Babylon Berlin – Dan, Silvio, Mike und all die anderen

Jeder ist seines Glückes Schmied, heißt es. An einer Häuserwand hängt ein Plakat: „Grundeinkommen für alle“.  An einem Hauseingang reden zwei Rollator-Alte über Rüpel-Radler auf Gehwegen und die Wucht von Schlaganfällen. Während sie Krankenberichte austauschen, beobachten sie junge Eltern, die wiederum ihre Fahrradhelm-bewehrten Sprösslinge beaufsichtigen.

Die kleine Parkanlage in Berlins Mitte ist eine Oase. Und eine Art Volksbühne. Freier Eintritt. Schauspieler, Inszenierungen und Publikum wechseln. Ein Kommen und Gehen. Ein Passant, vielleicht Anfang vierzig, trägt seinen Rucksack fluchend zur Parkbank. Dort stellt er ihn umständlich ab, beginnt laut auf ihn einzureden. Es muss eine slawische Sprache sein. Ich vermute Polnisch. Aber klar wird, der Rucksack ist sein Gegner. Ist es sein Chef oder vielleicht die Partnerin? Drohend hebt der Mann die Stimme, gestikuliert mit den Armen. Er wirkt wie aufgezogen. Ein älteres Ehepaar verfolgt ein paar Bänke weiter das Schauspiel und genießt den Monolog. Niemand kümmert sich um den brüllenden Fremden. Passanten ziehen ungerührt an dem tobenden Mann vorbei. Ist das Berliner Toleranz oder Gleichgültigkeit?

Plötzlich nähert sich ein verkleideter Werbehase und durchquert den Park. Für wen er im Ganzkörper-Kostüm Reklame läuft, ist nicht zu erkennen. Er lässt Kopf und Schulter hängen, zieht wie ein geschlagener Krieger durch die Anlage. Hat er seine Mission erfüllt oder jede Lust auf seinen Job verloren? Die Parkbesucher schauen dem Hasen auf zwei Beinen verstohlen nach. Jemand zuckt die Achseln. Das war´s.

 

Dan. Standort: Friedrichstraße vor der Sparkasse. Herkunft: Rumänien.

 

In die halbvolle S-Bahn presst sich umständlich ein Plakatträger. „Gegen den Zionismus“, ist zu lesen und vieles mehr. Das Transparent ist eng beschrieben, als sollen alle Katastrophen dieser Welt auf einer Tafel festgehalten werden. Niemand im Abteil reagiert auf den Mann. Die meisten starren unbeeindruckt auf ihr Smartphone. Der Plakatträger murmelt ein paar Parolen, dann setzt er sich und gibt Ruhe, als zwei Kontrolleure zusteigen.

„Die Fahrausweise bitte“, schallt es durch den Wagen. Einige Fahrgäste nesteln in ihren Taschen. Eine ältere, sehr bescheiden gekleidete Frau, schaut unruhig nach links und rechts, spannt ihren schmalen Körper. Sie atmet tief durch. Die Kontrolleure nähern sich, bleiben jedoch beim Kämpfer gegen den Zionismus hängen. Dort entwickelt sich ein anhaltender Disput über Zionismus und die Notwendigkeit des Mitführens eines Beförderungsscheins.

 

Silvio. Standort: Friedrichstraße vor Starbucks. Herkunft: Magdeburg.

 

„Repression überall. Widerstand“, ruft erregt der Anti-Zionist. Die S-Bahn hält an der nächsten Station. Die Kontrolleure walten ihres Amtes. Der Demonstrant wird laut diskutierend zur Türe eskortiert. Derweil verlässt die ältere Frau blitzschnell die Bahn. Auf dem Bahnsteig steckt ihr eine andere aussteigende Mitreisende ihr Ticket zu. Flugs kehrt die ältere Dame in den Zug zurück und setzt ungehindert mit einem gültigen Fahrschein ihre Fahrt fort. Auf dem Bahnsteig streiten der Kämpfer gegen Zionismus und die beiden vermutlich türkischstämmigen Kontrolleure um das Schwarzfahren und alles andere Übel dieser Welt.

„Mach´ s gut und zehntausend Küsse“, sagt die Berlinerin, wenn sie genug hat. Von dir oder mir oder was weiß ich von wem. Wenn alles vorbei ist. Ich könnte noch von vielen Straßenbekanntschaften erzählen. Von der polnischen Kristina mit der Panzerglasbrille, die Jesusbilder verkauft. Von Silvio aus Magdeburg mit der Kinderlähmung, der glücklich strahlt, wenn er zwölf Straßenfeger verkauft hat. Vom „Original-Westberliner“ Torsten an der Weidendammerbrücke, der „Maut für Rollis“ fordert. Von Torsten, dem alten Schweden. Ihm ist die Frau weggelaufen und seitdem hängt er auf der Straße.

 

Mike. Standort: Unter den Linden/Ecke Friedrichstraße. Herkunft: Schweden.

 

Wen interessiert´s? „Bloß nicht ins Bier weinen“, sagt Ronny, der vor dem Bioladen betuchte Bürger anschnorrt. Als wir uns unterhalten, nähert sich ein Rentner in Jack-Wolfskin-Jacke. „Geh doch arbeiten! Dann brauchst Du hier nicht rumzustehen und Zeitungen verkaufen.“ Antwort des Verkäufers: „Geh Du doch arbeiten, damit Du meine Zeitung kaufen kannst.“ So ist Berlin. Mein Freund und meine Geliebte.

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Wer in der Winterzeit nachts obdachlosen Menschen in Not helfen will, der Kältebus ist von 21 – 03 Uhr unter der Nummer 0178 523 5838 zu erreichen.

Wer lieber spenden möchte, hier der Weg zur Berliner Stadtmission. Jeder Euro hilft.

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