ende Oktober 2026)

Museum Küppersmühle. Duisburg. Heldenbilder.

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Eintritt frei

Vor genau hundert Jahren entwarf der Autor und Grafiker Werner Graul das Plakat für den Zukunftsfilm Metropolis, eine Antwort auf Hollywood. Jetzt führt uns US-Künstler Mike Winkelmann auf das nächste Level. Roboter übernehmen die Regie: Die Hunde sind so groß wie Cocker-Spaniel und tollen im Laufstall herum. Ihre Körper sind fleischfarben, glatt und haarlos. Auf ihren künstlichen Körpern sind lebensechte Silikon-Köpfe montiert. Zu sehen sind die Tech-Milliardäre Mark Zuckerberg, Amazon-Gründer Jeff Bezos und Elon Musk, der Gruselfaktor im Trio Infernale der KI-Giganten. Musk-Mann agiert clever mit kalten Augen und ohne herzerweichenden Hundeblick. Mit dabei sind die Kunstgiganten Andy Warhol und Altmeister Pablo Picasso. Als Bösewicht bellt Kim Jong-un im Geviert, der kompakte und beleibte Diktator aus Pjöngjang. Das gebannte Publikum in der Berliner Neuen Nationalgalerie zückt sofort die Smartphones.

 

 

Die künstlichen Roboterhunde, die „Regular Animals“, beobachten ihre Besucher mit Hilfe eingebauter Kameras. In einem fort produzieren sie statt Hundehäufchen Fotos aus ihrem Allerwertesten. „Hyperflesh“ nennt sich diese Horrormasken-Performance mit einem Mix aus Robotertechnik, Kunst und Provokation. Der Vater der Hunde-Performance ist der US-Digitalkünstler Mike Winkelmann alias Beeple. Ist seine Arbeit ein neuer zynischer Zeitvertreib für eine verwöhnte Kunstszene? Aktionskünstler Beeple entgegnet: „Unser Weltbild wird von Tech-Milliardären beeinflusst, die mächtige Algorithmen kontrollieren. Sie entscheiden, was wir sehen und was nicht. Und sie müssen dafür nicht vor die UNO treten oder vor den Kongress. Sie können einfach morgens aufwachen und den Algorithmus verändern.“

Mittlerweile gilt für immer mehr Menschen eine neue Maxime: Mach nicht, was ChatGPT will, sorg dafür, dass der Computer das macht, was du willst. Der weltweit erfolgreiche Performer Winkelmann will mit seinen Roboterhunden wachrütteln: „Man hört Leute immer sagen, dass Künstliche Intelligenz keine Seele habe. Natürlich hat sie keine Seele. Sie ist ein Computerprogramm“. Dennoch betont Winkelmann: „Wenn sich die KI weiterentwickelt, werden wir ihr in Zukunft immer mehr menschliche Eigenschaften und Emotionen zuschreiben. Mit meinen Skulpturen versuche ich, die Seltsamkeiten, die auf uns zukommen, vorauszusehen.“

 

Eigentlich mag er keine Hunde. Aber sie kommen gut an. Mike Winkelmann nutzt KI als Kreative Intelligenz. Foto: Jennifer 8 Lee. WikiPortraits

 

Die Tech-Elite um Bezos, Musk und Zuckerberg verspricht im Gleichschritt mit Donald Trump „Wohlstand für alle“ und ein „Goldenes Zeitalter“. Maschinen nehmen Menschen die Arbeit ab, heißt es, und Roboter erledigen „alles besser, schneller, billiger“. Arbeit wird zur Option, nicht mehr zum Alltag. Ein „allgemeiner Überfluss“ ersetzt das Prinzip von Mangel und Konkurrenz. Die KI-Marketing-Methode ist genial einfach und perfekt: Wir füttern die Tech-Riesen freiwillig und mit jeder Dateneingabe, die wiederum mit jeder neuen Information reicher und mächtiger werden.

 

Fahr aufs Land und nutze Deinen Verstand. Egeria-Grotte in Rheinsberg. Bei freiem Eintritt kann die Nymphe der Klugheit besucht werden. Foto: Manfred Selle

 

Was tun? Vor zweieinhalbtausend Jahren pilgerte der damals mächtige römische König Numa Pompilius (717 – 672 v. Chr.) zur Nymphe Egeria. Der Regent galt als friedfertig und weise. Daher bat der König um weitere Ratschläge für kluges und gerechtes Regieren, so die Sage. Keine schlechte Idee. Die römische Grotte der Nymphe Egeria ist seit Jahrhunderten ein beliebtes Motiv in Malerei und Literatur.

 

Der römische König Numa Pompilius holte sich bei Egeria Rat für gerechtes und gutes Regieren. Foto: Manfred Selle

 

Im Zeitalter der Aufklärung im 18. Jahrhundert findet die Egeria-Grotte in Europa an verschiedenen Orten Nachahmung, so auch in der Nähe von Berlin. Für Friedrich Merz würde ein Wochenende im idyllischen Rheinsberg reichen. Es ist ein halber Tagesausflug ins Grüne. Zeit für Besinnung und Durchatmen. Und die ganz Großen? Was hindert die Tech-Masters of the Universe nach Rom zu pilgern, um endlich zur Vernunft zu kommen? Dort könnte Egeria helfen. Die Menschheit braucht Klugheit, Verstand und Gerechtigkeit. Dringend.

Mike Winkelmann alias Beeple. Animal Regular. Neue Nationalgalerie Berlin. Bis 10. Mai 2026. Freier Eintritt.

