Abendstimmung am Bodensee.

Die Quittung?

Die Zeugen Jehovas stehen in doppelter Personal-Stärke am Bahnhof Friedrichstraße. Entschlossen und stumm halten sie ihren „Wachturm“ den Vorbeieilenden ins Gesicht. Doch kaum einer der Berlinerinnen und Berliner schaut auch nur auf. Dabei haben die Zeugen Jehovas in diesen Tagen richtig Rückenwind. Sie sagen: „Liebe Brüder, wir sind nun absolut sicher, dass Jehova den Corona-Virus dazu bestimmt hat, Harmagedon zu starten. Aus diesem Grund empfehlen wir Euch mit sofortiger Wirkung alle Spenden an die Organisation einzustellen, wir brauchen kein Geld mehr. Matth. 6:19.“ Nun kommt also das große Finale.

Die Erlösung von allem Bösen. Denn, so ihr Originalton: „Aus der Bibel wissen wir, dass Seuchen ein auffallendes Merkmal der letzten Tage sind (Lukas 21:11). Breitet sich eine Krankheit aus, ist es vernünftig, Schutzmaßnahmen für sich und andere zu ergreifen (Sprüche 22:3).“ Schützen. So viel Realitätssinn ist folglich erlaubt.

 

März 2020. Besondere Zeiten erfordern besondere Schutz-Maßnahmen. Zeugen Jehovas in den USA im Einsatz.

 

Schutz. Erlösung. Rettung. Die Heilsbringer aller Schattierungen sehen ihre Stunde gekommen. Denn nun heißt es: Halt auf freier Strecke. Die Dauer-Happy-Hour-Party ist vorbei. Ist die Gesellschaft außer Kontrolle? Nein. Noch lange nicht. In diesem Fall Gott sei Dank. Aber es dämmert, dass der Knopfdruck-Amazon-Kapitalismus an sein Limit geraten ist. Unsere Wohlstandskette ist gerissen, die da lautet: Auswählen. Bestellen. Liefern lassen. Konsumieren. Bei Nichtgefallen zurückschicken.

Die Globalisierung frisst ihre Kinder. Verhandelt wird das Ende der bequemen Sofa-Mentalität in den Komfortzonen dieser Welt. Was folgt, ist nahezu logisch. Panikkäufe, Hamstern, Schuldzuweisungen. Im großen Ringen um die Lufthoheit über unser Denken, Fühlen, Handeln heißt es: Schuld sind wahlweise die Chinesen, Russen, Europäer oder Amerikaner. Je nach Lesart und Standort.

 

Mutmacher-Songs. Musik hilft. Musik heilt. Eine kleine Auswahl.

 

Selbstverständlich hat unsere Angst einen harten, berechtigten, finsteren Kern. Die Corona-Seuche ist – noch – nicht kontrollierbar. Sie macht, was sie will. Sie kann jeden treffen, wie im letzten Krieg die Bomben, die vom Himmel auf Städte und Dörfer, Paläste und Hütten fielen. Kein Luftschutzbunker war sicher genug. Heute ist die Lage noch komplizierter: Viren sind nicht zu sehen, nicht zu hören oder zu fühlen. Sie können uns auf jedem Weg erreichen. Über den Partner, die Familie, den besten Freund oder meinetwegen auch den Lieblingsfeind.

Der Virologe Alexander Kekulé stellte folgende Corona-Formel auf: „Ein Kind, das irgendwo in der Schule sitzt und als Corona-Fall nicht erkannt wurde, hat in acht Wochen ungefähr 3000 Personen infiziert. Das können Sie ganz einfach nachrechnen. Etwa 0,5 Prozent sterben, das bedeutet wegen einem nicht entdeckten Kind sterben etwa 15 Menschen.“ Jede und jeder kann die Corona-Fracht weitertransportieren. Noch ein Beispiel aus der Praxis: Vor der Schließung, dem großen Shutdown in Berlin infitizierte ein ahnungsloser Corona-Träger im Club Trompete weitere 16 von 48 Gästen. War die Party so wild? Sie werden doch nicht alle aus einem Glas getrunken haben?

 

 

Was tun? Klar. Händewaschen. (Beim Waschen 2mal „Happy Birthday, verfluchter Virus“ singen; das reicht). „Sozialkontakte“ meiden. Ruhig bleiben. Aber es geht um mehr: zum ersten Mal sind wir bei diesem Stresstest ganz auf uns selbst zurückgeworfen. Das ist, ehrlich gesagt, eine große Chance. Wir können allen Ballast abwerfen, uns auf das Wesentliche konzentrieren. Nachbarn, Kranken und Schwachen helfen, Garten pflegen, Wohnung renovieren, Bücher lesen, wunderbare Lieder hören. Das bloße Hören von Lieblingssongs hilft, das ist wissenschaftlich belegt. Musik zielt direkt auf das limbische System im Gehirn. Dort werden sämtliche Gefühle gesteuert. Mutmacher-Musik macht die Angst in extremen Zeiten kleiner, gibt Halt. Ganz ohne Nebenwirkungen übrigens.

 

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