Über die Berliner

Sie ist dick, kugelrund und bietet auf wenig Fläche viel Raum für Selbstdarstellung. Sie steht gerne im Mittelpunkt und will rund um die Uhr bewundert werden. Die Litfass-Säule mit drei S. Ein echtes Berliner Kind. Längst eine „Säulenheilige“ der Spree-Metropole. Die Vaterschaft liegt bei Ernst Litfass, einem gewitzten Druckereibesitzer aus dem 19. Jahrhundert.

Wenn Katharina Thalbach über Helene Weigel, Gregor Gysi über Rosa Luxemburg oder Peter Schneider über Axel Springer schreibt, „dann kann das nur faszinierend und unterhaltsam werden“, feuert sich der Verlag selbst an. Von Eisbär Knut bis zur Diva Marlene Dietrich reicht die Palette der Porträtierten eines neuen Berlin-Werkes. Einziges Kriterium: die Auserwählten müssen irgendetwas mit der Stadt an der Spree zu tun haben.

Das ist nun nicht sehr schwer. Wie in den wilden zwanziger Jahren zieht die deutsche Metropole magisch Abenteurer, Glücksritter und Glückssucher, kleine und große Talente an. Berliner ist man, wenn man sich so fühlt, heißt es. Das Berlin-Sein ist eine Frage des Lebensgefühls und keine der Geburtsurkunde. Heinrich Zille, der Ur-Berliner, ja, der mit dem Pinsel und dem Milljöh, war ein waschechter Sachse aus Radeburg.

Da dachte sich der Stadtmöbelfabrikant Hans Wall, bloß kein falsche Bescheidenheit. Der umtriebige Mann aus Künzelsau macht mit schwäbischen Qualitäten aus Schiete Konfekt. Seine Bedürfnisanstalten und Wartehallen sind an fast jeder Ecke anzutreffen. Folgerichtig kümmerte sich der schwäbelnde Selfmade-Mann in seinem Text um Ernst Litfass, einen echten Berliner. Dieser erfand vor gut hundertfünfzig Jahren die nach ihm benannte Werbesäule und avancierte zum „König der Reklame“.

Abgeguckt und besser gemacht, lautet das Motto von Hans Wall. Der Kopierer hat das Glück des Tüchtigen. So schildert Wall en passant, dass er das völlig verwahrloste Grab des Litfass-Erfinders auf dem berühmten Dorotheenstädtischen Friedhof wieder auf Vordermann gebracht hat. Für damals   sagenhafte 180.000 DM! Im Gegenzug und als Dankeschön übernahm er die Reklame auf allen Berliner Litfass-Säulen. Er ließ sie mit einer 40 Watt „Funzel“ an der Unterseite des Hutes ausstatten. Das sei zehnmal sparsamer als bei der Konkurrenz. Hans Wall lächelt siegesgewiss. „Hast du gut gemacht, Hans.“

Litfasule

Die moderne Kopie mit Hut und 40 Watt-Funzel

Großzügiger geht es da bei der Liebeserklärung der Autorin Maria Ossowski an Kurt Tucholsky zu. Der Schriftsteller aus Moabit war ein gebürtiger Berliner genau wie Reklamefuchs Litfass. Nur: Tucho liebte und hasste seine Stadt zu gleichen Teilen.  Nüchtern urteilte er: „Der Horizont des Berliners ist längst nicht so groß wie seine Stadt.“ Den zugereisten Aufschneidern und Wichtigtuern warf er zu: „Ein voller Terminkalender ist noch lange kein erfülltes Lebens.“

Die Auswahl der 33 Helden in diesem neuen Berlin-Buch ist so kunterbunt wie willkürlich. Dafür fließen wahre Ströme an Lokalpatriotismus. Die Journalistin Irene Bazinger (eine Salzburgerin) und der Hans Dampf in allen Gassen der Berliner Kulturwelt Peter Raue (ein Anwalt, gebürtig aus München) sammelten die Geschichten ein und packten sie munter zwischen zwei Buchdeckel. Der Titel ist schlicht: Wir Berliner.

Na, dann mal los. Mit Gebrüll. Langweilen kann ich mich alleine…


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