Der Tintensklave

Fontane? Mmmh. Dieser preußische Goetheverschnitt und Märkische Heimatdichter? Ein Fall für Gestrige und angestaubte Geister, sagen viele. Einer für Deutsch-Lehrerinnen und Männer-Gesangsvereine. Aber nichts für Menschen von hier und heute. Tja. Der Meister sagte über sich selbst, er sei „mit nichts ausgerüstet als einem poetischen Talent und einer schlecht sitzenden Hose“. Dieses Talent zu würdigen, schlägt des Dichters Geburtsstadt Neuruppin, eine Autostunde von Berlin entfernt, mächtig auf die Werbetrommel. Der 200. Geburtstag ist zu feiern, mit Worten, Taten, Ausstellungen, Inszenierungen und dem ganzen Gedenk-Gedöns. Fontane gibt es natürlich auch als Playmobil-Figur.

Das kleine Neuruppin geht den großen Fontane 2019 sehr ambitioniert an. Nicht was der Dichter geschrieben hat, steht im Mittelpunkt einer zentralen Ausstellung. Sondern wie er die Welt aufgefasst, geschildert und interpretiert hat. Das Fontane-Prinzip wird vorgestellt. „So oder ähnlich. So oder ganz anders.“ Fontane liebte solche Wendungen. Dinge im Ungefähren lassen. „Sie erzielen den Effekt von Realität. Weil sie gelten lassen, dass die Wahrheit etwas Subjektives und Relatives ist“, schreiben Ausstellungsmacher.

 

Das Leben … ist ein weites Feld. Gesehen in Wittstock. Juli 2019.

 

Der Apotheker-Sohn aus Neuruppin entwickelte seine spezielle Meisterschaft des Dialogs. Fontane notierte alltägliche Situationen, alltägliche Ereignisse, würzte sie mit banalen Details. So erscheinen seine Romane bis heute real. Das Offenlassen in Dialogen als Prinzip. „Warum machst Du keine Dame aus mir? – Möchtest Du`s? – Nein.“ Das fragt Effi Briest im Alter von 17 Jahren ihre Mutter. Sie muss den 38-jährigen Landrat Innstetten heiraten. Das Ende? Effi stirbt mit 29, vermutlich aus Langeweile. Nicht anders funktionieren heute Serien auf Netflix oder TV-Quotenrenner wie „In aller Freundschaft“.

 

Der Meister in der Scheibwerkstatt. Theodor Fontane (30.12.1819 – 20.09.1898) Copyright: bpk

 

Fontane war eine unermüdliche, einzigartige Worterfindungsmaschine. Er mixte in seiner Schreibwerkstatt Buchstaben/Gedanken/Wörter neu zusammen. Sammeln als Leidenschaft. Geschichten im Kopfkinoformat. Den Kern herauspulen, das war ihm wichtig, mit „Pusselei“ und „Bastelei. Fontane: „Ich ordne, gruppire, erfinde, nur das Gestalten glückt nicht.“ Diese Fontane-Maschine lief auf Hochtouren.

Kostproben aus der Fontane-Manufaktur: Aufsteigemensch. Ängstlichkeitsprovinz. Behaglichkeitsbau. Dunkelstunde. Einbahnstraßenpersonenhülle. Erkältungsgeneigtheit. Generalpapierkorb. Hintertreppenweg. Kolossalschnupfen. Korrespondenzartikel-Fabrikant. Lobkugeln. Mauseloch-Existenz. Nervenpleiten. Vertraulichkeitsausdruck. Vorurteilsalbernheit. Weltfriedensbrecher. Wiederverheiratungsgeschichten. Totalkenntnis. Trübsinns-Apathie.

 

Fontane als Ampelmännchen in Neuruppin. Das brandenburgische Städtchen hat zum 200.Geburtstag selbst das Verkehrsgeschehen „fontanisiert“.

 

Fontane. Ein alter Mann von gestern? In „Irrungen, Wirrungen“ notiert er über die Brandenburger Mentalität folgendes: Ängstlichkeitsprovinz. „Unsere gute Mark Brandenburg ist die Sparsamkeits-, und wo geholfen werden soll sogar die Ängstlichkeitsprovinz.“

Über das Lobkugeln. Diese können direkt in den Leib geschossen werden. Fontane: „Nur Blech und Oedheit.“ Das Parkett der Gesellschaft der Lobkugler sortiert sich folgendermaßen: „Alles ist doch schließlich Eitelkeit, Dünkel, Aufgeschlossenheit, Wichtigtuerei. Dazwischen brennt eine Tochter durch und der Sohn muss nach Amerika.“

Vortrefflichkeits-Schablone. Als Lohn- und Tintensklave war der Meister zu Lebzeiten stets in Geldnöten. Das schärfte seinen Blick auf Eliten wie Kutscher, Wichtigtuer wie Verlierer. Fontane. „Man kann alle Reisenden in zwei Charakterklassen theilen, in freundliche Sanguiniker, die überall sehen und auch sehen wollen, wodurch sich die Fremde vortheilhaft von ihrer Heimath unterscheidet und in leberkranke Nörgler, die sich zu Hause eine Vortrefflichkeits-Schablone zurechtgemacht haben und über alles verstimmt sind, was davon abweicht.“

 

„Fontane-Rose“ Jahrgang 2019. Blumen und Pflanzen waren für den Apotheker-Sohn das „ABC der Seele“.

 

Mehr Fontane gibt es hier. „Fontane.200/Autor – Die Leitausstellung zum 200. Geburtstag Theodor Fontanes.“ Bis 30. Dezember 2019 im Museum Neuruppin. Empfehlenswert. Besonders mit Führung. Denn man sieht nur, was man weiß. Noch so ein Fontane-Gedanke.

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