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Über 20.000 Brücken

Willkommen in Berlin. Die A100 zählt mit bis zu 230.000 Fahrzeugen am Tag zu den am stärksten befahrenen Autobahnen Deutschlands. Ausgerechnet das Dreieck Funkturm, das Nadelöhr der Stadt, ist seit einer Woche gesperrt. An diesem Knotenpunkt treffen sich die beiden Pulsadern Avus und Berliner Innenstadt-Ring. Nun ist Schluss. Für mindestens zwei Jahre. Die zentrale 240 Meter lange Brücke aus dem Jahre 1963 ist fix und fertig. Aus. Vorbei. Feierabend. Der Grund: immer größere Risse am Tragwerk. Daher Vollsperrung, der Abriss ist unvermeidbar. Auch die kurz darauf folgende 500 Meter lange Westendbrücke, gleichfalls aus Spannbeton, ist ein kompletter Sanierungsfall. Offiziell heißt das: „Tragfähigkeitsdefizite“. Ein Sprecher: „Wir waren gezwungen, aus Sicherheitsgründen zu handeln.“

 

Berlin. A100-Vollsperrung am Funkturm. Nichts geht mehr.  Foto: Funke Foto Services Reto Klar

 

Was die Klimakleber in vielen Monaten nicht geschafft haben, war jetzt in wenigen Tagen möglich. Totaler Stillstand. Der Verkehr ruht am zentralen, westlichen Knotenpunkt der Hauptstadt. Was kaum noch überrascht: Das Problem mit dem Betonkrebs ist seit langem bekannt, die marode Ringbahnbrücke seit Jahren unter Beobachtung. Passiert ist – nichts! Jetzt hat die zuständige „Autobahn GmbH“ kapituliert und die Totalsperrung verfügt. Notfallpläne? Fehlanzeige. Seitdem schiebt sich ein Blechlawinen-Tsunami durch enge Wohnstraßen im angrenzenden Charlottenburg. Fahrzeit bis zwei, drei Stunden plus. Abgaswolken, Drängeln, Fluchen, Hupen, das volle Programm. Bei vielen liegen die Nerven blank.

 

 

Mittlerweile sind „im Rahmen der Gefahrenabwehr“ auch die Schleichwege gesperrt. Dort herrschte nach dem Brückenkollaps das blanke Chaos. Hinzu kommt: Das Berliner Straßennetz ist derart betagt, dass der zuständige grüne Baustadtrat die Notbremse ziehen musste, wie er betont. Der massive LKW-Ausweichverkehr drohe die marode Strom-Wasser- und Gasleitungssysteme unter dem Asphalt der kleinen Seitenstraßen zu erschüttern. Die Vollsperrung ist ein Mobilität-GAU mit Ansage. Ein Verkehrskonzept für die nächsten Monate? Wäre zu schön, gibt es aber (noch) nicht. Ab Anfang April soll die Blechlawine zunächst provisorisch auf eine Spur der Gegenfahrbahn der A100 umgeleitet werden.

 

 

Die verschlissene Berliner Ringbahnbrücke ist eine von rund zwanzigtausend Brücken in Deutschland, die dringend saniert bzw. neu errichtet werden muss. Na, klasse! Kann das soeben verabschiedete 500 Milliarden-Infrastruktur der neuen Merz-Regierung rasche Abhilfe leisten? Das wäre ein Träumchen, Made in Germany! Geduld und starke Nerven wie bei der Deutschen Bahn sind gefragt. Daher empfiehlt es sich eher, entweder zu Hause zu bleiben. Wer muss, sollte mit dem Rad oder den Öffentlichen fahren, falls nicht wieder der Berliner Nahverkehr bestreikt wird. Wer unbedingt mit seinem Gefährt unterwegs sein muss, für den gibt es zur Erbauung ein paar Brückensongs, um im Stau entspannt zu bleiben. Vielleicht hilft’s? Über 20.000 Brücken musst du fahren …

 

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„Der Autor meines Lebens“

Ein bekannter Schauspieler trifft einen verkannten Schriftsteller. Charly Hübner auf den Spuren von Uwe Johnson. Uwe wer? Hübner hat mit seinem kleinen 125-seitigen Text „Wenn du wüsstest, was ich weiß“ eine große Liebeserklärung an den Schriftsteller Uwe Johnson (1934-1984) verfasst. Er ist der „Autor meines Lebens“, notiert Hübner, einer der beliebtesten Schauspieler Deutschlands, „weil er in einem Kindheitstraum von mir sehr nahe kommt: die Idee einer Maschine, die den ganzen Strom des Denkens, den Lauf der Dinge und des Lebens festhält, niederschreibt, markiert.“ Johnson sei „ein Kind und Narr“. Charly Hübner schwärmt in vollen Zügen: „Weltliteratur aus der Heimat also? Das war neu. Das war unglaubwürdig. Das war wirklich cool.“

 

Uwe Johnson. (1934-1984). Im Zeughauskino Berlin ist am 17. Mai 2025, 20.00 Uhr die Doku zu sehen: „Uwe Johnsons sieht fern“.

 

Wer war Uwe Johnson? Ein eigensinniger Dickschädel und ein heimatloser Intellektueller. 1934 geboren, schildert er in seinem Hauptwerk Jahrestage Menschen und Landschaften zwischen Stadt und Land, Ost und West, New York und Mecklenburg. Rastlos ist Johnson unterwegs, nirgendwo zu Hause. Geboren in Pommernland, seine Heimat Anklam im Krieg abgebrannt. Aufgewachsen in der Barlach-Stadt Güstrow. Studium in den DDR-Fünfzigern in Rostock und Leipzig. An der Uni sucht er Wahrheit, findet jedoch nur Dogmen, Linientreue und Verrat. Er stolpert in Konflikte mit Parteifunktionären, die ihm die Luft zum Atmen nehmen.

 

Uwe Johnsons Studienbuch. Universität Rostock/DDR.

