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Auf Maos Spuren

Moin. Früh, mittags, abends schallt einem dieses kurze Moin entgegen. Oben im hohen Norden. Mal zackig, mal vernuschelt, aber stets, wenn man sich irgendwo begegnet, zwischen Föhr und Wangerooge. Wer wie wir mit dem Rad ohne Elektro-Energie übers Land strampelt, vorbei an Maisfeldern, Kuhweiden und obligatorischen Windrädern, muss rasch feststellen: Der Menschenschlag im Norden ist wie der stramme Gegenwind: Steif, sturmfest und wortkarg. Hier macht man wenig Worte. Geredet wird in dieser Welt eh zu viel.

In den letzten Augusttagen ziehen wir unsere Kreise durch Ostfriesland. Mit vollen Packtaschen, ohne Hilfsmotor. Hier gibt es keine Steigungen. Nur der Wind ist selten unser Freund, häufig bläst er hartnäckig ins Gesicht, zwingt letzte Reserven in die Pedale, während behelmte E-Bikende Rentner vorbeiziehen – auf den langen Geraden entlang der Kanäle zwischen Wiesmoor und Aurich.

 

Moin. Morgens auf der Insel Föhr an der Nordsee.

 

Der beredte Guide vom Reiseveranstalter empfahl: In Ostfriesland am besten mit dem MAO-Motto reisen: Mund, Augen, Ohren auf. So funktionierts. Besser als jede App, die sowieso regelmäßig im Funkloch versinkt. Merkwürdig nur: Menschen trifft man kaum. Entweder rasen sie über die größeren Landstraßen, sitzen in Monster-Traktoren breit wie die Chaussee oder mähen stumpfsinnig ihre Rasen. In den Dörfern sind ständig Pflegedienste und Amazon im Einsatz. So passieren wir endlose Einfamilienhaus-Einöden. Klinkergebäude, Carport, große Vorgärten, Rasenroboter.

 

Weiter Himmel. Der Geschmack vom Meer. Irgendwo hinterm Horizont.

 

Die Wohnkultur auf dem Lande? Eine Selbstdarstellung der Bundesrepublik, wie sie leibt und lebt: Buchenhecken, Buchsbaum-Orgien, Wembley-Rasen, gepflasterte Zufahrten, Kiesornamente oder vergitterte Steinwälle. Ein Land, reicher denn je, präsentiert gestalterische Monotonie und Austauschbarkeit, soweit das Auge fällt. Manchmal ist ein Mensch zu sehen. Dann heißt es: Moin. Was sonst?

 

Beliebt: Ostfriesen-Mauer. Gesehen in Emden.

Unverzichtbar: Rasenroboter.

 

Nun gut. Ostfriesland rühmt sich für Bodenständigkeit, Gemeinschaft und Gastfreundschaft. Abends gibt es ein Schnäpschen auf Kosten des Hauses. Die Alten erzählen von Sturmfluten, kalten Wintern und heizbaren Stövchen, das die Damen in der Kirche unter ihre Röcke platziert haben. Die Kirchen sind wie Trutzburgen, heute stehen sie meistens leer. Manche Türme sind windschief, weil der Boden „Pudding“ ist. Wenn im Laufe der Jahrhunderte das Eichenfundament vermodert, gibt es – schwups – eine neue Touristenattraktion wie in Suurhusen bei Emden. Der Kirchturm gilt als einer der schiefsten Türme der Welt. 2 Meter 47 Überhang. Jedes Jahr ein paar Zentimeter mehr. Mehr als in Pisa! Kein Gotteswille, kein Teufelswerk. Nein, schlicht der ostfriesische Untergrund. Marsch, Wasser, Moore. „Kannst nichts machen. Haste sonst noch Fragen?“

 

Der schiefe Kirchturm von Suurhusen. 2 Meter 47 Überhang. Eine Touristenattraktion in Ostfriesland.

 

Was begeistert, ist die entspannte Ruhe. Der weite Blick. Die Weiden, Wiesen und Felder. Man spürt: Das Meer ist nah. Wolken wie Wattebäusche. Für Caspar David Friedrich symbolisierten Wolken stets das Göttliche. Eine Anekdote erzählt, dass seine Kinder jederzeit in sein Dresdner Atelier kommen durften, außer wenn er mit Himmelszeichnungen beschäftigt war. Maler-Ikone Friedrich war kein Ostfriese. Aber auch einer von der Küste. Von der Ostsee. Aus Pommern. Vom Menschenschlag scheinen sich Ostfriesen und Vorpommern nahe zu sein. Die gleiche Dickschädlichkeit, der gleiche trockene Humor. Nur nicht zu viel reden. Wortmüll gibt’s genug in dieser Welt. Moin, Moin! Und Tschüss.

 

Hol über! Auf der Fähre von Glückstadt.

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Die Löwin von Neukölln

Berlin-Neukölln. Rollbergviertel: Betonburgen, Tiefgaragen, Müllcontainer. Dazwischen ein bisschen Grün. Ein sogenannter sozialer Brennpunkt. Für Güner Balci Kindheit, Jugend und ein Stück Heimat: „Für uns Kinder war die Großsiedlung ein Raum, in dem jeder sein konnte, wie er war. Wir waren die Herrscher über Treppenaufgänge, Kellerräume und Garagen. Wir, das waren hunderte Kinder, deren Eltern aus unterschiedlichen Ländern eingewandert oder Deutsche ohne Migrationsgeschichte waren.“ Alle Familien hätten viele Kinder gehabt. „Man hatte sein Auskommen, sofern die Eltern arbeiten gingen. Nicht alle taten das – die ersten Anzeichen der späteren fatalen Entwicklung.“

Eine Kindheit ohne Klavierunterricht, Ballett, Helikoptereltern und Nachhilfestunden. „Der Rollbergkiez war meine Lebensschule“, schreibt die 50-jährige Autorin und Integrationsbeauftragte von Neukölln in ihrem neuen Buch „Heimatland“. „Wir kannten keine Nanny und keine durchgeplanten und betreuten Kinderfreizeiten. Wir hatten das Columbia-Bad. Aber nicht alle hatten Geld für den Eintritt. Da half alles nichts: Man musste über den mit Stacheldraht bewehrten Zaun klettern. Einmal trug mir das eine klaffende Fleischwunde am Oberschenkel ein.“

 

Neuköllner Rasselbande in den vierziger Jahren. Neukölln war schon immer – anders.

