Sonnenuntergang Alexas

Hitzefrei

Es ist kurz vor Mitternacht. Alle Fenster sind aufgerissen. Lüften! Von draußen dringt der Sound von Berlin ins vertraute Heim. Das Grundrauschen mit Hupen, aufheulenden Motoren, ab und zu das quälende Martinshorn eines Notarztwagens. Irgendwo ist immer was. Auch im Hochsommer. Die Stadt ist im Urlaubsmodus. Leerer als üblich, aber auch heißer. Viel heißer. Die Luft steht. Das Thermometer im Arbeitszimmer sinkt in den Abendstunden kein bisschen. 30 Grad kurz vor Mitternacht. Kaum auszuhalten.

Manchmal weht der Hauch einer Brise durchs Zimmer. Es kühlt nur virtuell. Alles klebt, Schweiß auf der Stirn. Warten auf Abkühlung. Berlin – ein Sommernachtstraum? Die Stadt hat längst das Hitze-Level von Athen, Istanbul oder Marrakesch erreicht. Auf dem Land verdorrt das Korn. Bauern klagen bei Weizen, Kartoffeln und Mais über riesige Ausfälle. Notprogramme werden diskutiert. Wir müssen uns daran gewöhnen, sagen die Experten. Andere beschwichtigen. Wieder andere erklären, dass sei eben so und die biblische Hitzewelle wäre alles nur nicht menschengemacht.

 

Allein der Mond war gut. Mondfinsternis am 27. Juli 2018. Blutrot war der Mond – wie eine glühende Kohle. Die nächste Mondfinsternis ist 2123.

 

Die Statistiken sind eindeutig. Es wird wärmer. Berlin ist dabei die heißeste Stadt des Landes. Meteorologisch gesehen. Die Stadt ist eine Wärmeinsel. Die Anzahl der Tropentage steigt. Dann verharren Temperaturen in der Mitternachtsstunde bei dreißig Grad. Also Nächte wie in diesen Stunden. Die Tropentage und Nächte sollen weiter zunehmen von derzeit zwei auf zehn im Jahr. Den Saunagang im Sommer gibt es nunmehr kostenlos. Immerhin: In warmen Wintern sinken die Heizkosten, verringert sich die Zahl der Knochenbrüche, weil Naturereignisse wie Schnee und Eis so exotisch werden wie eine Telefonzelle oder Briefe mit der Hand schreiben. Unser vertrautes Klima ist am Limit.

 

Der richtige Blick. Die richtige Haltung. Das ist wichtig. Gesehen beim „Rundgang“ an der Universität der Künste Berlin. Juli 2018.

 

Die Lyrikerin Kathrin Schmidt hat den Hitzegraden eine literarische Note abgewinnen können. Extremwetterlagen können Stoff für gute Texte liefern. Warum nicht? Erwähnt werden muss, dass es sich bei ihrem Gedicht „L´absence d´eau“ – die Abwesenheit von Wasser – um eine Auftragsproduktion handelt. Die Umweltorganisation WWF hat Künstlern Raum für Ideen und Auseinandersetzung mit der Klimakrise gegeben. Hier eine Kostprobe.

 

„Der Garten jammert, fleht um nasse Gnade.

Man springt. Man sprengt. Das wechselwarme Reh,

das scheu den Kopf schob durch das trockene Weh,

zeigt sich im Sonnenuntergang malade.

Aus Tau wird mau. Maufrisch steht notgereiftes

Getreide auf den Feldern, und die Kirschen

Einst rotgroß rund, vergehen mit einem Knirschen

im Mund.“

 

Guten Appetit. Ich gehe jetzt duschen. Das Wasser fließt weiter fröhlich aus dem Hahn. Ist doch alles bestens. Danach empfehle ich noch ein passendes Video aus guten alten Zeiten. FKK 1983. Die DDR-Band Juckreiz singt von der Sünde in Warnemünde. Wahnsinn. Als die Welt noch voller Versprechen war…

 

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