Marlene unter uns

„Wo denn das Grab der Dietrich sei“, frage ich eine ältere Dame mit grüner Gießkanne. Schnurstracks antwortet die Berlinerin: „Folgen Sie mir. Sie liegt direkt neben meinem Mann.“ Wir gehen einige Reihen auf dem Friedhof Friedenau entlang. Die Frau volle Kanne vorneweg. „Da ist sie.“ Wir stehen vor dem Ehrengrab der Marlene Dietrich. „Es wird kaum gepflegt. Eine Schande. Die Blumen verdorren. Keiner räumt sie weg. Ach…“ Die Witwe macht eine stumme wegwerfende Handbewegung, wendet sich ab, gießt ihren Mann.

 

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„Hier stehe ich an den Marken meiner Tage“. Marlene in Friedenau.

 

„Hier stehe ich an den Marken meiner Tage“, lese ich. Hier ruht sie also. Die Grand Dame des deutschen Films. Geliebt, gehasst, umstritten, gefeiert. In Paris einsam gestorben, in Berlin zur letzten Ruhe gebettet. Das Grab ist schlicht, geradezu bescheiden. Alles andere als ein pompöser Gedenkort für einen Weltstar. „Marlene 1901-1992“, ist auf dem Stein noch zu lesen. In meinem Kopf beginnt Suzanne Vega ihr Marlene on the Wall zu summen. Ein großer Erfolg war ihre musikalische Referenz, 1985.

 

 

Ein paar Meter weiter liegt Helmut Newton, der Fotograf der Schönen und Reichen. Ganze zehntausend Gräber hat der kleine Friedhof an der Stubenrauchstraße in Friedenau. Er gehört zu den kleinsten der Hauptstadt, gilt aber als Künstlerfriedhof. Hier ist auch der italienische Komponist Ferrucio Busoni begraben. Die Schriftstellerin Dinah Nelken hat dort ihre letzte Ruhestätte. Der Lyriker Kurt Bartsch? Wie bitte? Nie gehört?

 

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Letzte Botschaft eines Lyrikers.

 

Wer den kleinen Acker der toten Künstler besucht, scheint aus der Zeit zu fallen. Bei einem Trompeter heißt es: Er konnte auf 2 und 4 klatschen. Was für ein treffender, fulminanter Abschiedsgruß!

 

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Letzter Gruß eines Musikers.

 

Marlenes Grab wirkt keineswegs herausgeputzt wie ein Ehrengrab. Kümmert sich denn hier keiner? Das fragte schon vor Jahren die Boulevardpresse. Zuständig ist der Berliner Senat. Die Landesregierung soll Ehrengräber würdig und angemessen unterhalten. Aber dafür reicht es wohl nicht. Nicht einmal für die unvergessene Marlene Dietrich.

Friedhof Friedenau. Stubenrauchstraße 43-45, 12161 Berlin, geöffnet täglich von 8-18 Uhr.

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