 

Egeria ruht. Wer küsst sie wach? Quelle: spsg. P-M. Bauers

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Oh, Michael

Der King of Pop ist wieder da. Der Mann mit dem geschmeidigen Gang und dem gewissen Etwas. Ein Mega-Star des 20. Jahrhunderts. Sein Leben klingt wie ein modernes Märchen aus den USA. Jetzt neu erzählt im Biopic-Blockbuster „Michael“. Die Geschichte des schwarzen Jungen aus dem Rust Belt rund um Detroit. Achtes Kind, Sohn des Kranführers Joseph und der Verkäuferin Katherine Jackson. Das Talent des Jungen: Tanzen, Singen, Menschen glücklich machen. Im Film heißt es: „Wir müssen aus Michaels Erfolg Kapital schlagen. Die Jackson-Familie ist wie eine Marke. Das ist unsere Coca-Cola.“

Mit sieben steht der kleine Michael zum ersten Mal auf der Bühne. Im Alter von fünfzig Jahren verlässt er die Welt wieder. Atemstillstand. Folge einer Überdosierung mit dem Narkosemittel Propofol. Über eine Milliarde Menschen verfolgt im Sommer 2009 die Trauerfeier, wie der hoch begabte, rast- wie ruhelose Michael seine letzte Reise in einem vergoldeten Sarg antritt.

 

 

Der neue Film erzählt nur die Geschichte seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Da ist der ehrgeizige, tyrannische Vater, der aus dem musikalischen Können seiner Söhne Kapital schlagen will. Um jeden Preis. Geprobt wird mit dem Gürtel in der Hand. Vater Joseph schlägt mit harter Hand zu und tritt Türen ein, wenn es sein muss. Sein Motto: „Ich ziehe Männer groß, keine Jungs.“ Der Film endet mit zwei Konzertausschnitten. 1984 mit allen Jackson-Brüdern, aber ohne Vater. Der zweite Take präsentiert Michael 1988 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Superstar als Heiland und Erlöser, Badness als sinnstiftende Gemeinschaft. Die Kamera badet in kreischenden, ekstatischen Menschen, die ihren Schwarm wie einen Gott verehren.

Der einstige Michael-Manager John Branca hat das perfekt inszenierte Kino-Comeback aus der Taufe gehoben. Dem gewieften, 75-jährigen New Yorker gelingt sein Meisterstück: Mit dem toten Michael kann er mehr Geld verdienen als mit dem Lebenden. John Branca ist der „King of Pop-Management“. Ein Meister der Selbstvermarktung, der unter anderem die Bee Gees, Boby Dylan, Rolling Stones, Elton John oder Santana vertritt. In der Kinoversion wird Branca von Schauspieler Miles Teller gespielt. Was für ein Deal! Am Michael-Mythos lässt sich weltweit gut verdienen.

 

 

Kritiker vermissen die vielen Schattenseiten im Leben des Michael Jackson. Tablettensucht, angeblicher Kindesmissbrauch, seine teure und bizarre Neverland-Scheinwelt, Michaels Realitätsverlust und Größenwahn.  Das blendet der Film komplett aus. Doch die Frage bleibt: Wer hat wen missbraucht?  Wer bereichert sich weiter an den Legenden vom Vorstadtjungen, der wie kein anderer geschmeidig groovt und den einzigartigen Moonwalk zelebriert. Mit virtuos glucksender Stimme, energetisch und pulsierend, die behandschuhte Hand am Gemächt. Sein Durchbruch mit Thriller 1983 gelingt mit einer faszinierenden Tanz-Choreographie, inspiriert vom Pantomimen Marcel Marceau.

 

 

Was in Michael nicht wirklich vorkommt: Die geraubte Kindheit. Der Drill und Druck in der Familie. Die Flucht in Schmerzmittel. Die zahllosen Geldmacher und Glücksritter, die seinen Erfolg gnadenlos vermarkten. Umgeben von Ja-Sagern flüchtet Michael Jackson in einen Goldenen Käfig, unter anderem Neverland genannt. Er lebt wie ein Außerirdischer in einer abgeschotteten Kunstwelt. Er ändert seine Hautfarbe, will weiße Kinder, sie sollen nicht wie sein Vater aussehen.

Jetzt ist der King of Pop wieder als Kino-Event präsent. Zum Schwelgen, Tanzen und Träumen, verbunden mit der simplen Botschaft: Musik kann dein Leben entscheidend verändern. Michael Jackson, so heißt es, wollte eigentlich immer wie Peter Pan sein. Das Kind, das niemals erwachsen wird. Das war wohl sein größter Traum!

 

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Hitlers letzter Geburtstag

Immer wieder regnet es an diesem Freitag, den 20. April 1945. Dichte Wolken hängen über der Reichshauptstadt. Aus der Ferne grummelt Geschützdonner. Raus aus Berlin! Nur weg heißt die Devise. „Rette sich, wer kann!“ Eine Massenflucht setzt ein, in Richtung Westen, größtenteils zu Fuß. An die zweitausend Passierscheine für Parteibonzen werden eiligst ausgegeben. Plötzlich wieder „Vollalarm“. US-Kampfbomber werfen ihre tödliche Last ab. Menschen kauern in Luftschutzkellern. Adolf Hitler begeht seinen 56. Geburtstag, es ist sein letzter. Tief unter der Erde geloben im Führerbunker die Letzten ihre „Treue bis in den Tod“, so Hitlers Kammerdiener Heinz Linge.