 

Die waschechte Neuköllnerin Güner Balci ist ein Gastarbeiterkind. Ihre Eltern Mahmut und Fatma waren einfache, herzenskluge Bergbauern. Aleviten aus Ost-Anatolien. Ihr Glück suchten sie in Almanya. Berlin wird ihre neue, zweite Heimat. Mutter Balci schrubbt vierzig Jahre in Krankenhäusern, damit es ihren vier Kindern einmal besser geht. Die junge Güner genießt viele Freiheiten und lernt rasch die Gesetze der Straße kennen. Abenteuer, Gemeinschaft, Langeweile, erste Liebe, Mädchenladen MaDonna, aber auch Klauen von Nike-Sportschuhen oder Gegnern „die Nase putzen“: „Nach Myriaden blauer Flecken und einigen ausgeschlagenen Zähnen lernte ich, mich wehrhafter zu zeigen. Es kann nicht immer falsch sein, dem Richtigen eins auf die Fresse zu geben.“

Anfang der achtziger Jahre, so Güner Balci, ändert sich vieles im Kiez. Arabische Familien ziehen ins Rollbergviertel. Es gibt neue Abschottungen und Kontrolle durch Sittenwächter. Die Macht der Imame zeigt Folgen: Geschlechterapartheid und Gewalt gegen „Ungläubige“. Was besonders auffällt: Mädchen verschwinden von der Straße. Sie werden zu „Schattenwesen“. Für sie heißt es plötzlich: „Freunde, Freizeit, Freiheit waren jetzt Haram, verboten.“

 

Der Himmel über Neukölln. Blick vom Szenetreff Klunkerkranich über die Dächer der Stadt. Auch hier ist Neukölln anders – als viele Klischees.

 

Güner Balci studiert. Sie lebt ihren Traum als junge, selbstbewusste Migrantin. Ihre erste große Liebe ist Tschabo, ein Sinto und „der weltbeste Rhythmusgitarrist“. Beim Prince-Konzert in der Deutschlandhalle erklimmt Güner die Bühne, um mit ihrem Idol zu tanzen. Sie wird Journalistin, arbeitet unter anderem für das ZDF-Magazin Frontal 21. Ihre Beiträge über Islamismus, Migrantenalltag und Parallelgesellschaften sind gründlich recherchiert, aber äußerst unbequem. Islamisten und Konservative laufen Sturm. Unermüdlich warnt Balci auch in ihren Büchern (Arabboy, ArabQueen) vor einem weit verbreiteten Kulturrelativismus. („Die sind eben anders“). Gleiche Maßstäbe für alle, egal ob Migrationshintergrund oder nicht, das ist der Kern ihrer Botschaft.

Als sie 2020 Integrationsbeauftragte von Neukölln werden soll, gilt sie für Teile der Linken und Grünen als „ungeeignet“. Güner Balci polarisiert. Bei ihrem Namen bekommen viele Bedenkenträger einen dicken Hals. Sie sei eine „Erfolgsrassistin“, heißt es. „Wallah, die spinnt!“ Doch die Shitstorms feuern die streitbare Löwin von Neukölln eher noch an. Sie betont: „Wenn bei vielen Dingen, die ich in der Öffentlichkeit sage, Neonazis, Rechtsextreme, Islamisten, türkische Faschisten und bestimmte extremistische linke Gruppen Puls kriegen, dann habe ich alles richtig gemacht.“

 

 

Ihr Buch „Heimatland“ ist eine einzige große Liebeserklärung. An ihren Kiez in Neukölln, an Berlin und – ja – an Deutschland. In der heiß diskutierten Migrationsfrage ist Balci überzeugt: „Wir hätten heute vielleicht keine AfD, wenn wir schon seit Jahrzehnten mehr Mut zur Wahrheit und Verantwortung gehabt hätten.“ Mit ihrer Sicht wird sie sicher wieder anecken. Aber Kämpfen ist Güner Balci seit Rollberg-Zeiten gewohnt. Was hat sie von ihrer alevitischen Mutter gelernt: Nie unterkriegen lassen, nie!

Güner Yasemin Balci. Heimatland. Berlin Verlag. 2025

Transparenzhinweis: In den 10er-Jahren haben Güner Balci und ich mehrfach für das Kulturmagazin aspekte zusammengearbeitet.

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Am Ende der Welt

Sommerzeit, Reisezeit. Die Autobahnen sind voll. Rechts eine endlose LKW-Karawane, häufig zweispurig blockiert. Links eine glitzernde Perlenkette von Wohnmobilen, Familienkutschen, eiligen Kleintransportern, Dränglern und Rasern. Überall Baustellen. Stillstand. Kilometerlange Staus in der Augusthitze. Wenn es dreispurig weitergeht, wird sofort auf die Tube gedrückt. Frust-Raserei, als gebe es kein Morgen. Bis zur nächsten Baustelle oder bis zur nächsten Vollsperrung. Der Grund: Massenkarambolage. Wieder Stillstand. Der Stau macht alle gleich. Vom Porschefahrer bis zum rumänischen Schwertransporter. Irgendwann kommt Bewegung in die Blechlawine. Weiter geht’s. Bis zum nächsten Halt. Für die Strecke Stuttgart – Berlin brauche ich an diesem Sommertag neun Stunden.

