Nur mit uns

Lust auf Geschichten? Auf Frohsinn, Gemeinsinn, Gemeinschaft? Berlin feiert Anfang Oktober drei Tage lang das größte Fest des Jahres. Motto: „Nur mit Euch!“ Mit Bundespräsident, Nena und Currywurst. Brandenburger Tor und Tiergarten verwandeln sich in eine große Fanmeile der deutschen Einheit. Eine Million Besucher werden erwartet. Wie ist das nun? 28 Jahre vereint. Ein Grund zum grenzenlosen Feiern?

Schauen wir genauer hin. Ins kleine Herzdorf, in dem die große deutsche Einswerdung noch größere Verdauungsstörungen auslöste. Bis heute. Wir befinden uns Anfang des Jahres 2000. Der Gemeinderat hat eine wichtige Entscheidung zu treffen.

 

Als Windräder und Wölfe ins Land kamen…

 

„Blumental war wieder einmal zu spät. Die Sitzung hatte begonnen. Er eilte in die verrauchte Gaststätte, in der an diesem Abend sein Parkkonzept verabschiedet werden sollte. Endlich! Dann konnte es losgehen. Das Herzstück der Weltausstellung EXPO 2000. Er hatte den Park des Bundespräsidenten neu gestaltet, die Scheichs mit seinen Innenhöfen in Riad verzaubert. Da müsste es doch mit dem Teufel zugehen, wenn eine Troika aus Feuerwehrhauptmann, Ex-LPG-Chef und früherem Staatsbürgerkundelehrer ihn noch stoppen würde. Blumental stellte sein Konzept vor. Er sprach von einer einmaligen Chance. Von Jobs, Entwicklung und Perspektiven. Das Beste sei, der Park erhalte eine hundertprozentige Förderung.

 

Jobs. Entwicklung. Perspektiven für´s Land.

 

Die anwesenden Männer und Frauen schwiegen. Seit Wochen hatte es in den Dörfern kein anderes Thema mehr gegeben. Der Mann sei größenwahnsinnig geworden. Jetzt nimmt er uns auch noch den Park weg, hieß es. Feuerwehrchef Hans Brenner, zeit seines Lebens im Gemeinderat, hatte erklärt: „Den Park kriegt er nicht. Nur über meine Leiche.“ Als Blumental seinen Vortrag beendet hatte, türmte sich eine Mauer aus Bedenken und Misstrauen auf. Fragen prasselten in den Raum: Wer übernimmt die Folgekosten? Was hat der Ort davon? Wer bezahlt die Pflege? Die Männer redeten sich in Rage. Das koste das Dorf ein Vermögen, eine halbe Million Mark im Jahr mindestens. „Wir wollen kein Mercedes-Dorf“, rief ein Gemeindevertreter. Schon einmal sei man über den Tisch gezogen worden, entgegnete ein anderer. Es wurde eine nervenaufreibende Sitzung. Man lasse sich nicht mehr für dumm verkaufen. Versprechungen vom Paradies auf Erden habe man sich in der DDR lange genug anhören müssen. Der Sozialismus sei eine gute Sache. Nur scheiße, dass man ihn so lange hatte. So berichteten damals Teilnehmer von diesem außergewöhnlichen Abend im Gemeinderat von Herzdorf.

 

„Wir sind doch nicht Sanssouci.“ Die Scheune hat drei Systeme überlebt. Sie bleibt. Noch hundert Jahre, sagt der Besitzer.

 

Auch Jahre später erinnern sich die Beteiligten an die turbulenten Stunden. Wenn auch höchst unterschiedlich. Nur in der Frage des Parks empfanden alle ähnlich. Es ging um Sieg oder Niederlage. Um Leben oder Tod. Fast wie in den Theaterstücken, die im Park gespielt worden waren. Nur dieses Mal spielte das Stück im richtigen Leben. Blumental: „Ich behaupte heute, es ist DDR-Denken gewesen. Dieser Park war wie die Kirche völlig ungenutzt. Einige wenige haben Löwenzahn für ihre Karnickel geschnitten. Ansonsten war der Park eine verwilderte, vernachlässigte Einheit.“ Feuerwehrchef Brenner blieb bei seiner Ablehnung. „Der Eintritt sollte zehn Mark kosten, auch für uns Einheimische. Wir sind doch nicht Sanssouci!“

***

Auszug aus: So viel Anfang war nie. Btb. Im März 2018 auch als Taschenausgabe.

So viel Anfang war nie von Christhard Laepple

 

Live auf dem Fest der Einheit. Berlin. 1. Oktober 2018  16.15 Uhr Programmzelt „Geschichte und Erinnern“. Straße des 17. Juni – vor dem Sowjetischen Ehrenmal.

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