Happy Birthday, Adolf! Absurd, bizarr, grotesk! NS-Propagandachef Joseph Goebbels feiert im Großdeutschen Rundfunk ein letztes Mal seine Großtaten: „Wenn Deutschland heute noch lebt, wenn Europa und mit ihm das gesittete Abendland noch nicht ganz versunken ist – sie haben es ihm allein zu verdanken, denn er wird der Mann des Jahrhunderts sein. … Er ist der Einzige, der sich selbst treu blieb. … Er ist Deutschlands tapferstes Herz und unseres Volkes glühendster Wille.“

 

Deutschland im April 1945.

 

„Prost auf den Endsieg!“ Täglich „fallen“ an die zehntausend deutsche Soldaten, kommen tausende unschuldige Menschen ums Leben: Frauen, Kinder, Greise, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Deserteure, KZ-Insassen. Das NS-Reich rast im Höllentempo in den Abgrund. Das nackte Chaos, der totale Wahnsinn. Zwischen Zossen und Wannsee bombardieren deutsche Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne. So attackieren sie ihre eigenen Vorgesetzten, die sie für die Angriffsspitze der Roten Armee halten. Friendly Fire. Tatsächlich fallen die deutschen Bomben auf Hitlers flüchtenden Wehrmacht-Führungsstab, die zentrale Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Die Festung Berlin wird zur Falle.

Mutti hat eben noch die letzten Schmucksachen vergraben. Meine Uhr behalte ich um, der Boden ist mir zu nass“, hält Lilo am 20. April 1945 fest, eine Schülerin aus Berlin-Friedrichshagen. „Ab und zu zittert das Haus von irgendeinem Einschlag, Ich weiß nicht, sind wir so wenig nervös, haben wir so wenig Fantasie oder sind wir absolut am Ende, dass uns alles gleichgültig erscheint, dass man nur das Ende herbeisehnt. … Kälte, Hunger und Bomben – Bomben! Manch einer meint, es wäre besser in Russenhand zu fallen als die dauernde Fliegerangst. Ich weiß es nicht“, notiert die Ärztin Anne-Marie Durand-Weyer aus Schöneberg.

 

Bruno Epple aus Radolfzell am Bodensee. Eintrag 20. April 1945 in seinem Tagebuch. Quelle: Stadtmuseum Radolfzell.

 

An „Führers Geburtstag“ vertraut der vierzehnjährige Bruno in Radolfzell seinem Tagebuch heimlich an: „Nürnberg und Leipzig sind in russischer Hand. Die Russen haben den Stadtrand von Berlin erreicht. Viele, viele Menschen müssen für die Nazi-Bonzen das Leben lassen, damit sie noch einige Wochen länger leben können. (…) Nieder mit diesen Scheusalen, nieder mit diesen Mördern!! Es lebe Christus! Es lebe Deutschland. Es lebe die Freiheit.“

Aus Schüler Bruno wird später ein vielseitig begabter Künstler. Und Hitler? Keine zehn Tage später macht der Tod auch vor dem Bösen nicht Halt. Hitler beendet am 30. April 1945 sein Reich der Finsternis – durch Selbstmord. Offiziell wird verkündet, er sei „in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen“. Die letzte Lüge des alten Regimes. Die Radiosender spielen „Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“.

 

Auferstanden aus Ruinen. Seiltänzerin Margret Zimmermann. Köln, 1946.

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„The way it is“

Der Mann am Klavier ist keine dreißig, verkriecht sich in der Garage und schreibt auf, was er in seiner Kleinstadt Williamsburg sieht, hört und erlebt: The way it is. Wir schreiben das Jahr 1986. Bruce wächst wohlbehütet auf. 15.000 Einwohner, gepflegte Vorgärten, US-Südstaaten-Idylle. In Virginia heißt es nur: „So ist das und so bleibt das!“ Quasi Gott gewollt. Bruce Hornsby eifert seinem Idol Bob Dylan nach, lässt sich von seinem Protestsong „Girl from the North Country“ anregen. Bruces Botschaft ist einfach: „Glaubt das nicht!“ Ausgrenzung, Diskriminierung und weiße Willkür sind keineswegs gottgegeben, auch wenn es manche sonntags predigen. Vor genau vierzig Jahren geschieht das kleine Wunder von Williamsburg. Der Südstaaten-Boy landet einen Welthit.

 

 

„The Way It Is“ ist der erste Song mit seiner Band und erstürmt Weihnachten 1986 die Charts. Weltweit. Rapper wie E-40 und Mase covern seine Hymne. 2019 räumt Pianist Bruce Hornsby ungläubig ein: „Das war ein wundervoller Zufall. Es war ein Song über Rassismus mit zwei improvisierten Solos. Das ist wohl kaum das Rezept für Pop-Erfolg.“ Im Laufe der neunziger-Jahre experimentiert Hornsby, weg vom Mainstream-Pop. Er orientiert sich an Bluegrass, jedoch immer häufiger am Jazz oder wagt Ausflüge in die Klassik. Seine Live-Konzerte unterscheiden sich von denen anderer Bands. Statt fester Setlists kann das Publikum mitbestimmen, was am jeweiligen Abend auf die Bühne kommt.