In Thüringen habe ich die Nase voll. Ich biege auf der Höhe von Schleiz ab. Die Welt wird sofort anders. Hügelig, heimelig, entspannter, geradezu beruhigend. Ich lasse mich auf schmalen, kurvigen Landstraßen ein Stück weit treiben, bis ich an einem aufgelassenen Steinbruch anhalte. Absolute Ruhe. In der Tiefe des Steinbruchs hat sich ein azurblauer Baggersee aufgestaut. Ich schließe mein Mercedes-Veteran ab und laufe einfach los. Bergauf, bergab. Am Himmel kreist ein Mäusebussard. Irgendwo tuckert ein Traktor. Hinter einem Hügel ragt ein wuchtiger Kirchturm mit Haube hervor. Das wird mein Ziel. In der abendlichen Augusthitze erreiche ich rasch eine barocke Trutzburg, umfasst von einer vierseitigen Feldsteinmauer. Am Ortsschild steht: Göschitz.

 

Kirche mit Fußballplatz. Göschitz. 200 Einwohner. Saale-Orla-Kreis Thüringen. August 2025

 

Vor der Kirche ein einsamer Fußballplatz. Durch den Torbogen gelangt man zum Eingang. Die Tür steht weit offen. Irgendwo brummt ein Rasenmäher. Im Innern ein heller, großer Kirchenraum. Schlicht, spartanisch, protestantisch. Auf der Westempore eine stattliche Orgel. Plötzlich bellt ein Hund. Sekunden später stehe ich dem Mann am Rasenmäher gegenüber. Er stellt sich als Kirchenältester vor. Ein brummiger Anfang Sechziger. Zuerst misstrauisch, kommen wir ins Gespräch. Ja, das sei eine alte Kirche im Reußenland. Viel Arbeit, wenig los. Zum Gottesdienst alle sechs bis acht Wochen kommen noch fünf oder sechs Menschen. Er sei für alles zuständig. Vom Rasenmähen über Reparaturen bis zu den Gemeindefinanzen. Die Zuständigkeit wolle ihm Erfurt jetzt wegnehmen: „Sparen. Die wissen alles besser, haben aber keine Ahnung, was auf dem Dorf los ist.“

Der Mann taut auf. Seine Kinder seien alle in der Nähe geblieben. Das mache ihn stolz. Ansonsten? Die Gemeinde! „Wenn´s so weiter geht, ist bald Schluss!“ Ich frage nach Daniel Sturm, der auf einer Gedenktafel steht. „Kennen Sie den nicht? Ein bekannter Dichter, war hier Pfarrer.“ In der St. Jodocus-Kirche von Göschitz gab es sogar beheizte Kirchenbänke. „Wegen der Winterkälte. Die Heizung ist kaputt. Der Elektriker, der sie eingebaut hat, ist tot.“ Ich frage, ob ich die Orgel spielen darf. „Ja, aber wenn Sie falsch spielen, ist Schluss“, lächelt er.

Auf der Empore angelangt, werfe ich die elektrische zwei-manualige Dorforgel an, ziehe jede Menge Register. Wow! Ein kräftiger, vielstimmiger Klang. Das Beste: im tiefsten ostthüringischen Winkel stammt die Orgel aus dem Jahre 1911 von der Firma Walcker – aus meiner Geburtsstadt Ludwigsburg. Ich darf spielen, solange ich will. Beim Abschied ruft er mir zu: „Sie können hier Urlaub machen. Wir haben einen Gasthof mit Übernachtung.

 

St. Jodocus-Kirche Göschitz. Hier ist viel Platz. Sonntags alle sechs bis acht Wochen kommen noch fünf, sechs Gottesdienstbesucher.

 

Wem die Stunde schlägt. Als ich zum Steinbruch zurückwandere, höre ich drei Glocken läuten. Die erste für jede Viertelstunde, die zweite für die volle. Die dritte setzt ein, weil es 18 Uhr wird. Das Tagewerk ist vollbracht. Das Bimmeln begleitet mich fast bis zum Baggersee. Dort am anderen Ufer vergnügt sich ein junges Pärchen, nackt wie Adam und Eva. Sie kichert fröhlich. Er wirft sein Moped an. Als ich wieder auf der Autobahn A9 Richtung Berlin bin: Aufatmen. Es ist deutlich weniger voll, keine Staus mehr. Auf einer der nächsten Autobahnbrücken taucht plötzlich ein blaues Fahnenmeer auf. Auf einem großen Transparent steht: „Scheiß ARD!“ Wenig später grüßt eine weitere AfD-Brücken-Demo. Ein Tag im Sommer 2025.

Liebe in Zeiten des Hasses? Dieser Song wird in Thüringen und Sachsen gerne gehört. Roland Kaiser: „Liebe kann uns retten“. Kaisermania im AfD-Land:

 

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Wenzel, die Wärmepumpe

Wenzel – wer? Um ehrlich zu sein. Ich kannte nur seinen Namen, mehr nicht. Das war ein Fehler. Der Mann hat über 500 Lieder geschrieben. Liebes-Lieder, Balladen, bitterböse Satiren und manchmal auch derbe Sauf- und Rauflieder. „Hans-Eckardt Wenzel ist ein deutscher Liedermacher, autodidaktischer Multiinstrumentalist, Autor, Regisseur und Komponist. Auf Plakaten, Alben und Konzertankündigungen verwendet er ausschließlich seinen Nachnamen Wenzel als seinen Künstlernamen“, teilt Wikipedia mit. Nun ist Wenzel siebzig geworden. Ein Grund zum Feiern. Und eine Möglichkeit, Wenzel endlich kennenzulernen. „Glaubt nie, was ich singe“, heißt eines seiner fünfzig Alben. Ja, es lohnt sich.

