Archive for : März, 2017

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Frühlingsgefühle

„Frühling lässt sein blaues Band, wieder flattern durch die Lüfte.“ Eine Landpartie in die Prignitz. Der polnische Abschleppwagen steht hilflos am Wegesrand. Der Fahrer winkt mich herbei. Ich halte an. Er zeigt mir einen Fahrzeugschein. Auf der Kopie steht: Bantikow. Der Mann hat sich in der brandenburgische Einöde völlig verfahren. „Wo ist dieses Ort? Wohin muss isch fahrren“, radebrecht er. Ich versuche ihn in die richtige Richtung zu bugsieren. Er lächelt dankbar. „Gut, dann links, muss Auto abcholen…“ Er wird wohl noch lange unterwegs sein.

Am Kirchlein von Wulkow in der Nähe von Kyritz (natürlich an der Knatter), frisch restauriert, steht eine schmucke Bank. „Gespendet von: 10 Jahre Camerata.“ Eine Frau mittleren Alters geht mit einer Harke zum Friedhof. Ich frage sie nach den Bankspendern. „Camerata, das sind Leute aus Berlin. Die leben im Gutshaus. Das sind Musiker. Die sind ganz bekannt“, sagt sie. Was für Musik machen sie denn, frage ich. Sie hebt hilflos die Schultern. „Na, auch hier in der Kirche. Die spenden dann die Einnahmen für den Erhalt. War alles verfallen. Die Kirchenleute aus Kyritz haben damals in der DDR den ganzen Altarschmuck mitgenommen.“ – Ist es klassische Musik? – „Oh, ja. Aus Berlin.“ – Haben die etwas mit den Philharmonikern zu tun? – „Genau. Wenn Sie das so sagen.“

 

Die Weiden blühen auf.

 

Jetzt erzählt sie bereitwillig vom Gutshaus, in das die Musiker eingezogen sind. Die Treuhand habe die Grundstücke parzelliert und einzeln verkauft. Eine große Sauerei. Jetzt sei der wunderschöne Park für die Einheimischen gesperrt. Überall Zäune. Jeder denke nur noch an sich. Eine alte Nachbarin habe noch bei den Herrschaften im Gutshaus gewohnt. Feine Herrschaften seien das gewesen.  – Man merkt, wie die alten Zeiten sich mit einer ungestillten Sehnsucht nach einer überschaubaren Welt verheiraten. Heute lebe jeder nur noch für sich. Dabei ist die Frau höchstens fünfzig. Sie grüßt freundlich zum Abschied.

 

„Horch, von fern ein leiser Harfenton! Frühling, ja du bist’s! Dich hab‘ ich vernommen!“ Mörike (1828)

 

Der Verlag Hentrich & Hentrich hat sein Prignitzer Landsitz wieder aufgegeben. Der „Cultur Gasthof Teetz“ steht zum Verkauf. Knapp ein Jahrzehnt haben die Städter mit Konzerten und Lesungen, Yoga und Käsekuchen durchgehalten. Am Ende herrschte im Kulturhof eine eher unfrohe Stimmung, obwohl das riesige Anwesen bis unter die Decke mit Büchern vollgestopft war. Ein Antiquariat der Weltgeschichte, mitten in einem Dorf am Ende der Welt. Es sollte wohl nicht sein. Geblieben ist die Badestelle an der Dosse. Ganze Familien baden im Sommer am Fluss. Eine Mischung aus Zilles Milieu und Astrid Lindgrens Bullerbü. Die Kinder kreischen und lachen. Großmütter bringen den Kleinen die ersten Schwimmzüge bei. Träge fließt das Flüsschen dahin. Der Sommerwind trocknet die Haut. Alle laufen barfuß. Ein Milan zieht seine Kreise.

 

Abendstimmung in der Prignitz.

 

An einer knorrigen Kastanie ist ein Zettel angepinnt. Dort steht: „Nicht die Zeiten ändern sich, gleich bleiben Frühling und Winter, gleich unsere Herren und Henker, was sich ändert, sind wir Menschen.“ Darunter folgt noch: „Ostpreußische Landarbeiter-Weisheit.“ Wer das wohl angebracht hat?

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Achtung Bücher!

Leipziger Buchmesse 2017. Alle Jahre wieder Frühlingserwachen. Die Qual der Wahl. Die intensive Suche nach dem neuen guten/schlechten Buch. Es wird gelesen, zugehört, diskutiert, gelobt und zerlegt. Pro und Contra. Ein weites Feld der Emotionen, Leidenschaften und persönlichen Überzeugungen. In Leipzig wird geworben, empfohlen und verworfen aus der Fülle der jährlich weit über hunderttausend Neuerscheinungen. Auf ein Neues: Außergewöhnliches, Ungewöhnliches, Abseitiges, Schönes, Wertvolles, Kuriositäten, Raritäten. Vom kleinsten Buch der Welt über antiquarische Entdeckungen bis zum prächtigen Bildband für tausendfünfhundert Euro und mehr.

