Über eine Zipfelmütze

Die Gedenkstätte Berliner Mauer zeigt sich empört. Eine weihnachtliche Zipfelmütze auf einem DDR-Wachturm. Das geht gar nicht. Kostümierung für einen Werbegag, nein danke! Direktor Axel Klausmeier: „Ich hoffe, die Initiatoren der Aktion entfernen die Mütze umgehend. Das hat für mich mit Humor nichts zu tun, sondern mit einer totalen Verfremdung eines historisch bedeutsamen Relikts zugunsten von Geschäftemacherei.“ Der Berliner CDU-Abgeordnete Schatz pflichtet konsequent humorfrei bei. Das sei „Verharmlosung des Unrechtsstaates DDR“.

Die Zipfelmütze – ein abgeschmackter billiger Jakob? Der Chef vom Projekt Berlin Wall Exhibition wundert sich. Seine Firma hatte den übrig gebliebenen, etwas versteckt stehenden Turm am Potsdamer Platz restauriert. Und jetzt den BT9, so im Grenzer-Jargon, vorweihnachtlich geschmückt. Seine Guides erinnerten täglich Touristen aus aller Welt an das DDR-Grenzregime, erklärt Jörg Moser-Metius gegenüber der Berliner Zeitung. „Wenn man dieser bedrückenden Atmosphäre etwas Humor in der Weihnachtszeit entgegensetzt, kann das jeder verkraften“. Die Mütze bleibt.

 

Der BT9 – Beobachtungsturm – ungeschmückt. Relikt der Teilung am Rande des Potsdamer Platzes.

 

Die Zipfelmütze – ein schlechter Witz? Humor war in der geschlossenen Gesellschaft DDR einmal eine wirkungsvolle Waffe. Je länger das Regime regierte desto besser wurde die Humorproduktion. Hohn und Spott blühten jenseits von Wachtürmen und Mauern besonders üppig. Der Witz ist die Waffe der Wehrlosen, sagte einmal Siegmund Freud. Ein Beispiel gefällig?

„DDR-Staatschef Honecker sieht eine große Menschenschlange vor einem Gebäude. Auch er stellt sich an, ohne zu wissen, was angeboten wird. Da löst sich die Schlange schlagartig auf. Honecker fragt seinen Vordermann: Kannst du mir sagen, Genosse, weshalb wir hier Schlange gestanden haben? – Klar, sagt der, die Leute standen hier, um ihre Ausreiseanträge abzugeben. Honecker: Und weshalb gehen die jetzt alle so plötzlich? Antwort: Na, wenn du einen Ausreiseantrag stellst, können wir ja alle hierbleiben!“

 

Am 4. November 1989 schlug die Schauspielerin Steffi Spira auf der großen Kundgebung am Alex vor, künftig möge doch die Staats- und Parteiführung am Volk vorbeiziehen.

 

Kein Witz. Solche Geschichten notierte damals der BND. Von Amts wegen. Die westdeutschen Nachrichten-Lauscher überwachten – streng geheim – den volkseigenen Humor-Output. Ein Beispiel von vielen aus der BND- Verschlusssache: „Was ist das: Es hat 80 Zähne und 4 Beine? Ein Krokodil! – Und was ist das: Es hat 8 Zähne und 52 Beine? – Das SED-Politbüro!“ In den späten achtziger Jahren notierte der westdeutsche BND diesen ostdeutschen Kalauer: „Warum sind DDR-Bürger immer so müde? Weil es schon seit 40 Jahren bergauf geht!“

 

In der Humorproduktion erreichte die DDR durchaus Weltniveau. Der „Krenzman“ stammt vom 4. November 1989, als das Volk seine Kreativität zum ersten Mal offen laufen lassen konnte…

 

Einer aus 40 Jahren Humorproduktion geht noch: „Sozialismus ist schöner als Sex. Da stöhnt man länger.“

Weitere Witze aus 40 DDR-Mauerjahren und wie und warum sie der BND gesammelt hat, bei Hans-Hermann Hertle und Hans-Wilhelm Saure: „Ausgelacht“. Ch. Links Verlag, Berlin.

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