 

 

Wenzel sieht sich gerne in der Rolle des Narren. Er nimmt sich auf dem Narrenschiff – unsere aktuelle Weltbühne – alle Freiheiten. Er sagt: „Wehe dem Volk, das keine Narren hat, Spott ist die Waffe der Bedrängten gegen den Hochmut der Macht.“ Und weiter: „Wehe dem Volk, das Narren nötig hat. Es taugt der Mensch als Feind nicht, wenn er lacht. Weg mit der Kunst, es siegt das Militär, der Frieden fällt den Reichen viel zu schwer.“ Trotz aller Gedankenschwere sucht er in seinen Liedern nach mozartscher Leichtigkeit. Musik ist sein Medium. Anspruchsvoll, witzig, wach, aber nicht woke. Sein Befund zur Lage der Nation: „Eine stalinistische Humorlosigkeit hat dieses Land befallen“.

Wenzel beherzigt das Motto seines großen Vorbildes Woody Guthrie: „Mein Frieden ist alles, was ich dir geben kann.“ Tochter Nora Guthrie, die den gelernten DDR-Songpoeten nach New York und Nashville auf große Bühnen geholt hat. „Wenzel ist impulsiv wie ein Kind.“ Und seine Texte scharf wie eine Rasierklinge: „Die Präsidenten lügen, als wären wir blödes Vieh. Doch wir werden uns nicht fügen – dieser Idiotie.“

 

 

Hans-Eckhardt Wenzel gilt als einer der bedeutendsten deutschen Songpoeten. Er ist ein Melancholiker und Nachtarbeiter. Ein Träumer und Textschmied. Poet und Barde. Romantiker und Frauenliebhaber. Ein überzeugter Pazifist, der in der DDR Soldatenlieder schrieb. Bach- und Brecht-Fan. Weltverbesserer und Dissident. Ein ewig junger, alter Querkopf. Ein Hingucker und Zuhörer. Ein vielfach ausgezeichneter Preisträger. Zum Star in analogen wie digitalen Welten hat es aber nie gereicht. Zu wenig angepasst.

Wenzel sagt: Fürs Nachdenken und für Neugier gibt es keine Altersgrenze. Entscheidend sei: Berührt ein Song? Oder eben nicht? Was im Leben und in Gesellschaftssystemen für ihn zählt: Anständig bleiben, sich nicht verbiegen. „Ach, wie ist das Leben ungesund. Immer einen heben, immer gibt es einen Grund. Froh, dass wir am Leben sind.“

 

Song: Zeit der Irren und Idioten: „Es ist wie Sommer heut im Mai. Die Nutten haben Hitzefrei. Die Polizei putzt ihre Scheiben. Die Heiratsschwindler übertreiben. Die Stadt riecht schweißig und nach Äther. Es kichert leis der Attentäter. Noch unentdeckt sind all die Toten. Das ist die Zeit der Irren und Idioten.“

 

Auf einem seiner letzten Konzerte sagte Wenzel, der Dichter, Denker und Musiker, aufgewachsen in der Lutherstadt Wittenberg, jetzt in Berlin und Vorpommern zu Hause: „Es ist eine kurze Zeit, die wir auf der Erde sind. Wir müssen sie nutzen.“ Oh, ja. Einer, der in kalten Zeiten Herz, Seele und Verstand wärmt.

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Raus aus der Blase

„Sind Sie Millionär? Was verdient man als Journalist? Wie sind Sie zum ZDF gekommen? Welche Stars waren zickig? Haben Sie Alice Weidel interviewt?“. Fragen von 15- bis 18-Jährigen an mich. Seit einigen Jahren bin ich als eine Art Handlungsreisender in Sachen Medien und Journalismus unterwegs. Ohne Köfferchen, ohne kostenlose Probepäckchen, nur mit einem USB-Stick und der Freude vor Ort, meine Berufserfahrungen zu teilen. Oder auszutauschen. Journalismus macht Schule, so heißt das Projekt seit 2019. Eine Erfolgsgeschichte.

Seit meinem Ruhestand vor genau einem Jahr ist mein Radius deutlich kleiner geworden. Kein TV-Millionenpublikum mehr. Keine Promis. Keine großen Reisen. Statt New York, Prag oder Paris, nun also Finsterwalde, Groß-Köris, Hoyerswerda. Laubusch. Wandlitz. Weißwasser oder Wittichenau. Allerdings sind meine Erfahrungen und Eindrücke keineswegs geschrumpft. Im Gegenteil. Ich erlebe (m)ein Land im Umbruch. Aus erster Hand. Ich besuche mit meinem angehäuften Wissens-Krempel Unis, sächsische Kleinstädte und berlin-brandenburgische Schulen. Jedes Mal ein Abenteuer.

 

Woran erkenne ich Fake News? Bei „Papst Donald“ ist es leicht. Eine echte Fälschung, aus dem Weißen Haus.

„Berichten Medien objektiv? Kann man Nachrichten vertrauen? Was läuft gut, was schief?“ Aus den Schulen kommen die Hilferufe um Unterstützung. Aus allen Himmelsrichtungen, Schulformen und Klassenstufen. Häufig sind es Lehrerinnen, die besonders ihre jung-männlichen Testosteron-Schützlinge kaum bändigen können. Die Pädagoginnen schildern mir bevorzugt in gendergerechter Sprache die Probleme „mit ihren Schüler*innen“. Es geht um Vorurteile, Klischees und rechte Vorkommnisse. Meistens sind die Lehrerinnen ratlos. Da werden Hakenkreuze in Schulbänke geritzt oder rechte Bands im Sportunterricht gehört. Als eine Lehrerin die Mutter eines beteiligten Schülers zum klärenden Gespräch bittet, antwortet diese patzig: „Es geht Sie überhaupt nichts an, was bei uns zu Hause gehört wird.“

Ein fünfzehnjähriges Mädchen aus einer Kleinstadt-Oberschule sucht nach den üblichen neunzig Minuten „Medienkunde“ das persönliche Gespräch. Nennen wir sie Nelly. Ein kluges, aufgewecktes Mädchen mit Brille und Nasenpiercing. Voll krass, erzählt sie. Wie ihr und ihren Freundinnen „abends gegen 20 Uhr“ Männer hinterherlaufen und sie „anbaggern“. „Nur weil wir Mädchen sind“, empört sich Nelly. Es seien vor allem Jungs aus dem Flüchtlingsheim, sagt sie noch. Nelly: „Ich fürchte mich vor Männern“. Schlimm sei das, „ich fühle mich nicht mehr sicher“. Die 15-Jährige bemerkt meinen Schnupfen. „Hab ich schon länger“, sage ich. „Bekomme ich einfach nicht los“. Nelly antwortet, lang anhaltende, hartnäckige Erkältungen kommen vom Impfen gegen Corona. Das sei doch bekannt. Sie lächelt mich wissend an und verschwindet auf den Schulhof. Die Jungs aus der letzten Reihe markieren den starken Mann und verlassen johlend das Klassenzimmer.