 

Wo ist das richtige Buch?

 

Mein kleines Herzdorf ist auf der großen Messe zweimal vertreten.

 

* Samstag, 25 März 2017   20.30 Uhr

Leipzig Apothekenmuseum. Thomaskirchhof 12

So viel Anfang war nie

Moderation: Knut Elstermann

 

 

* Sonntag, 26. März 2017   12.00 Uhr

Leipzig Forum Literatur, Halle 4, F100

So viel Anfang war nie

 

Außerdem stelle ich das neue Buch „Das kalte Blut“ von Chris Kraus vor. Er ist Schriftsteller und Regisseur der Tragikomödie „Blumen von gestern“. Sein Film mit Lars Eidinger in der Hauptrolle als grübelnder und besserwisserischer Holocaust-Forscher ist insgesamt acht Mal zum Deutschen Filmpreis nominiert worden.  Der große Favorit des Jahrgangs 2017.

In seinem Roman „Das kalte Herz“ verarbeitet er die Geschichte eines feinsinnigen Feuilletonisten, der in der Nazizeit zum SS-Mörder und später im Kalten Krieg zum knallharten BND-Agenten wird. Es ist die spannende Geschichte seiner Familie. Über zehn Jahre hat Chris Kraus an diesem Stoff gearbeitet.

 

 

* Samstag, 25 März 2017   15.30 Uhr

Leipzig Forum Literatur, Halle 4, F100

Chris Kraus. Das kalte Blut

Moderation: Christhard Läpple

 

 

Auf nach Leipzig! Sehen wir uns?

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Kartoffelkäfer flieg

Bis heute halten sich an Stammtischen sagenumwobene Geschichten über den gemeinen Kartoffelkäfer. Fantastische Episoden, voller Helden und Schurken. Weißt Du noch…?! Denn der Schädling kam aus der Luft und – aus dem Westen. Bekannt ist der Kartoffelkäfer auch als Ami-Käfer oder Colorado-Käfer. Er krabbelt weiter in Köpfen, Erzählungen zwischen Tresen und Stammtisch, vierter Molle und allerletztem Korn. Was ist dran?

Anfang Mai 1950 erreichte die junge DDR eine Kartoffelkäferplage. Sie führte zu Ernteausfällen. Fast die Hälfte der Anbauflächen war befallen. Wer war schuld? Die Käfer konnten nicht mit Insektiziden bekämpft werden. Geeignete Mittel fehlten. Leuna und Buna waren demontiert. Das Politbüro suchte und fand eine Lösung: Schuld ist der US-Geheimdienst. Die CIA schicke seine biologische Geheimwaffe, „die sechsbeinigen Botschafter von der Wallstreet“. Klassenkampf mit Käfern.

 

DDR-Propaganda. 1950.

 

Die Parteipresse entfachte eine erfolgreiche Kampagne („US-Bomber-Geschwader“; „Saboteure in amerikanischen Diensten“) nach der der „Leptinotarsa declemlineata = Zehnstreifen-Leichtfuß“ massenweise über der DDR nachts abgeworfen werde. Am 16. Juni 1950 veröffentlichte das Neue Deutschland (ND) den Aufmacher: „Gemeinsame Abwehrmaßnahmen gegen Kartoffelkäfer“. Warum? „Seit dem 22. Mai 1950 haben Flugzeuge, aus dem Westen kommend, über dem Gebiet der Republik Koloradokäfer abgeworfen.“

Das ND weiter: „Die Kriegstreiber im amerikanischen Lager haben, den Fußspuren Hitlers und seiner japanischen Spießgesellen folgend, aus Furcht vor dem Anwachsen der Friedenskräfte und in Erkenntnis der Schwäche der eigenen Position, die Verschärfung des sogenannten ‚Kalten Krieges‘ auch durch Anwendung der Methoden bakteriologischer Kriegsführung aufgenommen. Der Abwurf von Koloradokäfern auf das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik ist dafür ein Beweis.“

Bertolt Brecht „FÜR DEN FRIEDEN!“


„Die Amiflieger fliegen,
silbrig am Himmelszelt,
Kartoffelkäfer liegen
in deutschem Feld.“

 

Viele DDR-Bürger glaubten diesen Fake-News und sammelten in freiwilligen Einsätzen die gefräßigen roten Larven von den Kartoffelfeldern. Schon die NS-Propaganda hatte behauptet, US-Flugzeuge hätten über dem Reich Käfer abgeworfen. Tatsächlich hatte die Wehrmacht 1943 selbst rund 14.000 Kartoffelkäfer über der Pfalz abgeworfen, um zu testen, ob die Käfer den Sturz überlebten. Sie taten es, wurden jedoch nicht mehr eingesetzt.

 

DDR-Propaganda 1950.