 

Wechsel, „nicht Flucht“, wie er stets betonte, von Ost- nach West-Berlin. Mitglied des legendären Literaturclubs Gruppe 47. Aus dem beschaulichen West-Berliner Friedenau folgt der große Sprung nach New York. Danach Exil in einer armen, heruntergerockten Arbeitergegend Londons. In Sheerness stirbt er mit 49 Jahren – an Alkohol, Weltschmerz und gebrochenem Herzen. Seine Leiche fand man erst 19 Tage nach seinem Tod.

 

 

Johnson: „Ich bin sicher, es gibt Geschichten, die man so einfach erzählen kann, wie sie zu sein scheinen. Ich kenne keine.“ So klingt der Original-Johnson-Sound. Eine Kostprobe: „Lange Wellen treiben schräg gegen den Sand, wölben Buckel mit Muskelsträngen, heben zitternde Kämme, die im grünsten Stand kippen.“ Warum sollen wir uns heute mit Geschichte aus dem Kalten Krieg befassen, fragt Charly Hübner, der als Jugendlicher Johnson eher per Zufall entdeckte. Für ihn ist klar: Einzelgänger Johnson „erzählt nicht Vergangenes, sondern Brennendes“.

 

Das Uwe Johnson-Literaturhaus in Klütz an der Ostsee. Mehr als ein Geheimtipp.

 

Noch ein Ausflugstipp: Im mecklenburgischen Klütz gibt es in einem ehemaligen Getreidespeicher seit knapp einem Jahrzehnt ein lohnenswertes Literaturhaus für Uwe Johnson. Vermutlich war der gute Mann nie in Klütz. Aber der verschlossene wie geniale Chronist des geteilten Deutschland erfand in seinen „Jahrestagen“ einen fiktiven Ort mit dem Namen Jerichow. Dieses Jerichow „unweit der Lübecker Bucht“ passe auf Klütz wie der sprichwörtliche Deckel auf den Topf, betonen lächelnd die Initiatoren. Darum genau hier das Johnson-Haus. Wo sonst?

Charly Hübner. „Wenn du wüsstest, was ich weiß.“ Suhrkamp, 2024.

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„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne“

Mai 1945. Der Krieg ist vorbei. Das Land zerstört. Die Nazis verschwunden. Die Reichshauptstadt ein Trümmerhaufen. Jedes dritte Gebäude zerstört oder schwer beschädigt. Alles ist knapp: Wasser, Strom, Lebensmittel und Hoffnung auf einen Neuanfang. „In diesem Sommer 45 ist nichts mehr, wie es war“, schreibt Bestsellerautor Oliver Hilmes. Mit der sogenannten Stunde Null entwickelt sich eine Zeit der Extreme. Zwischen Glück und Hoffnung der Befreiten, zwischen Elend und Enttäuschung der Besiegten. Hilmes erzählt in seinem neuen Buch „Ein Ende und ein Anfang“ Anekdoten und Geschichten aus den ersten Nachkriegsmonaten von Mai bis September 1945. Gab es den berühmten Zauber des Anfangs?

 

Sommer 1945. Gemüsebeet am Brandenburger Tor.

 

Sommer 45: Für die allermeisten heißt es: Schlangestehen. Kartoffeln auf dem Feld „organisieren“. Beim Fleischer viermal abgewiesen werden. Schwarzmärkte schießen aus dem Boden. Die Stunde der Schieber. Die wichtigste Währung: eine Schachtel Chesterfield. In Ostpreußen wird gehungert, Folge der Politik der verbrannten Erde. Und: Befreit werden kann nur, wer sich unfrei fühlt. Eine Mehrheit der Deutschen waren Nazis, stellen die Alliierten fest. Nach der Niederlage meinen sie, belogen und betrogen worden zu sein. Keine Nazis, nirgendwo. Sie lösen sich in Nichts auf. Hitler ist es gewesen, dieser Schuft. Er hat uns verführt.

 

Sommer 45 am Spittelmarkt, Ecke Wallstraße in Berlin. Foto: Waleri Faminski

 

Regisseur Billy Wilder soll als US-Offizier der „Information Control Division“ im Mai 45 das geistige Leben im zerstörten Dritten Reich kontrollieren und die Deutschen vom Nationalsozialismus befreien. Der deutsch-jüdische Erfolgsregisseur musste 1934 in die USA emigrieren. Nun will er zu einem demokratischen Neuanfang beitragen: Soll ein ehemaliger SS-Mann in Oberammergau Jesus spielen? Billy Wilder: „Sie dürfen spielen, aber nur unter einer Bedingung: dass Sie die richtigen Nägel nehmen.“

 

Sommer 45. Café am Kurfürstendamm. Quelle: DHM

 

Wilders heikelste Aufgabe: Er soll Die Todesmühlen“-Rohfassung von Hanus Burger überarbeiten. Das 86-minütige Material zeigt schonungslos KZ-Verbrechen. Billy: „Es gab beispielsweise eine Szene von der Befreiung von Bergen-Belsen, die ich nie vergessen werde. Da war ein ganzes Feld, eine ganze Landschaft von Leichen. Und auf einer der Leichen sitzt ein sterbender Mann. Er ist der Einzige, der sich in diesem Totental noch bewegt, und er blickt apathisch in die Kamera. Dann wendet er sich ab, versucht aufzustehen, erhebt sich mühsam, stolpert über eine Leiche, fällt um und bleibt tot liegen. Ich habe noch heute den letzten Blick des Mannes vor Augen, den erschütterndsten Blick, den ich je gesehen habe.“

Billy Wilder kürzt den Film, Hanus Berger ist entsetzt. Wilders Begründung: „Ein Film muss unterhalten.“ Billy Wilders Version dauert 22 Minuten.