Bruce und seine Band, die Noisemakers feiern Improvisationen, gerne über eigene bekannte Titel. „Kreativ zu sein, Musik im Präsens zu machen, darum geht es uns live. Ich schreibe Songs, wir machen Platten und dann werden die Platten der Ausgangspunkt, die grundsätzliche Blaupause, das grundsätzliche Arrangement.“  Hornsby steigt zusätzlich als Live-Mitglied bei Grateful Dead ein, jammt mit Pat Metheny oder Eric Clapton. Er gewinnt eine treue Fangemeinde, die es ihm ermöglicht, auf seinen Solo-Alben immer wieder Neues auszuprobieren. Hornsby beherrscht viele Genres. Manche sagen, er könne sich musikalisch nicht wirklich entscheiden, was er will. Tja. Anything goes.

 

 

Nachdem es lange still um ihn wurde, startet Hornsby kurz vor der Corona-Zeit seine zweite Karriere. Auf Absolute Zero“ sammelt Hornsby einmal mehr unterschiedliche Musiker um sich, so yMusic, Blake Mills oder Robert Hunter. Das Album ist „eines der meistgefeierten in Hornsbys Karriere“, lobt das kritische Musik-Portal Laut.de. In diesen Tagen erscheint Indigo Park, sein mittlerweile wohl 25. Album. Es ist ein typischer Hornsby-Mix: Zehn Songs, die locker Anklänge von Pop, Folk, Jazz und Beats zum Tanzen bringen. Anspruchsvoll, eingängig und zeitlos, mit prominenten Gästen wie Ezra Koenig (Vampire Weekend) und Bonnie Raitt. Mein Favorit: Sliver of time. Einen Augenblick Bruce. Der bescheidene wie vielseitige 71-jährige Pianist aus dem Süden der USA weiß: Nichts muss bleiben, wie es ist.

 

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Alexander, der Große

Alexander Kluge ist dreizehn, als der Krieg endet. Ein Jahr älter als das Dritte Reich. Das Elternhaus ist beim großen Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt abgebrannt, drei Tage vor der Befreiung durch die US-Armee. Doch der wichtigste Tag beim Kriegsende ist für den jungen Kluge der 1. Juni 1945. Die Rückkehr seiner Mutter aus Berlin. „Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff vom 8. April (1945) abbrennt. Das war nicht so schlimm wie das Auseinandergehen dieser Ehe.“

Typisch Kluge. Kriegskind, Kirchenmusiker, Jurastudent, Referendar, Filmemacher, Schriftsteller, Theoretiker, Chronist der Lebensläufe, Sammler und Jäger. Institution des deutschen Geistesleben. Alexander Kluge. Sein Name ist Marke. Unverwechselbar. Er konnte in einem Atemzug über Jesus, Hannibal, Clausewitz, Napoleon, Kant, Hegel oder die Schlacht von Stalingrad reden. Sein Motto: „Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn. Davon handeln meine Geschichten.“

 

 

Als ich vor einigen Jahren das Gleimhaus in seiner Geburtsstadt Halberstadt besuche, stoße ich rasch auf den Sohn der Stadt. In einer kleinen Ecke wird der Vor- wie Nachdenker „aus dem Land der Bauernkriege“ auf einer Wandtafel zitiert: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“

 

Abschied von gestern. 1966. Debütfilm mit Schwester Alexandra Kluge in der Hauptrolle. „Sein anderes Ich.“

 

Seine Texte enthalten häufig mehr Fragen als Antworten. Sein Interesse gilt Randfiguren und Verdrängtem. Nebenschauplätze faszinieren ihn: Wie verändert der Flügelschlag einer Libelle im Golf von Mexiko das Weltklima? Was machen „Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos?“ Für seine filmische Reise erhält Kluge 1968 den Goldenen Löwen von Venedig. Als Ende der achtziger Jahre das Privatfernsehen aufkommt, produziert er auf RTL in der Sonntagnacht-Nische ein Vierteljahrhundert lang Zehn vor Elf. Markenzeichen der über 3.300 Sendungen: Frei erfundene Persönlichkeiten erzählen „wahre“ Geschichten. Unvergessen: Peter Berling als Hitlers Bodyguard. Listige Fake-Geschichten. Ein Spiel mit ausgedachter Zeugenschaft als Test fürs Publikum. Dazu Gedanken-Puzzle und Gespräche mit Heiner Müller, Christoph Schlingensief oder Helge Schneider. Meist im Kluge-Flüsterton, beharrlich, geduldig, wissensklug.

 

Sand und Zeit. 2025. Weggefährtin Hannelore Hoger: „Er schrieb täglich ein neues Buch. Schreiben war sein Leben.“

 

Kluge stellt alte Gewissheiten auf seinen Prüfstand. Adam und Eva, Alexander der Große, Napoleon, Adolfs Verdauungsstörungen oder die neue Unübersichtlichkeit der TikTok-Welt. Sein Fazit: Der Mensch bleibt das moderne Raubtier. Und: Die Welt regiert sich selbst. Die Regeln ändern sich nie. Bis ins hohe Alter von 94 Jahren bewegen ihn zwei Lebensthemen: Der Schrecken des Krieges, untrennbar verknüpft mit dem Schicksal seiner Heimatstadt. Und seine rastlose Suche nach Erkenntnissen.  Letzte Ausstellung in Wien. Kluge im Konjunktiv der Bilder 2025: „Die aktuelle Bedrohung ist die Inflation der Bilder. Fake News muss man nicht fürchten. Man muss sie widerlegen. Mist muss man wegräumen.“

 

Die Welt im Sucher. Alexander Kluge (1932-2026) Rastlos, wissensdurstig, produktiv. Quelle: https://kluge-alexander.de/

