Briefe an den Feind

„Schimpfen ist der Stuhlgang der Seele“, notiert die Berliner Autorin Susanne Schädlich. Schimpfen verschafft ein wenig Luft. Mildert den Druck. Hate Speech heißt es heute in den digitalen Netzwerken. Im Kalten Krieg gab es kein Internet, aber „Briefe ohne Unterschrift“. Anonyme Botschaften, verschickt über Tarnadressen, später im Radio verlesen. Immer Freitagabends. Punkt Sieben. Stimmungsberichte aus der Zone, wie die DDR damals noch hieß. Briefe an den Feindsender BBC.

Susanne Schädlich ist tief in alte Archive abgetaucht. Die Journalistin hat in Reading, im Vereinten Königreich wahre Schätze entdeckt und jetzt veröffentlicht. Zehntausende Briefe aus der frühen DDR. Die abgefangene Post hingegen verschwand nach der Wende im Stasi-Unterlagen-Archiv. Allein im Bezirk Rostock hatte der DDR-Geheimdienst 1969 exakt 1.675 Briefe konfisziert. Briefe an die BBC, zumeist von jungen Leuten. Briefe, die nie ankamen jedoch brandgefährlich werden konnten.

 

BBC Bush House. Unweit von Westminster. Immer Freitags um Sieben sendete BBC-Worldservice „Briefe ohne Unterschrift“.

 

Einige der Absender schafften es statt ins Radio in eines der Gefängnisse der DDR. So der Schüler Karl-Heinz Borchardt aus Greifswald. Nach dem Einmarsch in Prag will der 17-jährige protestieren. „Ein spontaner Entschluss.“ Borchardt wird ermittelt und festgenommen.  Im März 1971 erhält der Gymnasiast zwei Jahre Haft – wegen versuchter staatsfeindlicher Hetze. Der Vernehmer, ein Leutnant: „Bei den Nazis hätten wir dich schon längst durch den Schornstein gejagt.“

Beispiele aus Briefen, die im Deutschsprachigen Service der BBC verlesen wurden.

  1. „Prima Obst“ berichtet über Dreharbeiten in Ost-Berlin: „In der Nähe der Frankfurter Allee und dem Bersarinplatz ist der Weidenweg. Neulich wurden zum größten Erstaunen der Bewohner viele Kisten mit Obst abgeladen. Äpfel, Apfelsinen, Bananen. So etwas geht ja bei uns sofort von Mund zu Mund. Es waren Attrappen.“
  2. Ein unbekannter DDR-Bürger dichtet. „Nichts uff´n Tisch, nichts uff´n Tella, nichts uff´n Boden, nichts im Kella. Uff de Toilette keen Klosettpapier, lieber Walter Ulbricht wir danken dir.“                                         

 

Die BBC galt im Dritten Reich als Feindsender. Diese Tradition setzte die DDR fort. Wer das Programm hörte, wurde nicht mehr eingesperrt. Aber: Wer Briefe nach London schickte, wurde observiert und in manchen Fällen auch wegen „staatsfeindlicher Hetze“ zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Unzählige Briefe kamen nie an.

 

Die BBC veröffentlicht auch Briefe von überzeugten Anhängern der DDR. Oktober 1963 „Werte Herren Meinungsmacher, einem Feind unserer Ordnung muss man eben eins aufs Mundwerk geben, das ist überall üblich, bei uns vielleicht etwas strenger. Wer bei uns arbeitet, der lebt auch anständig. Die, die über die DDR klagen und meckern, die würden auch im Kapitalismus dem Anarchismus frönen oder würden überzeugte Kommunisten sein. Ihre Taktik ist die stille Lüge im großen Stil, die bewusste Volksverdummung.“

 

„Schreiben Sie uns, wo immer Sie sind, was immer Sie auf dem Herzen haben.“ Foto: Knaus-Verlag

 

In den siebziger Jahren nehmen Briefe aus der DDR ab. Folge der Entspannungspolitik oder Einsicht, dass die Mauer noch hundert Jahre stehen soll?

1973 klagt ein DDR-Bürger. „Kohlen sind sehr teuer. 400 Mark, die ich verdiene, verbrauche ich alle für Kohlen, wenn ich es warm haben will. Das zieht in der Wohnung wie in einem Affenstall, da haben die Kühe und Schweine der LPG bessere Behausungen.“ Dieser Brief kam nie an. Stasi-Kontrolleure fingen den Brief ab.

Diese Nachricht erreicht die BBC, unterläuft alle Kontrollen. „SOS helft uns: Die sog. „DDR“ bietet uns so viel Freiheit, Demokratie und Hochgefühle an soz. Lebensverhältnissen, dass wir es vorziehen, in den krisengeschüttelten und monopolkap. Westteil unseres Vaterlandes überzusiedeln.“  Andere wiederum beschimpfen die BBC als „Moraltrompeter, Dummquatscher, Lügenstudio“.

 

Susanne Schädlich. Briefe ohne Unterschrift. 2017

 

Im Juli 1974 stellte die BBC Briefe ohne Unterschrift ohne Angaben von Gründen ein. Die Stasi triumphierte. Dann verschwand die stille Post in Archiven. Susanne Schädlich hat eine beeindruckende Auswahl aus 25 Jahren zusammengestellt. Verdienstvoll.

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