Glückskind

„Der Mensch ist frei, und würd´ er in Köthen geboren“, spottete einst Heinrich Heine. Michael Naumann erblickte genau dort das Licht der Welt, in der verträumten Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Von Köthen zog er in die Welt hinaus. Er kam bis nach New York, als erfolgreicher Verleger. Oder ins Kanzleramt, als erster Kulturstaatsminister der Ära Gerhard Schröder. Nun hat er sein Leben aufgeschrieben. Keine Frage: Seine Memoiren sind nicht unbescheiden. Eine Berufskrankheit sei diese verdammte Eitelkeit, zwinkert er. Aber Naumann das Glückskind aus Köthen hat viel zu erzählen. Anekdotenreich, süffisant und so manches Mal mit überraschendem Mehrwert.

Michael Naumann schlüpfte in seinen 75 Jahren in viele Rollen. Er war Journalist, Politikwissenschaftler, Kulturstaatsminister, ZEIT-Chefredakteur. Lobbyist. Am Ende mühte er sich als einer von zehntausend Türöffnern auf dem Berliner Hauptstadtparkett. Allerdings mit kulturellem Auftrag und einem vorzeigbaren Ergebnis. Naumann fungierte als intellektueller Bauleiter für den schicken neuen Pierre-Boulez-Saal. Er diente als Macher und Manager seinem Hausherrn Daniel Barenboim. Eine Erfolgsgeschichte.

 

Michael Naumann. Seit 2015 Gründungsdirektor das Barenboim-Said-Akademie in Berlin.

 

In seinen Glücks-Memoiren schaut Naumann ausführlich zurück auf prominente Zeitgenossen. Dichter, Minister, Schauspieler beiderlei Geschlechts kommen zahlreich vor. Aber er lässt auch Unbekanntes aufscheinen. Von schwarzen Listen des Verfassungsschutzes in den siebziger Jahren erzählt er. Vom Elend von Bochum: Die Ruhr-Universität. Ein Komplex, der „in alle Ewigkeit als Monument von Großmannssucht, bildungspolitischer Protzerei, architektonischem Brutalismus“ eingehen wird. Scharf rechnet mit der liberalen Zeit ab. Das Hamburger Magazin sei ein „Konsensblatt“ geworden, „ein wenig schrill war nur das bunte Layout“.

Gnadenlos geht er mit seiner Generation, den 68ern ins Gericht. Als sie am Kabinettstisch saßen, wurden sie „pragmatisch – bis zum Rand der Selbstverleugnung.“ Rot-Grün hätte nur erreicht, dass man oben reicher wurde, „in der Mitte bescheidener und unten ärmer.“ Das macht ihn wütend. 23,6 Milliarden Euro habe Rot-Grün den Banken geschenkt. Finanzminister Hans Eichel erließ die Körperschaftssteuer für Banken und Versicherungen. Urheber „dieser strategischen Großmutsregelung“ sei ein ehemaliger Steuerabteilungsleiter der Bayer AG“ gewesen, klagt Naumann. „Eine linke Regierung subventionierte also das deutsche Großkapital“. Da sei selbst Kohl sozialer gewesen.

 

Naumann: „Unsicher und eitel? Das passt zusammen, aber die journalistische Berufskrankheit der Eitelkeit hatte ich im Verlag überwunden“.

 

Michael Naumann kann sich mit seinen 75 Jahren noch so herrlich erregen wie einstweilen der zornige junge Mann von 1968. Sein größtes Glück sei übrigens gewesen, dass er bei der Blockade der Auslieferung der Bild-Zeitung in München in jenen Tagen nicht erwischt wurde, erzählt er beiläufig. Seine Freunde seien allesamt geschnappt worden.

Michael Naumann. Glück gehabt. Hoffmann und Campe 2017.

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