„Familienabend“ Teil 3

Folge 3:

Das Radio dudelte gerade: „Geht es rundherum auf dieser Erde…“ „Bloß nicht für uns“, murmelte Wolfgang. Er langte nach seiner Tasse. Der Kaffee war allerdings noch zu heiß. Er stellte die Tasse wieder ab. Dann griff er noch einmal das Kreditthema auf: „Dass die drüben unserem Staat Kredite einräumen, und zwar gern, ist doch logisch.  Hier bürgt der Staat und nicht irgendeine Firma für die Rückzahlung des Geldes. Eine sicherere Anlage können die gar nicht haben.“

„Familienabend“ ist Teil der Geschichte einer fiktiven Ost-Berliner Familie Kraft aus den siebziger Jahren der DDR. Autorin Wilma R. bot sie einem West-Korrespondenten an. 1980 wurde sie zu sieben Jahre Haft wegen „ungesetzlicher Verbindungsaufnahme“ verurteilt.

„Sag mal“, wurde jetzt sein Vater gesprächiger, „Du glaubst wohl deren Gerede drüben, wie sie für mehr Menschlichkeit sind. Was denkst Du, warum die sich noch nie dafür eingesetzt haben, mit unserer Regierung Verträge abzuschließen, dass jeder DDR-Bürger auch eine bestimmte Menge unseres Geldes drüben in Westmark umtauschen kann, wenn er in das Gebiet einreist? Das werde ich Dir sagen, weil die nicht das geringste Interesse an uns haben, die quatschen lediglich. Oder denk mal daran, wie Du Dich geärgert hast, als die SPD anfing, davon zu reden, dass man auch über die Staatsbürgerschaftsfrage mit der DDR sprechen könne!

Ich sage Dir, für einen Wahlerfolg oder irgendwas Ähnliches verkaufen die Deine Staatsbürgerschaft und pfeifen auf ihr so hoch geheiligtes Grundgesetz und vor allem auf Dich. Das ist denen höchstens lieb, wenn Du dann bei einer eventuellen Reise durch Westdeutschland rausgeschmissen werden kannst, weil Du vielleicht dableiben wolltest. Ich weiß wirklich nicht, was Du an denen findest?“

Familie Kraft lebt in den siebziger Jahren in Ost-Berlin. Die Großeltern sind auf West-Reise bei den lieben Verwandten in West-Berlin.

Wolfgang sah seinen Vater an. So lange Vorträge hielt er sonst nicht. „Ich habe ja nicht gesagt, dass ich an denen was finde. Wenn ich ehrlich bin, wüsste ich nicht genau, wen ich drüben wählen sollte, die SPD jedenfalls nicht.“

Auch Witze über den beliebten DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn werden protokolliert. Aus der Observationsakte Wilma R. Quelle: MfS/BSTU.

„Na vielleicht die anderen Fritzen von der CDU!“ fuhr ihn sein Vater an. „Diese Gauner, die nur die Interessen der Kapitalisten vertreten! Ich habe noch sehr gut im Gedächtnis, wie sie im Westen damals Stacheldraht an die DDR verkauft haben, um dabei zu helfen, uns hier einzuzäunen. Denen ist doch alles recht, wenn sie nur viel verdienen können. Die verkaufen ihre eigene Mutter, wenn`s sein muss.“

„Halt mal Vater, die CDU hat doch keinen Stacheldraht verkauft!“ „Ich habe auch nicht die CDU gemeint, sondern gesagt, dass die Interessen auch der Stacheldrahtverkäufer von der CDU wahrgenommen werden.“

Wilma wird observiert. Ost-Berlin. Oranienburgerstraße. 1978. Quelle: MfS/BSTU.

„Im Grunde ist es schon so“, meldet sich Wolfgangs Mutter zu Wort, „die wollen uns alle nicht, die drüben. Das fängt bei der lieben Verwandtschaft an. Die ärgern sich, wenn wir hier unsere Wohnung schön einrichten, zu allem Überfluss noch einen Garten leisten können. Dabei sind sie ohnehin der Meinung, viel mehr wert zu sein, weil sie im Westen leben. Für die existiert die Mauer nicht. Wir können zwar dreißig Tage rüber, aber dann sind wir dort völlig mittellos. Du kannst hier zig Tausende besitzen, Du darfst ja nichts mitnehmen. Und das genießen die Westler so richtig. Sie spielen den großen Gönner, wenn Du eine Nacht bei ihnen Dir das Begrüßungsgeld erschlafen darfst. Ich würde das keine zweite Nacht ertragen. Ich finde, die erreichen mit dieser Maßnahme, die bestimmt dazu gedacht war, dass die Verwandten besser in Kontakt bleiben, eher das Gegenteil.“

Fortsetzung folgt.

Familienabend von Wilma R. Dieser und 18 weitere Texte wurden 1978 vom MfS beschlagnahmt. Vierzig Jahre später werden sie auf dieser Website zum ersten Mal veröffentlicht.

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