 

Kurz vor seinem Tod experimentiert der Universalist mit KI-Systemen. Wie kann man Computer-Generiertes in Widersprüche und Fallen locken? „In meinem ganzen Leben habe ich keinen Menschen gesehen, dessen Geist derart über alle Grenzen springt“, schreibt Weggefährte und „Heimat“-Filmemacher Edgar Reitz. Alexander Kluge war „ein leuchtender Stern“; er sei überzeugt gewesen, dass er in seinen nicht realisierten Projekten weiterleben wird. Die Schauspielerin Lilith Stangenberg spielte 2020 die Hauptrolle in Kluges Orphea. Die Welt sei ohne ihn einsamer geworden und zugleich so reich beschenkt worden, betont sie: „Au revoir, liebster Alexander, möge dein neuer Gastgeber dich mit besonderer Zärtlichkeit behandeln.“

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„Ohne Berlin kein Bach“

Berlin und Bach? Zugegeben: Das passt nicht so richtig. Oder mal wieder nur große Klappe? Typisch Berlin? Was stimmt: Auch 341 Jahre nach seiner Geburt wird Johann Sebastian Bach weltweit gefeiert. Der Thomaskantor aus Leipzig mit seinen über zweihundert Werken: Sinfonien, Toccaten, Choralbearbeitungen, Trios, Partiten, Präludien und Fugen. Anfang des 18. Jahrhunderts war der barocke wie kreative Komponist eine Berühmtheit. Gefeiert und gerne gespielt, nach seinem Tod 1750 jedoch wurde er vergessen. Sohn Carl Philipp Emanuel Bach war zu Lebzeiten berühmter als sein Vater. Es dauerte fast ein Jahrhundert, bis Vater Johann Sebastian wiederentdeckt wurde. Wo? In Berlin.

 

Johann Sebastian Bach. (1685-1750). Eine Replik dieses Ölgemäldes von Elias Gottlieb Haußmann hing im elterlichen Wohnzimmer.

 

11. März 1829. Der entscheidende Tag, an dem der vergessene Bach ins Konzertleben zurückkehrte. Der erst 20-jährige Felix Mendelssohn Bartholdy dirigiert in der Berliner Singakademie (heute Gorki-Theater) die Matthäus-Passion. Ein Sensationserfolg und das berühmteste Comeback der Musik-Geschichte. Die Passion war seit des Meisters Tod 1750 nicht mehr aufgeführt worden. Viele hielten Bachs Barockwerke für aus der Zeit gefallen und „veraltet“.

Mendelssohn kürzt die Matthäus-Passion ein, führt es romantisierend auf. Im begeisterten Publikum unter anderem der Philosoph Friedrich Hegel, der Theologe Friedrich Schleiermacher und angeblich sogar Heinrich Heine. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. schickt ein glühendes Dankschreiben. Das knapp dreistündige Werk wird sofort dreimal wiederholt. In der Folge werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts überall Bach-Gesellschaften gegründet. Der Vorsitzende der Neuen Bachgesellschaft, der Sachse Hermann Kretzschmar ruft 1901 zur Eröffnung des Ersten Bachfestes in der Hauptstadt aus: „Ohne Berlin kein Bach“.

 

 

Das Bach-Comeback. Nicht in seiner Heimat Thüringen oder in Leipzig. Nein, in der „lärmenden, hektischen, nervösen Weltstadt“. Ausgerechnet in Berlin wird vor gut hundertzwanzig Jahren am eifrigsten „Propaganda“ für Bach gemacht, so überraschte Zeitgenossen. Längst hat er sich weltweit zu einem Giganten der Musikgeschichte entwickelt, dieser Säulenheilige des Protestantismus. Ein Magier und Heiler, dessen Kantaten, Choräle und Konzerte zeitlos bleiben. Bach belebt, beruhigt und bewegt, tröstet und verzaubert. Seit nunmehr drei Jahrhunderten hat der gebürtige Eisenacher Tastengott unzählige Bewunderer: von Preußen-Prinzessin Anna Amalia über Helmut Schmidt bis Albert Einstein. Der Nobelpreisträger: „Was ich zu Bachs Lebenswerk zu sagen habe: Hören, spielen, verehren und – das Maul halten.“

 

 

Und Leipzig? 1723 war Bach bei seiner Berufung als Thomaskantor nicht einmal erste Wahl, sondern nur die vierte. In Leipzig wurde er gemobbt und getriezt, seine Arbeitsbedingungen verschlechterten sich fortwährend. Woche für Woche musste er eine Kantate komponieren, ohne Pause, bei Fieber und Nackenschmerzen, mit plärrenden Kindern im Haus. „Leipzig hat ihm das Blaue vom Himmel versprochen und nur wenig gehalten“, notiert Bach-Biograf John Eliot Gardiner. Der Komponist habe sich stets als Künstler verstanden, „wollte akzeptable Bedingungen und ansonsten in Ruhe gelassen werden“. Kein geschmeidiger Mitarbeiter; die Kunst der Diplomatie besaß er nicht. Er hätte so manche Degradierung vermeiden können.

 

 

Heute ist Johannes Lang, Jahrgang 1989, der 18. Thomas-Kantor in Leipzig. Ein Ausnahmetalent mit echten Steher-Qualitäten. Am Reformationstag 2025 spielte er mit seinem Projekt Gravity-Bach in 22 Stunden das gesamte Orgelwerk Bachs ein.  Mehr als zweihundertmal Bach in vierzehn Konzertabschnitten. Der junge Organist zog an der Thomas-Orgel alle sechzig Register, bis er nach einem ganzen Bach-Tag erschöpft, aber euphorisch den Schlussakkord setzte.

