Archive for : April, 2019

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Neues Deutschland

Harte Arbeit, schlecht bezahlt.  Viele Termine, keine Zeit. Ständig auf dem Sprung, völlig ausgebrannt. Wer mithalten will, muss alles geben, sich ständig optimieren. Durchhalten bis zum Umfallen. Deutschland hat sich verändert. Kaum zu glauben: Nur wenige Flecken dieser Erde sind gleichermaßen so wohlhabend wie gereizt, so strebsam wie genervt. Unter Druck heißt das neue Buch von Jana Simon, Autorin bei der Zeit. Die Journalistin hat genau hingeschaut und noch genauer zugehört. Eine Tugend, die selten geworden ist. In einer Zeit, in der jeder nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein scheint.

Sechs Menschen dieses Landes hat Simon porträtiert. Eine Ingenieursfamilie kurz vor dem Burn-Out. Eine coole aber gestresste Influencerin, die täglich neue Selfies-Botschaften aussendet. Ein Investmentbanker, der Terminen und Erfolgen hinterherrennt. Eine Krankenschwester, die trotz harter Arbeit und Überstunden in München obdachlos zu werden droht. Ein Polizist, der zwischen alle Fronten gerät und sich alleine gelassen fühlt. Ein hochgebildeter Biedermann, der als Brandstifter unterwegs ist. Dieser neue Erfolgstyp ist der einzige Prominente: Alexander Gauland, der joviale Vordenker der Aufsteiger-Partei AfD. Ein Krisengewinnler. Ein selbsterklärter Abendland-Retter. Einer, der nicht nur unter Druck steht, sondern auch kräftig Druck macht.

Jana Simon. Foto Mike Minehan.

So unterschiedlich Lebenswege und Erfahrungen sind. Eines eint diese sechs Deutschen. Angst vor der Zukunft. Vor Verlust, Abstieg, Armut, Alter, Krankheit, den Krisen und Kriegen der Welt. Diese aufsteigende Nervosität zieht sich wie ein roter Faden durch die Episoden. Die Porträts beginnen 2013, mit Euro-Krise und Bürger-Krieg in Syrien. Es folgt der Flüchtlingssommer 2015. Alles ändert sich. Das Klima wird rau. Lautstarke Wutbürger, ratlose Eliten. Demokratieverdruss, Fremdenhass und Sehnsucht nach einer starken Hand. „Die Grenzen des Sagbaren verschieben sich“, beobachtet Jana Simon.

Alle sechs Porträtierten kämpfen mit den Folgen der Globalisierung.  Der Boom schafft eine Menge Gewinner und noch mehr Verlierer. Mieter werden vertrieben, verlieren ihre Heimat. Menschen leben in einer neuen Welt, in der sie sich nicht mehr zurecht finden. Wohlstand für alle?“ Das war einmal das Erfolgsrezept der alten Bundesrepublik. Und: „Leistung lohnt sich.“ Die Frau eines Bosch-Ingenieurs aus dem Stuttgarter Speckgürtel winkt ab: „Wohlstand ist, wenn du Sicherheit hast, ein Haus besitzt, aus dem dich keiner rauswerfen kann.“ Die Familie zahlt ihr teures Reihenhaus ab – bis zur Rente. „Wenn du in dem Moment, wo du krank wirst, alles verlierst, ist das kein Wohlstand.“

Sommer 2015. Als Deutschland sich veränderte.

Ihre Kinder haben den Familien-Alltag in einer Zeichnung festgehalten. Ganz vorne in der Lokomotive sitzt der Zugführer. Er transportiert viel Geld. – Ist das der Konzern, bei dem der Vater arbeitet? – Dahinter einige Wagen, in denen Menschen mit Sektgläsern Party feiern. Hinter dem Zug rennen Menschen her, die versuchen, aufzuspringen. „Geld, Haus, Wohnung, Ferien, Auto, Rente“, ist in Denkblasen notiert. Darüber ist dreimal geschrieben: „Angst!“ mit Ausrufezeichen. Die hartarbeitenden, gutverdienenden Eltern wollten übrigens ihren richtigen Namen auf keinen Fall in diesem Buch lesen. Wie heißt es so schön beim schwäbischen Vorzeigebetrieb? „Schaffst du bei Bosch, halt dei Gosch!“

Ein wichtiges, einfühlsames und sehr aufschlussreiches Buch. Empfehlenswert. Unter Druck. Wie Deutschland sich verändert hat. S. Fischer. 2019.

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„Reich aber sexy?“

„Und am Ende der Straße steht ein Haus am See, Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg“, singt Peter Fox von Seeed. Der Traum vom idealen Heim, von Natur und Freiheit, Gemeinschaft und Geborgenheit. Der Häusle-am-See-Song ist genau elf Jahre alt. Genau solange ist ein Mann am Ruder, dessen Wirken in Berlin Aufregung, Staunen wie Unbehagen auslöst: Michael Zahn, Jahrgang 1963, Diplom-Volkswirt aus Freiburg. Der Super-Mann des Konzerns Deutsche Wohnen.

