Trak Wendisch Seiltänzer. 1984

Der Seiltänzer

Der ganze Ost-West-Streit heutzutage ist an den Haaren herbeigezogen und „pille-palle“. Das sagt der Berliner Maler Trak Wendisch, geboren in der DDR. Seit dreißig Jahren gesamtdeutscher Bundesbürger. „Die Digitalisierung ist der Epochenbruch. Das ist die Entscheidungsfrage. Wer es nicht will, muss den Seiltänzer machen.“ Die Balance im Leben halten ist ein Grundthema des 61-jährigen Künstlers. Immer nah am Abgrund. Dicht vor dem Absturz. Wie sich oben halten? Mit erhobenem Haupt, auf dünnem Seil, ohne Netz und doppelten Boden?

Trak Wendisch gehört eher zu den stillen Künstlern im Lande. Er lässt seine Werke sprechen, seine Haltung ist seine Botschaft. Er war in der DDR unangepasst, blieb sich in der Neuen Zeit treu und ist es heute noch. Auch wenn sein mittlerweile berühmter „Seiltänzer“ im Schloss Bellevue hängt, weil es Bundespräsident Steinmeier wollte. Trak – ein Staatskünstler? Das passt nicht zusammen. 1988 hatte er als einer der wenigen aus dem Kulturbetrieb den Mut offen Probleme anzusprechen. Der Ort? Eine Jubelfeier. Die Kulturfunktionäre feierten im Palast der Republik das Finale der „X. Zentralen Kunstausstellung der DDR“ mit insgesamt einer Million Besuchern. Es sollte die letzte der DDR werden, was damals niemand ahnen konnte. Und dann geschah im Festsaal etwas Unerwartetes.

 

 

Wendisch nahm allen Mut, trat ans Mikrofon. Statt Lobeshymnen ging er die Macht der Greisen im Politbüro an und forderte im Namen der Künstler mehr Freiheit und Modernität – inhaltlich wie stilistisch. Die staatliche Feierstunde erzitterte in ihren Grundfesten. Der Eklat war perfekt. Journalisten mussten eilig den Saal verlassen, allen Beteiligten wurde ein Maulkorb verpasst. Die DDR-Medien verschwiegen die Rede des Rebellen. Kein Wort war jemals zu hören oder zu lesen. Aber auch die Westkorrespondenten deckten den Mantel des Schweigens über die Palast-Revolte. Nichts sollte wohl das betuliche deutsch-deutsche Verhältnis 1988 belasten. Ruhe sollte herrschen.

In dieser bleiernen DDR-Endzeit blieb es Malern wie Wendisch vorbehalten, in ihren Bildern das „Ungesagte“ auszudrücken. Das Publikum verstand jede Anspielung, jeden Strich, jeden Hinweis. In einer Gesellschaft der hohlen Sprüche, der Lügen und Parolen fand Wendisch Antworten, formulierte bissig Zeit- wie Staatskritik. Legte die Finger in die Wunden der Mächtigen, die partout nicht mehr hinzulernen wollten. Das Ende ist bekannt. 1989 ging die DDR unter. Heute muss der Seiltänzer beweisen wie er im eiskalten Wind des Digital-Kapitalismus Balance halten kann. Abstürzen kann er jederzeit. Doch die Kunst besteht genau darin mit Haltung oben zu bleiben.

 

Trak Wendisch. Frau vorm Fernseher. 1984

 

Unter dem Titel Das Ende der Eindeutigkeit“ sind 34 Bilder der letzten DDR-Kunstausstellung noch bis zum 12. Januar 2020 in der Städtischen Galerie in Dresden zu sehen.

 

Trak Wendisch. Goldener Käfig. 2015

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