Archive for : Februar, 2018

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Über richtiges Verhalten bei Weltuntergang

Atomschlag. Armageddon. Flüchtlingsströme. Börsenkrach. Schuldenkrise. Klimakollaps. Jüngstes Gericht. Egal, wie dickhäutig oder zartbesaitet der moderne Zeitgenosse ist: Der nächste Weltuntergang steht offenbar vor der Tür. Aber wann genau? Und wo? Wen trifft es? Welche Musik hört man dazu? Wie bereitet man sich vor? Kann man sich schützen? Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe, abgekürzt BBK, empfiehlt offiziell und mit aller Dringlichkeit, Vorsorge zu treffen. Jetzt. Sofort. Ohne Ausreden.

Wie wäre es mit einem Notkoffer? Ein Journalist der seriösen Zeit hat sich seine Überlebens-Kiste für alle Fälle schon gepackt. Was kommt rein? Ein Radio, empfiehlt er, das mit Batterie, Kurbel oder Solarzelle betrieben werden kann. Natürlich Kerzen, Decken, Reservebatterien. Dazu Konserven und einen Gaskocher. Ferner Erster-Hilfe-Kasten, Schmerzmittel, Antibiotika, Brandsalbe und Desinfektionsmittel. Ganz wichtig ist Wasser in ausreichender Menge. Am besten bei Alarm sofort die Badewanne volllaufen lassen, rät das BBK. Das ergebe rund 120 Liter Reserve. Denn die Pumpen, die frisches Wasser aus der Leitung garantieren, fallen nach einem Stromausfall ziemlich schnell aus.

 

Ab in den Bunker?

 

Ein Krisenszenario für durchgeknallte Weltverschwörungsfreunde? Oder für Reichsbürger, die sich für den Endkampf wappnen wollen? Der Zeitreporter wehrt alle Einwände ab. Er sagt, er wisse, dass ein Atomschlag nicht zu überleben sei, aber unterhalb dieser Schwelle gebe es Szenarien, die weitaus wahrscheinlicher seien. Ein manipulierter Stromausfall beispielsweise reiche aus. Nichts funktioniere mehr. Kein Internet, kein Nahverkehr, kein Krankenhaus. Ein Leben ohne funktionierende Ampeln, Kühlschränke und Notrufsysteme sei alles – nur nicht sicher. Flucht sinnlos.

Das BBK, die Behörde der amtlichen Katastrophenschützer, geht im Krisenfall von neunzig Prozent gesetzestreuen Bürgern aus. Die restlichen zehn Prozent würden sich über alle Gesetze stellen und das Faustrecht bevorzugen. Das Leben auf Straßen, Plätzen und Bahnen würde folglich äußerst ungemütlich werden. Also zuhause bleiben. Im Keller. Mit Familie, Freunden, Nachbarn. In unserem Berliner Mietshaus existieren übrigens noch die Türen vom alten Luftschutzbunker von 1945. Sie ächzen und quietschen erbärmlich, wenn sie bewegt werden.

 

 

Solche verstörenden Gedanken will ich lieber abschütteln wie eine lästige Mücke an einem lauen Sommerabend. Krise ist ein produktiver Zustand, sagt Max Frisch. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen. Was tun? Notkoffer packen oder es besser sein lassen? Der Zeit-Reporter hält seine Vorsorge-Kiste nicht für ängstlich, sondern für vernünftig. Sind die Zeiten reif um Karl Kraus wieder aus dem Regal zu holen? Seine „Letzten Tage der Menschheit“ veröffentlichte er 1918, vor genau einhundert Jahren. Bei dem Wiener Satiriker Kraus heißt es dann: „Das Leben geht weiter! – Als es erlaubt ist.“

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Bedingungsloses Höchsteinkommen?