 

Wer ist echt, wer ist KI-generiert? Lösung: Mathilda Gvarliani, links im Bild. Aushängeschild einer H&M-Kampagne.

 

Die Lehrerinnen sind in der Regel junge Frauen. Sie berichten, dass sich ihre Klassen nicht für Politik interessieren. Sie seien in der Regel apathisch, halten sich raus. Der Trend weise eindeutig nach rechts. An den meisten Schulen werde die AfD bei Probeabstimmungen zur Bundestagswahl stärkste Partei, erfahre ich. Manchmal kommen Sprüche wie: „Die Tagesschau lügt!“ Oder: „Der ist mega schwul!“ Die Kids tummeln sie sich nach der Schule am liebsten auf YouTube, TikTok, WhatsApp oder Netflix. In den Schulen, in denen ich war, gilt im Unterricht Handyverbot. Die geliebten Smartphones müssen in einem Fach mit Nummern deponiert werden. Folglich kann eine Schulstunde verdammt lang werden. Konzentration ist für viele ein Fremdwort. Mein Respekt für die Lehrkräfte wächst mit jedem Besuch.

Die Welt in Finsterwalde oder Weißwasser ist anders. Es ist wichtig, die Berliner Blase zu verlassen. Jedes Mal komme ich ein kleines Stück klüger zurück. Und nicht selten kommt es mir wie eine Weltreise vor.

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„Die Wahrheit wird Euch freimachen“

Mein Herz klopft doppelt so schnell. Wir verlassen den George Washington Parkway an der Abfahrt Langley. Die Straße mündet plötzlich in einem gigantischen Checkpoint mit zahllosen Fahrspuren und Kontrollhäuschen. Es ist im Herbst 1998. Wir sind am Hauptquartier der CIA angekommen. Hier residiert der mächtigste Geheimdienst der Welt. Unser Mietwagen wird von einem Wachposten sofort zur Seite gewunken. In herrischem Ton fragt er: Wer sind Sie? Was wollen Sie hier? Haben Sie eine Erlaubnis?

Ende einer Dienstfahrt. Schlusspunkt eines Versuchs mit der CIA, direkten Kontakt aufzunehmen. Zugegeben: es war natürlich naiv. Aber ich wollte für eine ZDF-Reportage herausfinden, ob wir die Rosenholz-Akten einsehen können. Oder wenigstens mit jemandem darüber reden. Die Rosenholz-Aktion war ein typischer CIA-Coup am Ende des Kalten Krieges. Die US-Geheimdienstler hatten sich mithilfe eines Moskauer Überläufers gegen Dollars die Daten von über 1.500 aktiven Westagenten der Stasi besorgt. Eine Auskunft bekamen wir nicht. Dafür mit hoher Sicherheit eine eigene Akte in ihrer CIA-Datenbank.

 

 

Womit wir damals kläglich gescheitert sind, ist dem zweifachen US-Pulitzerpreisträger Tim Weiner eindrucksvoll gelungen – hinter die Kulissen des omnipräsenten Geheimclubs zu schauen. Auf über 550 Seiten berichtet der frühere Korrespondent der New York Times in seinem neuen Buch über: Die Mission. Die CIA im 21. Jahrhundert. Der CIA-Mythos. Das Auge, Ohr und scharfe Schwert der Vereinigten Staaten seit 1947. Weltweit. 24/7. Was ist typisch für die Männer und Frauen von Langley? „Spionage, Infiltration, Rekrutierung, Desinformation, Sabotage und direkte Aktion – ‚also Tötung von Menschen‘, schreibt Tim Weiner. Das volle Programm: Regimewechsel, geheime Gefängnissysteme, Undercover- und Zersetzungsmaßnahmen. „Geld ist die effektivste Waffe der CIA“. Leugnen und Täuschen das tägliche Geschäft. „Spionage ist überall illegal. Täuschung ist ihr Wesen, und Lügen sind ihr Schutzschild.“

Das 21. Jahrhundert beginnt in der US-Logik mit dem Anschlag vom 11. September 2001. Der Ground Zero, das totale Versagen der amerikanischen Geheimdienste. Was folgt, war der Auftakt zum Krieg gegen den Terror, der bis heute anhält. Die Spionagetruppe CIA führte seitdem, laut Weiner, Aktionen in 92 Nationen durch. Das Budget wurde auf drei Milliarden Dollar verdoppelt. Entscheidender noch: Es gibt die Lizenz zu töten. Die CIA wird im Ausland zu einer paramilitärischen Truppe im Kampfeinsatz umgebaut. Teams von Auftragsmördern sind unterwegs. Der Geheimdienst leistet sich „Killertrupps“. Diese liquidieren tatsächliche und vermeintliche Terroristen. Da kann eine Hellfire-Rakete, gesteuert in Katar, abgefeuert von einer Kampfdrohne mal in Kabul eine neunköpfige Großfamilie, darunter sieben Kinder auslöschen. „Kollateralschaden“. Opfer einer Verwechslung.

 

CIA-Hauptquartier in Langley, Virginia, USA. 2014. Übrigens: Der neue BND-Bau in Berlin-Mitte ist größer.