 

 

Der 38-jährige Klaus Mann ist als Sonderberichterstatter für Stars and Stripes in Bayern unterwegs. 1933 emigriert, kehrt der Sohn des Literaturnobelpreisträgers Thomas Mann als US-Bürger in seine Heimat zurück. In München muss er feststellen, dass sein Elternhaus in der Poschingerstraße schwer beschädigt ist. Er trifft eine misstrauische Ausgebombte, die sich im zweiten Stock notdürftig eingerichtet. Die junge Frau berichtet, das Mann-Anwesen sei von der NS-Organisation „Lebensborn“ genutzt worden. „Stramme Burschen von der SS waren hier einquartiert, sehr feine Leute wirklich: die reinsten Bullen.“

Mitte Mai 45 besucht Klaus Mann inkognito den Komponisten Richard Strauss in seiner Villa in der Nähe von Garmisch-Patenkirchen. Der achtzigjährige Strauss plaudert, das Dritte Reich sei „in mancher Beziehung lästig“ gewesen. Er empört sich, dass kurz vor Kriegsende noch Ausgebombte einquartiert werden sollten. „Fremde – hier, in meinem Heim!“ Dazu kommt es nicht mehr. Der weltberühmte Komponist lobt NS-Politiker Hans Frank, „den Schlächter von Polen“. Strauss: „Sehr fein! Sehr kultiviert! Er schätzt meine Opern!“ Seine Schwiegertochter Alice habe er gerettet, sie sei „die einzige freie Jüdin in Großdeutschland“ gewesen. Zum Abschied bietet Strauss ein signiertes Foto an. Mann lehnt dankend ab.

Was der Dichtersohn nicht wissen kann: Einen Monat zuvor hatte Strauss im April 45 sein neues Werk beendet: Metamorphosen für 23 Solostreicher. Die Komposition kündet von von einer Welt, die in Trümmern liegt. Strauss notiert dazu: „Der Nationalsozialismus ist die schrecklichste Periode der Menschheit. 12jährige Herrschaft der Bestialität, Ignoranz u. Unbildung unter den größten Verbrechern.“

 

 

Wie das Leben nach dem 8. Mai 1945 weitergeht, erzählt das neue Hilmes-Buch. Empfehlenswert: Oliver Hilmes. Ein Ende und ein Anfang. Wie der Sommer 45 die Welt veränderte.

 

Berlin-Wilmersdorf. Pfalzburgerstraße. Bei mir um die Ecke. Zwei Straßen von meinem Wohnort entfernt.

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Des Meisters Vorbild

Er ist 24 Jahre alt. Komplett unbekannt. Ein Provinzjunge aus Minnesota. Lockenkopf, Klampfe, Mundharmonika, eigene Texte. Sein Wunsch: die Welt mit seinen Songs zu beeindrucken. Bob Dylan als Rolling Stone in New York. Das ist die Geschichte der neuen Kino-Biografie „A complete Unknown“ mit Tinotheé Chalamet in der Hauptrolle als junger Folk-Musiker. Es geht um Dylans erste Jahre in New York bis zum großen Auftritt beim legendären Newport-Festival 1965. Gegen den Rat der Altvorderen wie Pete Seeger trat der Newcomer mit elektrischer Gitarre auf. So performte der junge Dylan elektrisch verstärkt seine Folk-Songs – und wurde weltberühmt: „Like a Rolling Stone“. Es hagelte später Judas-Rufe. Bobs Antwort zur Band: „Play fucking loud“.

 

 

Dylan ist sich treu geblieben. Auch mit 83 Jahren ist und bleibt er der Lonesome Rider des Pop-Business. Verschlossen, abweisend, distanziert bis zur Karikatur. So pflegt er seinen eigenen Mythos vom poetischen Ausnahmekünstler. Typ: unnahbares Genie. Konsequent zieht er seine sperrigen Ego-Bühnenauftritte bis heute durch. Bloß kein Wort an das Publikum. Besser: Schlecht gelaunt gute Songs präsentieren. Handys im Publikum sind ihm ein Horror. Bei seinen großen Hits dreht er manchmal sogar den Fans den Rücken zu. Wie formulierte es seine damalige Weggefährtin Joan Baez in den Anfangsjahren: Bob, du bist ein hochtalentiertes Arschloch.

 

 

2016 erhielt die Folk-Legende als erster Musiker den Literaturnobelpreis «für seine poetischen Neuschöpfungen in der großen amerikanischen Songtradition». Zum Abholen der Auszeichnung schickte er Patti Smith nach Europa. Erst drei Monate später nahm der Einzelgänger seine Urkunde vor einem Konzert in Schweden persönlich entgegen. Ein Mann, der wenig redet. Der in seinen Songs alles sagt, was zu sagen ist. Und nun singt Opa Bob für die Enkel. Der Hollywood-Film A Complete unknown ist auch für die TikTok-Generation inszeniert.

Doch selbst Idole haben Vorbilder. Der junge Robert Zimmermann verehrte Dylan Thomas. Er benannte sich nach ihm. Aus Robert Zimmermann wurde Bob Dylan. Dylan Thomas – das Dichtergenie aus Wales. Penibel beim Dichten, schlampig im Alltag. Ein genialer Wortschöpfer und noch besserer Trinker. Mit 39 Jahren starb er in New York nach der erfolgreichen Premiere seines Meisterwerks „Unter dem Milchwald“. Drei durchzechte Nächte im „White Horse Tavern“ in Greenwich Village überlebte er nicht. Zwanzig Jahre hatte Dylan Thomas an jedem Wort seiner Kleinstadtgeschichte gefeilt – über einfache Leute mit ihren kleinen und großen Hoffnungen.

 

Auf den Spuren von Dylan Thomas. (1914-1953) Im legendären New Yorker Pub „White Horse Tavern“ hängt der große Dichter heute noch neben den Tresen an der Wand.