Geld macht glücklich. Aber gibt es noch ein paar Dinge mehr im Leben? – Zum Beispiel die Carnegie-Hall in New York. Ein Konzertsaal der Extraklasse. Gestiftet von einem knorrigen Mitmenschen, der viel Geld und obendrein ein zündende Idee hatte. Er beschloss sein Vermögen mit anderen zu teilen. Sein Name: Andrew Carnegie. Sohn eines Webers. Schotte aus ärmlichen Verhältnissen. Er wanderte 1848 in die USA aus und wurde dort zum reichsten Mann seiner Zeit.

Sein Vermögen machte er mit Stahl. In der Region Pittsburgh, heute Stammland der treuesten Trump-Wähler. Dort betrieb er mehrere hochrentable Werke. Der Eisenbahnbau ließ ihn unvorstellbar reich werden. Im Alter von 64 Jahren setzte sich der Stahl-Tycoon zur Ruhe. 1889 veröffentlichte er sein Vermächtnis, das „Evangelium des Reichtums“. Dort heißt es: „Wer reich stirbt, stirbt in Schande.“

 

Der amerikanische Traum. Vom Tellerwäscher zum Milliardär. Vom schottischen Armenkind zum US-Stahlbaron. Andrew Carnegie. (1835-1919)

 

Carnegie gründete Hilfsorganisationen für Bergbaukumpel, finanzierte Stiftungen für Friedensarbeit, unterstützte Bibliotheken und soziale Projekte. Seiner schottischen Heimatstadt Dunfermline stiftete er einen Bürgerpark mit Botanischem Garten. Carnegie war der einzige Großunternehmer, der für die American Anti-Imperialist League offen gegen Kolonialkriege eintrat.

Mittlerweile haben sich über Hundert Superreiche in der Initiative „The Giving Pledge“ dazu verpflichtet, mindestens die Hälfte ihres Vermögens an die Allgemeinheit zurückzugeben. Mit dabei: Bill und Melinda Gates, Warren Buffet und als einziger deutscher Milliardär der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner. Bekannt geworden als Finanzier des Barberini-Museums in Potsdam. Aber reicht das?

 

Museum Barberini in Potsdam. Stifter ist Hasso Plattner. Seit Januar 2017 geöffnet. Im ersten Jahr kamen 520.000 Besucher.

 

Eine Volksweisheit sagt: Du kannst Dir das beste und exklusivste Bett kaufen. Den ruhigen Schlaf nicht. Weil immer mehr Menschen immer schlechter schlafen, weil steigende Mieten und sinkende Kontostände die Nachtruhe rauben, gilt das bedingungslose Grundeinkommen als das Projekt der Zukunft. Das Versprechen: Tausend Euro für jeden Bürger. Ohne Prüfung, ohne Ansehen der Person. Diese Mindestsicherung, sagen Experten, wird kommen. Die Frage sei nicht mehr ob sondern wann.

 

 

In der Bibel heißt es: „Gott nährt die Spatzen und kleidet die Lilien.“ Für alle werde gesorgt, niemand bleibe zurück. Dieser fromme Wunsch bedarf jedoch zwingend einer irdischen Grundlage. Das wusste der knallharte Geschäftsmann Andrew Carnegie. Deshalb erklärte er in seinem Gospel of Wealth, seinem Evangelium des Reichtums. „Geben ist seliger als nehmen.“ Ein bestechend einfacher Gedanke, der doch so schwer umzusetzen ist.

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Willy Wichtig

Mitten in einer kalten Februar-Woche. Eine Landpension in Mecklenburg. In der Gaststätte wärmt ein Holzofen Herz, Seele und Füße. Wir setzen uns, freuen uns auf ein Schnitzel mit Bratkartoffeln. Am Nachbartisch ein einsamer Leser. Sein Buch verschönt er sich mit einem großen Pils. Aus den Augenwinkeln mustert uns der Mann. Er sieht aus wie eine Mischung aus Karl Marx und Waldschrat.