 

Minutiös zeichnet Weiners Insider-Buch den zwanzigjährigen Afghanistan-Einsatz nach. Der installierte afghanische Präsident Karzai sei stets eine Marionette der CIA geblieben.  Ein Mann ohne Macht und Autorität. Und: „Ein Musterbeispiel für die Behauptung, dass Macht korrumpiert“. Die Operation Enduring Freedom – laut George W. Bush „ein guter, ein gerechter Krieg“ – endet im August 2021 im totalen Desaster. Afghanistan wird zum zweiten Vietnam der Vereinigten Staaten. Die bittere Pointe: Abzug und Evakuierung der USA aus Afghanistan gerät zur politischen Katastrophe für Präsident Biden. Nach Weiner der „Giftbecher“ den Donald J. Trump seinem Nachfolger Biden als Abschiedsgeschenk überreicht hat – „das mit den Taliban geschlossene Doha-Abkommen“.

Der Afghanistan-Komplex zeigt All- und Ohnmacht einer Weltmacht. Washington verfügt mit der CIA über einen der effektivsten Geheimdienste der Welt, aber auch diesem sind Grenzen gesetzt. Doch jetzt seien nicht Russland, Iran, Taliban, Hamas oder China die größte Bedrohung. Vielmehr drohe Friendly Fire direkt aus dem Weißen Haus. Weiner notiert: „Dieses Buch erscheint in einer Zeit großer Gefahr. Zu den größten Herausforderungen für die CIA in der nächsten Zeit wird der Mann im Weißen Haus gehören. Ein autoritärer Führer, der die augenfälligste Gefahr für die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten seit dem Beginn dieses Jahrhunderts darstellt.“

 

Tim Weiner. Im Anhang schreibt er: „Gut möglich, dass es (sein Buch über die CIA) für einige Zeit das Letzte seiner Art sein wird.“

 

 

In der Eingangshalle von Langley, in die ich nie gelangt bin, steht das Motto des legendären US-Geheimdienstes: „Und ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ Das Bibelzitat aus dem Johannes-Evangelium 8,32 erzählt die Geschichte von Jesus, der seinen Jüngern in großer Gefahr zuruft: „Nur die Wahrheit führt zur Freiheit.“

Hier geht’s zur Langfassung in Gespenster der Freiheit. Geschichten aus der Kultur.

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Navel erzählt gerne Witze

Der kleine Freund hat zwei große Knopfaugen wie Charlie Brown. Er ist genau 72 cm groß, hat zwei Arme, steht auf Rollen und trägt eine lustige, blaue Zipfelmütze. Sein Name ist Navel, auf Deutsch: Nabel. Navel kann eine Menge: Blickkontakt aufnehmen, mit kindlicher Stimme Witze erzählen. Beispiel: „Treffen sich zwei Roboter. Fragt der eine: Ist bei Dir ne Schraube locker?“ Navel hat Ausdauer, solange der Akku hält: maximal sechs Stunden. Das Beste: Navel ist geduldiger als jede menschliche Pflegekraft. Die sind sowieso Mangelware. Der kleine Kamerad kostet 28.000 Euro. Die Leasinggebühr beträgt derzeit 970,- Euro/Monat. Navel ist ein Sozialer Roboter.

Das Gerät wurde vom Münchner Start-up Navel Robotic entwickelt. Der Roboter läuft auf GPT-40 mini-Basis: ein KI-Modell des US-Konzerns OpenAI über die Cloud von Microsoft. GPT-Text wird in Sprache umgewandelt. Chefentwickler Claude Toussaint: „Jetzt sollen die Maschinen von Menschen lernen“. Nicht wie bisher umgekehrt. Navels Aufgabe: Mit Menschen reden und zuhören, Witze erzählen oder Quizfragen stellen. Für jeden Gesprächspartner legt Navel eine Datei an: Hobbys, Wünsche, Sorgen. Im Prinzip agieren KE-Roboter (= Künstliche Empathie-Roboter) wie Schauspieler. Sie speichern Texte ab, sprechen Dialoge und spielen Gefühle vor. Auf Wunsch, gegen Bezahlung. Upgrade inklusive.

 

 

Der Pflegeroboter aus dem 3-D-Drucker ist derzeit in verschiedenen Pflege- und Seniorenheimen im Testlauf. Eine Art Alexa für ältere Semester, ein Babysitter für Babyboomer. Gesellschaft leisten, plaudern, für gute Stimmung sorgen. Der Kommunikationsroboter als ideale Antwort auf den Pflegenotstand. Navel kann auch ein Heilmittel gegen Einsamkeit werden. Updates auf andere Personengruppen sind jederzeit möglich. Was Navel (noch) nicht kann: Er geht nicht eigenständig auf Patienten zu. Der Roboter hat mitunter Probleme mit der Gesichtserkennung oder fängt zu fantasieren an. Fehlt es etwa doch an sozialer Intelligenz? Das heißt die Fähigkeit, aufmerksam wahrzunehmen und in „Beziehungen klug und einfühlsam zu handeln“.

Wir alle wissen: Soziale Pflegearbeit ist Schwerstarbeit. Häufig 24 Stunden am Tag. Derzeit gibt es 5.6 Millionen Pflegebedürftige in Deutschland. Täglich werden es mehr. In wenigen Jahren sollen es über zehn Millionen sein. Laut Pflegerat werden 2034 eine halbe Million Fachkräfte fehlen. Derzeit sind 115.000 Stellen unbesetzt. Das Problem liegt auf der Hand. Wenn ein Super-Gau in Pflege- und Seniorenheimen ausbleiben soll, müssen Navels bald zum Einsatz kommen. Wenn Menschen einsam sind. Oder wenn sie nicht miteinander klarkommen. Oder einfach niemand Zeit hat.

