Oh happy Day

Heiligabend. Einmal im Jahr sind die Kirchen so rappelvoll wie Fußballarenen oder Möbelhäuser am verkaufsoffenen Sonntag. Dann werden Wünsche nach Geborgenheit, Kindheit und Gemeinsamkeit bedient. Hobby-Bläsergruppen holen das Letzte aus ihren Geräten heraus. Manchmal klingt ihr „Oh du fröhliche“ so herrlich schräg, dass die Engel im Himmel verzückt Halleluja – herrlich daneben! – rufen könnten. Die Pastorinnen und Pastoren werden an diesem Tag nicht müde, Glaube, Liebe, Hoffnung und Demut in einer überdrehten Ego-Welt zu predigen. Wie meinte doch einmal der alte Spötter Heinrich Heine? – „Wir wollen hier auf Erden schon/das Himmelreich errichten.“

Gott als Selbsterfahrungstrip? Jesus als Retter? Vielleicht für ein paar Stunden an Weihnachten, im Alltag wohl kaum. In anderen weniger begüterten Gemeinden dieser Welt wird jeden Sonntag die helfende Kraft einer höheren Instanz beschworen, die  heilen und trösten kann. Oh Happy Day! ist so ein Lied. Je mieser die Lage, desto besser der Song. In kleinen Südstaaten-Gemeinden braucht es keine Heilig-Abend-Messe. Ein Gospel-Song, das reicht. Und ab geht die Luzi.

 

 

„Wissen Sie, Gospel ist nicht der Sound, der Klang – es ist die Botschaft. Wenn es von Jesus Christus handelt, ist es Gospel.“ Das sagte Edwin Hawkins. Der Mann schrieb vor genau fünfzig Jahren den Welterfolg „Oh happy Day“. Seine Geschichte? Der Chorleiter brauchte für seine 46-köpfige Sängerschar dringend Geld, um zu einem Kirchenkongress reisen zu können. Also nahm er in der Kirche von Berkely  den Song mit Hilfe eines veralteten Zweispurtonbandes auf. Egal. Das Lied ging um die Welt. Mittlerweile wurde Oh Happy Day unzählige Male gecovert, unter anderem von Elvis Presley, Sister Act, Ray Charles und vielen anderen.

 

 

Gospel ist göttliche Musik. Gospel bedeutet übersetzt sinngemäß Evangelium. Nina Hagen, ewig suchende Schlager- und Punk-Lady, ließ sich vor zehn Jahren taufen – trotz Moralkrise der Institution Kirche. Trotz Kindesmissbrauch, Korruption und gepredigter Scheinheiligkeit. Nina wählte als Taufspruch Johannes 7,38: „Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen.“

Warum, fragte ich sie bei einem Interview auf dem Blauen Sofa, warum sie als geborene Atheistin plötzlich religiös geworden sei? „Ach weeste, das ist nicht nur ne Masche. Ich folge meinem Herzen.“ – Pause. Ungläubiges Staunen. – „Religion ist doch irgendwie Protest gegen Kommerz. Und weeste: Die stalinistische Gleichschaltungsmaschine hat dasselbe Betriebssystem wie die kapitalistische. Ist doch so, oder etwa nich…?

 

 

Frohe Weihnachten. Ob in deutschen Kirchen Oh happy Day! gesungen wird?

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