 

Eine Kostprobe aus dem Milchwald. Dylan Thomas: „Nur du kannst die Häuser schlafen hören, in den Straßen, in der langsamen, tiefen, salzigen, schweigenden, schwarzen bindenumhüllten Nacht. Nur du kannst in den vorhangblinden Schlafzimmern die Kämme sehen, die Unterröcke über den Stuhllehnen, die Krüge und Becken, die Gläser mit falschen Gebissen, an der Wand das „Du sollst nicht“ und die vergilbenden Bitte-recht-freundlich-Bilder der Toten.“

Der junge Robert Zimmermann aus Minnesota möchte so sein wie sein Leitstern Dylan. Allein zieht er los in die Welt – nach New York. Wie sein Namenspatron Dylan Thomas setzt Bob Dylan in seinen Texten konsequent auf Verfremdung und Verschlüsselung. Es ist oft genug geschrieben worden, dass sein Gesangstalent mit seinen Texten nicht Schritt halten kann. Dass viele Cover-Versionen viel besser sind als das Original (All along the watchtower u.v.a.). Dass Dylan sich hemmungslos aus der Literaturgeschichte von Shakespeare bis Dylan Thomas bedient hat. Aber der Künstler hat diesen unverwechselbaren Dylan-Sound kreiert. Ein Beispiel: Sein längster Song aus dem Jahre 1965 heißt Desolution Row. Das kann mit Elendsquartier übersetzt werden.

 

Bob Dylan: „Und sie bringen sie alle zu der Fabrik,
wo ihre Herzanfall-Maschin´
wird geschnallt um ihre Schultern
und dann wird das Kerosin

Heruntergebracht von den Burgen
von Versicherungsvertretern, die sorgen dafür,
dass nur niemand kann entkommen
in das Elendsquartier.“

 

Zu empfehlen ist für alle Dylan-Maniacs selbstverständlich der englische Originaltext von Desolution Row. Und der neue Kinofilm: A Complete Unknown. Alles andere ist … Blowing in the Wind.

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Einer wie keiner

Der Gundermann auch Erd-Efeu ist eine krautige, in Europa weit verbreitete Pflanze. Aufgrund der ätherischen Öle und Bitterstoffe ist der Gundermann früher als Gewürzpflanze verwendet worden. Die Pflanze fand bei den germanischen Völkern als Heil- und Zauberpflanze Verwendung. Ende des 20. Jahrhunderts verzauberte ein Liedermacher namens Gundermann seine Mitmenschen mit mutmachenden Liedern. Gundermanns Verbreitungsgebiet beschränkte sich besonders auf die Lausitz, ein armer Landstrich im Südosten der DDR. Ein kleines Land, das es nicht mehr gibt. Sein vollständiger Name: Gerhard Gundermann, genannt Gundi. In diesen Tagen wird in der Heimatstadt Hoyerswerda sein 70. Geburtstag gefeiert. Der Singer-Songwriter wurde 43 Jahre alt.

 

Gerhard „Gundi“ Gundermann. (21. Februar 1955 – 21. Juni 1998)

 

Im Sommer 1998 wollte oder konnte Gundi nicht mehr. Eine Woche vor seinem Tod am 21. Juni zitierte er bei seinem letzten Konzert eines seiner Lieder:

„Meine Mutter ist so tot wie auch mein Vater, so muss ich einsam durch die Lande ziehen.

Zum Geldverdienen spiele ich Theater, die Leute nennen mich den Harlekin.“

Heute ist Gundermann im Osten Kult, im Westen weiter nur in wenigen Feinkostabteilungen der Musikszene bekannt. Der Baggerfahrer, der rastlos mit Fleischerhemd, Hosenträger und Klampfe unterwegs war. Ein Musiker mit bittersüßen Liedern über Heimat, Verlust und Vergänglichkeit. Mit seiner Band Seilschaft tourte er vor vollen Sälen im gebeutelten Nachwendeland. Die Medien nannten ihn Springsteen des Ostens. Dylan des Tagebaus oder Rio (Reiser) des Ostens.

 

Gundermann im Lausitzer Revier. Er lieferte den Soundtrack der Vorwende- und Nachwende-Depression.

 

„Irritation“ wäre wohl ein passender, zweiter Vorname. Gundermann war zu Lebzeiten ein wandelnder Widerspruch auf zwei Beinen: Baggerfahrer und Liedermacher. Offiziersschüler und Befehlsverweigerer. Spitzel und Bespitzelter. Ein zerrissener Weltverbesserer und unverbesserlicher Idealist. Er wollte verändern und eckte ständig an.

„Immer wieder wächst das Gras/Wild und hoch und grün/bis die Sensen ohne Hass/ihre Kreise ziehn

Immer wieder wächst das Gras/klammert all die Wunden zu/manchmal stark und manchmal blass“/so wie ich und du.“

 

 

2018 adelte Regisseur Andreas Dresen mit seinem Spielfilm Gundermann den Mann aus dem Lausitzer Tagebau. Auf einen Schlag wurde Gundi bundesweit bekannt. In der Hauptrolle Alexander Scheer. Er setzte sich sogar Gundis starke Kassengestell-Brille auf, wird heute noch erzählt, um jede Faser seines realen Vorbildes nachempfinden zu können.  Selbst der Spiegel schwärmte damals: „Gundermann“ ist einer der reichsten, differenziertesten, tollsten Filme über die DDR. Und vielleicht der beste, den Dresen je gemacht hat, weil sich dessen Menschenfreundlichkeit hier am Ende nicht auf dem Parkplatz der Versöhnung abstellen lässt.“ Seit dem großen Erfolg covern Alexander Scheer und Andreas Dresen mit ihrer Band Gundis Songs. Die Konzerte sind regelmäßig ausverkauft.

 

 

Mittlerweile sind Gundermanns Songtexte in Schulbüchern verewigt. So leben seine Geschichten von Menschen aus den „Braunkohle-Badlands“ weiter. Seine sehr poetische wie politische Annäherung an Arbeitslose und Abgehängte, an Enttäuschte und Verzweifelte aus der abgewickelten DDR. Besonders diesen Menschen wollte er mit seinen Liedern Mut machen. Auffallend, wie zeitlos aktuell seine Texte sind.

Happy Birthday zum 70ten, Gundi!

