Was die Einheit gebracht hat

Was haben Sie mit Ihrem ersten Westgeld gemacht? – „Eine Platte von Bruce Springsteen gekauft.“ – „Für das neue Auto angespart.“ – „Ich war gut essen und im Sexshop“. – Diese Antworten sind am Eingang im Deutschen Historischen Museum in Berlin zu finden. Auf Zetteln von Besuchern angeheftet an einer großen Pinnwand. Genau 25 Jahre ist es her, dass DDR-Bürger 100 DM Begrüßungsgeld erhielten. Es war der hoffnungsfrohe Startschuss in eine neue Zeit. Und heute?

Heute gibt es nur noch ein großes Anschweigen zwischen Deutschen in Ost und West, so scheint´s. Ein Arrangement wie in einer ordentlichen Ehe. Der eine Partner will ständig reden, während der andere partout nicht zuhört. Im Oktober feiern die Deutschen ihre Silberhochzeit. Anlass für die amtlichen Museumsmacher, das „Porträt einer Übergangsgesellschaft“ zu wagen. Der Titel ihrer Ausstellung im Haus Unter den Linden in Berlins Mitte kommt bürokratisch knapp daher: „Alltag Einheit.“

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1990. Erst 100 DM Begrüßungsgeld. Dann kommt die D-Mark für alle. Gut zehn Jahre später wird der Euro eingeführt.

Was sofort auffällt. Vieles ist längst vergessen und verdrängt. Blaue Stone-washed Jeans-Träger, unmögliche Frisuren, weiße Herrensocken, Männer mit bepissten Trainingshosen und Hitlergruß. Die Ausstellung zeigt Baustellenbilder, Max Schmeling mit Henry Maske, die auf Plakaten das Zusammenwachsen beschwören. Zu sehen ist das Modell eines futuristischen Luigi Colani-Fernsehers, der ein sieches DDR-Werk in Staßfurt retten sollte aber nicht konnte. In den frühen Einheitsjahren kauften die Ostdeutschen lieber Westwaren.

Einprägsam ein T-Shirt der Kali-Kumpel aus Bischofferode von 1993. Dort steht „Wir sind ein Volk“, doch trotz Hungerstreik und Protesten wurde die Zeche geschlossen. Nicht rentabel. Ein Land wurde abgewickelt. Auf einem anderen Foto ist ein mittelalter Mann im brandenburgischen Zeesen zu sehen. Finster entschlossen steht er vor seinem Anwesen und hält trotzig ein Schild hoch: „Zutritt für Wessis strengstens untersagt“.

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Allen Sprachbereinigungsversuchen zum Trotz. Statt friedlicher Revolution oder anderen Begriffen hat sich das Wort Wende durchgesetzt. Bei einem solchen Vorgang gibt es logischerweise auch Wendehälse.

So blühen die neunziger Jahre auf. Mit Techno, freier Szene und Love-Parade in der Hauptstadt, Neonazis und viel Frust bei den Alten und Abgewickelten in der Provinz. Das ostdeutsche Volk geriet in Bewegung. Über fünf Millionen Menschen wechselten in den Westen. Rund zwei Millionen Deutsche zogen in den Osten. Eine Massenbewegung. Eine innerdeutsche Arbeitsmigration, deren Geschichte bis heute noch nicht erzählt ist.

Deutschland hat sich im letzten Vierteljahrhundert wesentlich verändert. Die Globalisierung zeigt Wirkung. Davon berichtet die Berliner Ausstellung nicht. So bleibt es am Ende bei einem nostalgischen Schmunzeln nach dem Motto Ach-weißt-du-noch! Beispiel gefällig? 1991 erschien das neue Ost-Zentralorgan Super Illu mit ostdeutschen Nackedeis und schrillen Wessi-Abzocker-Schlagzeilen auf dem gleichen Titelblatt. Sex and Crime. Die schöne Neue Medienwelt, zusammengestellt von Machern aus den alten Ländern. So funktioniert(e) die deutsche Einheit.

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Willkommen im deutschen Wunderland. Der Zusammenstoß der Kulturen. Ein Unfall in der Nähe von Halle 1991.

 

Alltag Einheit. Deutsches Historisches Museum. Bis 3. Januar 2016.

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