Kleine Frau, was nun?


Sie hat so gelitten und ist noch immer voller Mut und Witz. Wilma R. lebt im Osten. Eine waschechte Berlinerin. Mitte siebzig. Zweieinhalb Zimmer mit Balkon. Eine Rente, die gerade so reicht. Eine „kleine Frau“ mit Herz und Schnauze. Sie konnte nicht wegsehen, Unrecht kaum ertragen. Für ihre große Klappe holte sie sich heftige Schrammen. Denn insgeheim wollte sie lieber Schriftstellerin als „Sachbearbeiterin“ werden. Also setzte sie sich abends nach Schicht und Kinderversorgung an ihre Schreibmaschine und tippte los. Mit unfassbaren Folgen.

„Tatort“ Dichterstube. Wenn Wilma die Arbeit getan hatte, fing sie abends an zu schreiben. Hier nahm ihre „Familie Kraft“ Gestalt an.
Alle Schwarzweiß-Fotos: Wilma R.

Berlin. Hauptstadt der DDR. Ende der siebziger Jahre. Wilma erfindet ihre Familie Kraft. Mann, Frau, Sohn. Eine Durchschnittsfamilie. Wohnung zu klein, Hoffnungen auf Besserung groß. Wilma schreibt über das, was sie täglich erlebt. Sie hat eine sozialistische Bilderbuch-Karriere hingelegt. Sie lernt Steinmetz, wird Kranführerin, jobbt als Stenosachbearbeiterin, studiert Ökonomie, arbeitet sich zur Abteilungsleiterin eines Großhandelsbetriebes hoch. Nur beste Referenzen. Doch sie erlebt den Alltag mit Versorgungsmängeln, Misswirtschaft und selbstgerechten Vorgesetzten. Motto: Hauptsache, der Plan wird erfüllt. Dafür ist jede Schummelei erlaubt.

Blick aus der Schreibstube. Berlin Prenzlauer-Berg. Gethsemanekirche. ca. 1978.

Als die Kurzgeschichten fertig sind, bietet sie die Texte dem ZDF-Korrespondenten an. Sie übergibt im Frühjahr 1978 dem West-Journalisten zwei Schnellhefter mit ihrem „Geschreibe“. Da steht sie bereits unter Beobachtung. In der DDR, weiß sie, haben solche Texte keine Chance. Sie hofft auf eine Veröffentlichung – im Westen. Nun nimmt das Unglück seinen Verlauf. Ihre Alltagsgeschichten mit Titeln wie „Familienabend“ oder „Golfrausch“ finden im Westen kein Interesse. Sie werden nicht veröffentlicht.

Als der Korrespondent 1979 die DDR verlässt, schlägt das Ministerium für Staatssicherheit zu. Es folgen Hausdurchsuchungen, Festnahme und monatelange Verhöre in Hohenschönhausen. Schließlich das Urteil: Sieben Jahre Haft wegen „staatsfeindlicher Hetze“ (§ 106). Nach vier Jahren und zwei Monaten Gefängnis wird Wilma 1983 in die DDR entlassen. Sie kümmert sich um ihre kranke Mutter, arbeitet bis zur Rente bei der BVG. Ihr geschiedener Mann konnte Anfang der achtziger Jahre mit ihrem Sohn in den Westen ausreisen. Die Familie blieb bis heute getrennt. Diese Mauer ist stabiler als jeder „antifaschistische Schutzwall“.

Vor gut einem Jahrzehnt lernte ich Wilma im Rahmen einer Recherche kennen. Wir veröffentlichten ihre vergessene Geschichte in mehreren ZDF-Beiträgen und in meinem Buch „Verrat verjährt nicht“. 2018 schreibt sie:

„Die DDR war mein Land, das Land, in dem ich aufgewachsen bin. Behütet, fröhlich, vom Staat gefördert. Bis ich sehen und hören gelernt hatte. Bis dieses graue, vom verwaschenen rot überzogenen Land mein Herz und meinen Verstand erreicht hatte. Mich überfiel eine unendliche Traurigkeit, wie sie es Menschen, die es doch besser hätten wissen müssen, dieses Land verkommen ließen. Sie, die vielfach in Nazi-Zuchthäusern, in KZ, im Untergrund oder im Exil gelitten hatten, regierten stümperhaft, sahen überall in jedem den Feind, der nicht alles bejubelte, was sie beschlossen. (…)

Wir kennen das Ergebnis. Natürlich sind wir heute alle schlauer, ich auch. Und es ist natürlich leichter, jetzt Vergangenes zu beurteilen als damals die Gegenwart. Ich weiß nur: Ich habe an der Entwicklung des Landes gelitten. Mir fehlte die Nische, in der ich mich hätte verstecken können. Heute leide ich wieder und immer noch – aber anders.“

Aus Wilmas Observationsakte. Aufnahmen aus dem Jahre 1978, entstanden in der Mittagspause. Copyright: MfS/BSTU.


Wilma hofft, dass ihre Geschichten von der Familie Kraft eines Tages doch noch das Licht der Welt erblicken können. Wir machen hier einen Anfang. Von nun an soll ihre Erzählung „Familienabend“ in einer mehrteiligen Fortsetzungsgeschichte den Weg zu Leserin und Leser finden. Eine Premiere. Dreißig Jahre nach dem Abgang eines Landes, das ihre Texte nicht ertragen konnte. Wilmas „Angriffe“, hieß es in einem Stasi-Gutachten, seien „gegen die DDR, plump, durchschaubar, ohne Raffinesse“ gerichtet und zeugen „von ihrem Hass, gleichzeitig aber auch von ihrem niedrigen geistigen Niveau“.

Demnächst hier „Familienabend“.

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