 

 

Das Geschäftsmodell der Zukunft:  der Empathie-Roboter mit Ersatzakku und Upgrade. Um zu verhindern, dass die kleinen künstlichen Navels Unsinn anrichten, bedarf es eines Mindestmaßes an ethischen Standards. Verantwortungsvolles Programmieren wird zur Gretchenfrage. Sonst kann aus dem kleinen Freund und Helfer Navel ein großer Tyrann im Pflegestationen werden, der mehr als schlechte Witze erzählt.

 

Empathische Roboter auf der großen Leinwand. „Ich bin Dein Mensch“

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Caligula und sein Pferd

Wahnsinn! Ein Tyrann und Narzisst! Wer Caligula googelt, stößt auf einen arroganten und exzentrischen Herrscher der Extraklasse. Sein richtiger Name: Gaius Iulius Caesar Germanicus. Der dritte römische Kaiser von 37 bis 41 nach Christus. Als Kind erhielt der kleine Gaius den Spitznamen „Caligula“. Das bedeutet „kleine Soldatenstiefel“ – eine Anspielung auf die Miniaturschuhe, die er während der Feldzüge seines Vaters Germanicus trug. War der Römer wirklich ein Monster? Ein Despot, der sein Pferd zum Konsul befördert? Ein Alleinherrscher, der die Rolle des Tyrannen neu definiert? Dessen Leitsatz lautet: „Sollen sie mich doch hassen, solange sie mich fürchten.“

Das „Soldatenstiefelchen“ wächst auf der Insel Capri auf. Dort verbringt Caligula (*31. August 12) sechs Jahre, bevor er nach Rom geht und bald zum Quästor ernannt wird. Mit 24 Jahren wird er zum Imperator, zum Kaiser von Rom, bestimmt. Anfangs ist er beim Volk äußert beliebt. Er senkt Steuern, veranstaltet Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe. Dieser Brot und Spiele-Mix kommt bestens an. Eine längere Krankheit wirft ihn im Alter von 25 zurück. Hinter seinem Rücken liefern sich im Hofstaat Senatoren Machtkämpfe um eine mögliche Nachfolge. In einer überlieferten Rede im Jahr 39 wirft Caligula Senatoren vor, ihn töten zu wollen. Caligula nimmt Rache. Er schaltet potenzielle Konkurrenten aus, darunter 36 Senatoren, seinen Stiefvater und den Chef der Prätorianer.

 

 

Caligula entwickelt sich zu einem der schlimmsten Kaiser Roms. Während seiner kurzen, knapp vierjährigen Herrschaft verlangt er, ihn als Gott zu verehren. Er soll mit seinen drei Schwestern Inzest begangen, sie verbannt und getötet haben. Dafür gibt es keinerlei Belege, nur Gerüchte. Aber diese halten sich zuverlässig bis heute. Sicher ist: Caligula macht sich immer mehr Feinde. Ab Frühjahr 40 wird seine Herrschaft im Römischen Reich lebensgefährlich. Gegner werden öffentlich ausgepeitscht. Köpfe rollen. Der starke Mann in Rom erzeugt kollektive Angst.

Eine der berühmtesten Geschichten sagt, Caligula habe geplant, sein Lieblingspferd Incitatus zum Konsul zu ernennen. Tatsächlich sollte sein Pferd einen eigenen Palast bekommen. Der Rest ist Legende. Wie auch immer: Caligula verspottet und verachtet den Adel, das damalige Establishment der Hauptstadt Rom. Er demütigt seine Gegner aufs Äußerste.

 

 

Caligulas Ende ist blutig. Am 24. Januar 41 verlässt der Herrscher das Theater in einem unterirdischen Tunnel. Dort wird er vom Offizier Cassius Chaerea, dem Chef seiner Leibgarde, erstochen. Die Herrschaft geht gewaltsam zu Ende.  Entscheidend ist seine Leibgarde: die Prätorianer. Sie stehen für seinen Aufstieg und sein frühes Ende mit 28 Jahren.

Nun bleibt nur noch eine Frage: Ist die Geschichte vom selbstverliebten tyrannischen Herrscher ein Einzelfall und zweitausend Jahre alt, also verdammt lange her? Oder ist der Fall Caligula bis heute aktuell? Nicht nur in unzähligen Filmen und Romanen.

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Zwischen allen Stühlen

„In der Heimat bin ich deutsch, hier ist Vater Staat enttäuscht“, beschreibt Zavet ihr Leben. Die deutsch-russische Rapperin sitzt buchstäblich zwischen den Stühlen. Wie so viele Migrantenkinder der zweiten Generation. Da hilft kein deutscher Pass, keine solide Ausbildung, keine regelmäßigen Zahlungen an die Rentenkasse. Die Wiege der Musikerin stand 1995 in Alexandroweskoje, im Oblast Tomsk im tiefsten Sibirien. Genau dort, wo deutsch-russische Mythen zu Hause sind. Kälte, Gulag, Weite und Wodka. Als sie zwei war, zogen ihre Eltern gen Westen. Aus der kleinen Eisprinzessin Elizaveta wurde in der fränkischen Kleinstadt Ansbach das deutsche Schulmädchen Elisabeth.

 

 

Ihre sibirische Heimat am anderen Ende des Putin-Landes kennt sie nur aus Erzählungen. Zavet sagt in einem Interview: „Leider waren wir seither nicht mehr dort, eher besuchen uns meine Verwandten hier in Deutschland. Meine ganze Verwandtschaft väterlicherseits lebt nämlich noch dort. Sogar unser altes Haus steht noch da. In meinem Musikvideo zu „Husky Augen“ haben wir sogar Originalaufnahmen davon mit reingeschnitten.“ Aus diesen zwei Welten baut die Sängerin ihre Songs. „Huskeys Augen“ erschien auf ihrem ersten Album 2023. Rap mit russischer Seele. Im Text heißt es: „Gestartet mit nichts, geboren in der Kälte. Mom und Dad wollten weg, weil die Zukunft nicht safe ist“.