 

 

Langs Urgroßvater war übrigens gleichfalls Thomaskantor in Leipzig. Der kleine Johannes wagte die ersten Orgeltöne mit acht Jahren. Sein erstes Stück? Das berühmte Präludium in C-Dur von Bach. Was sonst?

Ohne Berlin kein Bach. Eine Sonderausstellung des Eisenacher Bachhauses im Berliner Dom. Bis 3. Mai 2026

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Geliefert

Lesung in einem kleinen Second Hand-Laden in der Leipziger Südstadt. Zu Gast im überfüllten Gisiversum: Tomer Gardi. Groß, langer grauer Bart, gut gelaunt, offenes Hemd und auf Tour mit seinem neuen Roman: »Liefern«. Gardi ist ein Weltreisender und Entdecker wie einst Kolumbus. Aufgewachsen in einem Kibbuz in Galiläa, als Jugendlicher an der Amerikanischen Schule in Wien, nunmehr in seiner Wahlheimat Berlin. Der 52-jährige Israeli gilt als neuer Popstar der Literatur. Und Gardi liefert. Genau, gründlich und mit großem Humor. Er erzählt eine Geschichte über Essenslieferanten in sechs Kapiteln. Er nennt sie die „Riders“. Eine faszinierende Innenansicht aus dem Maschinenraum unserer globalen Welt. Von Berlin bis Buenos Aires, von Istanbul bis Neu-Delhi.

 

Tomer Gardi. Der israelische Autor liebt eine bestimmte Art von Neugier. Neugier funktioniere bei ihm wie Hunger oder Lust. Foto: Als Buchpreisträger in Leipzig 2022.

 

Jede/r kennt sie: Die Riders. Unterwegs bei Wind und Wetter, Schnee, Eis oder Hitze. Sie rasen auf ihren E-Bikes mit viereckigen Rucksäcken, Handys in der Hand von Termin zu Termin. Uniformiert wie Krieger aus dem Star Wars-Kosmos, schwärmen sie rund um die Uhr zu ihren Kunden aus; algorithmisch gesteuert und fernbedient von ihren Zentralen. Rote Ampeln sind natürliche Feinde. Die Uhr ein ständiger Gegner. Ausgestattet mit geringen Ortskenntnissen, dürftigem Englisch und noch schlechter bezahlt. Die Essenslieferanten versorgen ihre ungeduldige Kundschaft mit Sushi, Pizza oder Döner. Sie suchen und finden, klingeln und klettern bis zu fünf Etagen hoch, wenn der Fahrstuhl mal wieder streikt. Hauptsache schnell! Hauptsache billig! Hauptsache pünktlich! Manche in den schicken Altbauvierteln geben Trinkgeld, andere sagen nicht einmal danke.

Filmon aus Eritrea ist einer dieser Riders. Er hetzt durch Tel Aviv und ist einer der Helden aus Gardis Roman. Aus seiner Heimat über die Wüste Sinai nach Israel geflüchtet, schlägt er sich als rasender Bote durch. Er hat nur ein Ziel: Deutschland. Seine Frau Daniat hat es mit ihrer Tochter bis nach Berlin geschafft. Dort will er hin, hat aber weder Geld noch Visum. Filmon ist einer von vielen Riders. Eine unterbezahlte Kavallerie des Online-Kapitalismus. Die unterste Kaste in der Fress-Pyramide. Trotzdem: Liefer-Jobs sind heiß begehrt, weil sie Migranten wie Filmon einen Job versprechen: ohne Papiere, dafür mit App, Ausrüstung und Aufträgen.

 

 

Eine kurze Kostprobe aus »Liefern«: „Filmon, sagte der Wärter zu mir, willkommen im globalen Dorf. Wir brauchen hier einen Dorftrottel. Wäre das nichts für dich? Und ich sagte ja. Und ich dachte mir, fuck, nein. Und lächelte, ganz groß. Und ging rein.“

So beginnt Gardis Reise durch die Niederungen der digitalen Dienstleistungsgesellschaft. Seine clever miteinander verwobenen Geschichten erzählen von Ausbeutung, Stress und Ausgeliefertsein, aber auch von Liebe, Freundschaft und der unstillbaren Sehnsucht nach dem kleinen, großen Glück.

Der Leipziger Buchpreisträger von 2022 hat für sein Liefer-Epos drei Jahre lang weltweit recherchiert. Sein Vorbild: der britische Detektivroman des 19. Jahrhunderts. Die kamen damals in alle Lebensmilieus, sahen die Stadt in einer ganz besonderen Weise. Für Tomer Gardi sind die modernen Express-Lieferanten die Detektive des 21. Jahrhunderts. Ständig unterwegs, stehen sie vor jeder Tür, erreichen alle Schichten. Die Riders sind durch ihre Uniformen stets sichtbar, betont Gardi, bleiben aber als Personen unsichtbar. Gardis Roman gibt den vielen Riders einen Namen, ein Gesicht und eine Geschichte.

 

Tomer Gardi im Second Hand-Laden Gisversum. Der Reiz der Leipziger Buchmesse. Lesungen an ungewöhnlichen Orten.