In Zeiten, in denen selbst ein Wohnwagenplatz 600 Euro kostet, soll sein Unternehmen nun volkseigen werden. Mietdämpfung durch Enteignung. Das sieht ein Bürgerbegehren vor. Im Visier ein Immobilienkonzern, der zwei riesige Wohnbaugenossenschaften übernommen hat: erst die Gehag, 2013 die GSW. Mittlerweile verwaltet die einstige Deutsche Bank-Tochter Deutsche Wohnen in Berlin rund 115.600 Wohnungen, alles ehemaliger Senatsbesitz. Die Folge: Preise steigen, Temperaturen fallen. Volkswirt Zahn: „Wir wussten gar nicht, dass die Heizung ausgefallen ist.“ Mieter frieren, weil Reparaturen und Service an Drittfirmen ausgelagert wurden.

Michael Zahn. 2013. Seit 2008 Chef der Deutsche Wohnen Gruppe.

Wer ist Michael Zahn? Auf der Website heißt es: „Der Chief Executive Officer verantwortet die strategische Ausrichtung der Deutsche Wohnen-Gruppe. Er steuert die Bereiche Strategy, Asset Management, M&A/Disposals, Corporate Communication, Procurement & Strategic Participations, Human Resources, Marketing und IT.” Alles klar? Über den Mann aus Baden ist nur wenig bekannt. Er liebt und sammelt Kunst, fördert Handball und bevorzugt schnelle Autos. Schwarze Maseratis zum Beispiel. Öffentliche Auftritte behagen ihm weniger. Diskretion ist sein Geschäftsmodell.

Seit der Enteignungsdebatte („Kommt jetzt die DDR zurück?“) steht der Wohnungs-Chef unter Druck. Er reagiert mit Zuckerbrot und Peitsche. Einerseits betont er: „Wir haben teilweise zu wenig mit den Mietern und mit der Öffentlichkeit gesprochen und zu wenig über die positiven Aspekte unserer Arbeit berichtet.“ Andererseits gibt er sich kämpferisch: „Wir lassen uns nicht enteignen und wir werden nicht enteignet.“ Die Emotionen kochen hoch. Berlin brummt, zittert, wettert, stöhnt und streitet. Die Nation schaut zu.

Berlin-Mitte. Dorotheen- Ecke Schadowstraße. Überall wird abgerissen, neu gebaut. Eine Stadt im Boom. Jeder Quadratmeter ist umkämpft.

Der Berlin-Boom hat Michael Zahn nach oben katapultiert. Der Vorstandsvorsitzende konnte innerhalb von wenigen Jahren sein Gehalt nahezu verdoppeln. Derzeit liegt seine Vergütung bei geschätzten 4.4 Millionen Euro im Jahr. Damit verdient der Herr der Deutsche Wohnen mehr als zehnmal so viel wie die Bundeskanzlerin. Sie kommt unterm Strich auf rund 300.000 Euro brutto pro Jahr. Deutschland hat sich verändert.

Dieser Wandel geschieht ganz legal. Folge der Liberalisierung auf dem Wohnungsmarkt. Der eine zahlt (immer mehr) Miete, der andere wird reich. Zahn ist seinen Aktionären und nicht den Mietern verpflichtet. Er kümmert sich um Börsenkurse, nicht um das Gemeinwohl. Das ist Angela Merkels Aufgabe. Verrückte Welt? Viele Menschen verbringen derzeit schlaflose Nächte. Sie wissen nicht, ob sie bleiben können. Oder wenn ja, wie sie die nächste „energetische Modernisierung“ sprich: Erhöhung bezahlen sollen.

Ich suche neues Land
Mit unbekannten Straßen,
Fremde Gesichtern und keiner kennt meinen Namen!
Alles gewinnen beim Spiel mit gezinkten Karten.
Alles verlieren, Gott hat einen harten linken Haken.
Ich grabe Schätze aus im Schnee und Sand.
Und Frauen rauben mir jeden Verstand!
Doch irgendwann werd ich vom Glück verfolgt, hmm
Und komm zurück mit beiden Taschen voll Gold.
Ich lad‘ die alten Vögel und Verwandten ein, ou
Und alle fangen vor Freude an zu weinen.
Wir grillen, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps.
Und feiern eine Woche jede Nacht.

