Fasanenjagd im Englischen Garten

An einem keineswegs geruhsamen Ostersonntag notiert Victor Klemperer in sein Tagebuch: „Kommunion und Kommunismus, Ludwigstraße und Schellingstraße, sind buchstäblich schwarz von den Tausenden, die aus der Messe strömen.“ Es ist der 20. April 1919. In München herrscht seit drei Wochen eine Sowjetrepublik. Es ist Weltrevolution in Schwabing. Klemperer schreibt für die erzkonservative Leipziger Neuesten Nachrichten Revolutionsberichte aus der bayrischen Unruhe-Metropole.

Unter dem Pseudonym Anti-Bavaricus notiert er am 20. April 1919: „ Kein Tag, an dem dieses gewissenlose Jagen, das eine bloße Gaudi ist, nicht seine Opfer fordert. So stirbt man für die Freiheit! Das Fahren ist Gaudi, das Knallen auch. Man kann jetzt schöne Fasanenfedern, wie Bajonette an den Gewehren steckend, sehen: die Fasanen im Englischen Garten sind sehr verlockende Jagdobjekte.“

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Victor Klemperer alias „Anti-Bavaricus“ – unbestechlicher Beobachter der Münchner Räterepublik im Frühjahr 1919.

Wenige Tage und viele Versammlungen, Resolutionen, Streiks, Gerüchten und Parolen später hält Klemperer fest. „Jetzt, da die Bürger zu merken begannen, dass das räterepublikanische Spiel, in dem sie halb apathisch, halb missmutig zugesehen hatten, für sie doch wohl Schlimmeres bedeuten konnte als nur eine wilde karnevalistische Veranstaltung, wie zeigten sie jetzt ihr Erwachen zum Widerstand? – Durch spontanen Antisemitismus. Saujuden!“ Nun soll dem Spuk ein Ende gemacht werden. „Wenn sie nur kämen und uns endlich von dem Gesindel befreiten!“, beobachtet Klemperer Volkesstimme.

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Ein Soldat mit Händen in den Taschen (Pfeil) beobachtet das revolutionäre Münchner Treiben im Februar 1919. Es soll sich um den Gefreiten Adolf Hitler handeln.

Es kommt zum blutigen Showdown. Über 30.000 Freikorps- und Reichswehrsoldaten erobern auf Befehl des preußischen Innenministers Gustav Noske (SPD) das rote München. Die Intellektuellen-Revolution wird niedergeschossen. Anti-Bavaricus registriert am 2. Mai 1919: „Zum ersten und einzigen Mal in meinem Leben – die Herrlichkeit dauerte keine zwei Tage – sah ich eine freudige bayrisch-preußische Verbrüderung.“

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Einige Köpfe der Münchner Sowjetrepublik. Es ist eine Revolution der Bohémians. Mit Kurt Eisner, Gustav Landauer, Erich Mühsam, Ernst Toller und anderen standen auffällig viele Dichter und Denker an der Spitze der Rätebewegung.

Es folgen Standgerichte, Hinrichtungen, Fememorde. Die meisten der Führer werden ermordet. Der Spartakusaufstand fordert über tausend Opfer. Klemperer hält mit unbestechlichem Blick fest, „in alle Straßen verteilen sich starke Patrouillen und Abteilungen verschiedener Waffen, und an allen Ecken, wo man gedeckt ist und doch Ausblick hat, drängt sich das Publikum, häufig das Opernglas in der Hand“.

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Die „Weißgardisten“ nahmen bei der Niederschlagung der Räterepublik in München heftig Rache. Die Zahl der Toten wird auf über 1.000 geschätzt.

Nach vier Wochen ist die Münchner Sowjetrepublik Geschichte. Klemperer am 10. Mai 1919: „Es ist die alte grausame Naturnotwendigkeit: von einer schwächlichen Regierung ungehindert haben die Spartakisten Tod säen dürfen, und nun haben sie ihn hundertfach geerntet.“ Die Bilanz des Chronisten deutscher Tragikomödien lautet: „Alles ist jämmerlich, und alles ist blutig, man möchte immer weinen und lachen in einem.“

 

Victor Klemperer. Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919. Aufbau-Verlag. 2015.

1 comment

  • freetobee

    So ein Quatsch, wo hat denn die Rote Regierung den Tod gesät?? Quellen wären da ja mal obligatorisch, ansonsten ist’s nur wieder die dumpf-reaktionäre Geschichtsklitterung. Da hilft auch kein Klemperer, der als Zeitzeuge nicht hinter den Vorhang hat sehen können, den Ludendorff zur Rettung des Militarismus aufgespannt hatte: die Sozen sind ja nur an die Macht gekommen, weil man sie ihnen überliess, weil man sie als Ausputzer brauchte. Für eine Kapitulation, die nicht das Ansehen der Militärs, sondern jenes der verhassten bürgerlichen Zivilisten beschmutzen sollte. Und da lag es für Ludendorff & Co nahe, gleich den Linken die Verantwortung zu übertragen.
    Der Terror in München wie im Reich war Weisser Terror der Freicorps im Auftrag allerdings von Noske, Ebert von der SPD, die als Parteiführer reine Monarchisten und Obrigkeitsbüttel waren und ihre WählerInnen, die Brot und Frieden wollten und später auch Freiheit, Sozialisierung, vollständig verladen haben.

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