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„Mein Opa war Nazi“

EU-Spitzenkandidat Maximilian Krah der AfD veröffentlichte im Sommer 2023 ein Video, im dem er sinngemäß sagte: „Krieg’ mal raus, was Oma, Opa, Uroma und Uropa alles Tolles gemacht haben, denn die waren keine Verbrecher…“ Fast jeder zweite junge Deutsche zwischen 16 und 25 Jahren hat sich laut einer Umfrage noch nie mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt. Heute kennen wir die „Omas gegen rechts.“ Aber was ist, wenn die eigene Oma rechts war? Und der Opa Nazi? Oder der Uropa. Nicht nur Normalos, auch Prominente entdecken die Geschichte ihrer Vorfahren und Großeltern. Da gibt es dicke Überraschungen.

 

Der Uropa von Robert Habeck: SS-Brigadeführer Walter Gramzow. Drei Jahre im britischen Kriegsgefangenenlager Fallingbostel interniert. Sein Vermögen wurde eingezogen. Die Akte Walter Gramzow umfasst im Bundesarchiv 170 Seiten.

 

Robert Habeck (*1969). Vizekanzler. Sein Uropa Walter Gramzow (1887-1952) war ein verurteilter Kriegsverbrecher. Er gehörte als SS-Brigadeführer, NSDAP-Ministerpräsident in Mecklenburg-Schwerin und Reichstagsabgeordneter quasi zum inneren Führungszirkel des Hitler-Regimes. Urgroßvater Gramzow verwaltete das Gut Severin und richtete dort 1931 die Hochzeit des späteren Propagandaministers Joseph Goebbels mit Magda Quandt aus. Auch Habecks Großvater Kurt Gramzow (1912-1952) war als Obersturmführer der SA nicht nur ein einfacher Mitläufer. Habeck hat sich seiner Familiengeschichte gestellt. Als die Hamas Israel im Oktober 2023 überfiel, sagte der grüne Kanzlerkandidat: „Es war die Generation meiner Großeltern, die jüdisches Leben in Deutschland und Europa vernichten wollte.“

NS-Militärjurist, SS-Mitglied und Oberstabs-Richter Hans Weidel. Großvater von Alice Weidel.

Alice Weidel. (*1979) Kanzlerkandidatin der AfD. Ihr Großvater Hans Weidel (1903-1985) war promovierter Jurist und NS-Funktionär. 1932 Eintritt in die NSDAP, ab Januar 1933 Mitglied der SS. Im Krieg war er ab 1941 einer von dreitausend Heeresrichtern. 1943 wurde er zum Ober-Stabsrichter befördert. Er setzte NS-Recht in Warschau und anderen besetzten Gebieten durch. Nach dem Krieg arbeitete er als Rechtsanwalt in Gütersloh. Seine Enkelin Alice Weidel sagt, die habe „aufgrund familiärer Dissonanzen keinen Kontakt zum Großvater gehabt und nichts von seiner Vergangenheit gewusst“. Alice Weidel bezeichnet Hitler als Kommunisten.

Jens-Christian Wagner. (*1966) Historiker. Er gehört gleichfalls zu den sogenannten Täter-Enkelkindern. Der Direktor der Stiftung Gedenkstätten KZ Buchenwald und KZ-Mittelbau Dora hatte zwei Großväter, die beide Nazis waren. Er offenbarte das Familiengeheimnis bisher ausschließlich in Seminaren und hat „es nicht offensiv vor sich hergetragen.“

Was bleibt, ist eine einfache Sache: „Es ist nicht deine Schuld, wie die Welt ist. Es ist deine Schuld, wenn sie so bleibt.“ Dieser Songtext der Ärzte trifft den Nagel auf den Punkt. Es geht nicht um „Schuldkult“, sondern um die Geschichte der eigenen Familie. Und die sollte man kennen.

 

 

Transparenzhinweis

Mein sehr geschätzter Großvater war im Dritten Reich NSDAP-Mitglied. Ein einfacher Volksgenosse ohne Amt, wie mein Vater (*1928) stets betonte. Erfahren habe ich diese Geschichte erst lange nach seinem Tod in den achtziger Jahren. Seitdem beschäftigt mich die Frage: Was hat ihn bewogen, als Musikdirektor und Bach-Liebhaber in Hitlers Partei einzutreten?

 

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Schlaflose Nächte können magisch sein

Wer kennt sie nicht? Schlaflose Nächte. Wenn Geist und Seele einfach nicht zur Ruhe kommen wollen, obwohl Kopf und Körper komplett erschöpft sind. Jede/r kennt dieses Gefühl. Die Stille der Nacht, die Einsamkeit und dieses vermaledeite Grübeln. Die Gedankenlöcher, die man gräbt und die immer tiefer werden; und die doch niemals zugeschüttet werden können. „Der Schlaf ist für den ganzen Menschen, was das Aufziehen für die Uhr“, sagt Philosoph Arthur Schopenhauer. Wenn kluge Sprüche nicht mehr helfen, kann Musik mehr bewegen. Der Songwriter Michael Moravek hat sein soeben erschienenes Album Night Songs genannt. Seine balladenhaften Lieder erzählen genau von diesen Stunden, aus der Mitte der Nacht.

