Hurra! Die Zwanziger kommen

Willkommen im Berlin der Zwanziger Jahre. In der Friedrichstraße gehen die Revue-Lichter wieder an. Im Admiral-Palast wird der perfekte Berlin-Nostalgie-Abend versprochen: „Paillettenkleider glitzern im Abendlicht, heiße Melodien treiben zu immer zügelloseren Tänzen an und alle Grenzen verschwimmen im sündigen Dickicht der Nacht.“ Babylon Berlin hat Konjunktur. Im Kino, auf Netflix, in den Clubs, in den Köpfen von Unterhaltungsmachern und Vergnügungssüchtigen. Der Spiegel meint in seiner Titelgeschichte über die Goldenden Zwanziger, „als die Vergangenheit noch Zukunft war“.

 

Berlins Exportschlager: Mackie Messer – ein Welterfolg

 

Alles auf Anfang! Die Zeitmaschine kommt auf volle Touren. Mythos Berlin. Die Roaring Twenties. Mit Heilsbringern, Propheten, viel Glitzer und Elend, Halunken, Huren, Kommunisten und Nazis. Berlin inszeniert seine Vergangenheit. Die Entertainementbranche liefert noch Zugaben wie Drittes Reich, Mauer, Kreuzberg, Love Parade, Fridays for Future, abgerundet durch Zeitgeistsprüche wie „das System ist am Ende“ und  „wir holen uns das Land zurück – spätestens 2021“.

Berlin mal wieder im Größenwahn? Reizt nur noch der Tanz auf der Rasierklinge? Viele Serien, Shows und Event-Partys servieren diesen Cocktail. Die Parole heißt: Vorwärts, zurück in die zwanziger Jahre. Mit Dandys, Swing und dicken Zigarren. Ladys mit Bubikopf, Zigarettenspitze und Charleston-Kleid. Mit dabei Glückspieler, Gigolos und Ganoven. Wie wäre es mit Absinth, Koks und ganz viel Testosteron?

 

Rammstein-Variante von Mackie Messer

 

Willkommen in den herbeieilenden „Zwanziger Jahren“ des 21. Jahrhunderts. Aus dem verruchten Babylon Berlin von einst ist hundert Jahre später eine brummende Boomtown geworden. Ein Magnet für Abenteurer, Investoren, Projektentwickler, StartUpper und Glücksritter. Die Preise explodieren. Clevere Geschäftemacher jubeln. Andere verlieren, fluchen, müssen weichen. „Es gibt kein Naturgesetz, das mir das Recht gibt, für immer in meiner vertrauten Umgebung zu bleiben“ verkündet der Vorsitzende des Eigentümerverbandes „Haus & Grund“. Es ist Gründerzeit. Marktwirtschaft war einmal. Jetzt regiert wieder Mackie Messer.

 

„Und der Haifisch, der hat Zähne

Und die trägt er im Gesicht
Und Macheath, der hat ein Messer
Doch das Messer sieht man nicht.“

 

 

In den Clubs und Theatern der Stadt werden mehr oder weniger ambitioniert die Zwanziger Jahre zelebriert. Katherine Mehrling beispielsweise gibt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt die kesse, rotzige Gangsterbraut Polly Peachum aus der „Dreigroschenoper“. Es war das Berlin-Zeitgeist-Stück der Goldenen Zwanziger. Brechts Welterfolg feierte Ende August 1928 Premiere im Theater am Schiffbauerdamm – dem heutigen Berliner Ensemble. Keine fünf Jahre später verboten die neuen Herren die Moritat von Mackie Messer und seiner Göre Polly. Ab 1933 stimmten die Nazis neue, andere Töne an. Das Ende ist bekannt.

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