Fliegende Teppiche

Die Fabrik am Stadtrand von Maknes mitten in Marokko wirkt unscheinbar. Halle und Hof sind von großer Ordnung und ungewöhnlicher Sauberkeit. Der Bus kippt seine Fracht Touristen aus. Zügig strömen die Senioren zum Eingang, betreten eine Art Teppichwerkstatt. Frauen sitzen an Webstühlen und knüpfen Knoten. Bis zu dreitausend am Tag, heißt es.

Die Gruppe wartet verlegen im Vorführraum. Plötzlich öffnen sich zwei Schwingtüren und ein gegelter Marokkaner stürmt in die Mitte. Der Mittvierziger stellt sich als Aladin vor, „meine Wunderlampe zeige ich Ihnen später“. So eröffnet der Ölprinz sein Programm in bestem Marketingdeutsch und erklärt ungefragt: „Ich bin nicht, was Sie denken. Ich bin kein Teppichverkäufer. Wir sind Teppichhersteller. Hier gibt es kein Kaufzwang!“

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„Unsere Engel“. Das sagt Aladin über die Knüpferinnen im Teppich-Kollektiv von Maknes.

Die Gruppe atmet erleichtert auf. Diese Firma sei etwas Neues, eine Art Kollektiv, führt der Mann in edlem Outfit fort. Alle Standards der WHO würden eingehalten. Mindestlohn. Sozialversicherung. Krankengeld. „Wir geben arbeitslosen Frauen Arbeit. Lohn. Brot. Hoffnung. Zukunft.“ Die Touristen staunen beeindruckt. Die marokkanische Frauen verstehen nichts, lächeln hilflos in Handys, die blitzen. „Das alles haben wir unserem König zu verdanken“, ergänzt Saladin und verweist auf das große Porträt, das im Empfangsraum an prominenter Stelle hängt.

Flugs wird die Gruppe in den nächsten Präsentationsraum weitergeleitet. Dort gibt es Tee und junge Männer, die auf Anweisung Aladins Kelims, Berber und Teppiche aller Art in atemberaubender Geschwindigkeit ausrollen. Der Verkäufer, der keiner sein will, gerät in Hochform. Er zeigt kleine Tricks, wie Teppiche auf Echtheit überprüft werden können und deutet an, jedes Stück sei zu einem Vorzugspreis frei Haus nach Deutschland lieferbar.

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„Der Kunde ist König.“ Aladin, der Teppich-Experte kniet vor seinen Kunden. Kurz danach fällt das böse Wort – alles nur Show!

Plötzlich verfinstert sich Aladins Wunderlampe. Aus dem gesetzten Publikum war leise ein Satz zu hören, der besagt, das sei doch nur die übliche Show. Aladin wird rot, seine Stimme explodiert: „Das ist hier keine Show! Wir zeigen Tradition und marokkanische Kultur. Unsere Kultur! In fünf Minuten ist die Veranstaltung zu Ende.“

Die Gruppe schweigt betreten. Aladin tritt ab. Seine Mitarbeiter stürzen sich auf die Touristen. Trotz des Eklats scheinen die Geschäfte mit kurzer Verzögerung in Gang zu kommen. Mindestens fünf der dreißig Besucher erwerben einen Teppich. Der Besuch hat sich gelohnt. „Unsere Teppiche haben eben Qualität“, lächelt einer von Aladins Verkäufern.

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König Mohammed VI ist überall. Gütig wacht er im Vorführraum über die Teppichgeschäfte seines Landes.

 

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