 

Songs aus der Nacht. Michael Moravek. Ein deutscher Singer-Songwriter zum Entdecken. Foto: Hans Bürkle

 

Michael Moravek ist ein Liedermacher aus dem oberschwäbischen Ravensburg. Er sagt, er kenne seit Jahren schlaflose Nächte und habe sich damit weitestgehend arrangiert. Moravek: „Manchmal gibt es Nächte, in denen ich es fast genieße, mich im Wohnzimmer auf das alte Sofa zu setzen, gegen drei oder vier Uhr einen Kaffee zu machen, weil der Schlaf nicht mehr in Reichweite scheint, etwas zu lesen und über Dinge nachzudenken. Die späten Stunden der Nacht und der frühe Morgen können eine besondere, fast magische Atmosphäre bieten. Das ganze Haus schläft, die Welt draußen ist still. Gedanken und Gefühle treten intensiver in den Vordergrund, manchmal übermächtig.“

 

 

Moravek ist ein Mann der leisen Töne. Seine Vorbilder sind Bruce Springsteen und Bob Dylan. „Ich bin seit jeher fasziniert von Springsteens Nebraska, das eigentlich als eine Sammlung von Demos gedacht und nicht zur Veröffentlichung vorgesehen war. Aber die Demoaufnahmen aus einem Schlafzimmer in New Jersey hatten etwas ganz Besonderes.“ Das Dylan-Album Blood On The Tracks sei ähnlich entstanden. „Die Studiomusiker, die für die Aufnahmen engagiert waren, beschwerten sich, dass sie keine Zeit und auch kein Notenmaterial zur Verfügung hatten, um sich vorzubereiten. Kaum hatten sie die Struktur und Harmonien eines Songs einigermaßen begriffen, wechselte Dylan zu einer völlig anderen Tonart oder änderte die Struktur und einer dieser Takes war dann die Aufnahme, die veröffentlicht wurde. Auf manchen hört man Fehler, und doch sind sie zu berühmten Aufnahmen geworden.“

 

 

So vereinbarte Moravek im Tonstudio, dass er seine fertigen Songs allein und direkt einspielt. „Ganz zum Schluss, als alle Songs geschrieben und aufgenommen waren, kam meine Band ins Studio und nahm an einem einzigen Nachmittag die zusätzlichen Instrumente auf, die hier und da die Intensität und Intimität der Aufnahmen noch verstärkten.“

So entführen die Night Songs in die Zwischenwelt von Dahindämmern und Gedankenkaskaden. In die Stunden zwischen Schlaflosigkeit und Morgendämmerung. Wenn die Nacht am dunkelsten ist, ist das Rettende nah, beruhigte bereits Hölderlin alle unruhigen Geister. Und: „Man kann auch in die Höhe fallen, so wie in die Tiefe.“

 

Songs zum Runterkommen – zwischen Nacht und Tag.

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„Hör zu!“

Bundestag. Eine hitzige Redeschlacht um das sog. „Zustrombegrenzungsgesetz“, das nach langer Debatte überraschend abgelehnt wird. Es geht um Migration und Integration. Um Sicherheit und Ordnung. Um Humanität und Kontrolle. Es geht giftig, gallig, gruselig zu. Es wird gebrüllt, gescholten und gegenseitig ausgelacht. Das Land steht vor dem Untergang, heißt es von rechts. Der Faschismus klopft wieder an die Tür, von links. Wer die Stunden im Reichstag verfolgt hat, kann im Wust der Angriffe und Unterstellungen zumindest einen roten Faden erkennen: Zuhören ist ein Fremdwort. Logisch, es ist Wahlkampf. Die Zeit der Fensterreden und Versprechen. So flattern Floskeln durch den Bundestag. Schlagworte purzeln: historischer Tabubruch, einstürzende Brandmauern, Remigration oder demokratische versus Kartellparteien.

 

 

Wie erreiche ich diejenigen, die einfach nicht mehr zuhören?

 

Was die Kameras manchmal in Nahaufnahme zeigen: Abgeordnete, die auf ihr Handy starren. Wer gerade persönlich attackiert wird, schaut wie gebannt auf sein/ihr Smartphone. Als würde dieses kleine Gerät die große Weltformel hervorzaubern können. Aber wie wäre es mit Zuhören? Mit Argumenten und Suche nach Lösungen? Fehlanzeige. Fensterreden gab es im Reichstag auch vor hundert Jahren. Nur: Heute verfügen wir über modernste Kommunikationstools in Echtzeit. Das Ergebnis: noch heftigere Empörungsrituale.

Google und andere Technikgiganten versprachen eine bessere Welt. Dieser Debattentag im Deutschen Bundestag wirkt ernüchternd. Wieder droht die politische Mitte auseinanderzufallen. Wieder könnten Extreme die Herrschaft übernehmen, wie am Ende der Weimarer Republik. Nur heutzutage mithilfe von TikTok, Algorithmen und YouTube-Propagandafilmchen.

 

 

Wer zuhört, hat mehr vom Leben? Unbedingt, meint Bernhard Pörksen, der Streiter für bessere Kommunikation. Zuhören sei mittlerweile eine Kernkompetenz, viel beschworen, nur ständig vernachlässigt. Die Leitfrage seines neuen Buches: Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. Existiert ein Gegenmittel gegen Ignoranz und Weghören? Wie geht geistige Offenheit in einer 24-Stunden-Onlinewelt? Der Medienwissenschaftler hat sich zehn Jahre mit diesen Fragen beschäftigt. „Es ist mein Thema.“

 „Jeder Skandal beginnt mit fehlendem Zuhören im System“. Pörksen bringt Beispiele, auch aus seinem eigenen Leben: Der lange vertuschte Missbrauch am Reformprojekt Odenwald-Schule. Ein „Seelenmord“ an Jugendlichen, schreibt Pörksen. Er selbst habe einen sadistischen Klassenlehrer an der Waldorfschule ertragen müssen. Wurde zugehört? Hat sich etwas geändert? Nein. Pörksen argumentiert u.a. mit der Situation in der Ukraine (Wem hört man im Krieg noch zu?) oder beschäftigt sich mit den Heilsversprechen der Jungs aus Silicon Valley. (mehr Kommunikation, mehr Austausch?) Ein typischer Fall für dieses Nicht-mehr-Zuhören-Wollen ist nach Pörksen eine Störaktion propalästinensischer Aktivisten bei einer Hannah-Arendt-Lesung in Berlin. Thema: „Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft“. Was geschah? Die Aktivisten-Gruppe klagte an und brüllte alles nieder, statt Argumente auszutauschen und zuzuhören. Die Lesung der kubanischen Performance-Künstlerin Tania Bruguera musste abgebrochen werden. Pörksen: „Wir sind Profis der Ignoranz. Weghören stabilisiert uns.“

 

„It’s hard to listen while you preach“. Ein Song von U2. Every breaking wave.