 

Am Ende seiner Leipziger Lesung empfiehlt Tomer Gardi: Wenn bei Ihnen das nächste Mal der Lieferant klingelt, steht nicht nur ein namenloser Bote vor der Tür, sondern jemand, der uns ein bequemes Leben garantiert. Trinkgeld nicht vergessen!

Sehr empfehlenswert: Tomer Gardi. Liefern. Tropen-Verlag.

 

 

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Volle Kraft voraus

Fünf Jungs verwandeln ihre Konzertabende in wilde Hexenkessel. Konfetti-Kanonen knallen los. Die Band beginnt laut, klar und geradeaus. Eine begeisterte Menge schubst sich ausgelassen im dichten, schweißnassen Pogokessel vor der Bühne. Selbst kritische Medien sind begeistert. „Massenkarambolage aus Glück“, heißt es, oder: „Utopie für zwei Stunden“ und „Kraftklub verwandelt Luxemburg in zwei Stunden Randale“. Willkommen im Karl-Marx-Stadt-Kosmos. Kraftklub aus Chemnitz macht seinem Name aller Ehre. Ein Kraftwerk unter Volllast, eine Liveband wie ein AKW kurz vor der Kernschmelze. Im neuen Song Marlboro Mann heißt es: „Auch wenn es Abfuck ist und schwer. Auch wenn es Kraft kostet, so sehr. Auch wenn du das nicht mal bemerkst. Wir haben´s geschafft, schon bis hierher.“

 

 

Alle fünf Musiker sind in Karl-Marx-Stadt geboren. Aus dem viel geschmähten Nachwende-Chemnitz verbreiten sie in weißen Trainingsanzügen mit roten Hosenträgern alles, bloß keine ausgeleierten Ost-Klischees oder schlechte Laune. Vielmehr flotte Beats, starke Mitsing-Refrains und eingängige Songtexte. Die Band um Leadsänger Felix Kummer feiert das Hier und Heute und das Glück in der Gemeinschaft. Auf der 2026er-Tour unterstützen sie Tokio Hotel, Deichkind, Blond und die deutsch-Italienische Rapperin Domiziana. Die Stimmung kocht hoch bis zum Siedepunkt. Der Kraftklub-Kosmos erstreckt sich längst vom Gig am berühmten Chemnitzer Nischl, dem riesigen Karl-Marx-Denkmal in ihrer Heimat bis nach Argentinien oder Kolumbien.

 

 

Ihr neues Studioalbum „Sterben in Karl-Marx-Stadt“ ist ihr fünftes seit 2009. Jedes Album landete zuverlässig auf Nummer 1 in den Charts. Neu ist: Fast die Hälfte der zwölf Songs handelt von Abschied, Schmerz und Tod, kein leichter Stoff.  Doch „selten klang Kraftklub so verletzlich, so reif“, lobt das Kritikerportal Laut.de. Sterben in Karl-Marx-Stadt sei „das bisher erwachsenste, emotionalste und vielseitigste Kraftklub-Album“. Ostdeutschland bedeutet für die Chemnitzer Band um Frontman Felix Kummer oder Gitarrist Karl Schumann nicht: Pegida, Perspektivlosigkeit und Probleme, sondern Power, Partypush – und politische Geradlinigkeit. „Wir sind fünf kleine Zecken“ ruft Kummer live in die Menge. Ihre Songs wenden sich immer wieder gegen Wegschauen, Hinnehmen, Gleichgültigkeit und Mitlaufen.

 

 

„Doch irgendwann ist da eine Gegend/In der keine Fahnen in den Kleingartenanlagen wehen/Keine Regeln, Strafen und Gesetze/Außer so zu leben, dass Franz Josef Wagner was dagegen hätte/Komm, fahr mit mir/im 4×4“. Zackige Beats, eingängige Strophen und Nahbarkeit sind das Kraftklub-Erfolgsrezept. Die Fünf sind eine Mutmacher-Band in schweren Zeiten. Geradeaus. Kurs auf Gemeinschaft und unverdrossen auf der Suche nach kollektiven Glückserlebnissen. Ihre Botschaft? Der Osten ist anders.

Mitzuerleben auf der aktuellen Tournee von Bremen bis Zürich bis Ende März 2026. Im Juli und August gastieren die Chemnitzer aus dem Wahlkreis von AfD-Gründungsmitglied Alexander Gauland auf großen Open Air-Konzerten von Bielefeld bis Berlin. Fast alle Gigs sind längst ausverkauft. Ein paar Karten soll es noch in Mönchengladbach geben.

 

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Ach Berlin, du kesse Göre

Mitte März 1956. Vor genau siebzig Jahren. Eine Frau schlendert allein durch das abendliche verschneite Kudamm-Berlin. Die vertrauten alten Straßennamen rund um den Savignyplatz kommen ihr wie „ein sehnsüchtiges Gedicht“ vor. Am Boulevard Kurfürstendamm leuchten  Verkaufsvitrinen, der dunkle Rest dämmert dahin in der zerstörten, verwahrlosten Stadt. Die zierliche Fremde wundert sich. Schließlich steuert sie nach langem Zögern ihre alte Wohnung in der Bleibtreustraße 10/11 an. Ein heruntergekommenes Mietshaus, es steht noch. Die Türen sind verschmiert, im Treppenhaus grauer Treppenboden, „es riecht nach Windeln und Kohl und Piefkehaushalt“. So schildert die 48-jährige Mascha Kaléko, der umjubelte Shootingstar der letzten Weimarer Jahre, die Begegnung in der Bleibtreu. Sie nimmt sich ein Herz.