Rasch mischt er sich ein. Er kenne den Norden, komme aus Schleswig-Holstein. Ehrliche gerade Menschen. Glücklich, nicht verbogen oder verlogen wie die Berliner. Er sei Waldbesitzer, Windparkbefürworter, streite gegen Massentierhaltung und Behördenwillkür. Überall herrsche Unfähigkeit. Der Kneipen-Philosoph bestellt sein fünftes Bier. Wir merken. Hier ist ein großer Welterklärer zugange. Widerspruch zwecklos.

 

 

Der Typ Handlungsreisender weiß alles, kennt alles, kommentiert alles. Die Hosenträger geben seinem massiven Körper Halt. Als sein Handy im Kirchenglockensound fröhlich bimmelt, frohlockt der Endsechziger – die „Sterbensglöckchen“ läuten. Mittlerweile seziert er die Lage der Nation. „Politiker? Alles Verbrecher. Ist doch so? Traut sich nur keiner offen zu sagen!“ Ein Prost auf den deutschen Wald. In dem lässt er Rumänen arbeiten. Karl Marx im Mecklenburgischen braucht Publikum. Anerkennung. Bestätigung. Zustimmung.

 

 

Meine Kollegen haben sich verdrückt. Dann kommen sie wieder. Leben heißt eigentlich aussuchen. Hier auf dem Land gibt es keine Wahl. Die Pension an einer Bundesstraße ist die einzige weit und breit. Nach 20 Uhr ist rundum Zapfenstreich. Der Welterklärer bestellt sich sein siebtes oder achtes Bier. Er wirkt wie ein entlaufenes Zootier. Mächtig, tapsig, auf der Flucht. Auch ich will nur noch weg. Dieser Mann liebt den großen Monolog. Er spricht unablässig. Beamte und Arbeit? Geht das? Na! Der größte Irrtum seit Adam und Eva. – Wir hören nicht mehr zu. Er lacht über seine eigenen Witze.

Eines will ich noch wissen. Was liest dieser Mann, wenn er nicht andere zutexten kann? Ich frage ihn. Das Buch liegt offen vor ihm auf dem Kneipentisch. Das sei nichts für Weicheier. Er blättert in den Seiten. Dann zeigt er stolz den Umschlag. Das Buch sei von Felix Steiner. Hoher SS-General. Die Freiwilligen. Lange nach dem Krieg habe der Waffen-SS-Mann Kameradschaft und Treue hochleben lassen. So etwas gebe es heute nicht mehr. Das war 1958. Das Jahr, in dem ich geboren wurde.

 

Paul Cezanne. Der Trinker.

 

Die bärtige Zufallsbekanntschaft testet meine Reaktion. Na, dann nochmal Prost auf den deutschen Wald, hebt er an. Und auf Steiner. War doch nicht alles schlecht damals, oder? Der kräftige Mann leert sein neuntes oder zehntes Glas und erklärt, er komme aus einer SS-Familie. Die nächste Lokalrunde gehe auf ihn, auch für uns am Nachbartisch. Ein cleverer Anschlag auf unsere Moral: Das nächste Bier umsonst oder lieber prinzipienfest verweigern? Wir entscheiden uns für Rückzug. Rasch leeren wir die Gläser. Dann schleichen wir uns von dannen, während der Bärtige sein zehntes oder elftes Bier bestellt.

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Von Hoffnungen und Pleiten

Aurel schlängelt sein Taxi sicher durch den ruppigen Verkehr von Bukarest. Wenn es sein muss, hupt er sich den Weg frei. Der kräftige Mann kennt sich aus. Wir fahren zum Haus der Presse. Ein riesiger Stalin-Bau nach Moskauer Vorbild. Dort soll einmal mein rumänischer Verlag gewesen sein. Aurel ist Anfang vierzig, wir kommen ins Gespräch. „Rumänien ist ganz großer Mist. Schrecklich.“ Er will weg. Warum? Aurel aktiviert seinen kleinen Bildschirm neben dem Taxameter, zeigt Familienfotos.

 

Mit der Dacia-Taxe von Aurel quer durch Bukarest.