 

Was tun? Der Professor aus Tübingen lobt die Kunst des Schweigens und der Stille. Besser eine Welt ohne X und Telegram? Unrealistisch, so Pörksen, aber vor der Einführung von TikTok & Co habe es „keine Anonymität, keine Werbung, kein Datamining“ gegeben. Bei einer guten Moderation seien „tiefere Gespräche, klügere Debatten, besseres Zuhören“ möglich gewesen. Sein Fazit: Wirkliches Zuhören sei „vielleicht nichts für die große Politik, nichts für die Arena der Talkshows … nichts für das Aufeinander-Eindreschen in sozialen Netzwerken“. Aber Zuhören bedeute „gelebte Demokratie im Kleinen“. Ein wenig Trost hält Pörksen parat. Man könne andere zum Schweigen bringen, aber sie „nicht zum Zuhören zwingen. Zuhören ist ein Akt der Freiheit“.

Bernhard Pörksen. Zuhören. Die Kunst, sich der Welt zu öffnen. Hanser.

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„Tue deinen Mund auf“

Dieser Spruch Salomons „Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“, steht am Anfang eines Augenzeugenberichts aus Auschwitz. „Die Todesfabrik“ ist ein Dokument des slowakischen Holocaust-Überlebenden Filip Müller, das unter die Haut geht. Sein Buch erschien bereits 1946, ein Jahr nach Kriegsende. Als wir im Herbst 2024 privat in Polen waren, wollten wir uns in Auschwitz ein eigenes Bild machen. Mit einer organisierten Tour wurden wir in einem Kleinbus von Krakau in einer Autostunde nach Oświęcim gebracht. Nach unzähligen EU-Kreisverkehren ging es durch das oberschlesische Städtchen mit McDonalds, Netto-Markt und einem Kinokomplex. Schließlich erreichten wir ein modernes Besucherzentrum mit einem großen Parkplatz.

 

Auschwitz. Besucherzentrum.

 

Auschwitz ist ein Besuchermagnet. An diesem späten Septembertag herrscht großer Andrang. Touristen, Schulklassen und Reisegruppen aus der ganzen Welt werden routiniert in vielen Sprachen der Welt eingecheckt. Das neue Empfangsgebäude erinnert ein wenig an das Berliner Jüdische Museum von Daniel Libeskind. Am Beginn der vierstündigen Tour öffnet sich im dunklen Untergeschoss ein großes Eisentor von Geisterhand. Wie in einer Art Disney World werden die Gruppen vorbei an hohen Betonwänden hinauf in das Stammlager Auschwitz geführt. Beklemmung stellt sich von allein ein. Die Fernsehbilder, die ich im Kopfkino mitgebracht habe, setzen sich zu einem realen Puzzlebild zusammen. Unser polnischer Guide startet sein Programm in einem eher entwicklungsfähigen Englisch. Selbst unser britischer Mitreisender schüttelt den Kopf, man könne diesen Mann kaum verstehen.

 

Auschwitz. Ankunft. Die berühmt-berüchtigte Rampe wurde erst im Mai 1944 fertiggestellt.

 

So entwickelt sich unsere geführte Tour mitten durch Touristenmassen im Gänsemarsch zu einem sehr speziellen Erlebnis. Der Guide spricht unentwegt, ist jedoch nur wenig zu verstehen. Zeit für eigene Betrachtungen ist nicht vorhanden. Die folgende Gruppe schiebt von hinten unerbittlich nach. Und doch befällt mich ein mulmiges Gefühl. Vorbei an Räumen mit gesammelten Schuhen und Haaren von Opfern. An den Wänden schreckliche Schwarz-Weiß-Bilder mit ausgemergelten Häftlingen. Das Gruselkabinett des Herrn Dr. Mengele. Höhepunkt ist die Erschießungswand. Nach einer kurzen Weiterfahrt erreichen wir das weitläufige KZ-Auschwitz-Birkenau mit dem markanten Torbau. Symbol der SS-Verbrechen, der Vernichtung und der Banalität des Bösen. Auschwitz ist ein Unort. Hier möchte man nicht lange bleiben.

 

Frauen und Kinder auf ihrem letzten Weg.

 

Vor achtzig Jahren, am 27. Januar 1945, hat die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Ein Moment, der das unfassbare Ausmaß des Holocausts sichtbar machte. Drei Jahre lang quälte die SS in Auschwitz unter unmenschlichen Bedingungen rund 1.2 Millionen Häftlinge. Etwa eine Million Menschen starb in der Todesfabrik, darunter weit über 900.000 Juden aus ganz Europa.

„Jederzeit erschießbar. Für die Häftlinge bedeutet Auschwitz Hunger, Krankheit und Angst vor dem Tod. Dagegen tun sich für die SS-Männer ungeahnte Möglichkeiten auf: Viele berauschen sich an der Grenzenlosigkeit ihrer Macht“, schreibt der Historiker Ernst Piper. Sein neues Auschwitz-Buch wird als erste umfassende deutsche Monografie über das Vernichtungslager demnächst erscheinen.

 

Die Männer, die das Zyklon B durch den Schacht in die Gaskammer geworfen haben, hießen Desinfektoren. Sie waren Angehörige der SS.

 

Filip Müller gehörte zu den gerade mal fünf Überlebenden des Sonderkommandos. Sie mussten vom ersten Tag an Kinder, Frauen und ganze Familien auf dem Weg ins Gas begleiten. Müller „arbeitete“ von 1942 bis Ende 1944 rund um Gaskammern und Krematorien. Seine Augenzeugenberichte, 2021 unter dem Titel „Sonderbehandlung“ erschienen, erschütterten die Nachwelt.

 

„Das Sterben von Gas dauerte etwa

von zehn bis fünfzehn Minuten.

Das Schrecklichste in dem allen war,

als man die Gaskammer aufgemacht hat,

die grausame Szenerie sich anschauen.

