Schlaflos in Pjöngjang – Finale –

Was ist in einem Land wie Nordkorea wahr, was nicht? Eine schlüssige Antwort habe ich nicht. Nur Erinnerungen an Begebenheiten wie diese, beiläufig passiert in unserem Ausländer-Hotel in der 40. Etage. Jedes mal, wenn ich in den Protokoll-Pausen mein Zimmer mit dem Hauptstadt-Überblick aufsuchte, klingelten zuverlässig die Zimmermädchen. Sie kamen immer zu zweit. Der Begriff Mädchen war in diesem Fall reichlich unangebracht.

Die beiden Endvierzigerinnen kicherten und brachten eine Kanne heißes Wasser. Wozu, wusste ich nicht. Ich hatte zwei Tassen im Zimmer, sonst nichts. Nun gut. Es handelte sich offenbar um eine höfliche Geste. Folglich beschloss ich am dritten Tag ein kleines Trinkgeld zu geben, obwohl alle Nordkorea-Kenner abgeraten hatten, einen Extra Groschen zu geben. Dies widerspreche den Landessitten. Doch wieviel sollte ich nun geben?

 

Unsere Tisch-Damen im Hotel hoch über der Hauptstadt.

 

Die beiden Zimmer-Damen glucksten und verbeugten sich. Jetzt standen wir uns alle drei begossen gegenüber. Ich wühlte im Portemonnaie, fand zwei 20 Cent Stücke, überlegte, ob es nicht deutlich zu wenig sei. Ich beruhigte mich damit, dass man in diesem Lande überhaupt kein Trinkgeld zu geben habe, da der Sozialismus solche rückständigen Traditionen bürgerlicher Gesellschaften siegreich überwunden habe.

Auch wenn 20 Cent ziemlich knauserig sind, überreichte ich diese kleine Aufmerksamkeit den Vertreterinnen aus dem Paradies der Werktätigen. Die Damen hielten inne. Sie bewunderten die Münze. Sie tuschelten. Dann explodierten sie. Die Ältere hielt das Geldstück in ihrer Hand wie eine Trophäe hoch. Sie gackerte. Sie schnatterte. Sie jubelte. Sie tanzte einen wahren Freudentanz. Die Münze fest in der Hand. Sie tauschte einen Blick mit ihrer Kollegin aus. Dann näherte sie sich und … warf mir eine eindeutige Geste zu. Ihre Augen funkelten: Na, wie wäre es mit uns beiden?

 

Blick aus der 40. Etage auf Pjöngjang.

 

Sie setzte ihr herausforderndstes Lächeln auf. Ich war fassungslos. Ich schaute wahrscheinlich genau so aus. Was jetzt? Ich hielt Abstand, verbeugte mich meinerseits und bedankte mich in freundlicher Bleib mir vom Leib-Haltung. Die beiden Werktätigen und Wasserträgerinnen verließen sodann laut jubelnd Zimmer 4020. Ich war perplex und sprachlos. Ich wagte mir nicht vorzustellen, was bei einem Trinkgeld von – sagen wir – zwei Euro passiert wäre.

Meine Kollegen klopften an die Zimmertür und fragten, was denn los sei. „Ach, eigentlich nichts Aufregendes“, antwortete ich. „Ich habe nur gerade erlebt, was ein kleines Trinkgeld in Pjöngjang auslösen kann…“

 

Kurz vor dem Check-Out am Flughafen.

 

Die Nordkorea-Reise vom 1. bis 5. Juni 2004 fand anlässlich der Eröffnung des ersten Goethe-Lesesaals der Bundesrepublik Deutschland in Pjöngjang statt. Er wurde einige Jahre später wieder geschlossen. Das ZDF-Team war Teil der offiziellen Delegation unter Leitung von Jutta Limbach, damals Präsidentin des Goethe-Instituts. Allerdings durften nicht alle akkreditierten Journalisten nach Nordkorea einreisen. Den Vertretern von SPIEGEL und FAZ wurde der Zutritt verweigert.

 

Schlaflos in Nordkorea. Die fünf Tage waren bizarr. Kaum in Worte zu fassen.

ENDE

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