Babylon Berlin

Unsere Vorstellung vom Berlin der zwanziger Jahre, von den Golden Twenties, ist eine schicke Sehnsuchtsprojektion. Die TV-Serie Babylon Berlin bedient diese fiebrige Endzeitstimmung, den Tanz auf dem Vulkan. Erzählt wird von einem Sündenbabel, einem Chicago an der Spree mit Sex, Drogen, Mord und Gewalt. Mehr Grusel-Marketing geht nicht: „Revolution. Korruption. Prostitution.“ Auf der Coach mit der Fernbedienung in der Hand lässt sich solch ein Event genüsslich goutieren: Wie bescheuert waren die Menschen damals?

 

 

Heute geht es der großen Mehrheit materiell unendlich viel besser als vor neunzig Jahren. Doch der Zeitgeist weht wieder streng in Richtung Überlebenskampf. Entertainment und gutes Leben für die Schönen und Reichen. Der Rest muss sehen, wo er bleibt. Moral? – Fehlanzeige. Einzige Botschaft: Jeder ist seines Glückes Schmied. Bei diesem Babylon-Berlin-Hype drängt sich die Frage auf, ob wir aus diesem Tanz gelernt haben könnten. Selbst nach langem Überlegen drängen sich keine beruhigenden Antworten auf. Warum? Täglich sehe ich in den Straßen Berlins auf Plätzen, an fast jeder Ecke, vor U- oder S-Bahnhöfen mehr Not, Elend und Gleichgültigkeit. Mein nachfolgender Text stammt aus dem September 2017.

 

Folge 1

Das ist meine Stadt. Freund und Geliebte. Fast täglich durchquere ich sie auf vertrauten Wegen. Ein paar Varianten gibt es. Auf dem Weg von West nach Ost in die Mitte und zurück. Aber eine Konstante bleibt. Armut macht Beute. Nicht wegzuleugnen. Überall Elendsgestalten an Ecken, Eingängen, in der Bahn. Sie betteln, musizieren, schnorren. Mal aggressiv, mal melancholisch, mal höflich oder trotzig resignierend. „Will denn hier keiner was geben? Ich wünsche noch einen schönen Tag!“

Irgendwann reichte es. Ich wollte und konnte nicht weiter den Kopf einziehen, wegschauen, mit der Großstadtmaske an der Not vorbeigehen. Verdammtes Gewissen! Eine blöde Erfindung. Also fing ich an, an Bahnhöfen, Straßen, Supermärkten, vor Geldautomaten oder in Zügen für einen Moment genauer hinzuschauen. Ich bin nicht Jesus, klar. Aber wenigstens das wollte ich tun. Bei Gelegenheit und vorhandener Zeit einfach mal anhalten und das Gespräch suchen. Gutmenschen-Gedanken? Vielleicht! Auf alle Fälle kostet es Überwindung. Es klappt nicht immer. Manche wollen nicht. Was funktioniert: ein paar Münzen, keine Besserwisserei, einfach zuhören, dann geht es in der Regel.

 

Dan. Standort: Friedrichstraße. Heimat: Transsylvanien, Rumänien.

 

Mein Viertel ist ein angesagtes aber in die Jahre gekommenes Altbauquartier. In den Jahren nach der Wende stagnierte das Leben.  Die Gegend war out. Menschen, Läden und Clubs wechselten in den neuen Osten. So viel Vergangenheit war nie. Die Zukunft fand woanders statt. Die Gründerzeit mit Boom und Baulärm, neuen Gewinnern und alten Verlierern hatte sich in meiner Straße vor einem guten Jahrhundert abgespielt. Diesmal fuhr der Zug woanders ab. Merkwürdig. Alles wiederholt sich. Alles ist im Fluss. Jeder neue Tag ein Wagnis.

 

Fortsetzung folgt

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