Am deutschen Wesen

Das Land sucht seine Mitte. Wieder einmal. Mit einer Rolle rückwärts in die Zukunft? Vor 150 Jahren reimte ein Heimat-Dichter und Spätromantiker: „Macht und Freiheit, Recht und Sitte, Klarer Geist und scharfer Hieb/ Zügeln dann aus starker Mitte/Jeder Selbstsucht wilden Trieb, Und es mag am deutschen Wesen/Einmal noch die Welt genesen.“ Der Name des Poeten? Unbekannt? Er heißt Emanuel Geibel. In Lübeck kann man ihn noch antreffen. Im Rest der Republik ist er vergessen.

Aber die letzten Zeilen seines Gedichts Deutschlands Beruf aus dem Jahre 1861 spuken ungebrochen weiter durch unsere Hirne und Herzen. „Es mag am deutschen Wesen – einmal noch die Welt genesen.“ Aus dem patriotisch intonierten Verb mag wurde alsbald ein nationalistisches soll und später noch ein … wird die Welt genesen. Dieser kleine feine Unterschied sagt viel über die Trennlinie zwischen inniger Heimatliebe und dumpfem Nationalismus. Dichterfürst Geibel ist längst Geschichte, er konnte sich aber auch nicht mehr wehren.

 

emanuelgeibel1

Emanuel Geibel (1815-1884). Romatischer Poet in Pose.

 

Geibel träumte im 19. Jahrhundert von der Überwindung der deutschen Kleinstaaterei. Als er in seinem Münchner Zeit in Reimen, Versen und Gedichten allzu preußisch wurde, verlor er 1868 seine – vom bayerischen Königshaus zugeteilte – lebenslange Pension. Er kehrte in seine Vaterstadt Lübeck zurück, wo er 1881 starb. Heinrich Mann verewigte den Landsmann in dem Roman Eugénie oder Die Bürgerzeit in der Rolle des Dichters Prof. von Heines. Auch Bruder Thomas Mann verarbeitete Geibel in seinem urdeutschen Familienroman Buddenbrooks.

 

 

Geibel blieb ein Leben lang ein unverbesserlicher Romantiker. Einer, der die Sehnsucht in glühende Worte goss. Dabei war Heimat für ihn kein Ort. Sondern ein Gefühl. Und so beginnt übrigens Geibels „am deutschen Wesen-Gedicht“:

 

„Soll’s denn ewig von Gewittern

Am umwölkten Himmel braun?

Soll denn stets der Boden zittern,

Drauf wir unsre Hütten baun?

Oder wollt ihr mit den Waffen

Endlich Rast und Frieden schaffen?

Dass die Welt nicht mehr, in Sorgen

Um ihr leichterschüttert Glück,

Täglich bebe vor dem Morgen,

Gebt ihr ihren Kern zurück!

Macht Europas Herz gesunden,

Und das Heil ist euch gefunden.“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.