 

Mascha Kaléko in den fünfziger Jahren. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Mascha Kaléko klopft an. Eine Frau um die Vierzig öffnet: „Ich trage ihr mein Verslein vor. Zu Besuch in Berlin, wohnte hier vor 20 Jahren und versprach meinem Kind, das hier geboren wurde, die Räume nochmal zu besuchen, – – ob ich wohl 1 Minute rein könnte. Sie schlägt mir die Tür ins Gesicht mit einem knochenharten Nein. Nicht möglich. – Mein Heimweh nach Berlin ist ein bisschen gedämpft.“ Rumms. Tür zu. Das Wunder einer Wiedersehensfreude bleibt aus. Die vertriebene Versekünstlerin wird vor die Tür gesetzt. Mascha notiert an ihren Mann Chemjo, der wie Sohn Steven in New York zurückgeblieben ist: „Die Gesichter … Nirgends außer in Berlin sah ich so viele misstrauische Gesichter, so viel verhärmte Gesichter und Augen, denen man schreckliches ansieht, das sie sahen und selber durchmachten! Nein, besser sind sie nicht geworden durch den Krieg und alles vorher und nachher.“

Die Rückkehr der Dichterin. Mascha durchlebt in diesen Stunden eine Achterbahn der Gefühle: Vom Gefeiert werden über Misstrauen bis Ablehnung. Der Rowohlt-Verlag hat für sie eine Lesereise durch Westdeutschland organisiert, von Hamburg bis München. Davon erzählt Volker Weidermanns Buch „Wenn ich eine Wolke wäre“. Der Zeit-Autor beschreibt „die Reise ihres Lebens“ Anfang des Jahres 1956. Die Geschichte eines Comebacks. Gut zehn Jahre nach Kriegsende und achtzehn Jahre nach ihrer dramatischen Ausreise in letzter Minute mit Mann und Kind in die USA.

 

Mascha Kaléko (1907-1975) 1930 auf Hiddensee. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Was ist nach zwölf Jahren Hitlertum, Hunger, Elend, Teilung und Kalter Krieg von ihrem geliebten Berlin geblieben? Wenigstens die Sprache, das schnoddrige Berlinerisch, das ihr so gefehlt hat: „Berlin kommt mir wie vor wie eine alte Jugendfreundin, die kaum einen Zahn, der die Lücken der anderen noch betont. Aber manchmal geht doch ein Lächeln über diesen zahnlosen Mund, das man die alte Freundin zu erkennen glaubt. Pompeji ohne Pomp“.

In jenen Tagen wird eher geschwiegen über das, was in den NS-Jahren passiert ist. Dennoch gibt sich die verbannte Jüdin Mascha Kaléko unverzagt: Offen und unvoreingenommen den Dingen auf den Grund zu gehen. Ihr Aufstieg in den „paar leuchtenden Jahre“ bis 1933 war phänomenal, ihr Abstieg genauso. Die Flucht in die USA stürzt sie in ein Dilemma. Sie überlebt, doch ohne Job, mit einem unstillbaren Heimweh. Nur an ihrem Motto hält sie fest: „Ich muss mich auf Wunder verlassen.“ Und: Das Leben voran träumen. Das neue Deutschland wirkt erschöpft, leer, grau und trostlos wie die Ruinen. Die Menschen sind verschlossen. Trotzdem bleibt sie „grundlos vergnügt“: „Ich freue mich, dass ich bin.“ Auch wenn es ihr auf ihrer Comebacktour schwer fällt. Die Außenseiterin, die wieder dazugehören will.

 

Mascha Kaléko mit ihrem zweiten Ehemann, dem Komponisten und Chorleiter Chemjo Vinaver. Quelle: Deutsches Literaturarchiv Marbach

 

Als sie auf ihrer Lesereise in Kassel auftritt, wird das Ausnahmetalent gefeiert, wie einst im untergangenen Babylon Berlin. Wenn sie Verse vorträgt wie:

»Man braucht nur eine Insel
Allein im weiten Meer
Man braucht nur einen Menschen,
den aber braucht man sehr.«

Ihre „Gebrauchslyrik“ trifft den Nerv, füllt Säle und berührt sogar einen ehemaligen SS-Offizier. An ihren Mann Chemjo, der sich weigerte nach Deutschland mitzukommen, notiert Mascha nach New York: „Du kannst Dir denken, wie selig die Veranstalter waren.“ Dabei weiß sie: Mit Gedichten kann man Tyrannen nicht aufhalten. Aber mit ihrer Poesie und einer kräftigen Prise Ironie kann Menschen Hoffnung und Halt vermittelt werden. Wenigstens das! Diese Mascha-Mischung aus Melancholie, politischer Schärfe, Genauigkeit und Esprit. Kein Gleichschritt, keine Volkstümelei, einfach nur allzu Menschliches. Was sonst?

„Mein schönstes Gedicht?
Ich schrieb es nicht.
Aus tiefsten Tiefen stieg es.
Ich schwieg es.“

 

 

Dota Kehr interpretiert seit vielen Jahren Kalékos Gedichte. Im Sommer erhält die Liedermacherin in Rudolstadt den „Weltmusikpreis Ruth 2026“ für ihr Mascha-Kaléko-Programm „In der fernsten der Fernen“. Wie schön: Die kleine, freche, neugierige, kesse, hochtalentierte Mascha, sie lebt.