Wie die Menschen da angepresst wie Basalt,

wie Steine standen.

Wie sie herausfielen von den Gaskammern!

Einige Male hab ich das gesehen.

Und das war das Schwerste überhaupt,

aber auf das konnte man sich nie gewöhnen.“

 

 

Krematorium II 1943.  Hersteller war die Firma Topf & Söhne aus Erfurt. Werbemotto: „Qualitätsvolle Öfen für Feuerbestattung“. Die Krematorien wurden Ende 1944/Anfang 1945 gesprengt.

 

Filip Müller berichtet nüchtern und lapidar vom Vernichtungsalltag, der 1.689 Tage lang andauerte. Der Auschwitz-Überlebende starb am 9. November 2013 im hohen Alter von 91 Jahren. Sein Satz gilt weiter: „Tue deinen Mund auf für die Stummen und für die Sache aller, die verlassen sind“.

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„Und wenn sie verbrennen…“

„Rechts oder Links?“ Wohin geht die Reise in Deutschland? Der Zeitgeist wähnt sich in einer gefühlten „Depression“. Die Trumps und Putins dominieren die Welt. Die Demokratie in den Farben des Nachwende-Deutschlands schwächelt, heißt es, die Eliten seien am Ende. National oder sozial, sind die einzigen starken Kraftfelder, und die politische Mitte sei erschöpft: „Das System mag in sich vernünftig sein, gut, aber wir wollen es nicht mehr. Dagegen ist kein Argument gewachsen.“ Dieser Satz ist fast hundert Jahre alt. Er stammt aus dem Oktober 1931, als die Weimarer Republik Richtung Abgrund rollt. Damals herrschte pure Endzeitstimmung. Beim Tanz auf dem Vulkan half auch die kulturelle Blütezeit nicht, mit Marlene Dietrich und vielen anderen herausragenden Künstlern wie Bert Brecht, Mascha Kaléko oder Kurt Tucholsky.

 

 

Der 32-jährige Hans Zehrer veröffentlicht seinen Text über das Ende der Demokratie in der „Tat“, eine „Monatszeitschrift zur Gestaltung neuer Wirklichkeit“. Seine 45 Seiten  zum Thema: „Rechts oder Links?“ sind von hoher Aktualität. Der junge Autor fordert einen Neuanfang, eine „Dritte Gemeinschaft“. Jenseits von Faschismus und Kommunismus. Gedanklich ist der Weg zum Dritten Reich atemberaubend kurz. Diesen Begriff propagiert der „konservative Revolutionär“ Arthur Moeller van den Bruck 1923. Die Nazis kapieren den Begriff vom „Dritten Reich“ erfolgreich. Perfektes Wording würde man heute sagen.

Der Text in der „Tat“ analysiert: Das Land stehe vor dem „Selbstmord des Kapitalismus“. Die Menschen hätten die liberale Demokratie satt. Zehrer verleiht dem „Aufruhr der Mittelschichten“ Richtung und Stimme. „Die eigentliche Aufgabe“ sei nun die Führung zu übernehmen, in einem Deutschland, das vermeintlich nichts mehr zu verlieren habe außer seinen Ketten. Nur so sei Rettung und „Gestaltung neuer Wirklichkeit“ möglich – jenseits von Hickhack, Tagespolitik und Parteienkonkurrenz.

 

 

Ist die Lage Anfang 2025 tatsächlich so dramatisch wie Ende 1931? Nein, betont der Historiker Jens Bisky in seinem hochaktuellen Buch „Die Entscheidung“. Die Lage sei heute anders. Die Bundesrepublik kenne keine Massenarmut, keine Massen-Verelendung und nicht Millionen Menschen, die hungern. Es existiere keine „Dolchstoßlegende“ der Rechten nach dem verlorenen I. Weltkrieg. Trotz aller Haushaltslöcher sei die heutige Berliner Republik zahlungsfähig, und nicht bankrott wie damals in der Weimarer Republik. Zudem sei die Bundesrepublik in der EU integriert, es gebe keine unzufriedenen Militärs, die das System lieber heute als morgen abschaffen wollten. Bisky plädiert, einen kühlen Kopf zu bewahren und vor allem aus der Geschichte zu lernen.

 

Der neue Konsumtempel am Hermannplatz. Berlin-Neukölln. 1933

 

Je länger man sich in Biskys Panorama-Werk vertieft, desto mehr Parallelen drängen sich auf. 1930 implodierte nach zwei Jahren Dauerstreit eine Mehrparteienkoalition unter Führung der SPD. Danach folgte ein rigider Sparkurs der Regierung Brüning, der die Radikalisierung politischer Ränder geradezu befeuerte.

Und 2025? Die gescheiterte Ampel hinterlässt ein Land ohne gültigen Haushaltsplan. Der Milliarden-Investitionsstau schwächt alle Bereiche der Daseinsfürsorge. Vom Personalmangel in Kitas, Schulen und Verwaltung über einstürzende Brücken und einen öffentlichen Nahverkehr, auf den kein Verlass mehr ist, bis zum täglichen Kampf um Arzttermine, um eine Wohnung oder einen Platz in überteuerten Pflegeheimen.

Auch heute heißt es wieder: Die liberale Demokratie ist in der Krise. Und damals? Da rief die Monatszeitschrift „Tat“ mit Sitz in der Budapester Straße 1 dazu auf, „mit der Zeit zu gehen“. Die Demokratie habe versagt. Die neue Zeit jedoch führte keine vierzehn Monate später schnurstracks zu Hitler.

 

Die Tat unter Leitung von Hans Zehrer. Mit einer Auflage von knapp 30.000 Exemplaren erreichte das Blatt der nationalkonservativen Edelfedern 1932  doppelt so viele Leser wie die radikaldemokratische „Weltbühne“. Zehrer wurde 1933 entlassen.

 

Sehr empfehlenswert. Jens Bisky. Die Entscheidung. Deutschland 1929 bis 1934.