 

 

Zuvor war sie aus dem kleinen Ansbach nach Mannheim gezogen. Ihre Hoffnung dort von und für die Musik leben zu können. An der Pop-Akademie wird sie abgelehnt, doch das Schicksal meint es gut. Warner Music erkennt ihr Talent und gibt dem Mädchen aus der Provinz eine Chance. Die Musikerin ist dank ihrer Eltern mit einer frühkindlichen Musik-Förderung seit dem vierten Lebensjahr ausgestattet. Später gibt Zavet ihren erlernten Bürojob auf, wird Vollzeit-Musikerin. Ein knallhartes Business voller Konkurrenz, Intrigen, Höhepunkten und Tiefschlägen.

Wie nahezu alle aus der Rapper-Szene beschwört sie das Lifestyle-Motto: „Authentizität“.  Echt sein. Cool sein. Sich nicht verstellen, bloß nicht verbiegen lassen. Ihr Künstlername Zavet ist eine Abkürzung aus ihrem russischen Vornamen Elizaveta. Das Wort steht im Russischen für Testament, Vermächtnis, Großmut oder Ratschlag. „Ich musste erst lernen, mich so nackig zu machen. Aber ich fühle meine eigene Musik mehr, wenn ich erzähle, was real ist.“

 

 

Mit „Etage 3“ ist ihr neues, zweites Album erschienen. Ein Musikkritiker wirft ihr mit scharfem Schwert „pubertäre Plattitüden“ vor, die „dem großen Wurf im Weg“ stünden. Zavet sucht tatsächlich ihren Platz in unserer satten und verwöhnten Gesellschaft. Als junge Frau, als Rapperin und als Deutsche, die im fernen Sibirien in der Eiseskälte geboren wurde. Es lohnt sich, ihr relaxt und unvoreingenommen zuzuhören.

 

Sie rappt sich durchs Leben. Zavet, geboren in Sibirien. Musikerin in Deutschland.

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Das Narrenschiff

„Je länger die DDR tot ist, desto schöner wird sie.“ Diesen Phantomschmerz prophezeite in den neunziger Jahren der kluge Schriftsteller Jurek Becker. Der stets ironisch-melancholische Becker kannte sich mit den Deutschen aus, ob als Autor von „Jakob, der Lügner“ oder der TV-Serie „Liebling Kreuzberg“. Es dauert nicht mehr lange, dann ist die DDR so lange tot wie sie existiert hat – etwas mehr als vierzig Jahre. Jetzt hat der große Erzähler Christoph Hein die Geschichte dieses kleinen untergegangen Landes als Gesamtpanorama erzählt. Er berichtet auf 750 Seiten über die Reise eines Narrenschiffs. Losgesegelt mit großem Anspruch, am Ende kläglich gekentert. Im Mittelpunkt seines Opus magnum steht das mittlere Management des ersten Arbeiter- und Bauernstaates.

 

„Wer uns angreift, wird vernichtet!“ Die DDR im Kalten Krieg. Berlin-Mitte. Anfang der sechziger Jahre.

 

An Bord des Narrenschiffs versammeln sich „überzeugte Kommunisten, ehemals begeisterte Nazis, in Intrigen verstrickte Funktionäre, ihre Bürgerlichkeit in den Realsozialismus hinüberrettende Intellektuelle, Schuhverkäufer, Kellner, Fabrikarbeiter, Hausmeister“, dazu kleine und große Stasi-Leute. Alle richten sich irgendwie ein. Anpassung, Opportunismus und vorauseilender Gehorsam prägen die Nachkriegsfiguren. Ihr Ziel: Den Krieg vergessen, was Neues beginnen. Davon träumen die Soldatenwitwe und Bürohilfskraft Yvonne, der einstige Fahnenjunker-Feldwebel und Ingenieur Johannes. Rita, die Stellvertreterin des Bürgermeisters, ihr Ehemann der Ökonomieprofessor Karsten. Nicht zu vergessen der große Shakespeare-Experte Benaja, der in der DDR hängenbleibt.

 

„Ossi“-Papierkorb. Gesehen in Hoyerswerda/Sachsen.

 

Alle Aufbauhelden in Heins großer DDR-Geschichte von 1945 bis 1990 eint das Mitmachen. Wegducken. In-Kauf-Nehmen. Stets geht es um den kleinen Vorteil und das große Ganze. Opportunismus in allen Farben und Schattierungen. Weiß Gott, kein Alleinstellungsmerkmal der DDR. Hatte der SED-Staat jemals eine Chance einen Platz in der Weltgeschichte zu erringen? Nein, meint Romancier Hein. In dieser Frage ist er knallhart. Die DDR sei „ideologisch, wirtschaftlich und politisch chancenlos“ gewesen. In einem Interview mit dem SPIEGEL setzt der 81-jährige noch eins drauf:  »Von der DDR wird nichts bleiben. Sie wird vergessen werden«

 

 

Für manche mag sein Erzählstil ein wenig altmodisch und betulich wirken. Aber Christoph Hein schreibt klar, präzise und ohne Scheuklappen. Hein urteilt nicht. Er belehrt nicht. Er verstehe sich keineswegs „als Ankläger, Verteidiger oder Richter“ seiner Figuren. Sein Credo: Er beobachte Menschen wie sie sind, was sie umtreibt, auf ihrer Suche nach dem kleinen und großen Glück. Die bittere Pointe am Ende von Heins Narrenschiff: In der neuen Zeit nach der Einheit von 1990 erlebten viele DDR-Bürger, dass ihre großen Hoffnungen auf einen Neuanfang platzten. Dass bei aller Freiheit nun das Grundbuch mehr zählt als das Grundgesetz. Diese große Nachwende-Geschichte seit der Vereinigung muss und kann noch geschrieben werden.

Sehr zu empfehlen: Christoph Hein. Das Narrenschiff. Suhrkamp. 2025