Archive for : Dezember, 2014

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Die Kraft der Trompete

Er galt lange als das Wunderkind des Jazz. Mit 19 Jahren hatte er sein erstes Album „Diamond in the Rough“ veröffentlicht. Das war 1989. Seitdem schleift und poliert der US-Trompeter Roy Hargrove seine musikalischen Diamanten, sucht nach neuen Ausdrucksformen. Ein derart hoher Erwartungsdruck kann schnell Freude in Frust verwandeln. Wer geht schon gerne als ewiges Talent in die Musikgeschichte ein?

Der heute vierundvierzigjährige Musiker erklärte einmal einem Journalisten: „Ich habe den Anspruch, dass jede meiner Platten auf gewisse Art und Weise ein Ereignis wird. Ich würde mich sehr freuen, wenn die Hörer sich auch rückblickend noch an meine jeweilige Musik erinnern können. Ich versuche jedenfalls nicht, das gleiche bewährte Muster ständig zu wiederholen“.

Bei seinem aktuellen Konzert im Berliner A-Trane gab sich der einstige junge Löwe eher zahm und unnahbar. Wie immer mit Sonnenbrille, Fliege und buntkarierten Hosen ausstaffiert, absolvierte er  sein Repertoire routiniert und professionell. Nur manchmal blitzten Spielfreude, Witz und Variantenreichtum auf. Musikalische Stärken, die den Vorzeigemusiker und sein Quintett bisher so auszeichneten.

Vielleicht war es der graue November-Blues, den Roy Hargrove in Berlin ereilt hatte. Er wirkte reduziert, zeitweise wie abwesend. Als er einmal das Flügelhorn ansetzte, blitzte sein Können auf – wie ein funkelnder Stern am Nachthimmel. Zu hoffen bleibt, dass die Last ein ewiges Wunderkind sein zu müssen, nicht seinen weiteren Weg verfolgt. Denn der Mann verzaubert in seinen besten Momenten die Trompete in ein Spiegelbild seiner Seele. Dann entsteht der Hargrove-Sound mit Leidenschaft, Freude und Schmerz, der einfach nur berührt.

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With a little help… from some friends

Manchmal hilft ein guter Song. Feeling allright… Manchmal ist ein Lied ein treuer Begleiter. You are so beautiful…

Das himmlische Orchester hat 2015 einigen Zuwachs erfahren: Joe Cocker, Udo Jürgens, Jack Bruce, Johnny Winter, Paco de Lucia, Pete Seeger, Claudio Abbado und viele andere, die nicht immer im Rampenlicht standen. Wir Zurückgeblieben halten kurz inne, erleichtert, dass der Kelch an uns vorbei gegangen ist, dankbar für die Erkenntnis, dass gute Songs unsterblich sind. Denn Musik kann niemals verloren gehen. Wir verlieren jedoch die, die sie für uns gemacht haben.

Wie heißt es doch so vielversprechend im Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach: „Großer Herr, oh starker König“ und ab geht der groovende, göttliche Bass-Lauf. Jack Bruce liebte diesen rhythmischen Ritt durch die Bach`schen Balladenwelt. Musik hilft auch unsere Welt zu ertragen. Manchmal ist der Alltag kaum auszuhalten, wie bei dieser wahren Geschichte. Sie handelt von einem Freispruch nach einer brutalen Prügel-Attacke. Sie spielt in Kreuzberg. Sie könnte an jedem anderen Ort in dieser Republik stattgefunden haben. Da wird ein Mensch, der helfen will, zum Pflegefall. Der Täter wird freigesprochen. Mangels an Beweisen, wie es heißt:

Die Meldung hat folgende Überschrift: „Freispruch nach brutaler Prügel-Attacke“. Ich habe sie im Archiv der Deutschen Presse Agentur gefunden. Und darum geht es:

„Nach einer brutalen Attacke auf einen 55 Jahre alten Passanten, der zwei belästigten Frauen helfen wollte, ist ein 22-Jähriger vom Vorwurf der schweren Körperverletzung freigesprochen worden. „Es ist nicht sicher nachweisbar, ob er Mittäter war“, urteilte das Berliner Landgericht. Der Angeklagte habe aber erkannt, dass das Opfer regungslos am Boden lag. Weil er nicht half, sei er der unterlassenen Hilfeleistung schuldig. Er soll deshalb fünfhundert Euro an den Schadensfonds für Opfer von Gewalttaten zahlen.

Der Passant war bei dem Angriff im Mai 2012 in Berlin-Kreuzberg lebensgefährlich am Kopf verletzt worden. Er ist seitdem zu 80 Prozent schwerbeschädigt. „Ein Mann hat seine Hilfsbereitschaft mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen bezahlt, es ist eine Tragödie“, sagte der Vorsitzende Richter. Dem Angeklagten sei aber nicht zu widerlegen gewesen, dass ein anderer Mann den Helfer derart verletzte. Die Staatsanwaltschaft hatte das anders gesehen und drei Jahre Jugendhaft gefordert.

Der Angeklagte und ein bislang unbekannter Mann hatten an einem Parkhaus im Stadtteil Kreuzberg zwei junge Frauen behelligt. „Sie wurden aggressiv angebaggert“, heißt es im Urteil. Zwei Radfahrer und der Passant seien daraufhin eingeschritten. Einer der beiden jungen Männer habe dem 55-Jährigen einen starken Schlag oder Tritt versetzt. In Richtung des Opfers sagte der Vorsitzende Richter: „Wer das war, konnte nicht geklärt werden, es tut mir leid.“

Der Passant erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Fünf Monate lang befand er sich in Kliniken. An die Tat habe er keine Erinnerung, sagte seine Anwältin. Die Folgen seien gravierend: Er könne nur verwaschen sprechen und leide an Störungen der Bewegung. „Er ist ein Pflegefall.“ Der Angeklagte hatte erklärt, sein damaliger Begleiter, den er lediglich mit einem Vornamen benannte, sei der Angreifer gewesen. Der Richter sagte, er hoffe, dass sich bei dem Angeklagten „eines Tages das schlechte Gewissen meldet und er sagt, wer der Täter ist“.

Jetzt hilft nur noch Joe Cockers wunderbare Version eines alten Beatles-Songs. „With a little help from my friends.“ Allen Unverdrossenen, Mutigen und Couragierten dieses Landes gewidmet…