 

Der gemeine Kartoffelkäfer war Anfang des 20. Jahrhunderts in Europa eingewandert. Er hatte sich ostwärts durchgefressen. In der Folge des II. Weltkrieges erreichte er die Elbe, 1950 die Oder. Der schwarz-gelbe Kartoffelkäfer gehört zur Familie der Blattkäfer. Sie wachsen schnell heran, sind schon nach 14 Tagen fortpflanzungsfähig, vermehren sich extrem und überwintern im Boden. Heute kämpfen Öko-Landwirte mit Bakterien und Pflanzen-Extrakten gegen den äußerst resistenten Vielfraß.

 

Die Jugend sammelt den US-Käfer. DDR. 1950.

 

Sollten Sie in eine Dorfschenke einkehren, sofern es noch eine gibt, fragen Sie nach dem Kartoffelkäfer. Sie werden sehen, hören und staunen, wie schnell er wieder das Fliegen lernt.

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As slow as possible

Am Anfang war eine Idee. Vor genau 27 Jahren. Ein Flughafen für die neue Hauptstadt. Keine schlechte Idee. Nun sind wir beim Count-Up nach oben: 1.742 – 1.743 – 1.744 Tage. Immer weiter weg vom offiziellen Eröffnungstermin im Jahre 2012. Es werden noch viele Tage folgen. Der Hauptstadt-Flughafen BER ist optimal für die Comedy-Branche, abgezockte Manager und Wutbürger aller Art. Der Pannen-Gigant BER ist weltweit eine sichere Lachnummer. Wenn nur nicht die täglichen Kosten von einer Million wären. Geld, das maroden Kindergärten, Schulen und Pflegeheimen fehlt.

 

Ein Flughafen als ständiger Pointenlieferant. Keiner fliegt so schnell…

 

Genau genommen kann es nur eine Lösung geben. Die Abrissbirne. Versenkt das beispiellose Versagen in den märkischen Sand! Denn: Wer den Kaminabzug in den Keller einbaut, dann den Fehler bemerkt und den Schornstein auf das Dach versetzt, wo er hingehört, um dann die Deckenlast zu ignorieren, um schließlich zu bemerken, dass das ganze Haus nun einsturzgefährdet ist, sollte den Job wechseln. In Berlin werden solche Leute hoch- oder weggelobt. Mindestens fünf Geschäftsführer, unzählige Unterchefs und Manager erhielten leistungslose Höchsteinkommen. Von wegen: Bauherren haften für ihre Fehler. In Diktaturen wäre kurzer Prozess gemacht worden.

 

Fast fertig. Bald fertig. Könnte irgendwann einmal fertig werden… Flughafen BER in Berlin.

 

Da wir weiter in einer Demokratie leben wollen, bleibt zunächst nur Gelassenheit als Bürgerpflicht. Und ein Blick in die Geschichtsbücher. Was sind schon 27 Jahre Pleiten, Pech und Pannen. Der Kölner Dom wurde nach genau 632 Jahren vollendet. Eine großartige Symphonie des Versagens und der Baukunst. 1248 wurde der Grundstein gelegt. Am 15. Oktober 1880 konnte das imposante Kirchengebäude eingeweiht werden. Mit mittlerweile bunten „islamischen“ Fenstern von Gerhard Richter.

Das neue Motto: As slow as possible. 639 Jahre wird die Aufführung des John Cage-Klassikers dauern. Seit sechzehn Jahren erklingt sein Werk pannen- und fehlerfrei. Cage hatte As slow mit Hilfe eines Zufallsprogramms komponiert. Einige gewitzte Cage-Jünger führen seit Herbst 2001 sein Marathon-Werk auf einer Orgel in einer Klosterruine von Halberstadt auf. Was für ein Beispiel für Lebensmut, Idealismus und Zukunftsglaube! 2640 wird As slow as possible mit dem Schlusston vollendet werden.

 

Die Partitur zum John-Cage-Orgel-Kunstprojekt im Kloster St. Burchardi in Halberstadt, Sachsen-Anhalt. „As slow as possible“ (So langsam wie möglich) wird auf einer eigens zu diesem Zweck konstruierten Orgel aufgeführt.

 

Think great! Nimm dir Zeit. Cage lehrt uns Langmut. Und Mut zum längsten Musikwerk der Menschheitsgeschichte. Bei drei Prozent liegt derzeit die Wahrscheinlichkeit, dass der Berliner Flughafen BER bis Juni 2018 öffnen kann, erklärt Unternehmensberater Roland Berger. Tja. 2020 ist der nächste Klangwechsel in Halberstadt. Das steht fest, wird stimmungsvoll und ein Fest für alle Liebhaber großer Werke. Welcher Kleingeist fragt da noch, ob bis dahin der Flughafen Berlin-Babylon fertig sein könnte?

 

Eines Tages wird einmal über dem  Terminal stolz der Schriftzug leuchten: FERTI.