Ein einziger Satz

Manchmal reicht ein Gedanke, um ein Leben komplett zu verändern. Herbst 1943. Die Kaminrunde trifft sich immer mittwochs im Schloss Teutschenthal unweit von Halle/Saale. Gedankenaustausch bei Cognac und Gebäck. Es gilt das freie Wort. Mit dabei Unternehmer, ein Chefarzt, ein Oberbürgermeister. Gastgeber ist der Zuckerbaron Carl Wentzel. Herr über 44.000 Beschäftigte. Die Kriegslage hat sich seit Stalingrad verschlechtert. Wentzel lässt einen Satz fallen: „Es muss sich doch ein deutscher Offizier finden, der das Problem Hitler löst.“

 

Das Wohnzimmer von Carl Wentzel (1876-1944) im Schlossgut Teutschenthal. Ort der Kaminrunde.

 

Nach dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 geht alles ganz schnell. Großagrarier Wentzel wird anonym angezeigt, festgenommen, vor Freislers Volksgerichthof gestellt und „wegen Hochverrat“ in Plötzensee enthauptet. Seine Asche wird im Gefängnishof in alle Winde verstreut. Der Denunziant? Bis heute ist die Frage ungeklärt, aber vieles spricht für Wentzels persönlichen Mitarbeiter Ludolf von Alvensleben, einem hoch verschuldeten SS-Offizier.

 

Carl Wentzel vor Richter Roland Freisler. Volksgerichtshof 1944.

 

Ende Juli 1944 beschlagnahmte die SS das „gesamte bewegliche und unbewegliche Vermögen“. Die Nazis nahmen in Teutschenthal alles mit, was nicht niet- und nagelfest war. Eine exklusive Gemälde-Sammlung, wertvolle Möbelstücke, Meißner Porzellan für achtzig Personen. Eine beispiellose Strafaktion und ein skrupelloser Beutezug. Zuckerbaron Carl Wentzel galt nunmehr als Volksschädling. Er hatte mit den Männern des Widerstands sympathisiert.

 

„Zum Schutz von Volk und Staat.“

 

Mai 1945. Die neuen Sieger übernehmen die Macht. Die Wentzels werden ein zweites Mal enteignet. Diesmal durch die Sowjets, diesmal als Großgrundbesitzer. Die DDR verstaatlicht alle 17 Betriebe. Die Familie flüchtet in den Westen. Teile der Bildersammlung werden vermutlich in einen Keller der Moritzburg in Halle versteckt.

 

Allein diese Venus im Park blieb. So gut wie alles andere wurde von Nazis und DDR beschlagnahmt und ist seitdem verschwunden.

 

Nach der Wende erhalten die Enkel das Schloss zurück. Immerhin. Doch seitdem kämpfen die Wentzel-Nachfahren um die verschwundene Familiensammlung mit Meisterwerken von Canaletto, Rembrandt oder Picasso. Vergeblich. 168 Bilder haben die Wentzels als vermisst gemeldet. Der Wert der Sammlung beträgt viele Millionen Euro. Beharrlich stoßen die Wentzels bei Behörden und Museen auf eine Mauer des Schweigens. In der Regel ernten sie ein Bedauern, mehr nicht. Carl Wentzel. Späte Folge eines einzigen Satzes, der alles veränderte. Vor über siebzig Jahren. Vertraulich, im Freundeskreis.

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