Good Bye, Mister Cohen

Die Schlange bei der Einreise am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv nahm kein Ende. Warten auf die Güte der Grenzbeamten. Ich summte „First we take Manhattan, then we take Berlin“. Warum, weiß ich nicht mehr. Hinter mir begann plötzlich eine mittelalte Frau mitzusingen. Ich drehte mich um. Sie lachte mich fröhlich an. „I love him. Leonard is simply the best“. Für einen kurzen Moment verwandelte sich die nervige Warteschlange am Flughafen zur unwichtigsten Nebensache der Welt. Leonard Cohen verband uns. Wir lächelten beide.

120 wollte er werden. 82 Jahre ist er geworden. Der beste und tiefsinnigste Melancholiker, der mein Leben zuverlässig begleitet hat. Vor kurzem erst zelebrierte er bescheiden mit rauer Stimme seinen Abschied. You Want It Darker erschien vor wenige Wochen. Auf Hebräisch hauchte er „Hineni, Hineni“. »Hier bin ich, hier bin ich.« bedeutet es. Der zentrale Ausdruck in der jüdischen Religion für menschliche Aufmerksamkeit und Bereitschaft, eine Aufgabe mit eindeutiger Verpflichtung und Präsenz einzugehen.

 

 

Cohen beginnt sein letztes Album mit Hineni, I´m ready my Lord. In einem Interview erklärte er: „Ich bin bereit zu sterben. Ich hoffe nur, es wird nicht zu ungemütlich.“ In seinem Abschiedslied heißt es weiter: »Wenn du der Dealer bist, bin ich raus aus Deinem Spiel. Wenn deines die Glorie ist, muss meines die Schande sein – du willst es dunkler, dann töten wir die Flamme.«

Cohen beschreibt eine Welt, »in der eine Million Kerzen brennen, für Hilfe, die niemals kam«. Wie kein anderer war er in seiner künstlerischen Arbeit der komplette Gegenentwurf zur heutigen Selfie-Spaßgesellschaft. Am Ende schien er all die Anfechtungen, Niederlagen und Schicksalsschläge zu akzeptieren – demütig, lebensklug und zum letzten Schritt bereit. „Hier bin ich.“ – „Hineni!

 

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