Peter Fox. 2008

Für alle anderen geht es munter und fröhlich weiter: Auf zur nächsten Party. Berlin ist nun reich und sexy für alle, die es sich leisten können. Die Hauptstadt hat sich verändert. Schon vor zehn Jahren zelebrierte Peter Fox seinen Traum, ein Haus am See: „Ich hab 20 Kinder meine Frau ist schön, alle kommen vorbei, ich brauch nicht mehr rauszugehen.“

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Trockenbewohner

Eine schöne Bleibe. In Berlin. Am besten mit Terrasse über den Dächern. Mit Blick auf Fernsehturm, Park und Spree. In der begrünten Straße Kneipe, Club und Späti. Dazu nette Nachbarn. Hausfeste. Immer ein Parkplatz vor der Tür. Wenn´s sein soll, Nightlife bis der Arzt kommt. Warum nicht? Alles eine Frage des Etats. Wer zahlt, kann alles haben. Wer nicht mithalten kann, hat eben Pech gehabt. Alles neu? Von wegen.

Der Mann – ein Dichter, knapp bei Kasse – ist Anfang fünfzig, im besten Alter. Frau, vier Kinder. Die Familie ist „Trockenbewohner“ einer feuchten Parterrewohnung am Landwehrkanal. Der Eigentümer, ein Holzhändler, erhöht kräftig die Miete. Der arme Poet bittet um Gnade. Die Familie in der Tempelhofer 51, parterre, jedoch muss raus. Wir schreiben das Jahr 1871. Berlin ist im Gründerrausch. Der gekündigte Parterrebewohner heißt Theodor Fontane. Nun beginnen seine Wanderungen auf dem Wohnungsmarkt.

Fontane war stets auf Wanderschaft. Auch in eigener Sache. Zweimal wurde ihm in Berlin gekündigt. Wohnen in vertrauter Umgebung ist auch heute „kein Naturrecht“, sagt ein Sprecher der Immobilienverbände.

Im März 1872 müssen die Fontanes auch ihre nächste Berliner Bleibe in der heutigen Stresemannstraße verlassen. Wieder zu teuer. Familie Fontane macht Bekanntschaft mit Mietsteigerungen, Verdrängung und Immobilienspekulanten. Fontane schreibt an seine Freundin Mathilde von Rohr: „Ich weiß nicht, ob ich Ihnen schon schrieb, dass unser Haus verkauft ist, dass die Mieten mindestens verdoppelt werden, und dass wir alle ziehen.“

Am 3. Oktober 1872 ziehen die Fontanes in die Potsdamerstraße 134 c. Drei Treppen links. Hier begrüßen sie Kakerlaken. Es stinkt erbärmlich. Sohn Friedrich beschreibt die neue Bleibe als furchtbar heruntergekommen. Egal. Die Familie wohnt nun im Vorderhaus. Doch die Vormieterin, eine ältere alleinstehende Frau muss weichen. Sie zischt dem Nachmieter Fontane hinterher: „Na, Freude soll er hier nicht erleben.“ Fontanes sind von nun an „Drei-Treppen-hoch-Leute“. Fontane ist zufrieden. „Drei Treppen hoch wohnt sich´s gut“. Der soziale Aufstieg. Hier bleibt er bis zu seinem Tode 1898.

Und heute? Ein gutes Jahrhundert danach? Wieder boomt Berlin. Wieder müssen weniger Betuchte ihre Wohnungen räumen, ob parterre oder „Drei-Treppen-Hoch.“ Es explodieren die Preise. Die Welt teilt sich wieder in Gewinner und Verlierer. Das Überraschende: Jetzt jammern alle. – Alle? – Ja. Sogar Immobilienmakler. Einer klagt: „Unser Streben war, Mietwohnungen auch an sozial Benachteiligte zu vermitteln, über unsere Bank-Partner Finanzierungsmöglichkeiten zum Kauf des ersten Eigenheims ohne viel Eigenkapital zu beschaffen und bezahlbare Gewerberäume für Start-Ups zu finden.“

„Gemeinschaft schafft bei gleichem Ziel – aus wenig viel“. Inschrift an einem Genossenschaftshaus in Berlin-Wilmersdorf aus den zwanziger Jahren.

Makler Holtz hat die Schuldigen ausgemacht: „ Das politische Establishment dankt’s uns und unserer Zunft nun mit einem ganzen Korb voller sinnloser und schädlicher Regularien, die nichts bringen: Einer Mietpreisbremse, die nicht wirkt, einem sogenannten „Bestellerprinzip“, das Miethöhen und Kaufpreise für Eigentumswohnungen aufheizt, anstatt sie zu beruhigen, Milieuschutzverordnungen, Baurechtsverschärfungen, und Enteignungs-Phantasien.“

Quelle: OL.

Bange Frage: Wann gehen Zehntausende Makler, Investoren und Hausbesitzer auf die Straße? Berlin im Jahre 2019. Trockenbewohner Fontane hätte sich amüsiert. „Gegen eine Dummheit, die gerade in Mode ist, kommt keine Klugheit auf“, sagte der Meister und schleppte sich drei Treppen hoch, zu einem Teller Griessuppe, seinen Tagebüchern und den Kakerlaken, die umsonst mitwohnten.