Zukunft Heimat

Endlich Sommer. Raus aufs Land. Nur weg aus den Städten, die nerven. Sie sind heiß, hektisch, autistisch. Die Sehnsucht nach der heilen Welt ist längst zu einem Milliardengeschäft geworden. Magazine wie „Landlust“ fahren Auflagenrekorde ein. Dabei zeigen sie das Landleben ähnlich realitätsnah wie der „Playboy“ Frauen, so Barbara Schaefer und Katja Trippel in ihrem Buch „Stadtlust“. Auch Menschen auf dem Land hätten stressige Jobs und Zukunftsängste. Bloß nichts, was sie davon ablenke: keine Theater, keine Kinos, keine Bars. In der Lifestyle-Landleben-Literatur ist davon nichts zu lesen. Nur glückliche Kühe, die hinterm Kräutergarten auf sattgrünen Wiesen wiederkäuen.

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Verweile, ach du bist so schön.

 

Mega-Trend Landliebe. Früher war das platte Land einfach nur eine gefahrvolle und „wüste Region“. Für Reisende  Orte  des „Schreckens und der Einöde“ wie in Mecklenburg. Raubritter und Armut, Frondienste und das Faustrecht bestimmten den Alltag. 1219 trieb Bischof Brunward von Schwerin daher die Christianisierung voran, damit er „leichter Einwohner erlange und das Volk durch den Eintritt der Gläubigen gefestigt werde“. Heute sind die meisten Kirchen hübsch saniert, aber sie bleiben sonntags leer.

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Die Deutschen lieben Gedichte von Eichendorff und Klopstocks Oden, die Bilder von Caspar David Friedrich, natürlich auch Grimms Märchen. Wir spüren, dass ein Idyll genau in dem Augenblick verschwindet, in dem es gefunden wird.

 

Von den 82 Millionen Deutschen wohnen weit über sechzig Prozent in der Stadt und knapp vierzig Prozent in Vororten, Kleinstädten oder auf dem Land. Aber 53% der Deutschen wollen laut Umfragen in der Provinz leben. Sogar lieber als Shoppen, Kochen, Wellness. Eine Modewelle? Lieben die Deutschen das Land oder nur die Land-Show? „Es geht um das schnelle Naturglück“, sagt Daniela Pohl von der Werbeagentur Kolle Rebbe. Die Feel-Good-Konsumenten wollen es „romantisch, idyllisch und authentisch“.

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Eine Künstlerin schreibt: „Mir fällt die Stadt ab wie Sand von den Haaren. Ich fühle mich frei, sobald ich von der Autobahn abbiege. Der ganze Druck, Stress, Belastung: Besser sein, schneller sein, immer auf der Höhe sein. Ich werde ruhiger, pflanze in meinem Garten Vergissmeinnicht und ich werde ein anderer Mensch. Nach drei bis vier Wochen zwischen Rüben, Hasen und Blumenkohl will ich allerdings wieder zurück. Dann treibt es mich zurück ins Leben.“

 

Mythos Heimat. Unverdorben. Ehrlich. Bodenständig. Was gibt es Neues im Dorf? ist die Frage. – Was soll es Neues geben? lautet die Antwort. Nun ziehen Radfahrer durch die Provinz. Junge Leute, Familien, kleine Gruppen, Professionelle. Sie starren auf ihre Smartphones oder ihren Navi am Lenker. So sehen sie die Leute im Dorf nicht vor dem Haus sitzen. Keine Zeit für ein Plausch, das nächste Etappenziel muss erreicht werden. Die Zeitgeist-Magazine haben in ihren Sommerausgaben die letzten Paradiese zur Entdeckung freigegeben. „Der Traum-See. Garantiert unberührt.“ Auf geht´s! So treibt sie die Sehnsucht. Immer weiter, immer schneller. Einmal hin und GPS-gesteuert gleich wieder zurück.

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