 

„Das ist mein Sohn Alexander, sieben Jahre alt“, erklärt er stolz. „Zweite Klasse.“ – Wo ist seine Frau? Seine Miene verdunkelt sich. – „Sie arbeitet in Germania.“ In Meiningen, erfahre ich, in Thüringen. Aurel verständigt sich mit Händen und Füßen. Englisch fällt ihm schwer. Er malt auf seinem Notizblock Wörter, Linien und Bilder, wenn ich ihn nicht verstehe. Seine Frau jobbt in Deutschland. Auch er will nur noch weg. Die Trennung sei nichts für die Familie. Aurel lebt das rumänische Drama. Ein Brain Drain ohne Ende. Über vier Millionen Rumänen haben ihr Land seit dem EU-Beitritt vor zehn Jahren verlassen.

 

„Verrat stirbt nie“. Wie geht es dem rumänischen Verlag? Wer sind die Herausgeber? Hat das Buch Leser gefunden?

 

Aurel zuckt mit den Schultern. „Das Land hat keine Zukunft.“ Taubenzüchten ist sein Hobby. Seine geflügelten Freunde können überall hinfliegen. Nur er nicht. Er kann nur Taxifahren. Wir halten am Haus des Volkes. Auf den Palast ist er stolz. Der „Sohn der Sonne“ – Rumäniens gestürzter Ex-Diktator Ceausescu – hatte den gigantischen Kasten von zwanzigtausend Arbeitern in nur fünf Jahren errichten lassen. Als wir die russische Botschaft passieren, erklärt er: „Putin ist stark. Ein Mann der Vertikalen.“ Aurel malt mit den Händen in seiner kleinen Dacia-Taxe eine gerade Linie von oben nach unten. „Kein hin und her. Er weiß, was er will. Ein Schachspieler, ein Stratege. Kein Clown wie Trump.“ Aurel findet Putin gut, obwohl er die Russen nie mochte.

 

Vorne ein Denkmal für die „Opfer des Kommunismus“. Im Hintergrund das „Haus der Presse“ in Bukarest. Es steht heute weitgehend leer.

 

Ankunft Haus der Presse. 2009 wurde mein Buch Verrat verjährt nicht in Rumänien veröffentlicht. Nun erfahre ich: Seit 2015 ist der Verlag mit dem weltläufigen englischen Namen „House of Guides“ pleite. Im einstigen kommunistischen Verlagshaus residierte er einmal. Der Chef war der bekannte rumänische TV-Moderator Mihai Totulici, sozusagen der Plasberg von Rumänien. Vor einiger Zeit verschwand er spurlos von der Bildfläche. In der rumänischen Variante wurde aus Verrat verjährt nicht der entschieden härtere Titel „Verrat stirbt nie“. Es nutzte offenbar nichts. Wie viele Bücher einen Leser fanden, warum der Verlag in Konkurs ging, werde ich wohl nie erfahren.

 

Kein Verlag mehr. Keine Bücher mehr. Alles pleite. Taxifahrer Aurel hält meine vergebliche Suche in Bukarest mit einem Foto fest.

 

Literatur hat es im heutigen Rumänien schwer. Der Alltag lastet auf den Menschen. Die Krankheit des Landes? Korruption. Ein Krebsgeschwür. Dazu schlecht bezahlte Jobs und steigende Preise. Acht Euro kostet ein Buch, bei fünfhundert Euro liegt der Durchschnittslohn. Taxifahrer Aurel hat die Nase voll. Auch er will die Heimat verlassen. Aber wohin? Einfach losfliegen wie seine Tauben kann er nicht. Eigentlich möchte er sowieso viel lieber zuhause bleiben, deutet er an. Wenn nur seine Frau wieder zurück wäre. Nach zwei Stunden Fahrt durch Bukarest steht der Taxameter bei 47 Lei. Das sind etwas mehr als zehn Euro. Ich gebe ihm zwanzig. Er lächelt freundlich und fragt noch, ob ich in Germania Arbeit für ihn hätte?