Schlaflos in Pjöngjang (3)

Die Welt taumelt am Rande einer Katastrophe schreibt der Spiegel. „Jeden Augenblick könnte der Atomkrieg ausbrechen“. Die Rede ist von Nordkorea. Viele Menschen fürchten, dass am anderen Ende der Welt plötzlich einer die Nerven verliert. Diktator Kim Jong-Un und US-Präsident Donald Trump belauern, provozieren und drohen sich bis ans Messer. Droht der große Knall? Sterben für Korea? Ich will lieber vom Leben erzählen.

Vor über zehn Jahren hatte ich die einmalige Gelegenheit, das geschlossene System der Kim-Dynastie eine Woche lang zu besuchen. Als Mitglied einer deutschen Delegation unter Leitung der damaligen Präsidentin des Goethe-Instituts Jutta Limbach. Eine kluge und unbeugsame Frau, die vor einem Jahr verstorben ist und in diesen Zeiten so sehr fehlt. Ich zitiere zum ersten Mal in Auszügen aus meinem Reisetagebuch. Übrigens: 2004 hieß der nordkoreanische Führer Kim Jong-Il. Der heutige Nordkorea-Diktator Kim Jong-Un ist dessen dritter Sohn. US-Präsident war damals George W. Bush.

 

Skyline von Pjöngjang.

 

2. Juni 2004

Schlaflos in Pjöngjang. Der Jetlag fordert seinen Tribut. Die Aufregung tut ein Übriges. Hotel Yanggkado. 40. Etage. Zu unseren Füßen ruht die Millionenstadt. Es herrscht Stille. Absolute Stille. Es ist dunkel. Absolute Dunkelheit. Das Fenster lässt sich öffnen. Der Blick hinaus ins Nichts macht neugierig. Die Luft ist milde. Irgendwo in der Ferne ist ein Zug zu hören. Die Stadt liegt tiefrabenschwarz vor unserem Hotel. Kein Licht, Kein Lärm, nichts. Pjöngjang ruht. Gespenstisch. Unwirklich.

 

5 Uhr morgens.

Ein metallenes Geräusch. Ein Ton, der sich stetig zu einer Melodie verdichtet. Es klingt wie ein elektronischer Weckruf. Was ist das? Woher kommen diese Geräusche? Die bizarre Melodie hallt über der Stadt. Ein Morgenruf? Die Aufforderung zur Meditation? Sollen die Genossen das Tagewerk beginnen? Oder ist alles nur eine Fata Morgana wie dieses ganze Land?

Ich bin unsicher. Ich lausche. Ich versuche die Töne zu sortieren. Es gelingt mir nicht. Die Pjöngjang-Melodie über den Dächern der Stadt klingt ein wenig traurig. Es dämmert. Ein neuer Tag bricht heran. Ich nicke ein.

 

In den Straßen von Pjöngjang.

 

7 Uhr morgens.

Zwei Sirenen erklingen kurz und scharf. Dann herrscht wieder Ruhe. Irgendwo schmettert ein Männerchor. Pjöngjang erwacht. Der Verkehrslärm ist bescheiden, der kräftiger Chor tiefer Männer-Stimmen schwingt durch die Straßen. Es klingt militärisch. Wer führt hier Regie? Was ist das für eine Inszenierung? Was ist echt, was ist Kulisse? Unwirkliche Wirklichkeit, fünfzehn Flugstunden entfernt.

 

Frühsport. Blick aus dem Hotelfenster in der 40. Etage in einen Innenhof.

 

14 Uhr nachmittags.

Auf der Toilette des Hotel-Restaurants spricht mich nach dem Mittagessen ein Einheimischer auf Englisch an. Ich bin überrascht. Denn bislang hatte ich nur mit Offiziellen Kontakt. Sein Englisch ist fließend. Der Anzug ordentlich. Vielleicht ist er ein Chinese oder Südkoreaner auf Dienstreise. In der Unterscheidung asiatischer Nationalitäten ungeübt, muss ich die Frage nach der Herkunft unbeantwortet lassen.

Dialog auf dem Pissoir.

„Woher kommst Du?“ – „Aus Berlin.“ – „Was machst Du hier? Bist Du Tourist?“- Ich verneine. – „Was machst Du dann hier ? Business?“ – Ich widerspreche nicht. Ich will mich nicht als westlicher Journalist offenbaren und lieber in Ruhe meine notwendigen Geschäfte zu Ende bringen. Er lacht laut und heftig los. – „Was willst Du hier für Business machen? Hier gibt es doch nichts…“ – Vor lauter Lachen pinkelt er sich fast seine Hose voll.

 

Einer, der sich um Sicherheit kümmert.

 

Abends. 20 Uhr.

Die Lobby des Hotels. Die kleinen agilen Herren mit den schwarzen Anzügen und den roten Parteiabzeichen haben uns gleich bei Ankunft die Reisepässe abgenommen. Die Männer von der Sicherheit vermissen einen Pass. Das macht sie nervös. Sie signalisieren, dass sie solange suchen werden, bis sie das Dokument finden.

Als dann die Frage aufkommt, was mit dem angebrochenen Abend anzufangen sei, schlägt jemand aus der Reisegruppe einen Nachtbummel vor. Wenig hilfreich dieser Vorschlag, meint diplomatisch der Vertreter des Goethe-Instituts Uwe Schmelter, der normalerweise in Seoul lebt. Er hebt vielsagend die Augenbrauen. Dann beginnt er uns aufzuklären.

Ohne Pass könne jeder Ausländer in Pjöngjang sofort auf der Straße festgenommen werden. Den Pass bekomme man erst kurz vor der Rückreise wieder ausgehändigt. Als Europäer falle man in Pjöngjang sowieso auf wie eine Ananasplantage in Alaska. Das sei ein leichtes Spiel für Polizisten und Sicherheitsleute. Noch Fragen? Keiner von uns plant einen Nachtbummel mit anschließendem Kurzbesuch im nordkoreanischen Kittchen. Das erscheint wenig reizvoll.

Wir bleiben im Hotel. Wo ist der fehlende Reisepass?, fragt der amtliche Betreuer. Er schaut uns deutlich strenger an. Von seiner anfänglichen Höflichkeit ist wenig geblieben.

 

Fortsetzung folgt.

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