Bruderliebe

Es sind Dokumente ohnmächtiger Wut. Botschaften an den Bruder. – „Die Person“. „Unser Wüterich.“ „Der raubgierige Mensch.“ „Der Hanswurst.“ „Der größte Schmutzfink und Geizhals.“ „Die gemeinste Bestie, die Europa hervorgebracht hat.“ „Der garstigste und boshafteste Dummkopf.“ „Der Tyrann.“ – Reicht´s? Ich denke ja. So bezeichnet ein ehrwürdiger Prinz seinen vierzehn Jahre älteren Bruder. Objekt der Verwünschungen: Der preußische König Friedrich II. Genannt „Friedrich der Große.“ Volkstümlich besser bekannt als „Alter Fritz“.

Der Unglückliche? Sein kleiner Bruder. Prinz Heinrich von Preußen. Zeitgenossen nannten ihn den „König von Rheinsberg“. In der idyllischen Provinz fernab von Macht und Hofstaat lebte 46 Jahre lang der ewige Zweite im Preußenstaat. Der vergessene Monarch. Dabei war Heinrich ein Mann von Charme, Format und Charakter. Heinrich der Kleine war kunstsinnig, europäisch und auch eine Prise schwul.

 

In vollem Ornament. Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen. (1726-1802) Der kleine Bruder vom „großen“ Friedrich. Der ewige Zweite im Preußenreich und vergessene Monarch.  Quelle: Wikipedia

 

Sein Pech. Er war das dreizehnte von vierzehn Kindern aus dem Hohenzollern-Clan. Eine reelle Chance auf den Thron hatte er nie. Sein großer Bruder Friedrich II stand ihm zeitlebens im Wege. Heinrich durfte als Offizier auf den Schlachtfeldern die Kastanien aus dem Feuer holen. Er war ein hochangesehener Feldherr. Beliebter bei seinen Soldaten als der sagenumwobene Alte Fritz, weil er im Gegensatz zu seinem Bruder nicht ständig seine Untergebenen schikanierte. Heinrich rettete als Diplomat in Verhandlungen mit der russischen Zarin Katharina der Großen die Zukunft des Preußenstaates. Alles im Auftrage seines poltrigen Bruders.

All sein Geschick, all seine Fähigkeiten nutzten Heinrich nichts. Im Gegenteil. Friedrich II stellte ihn in mit der Schenkung von Schloss Rheinsberg kalt, zwang ihn zu heiraten, obwohl er dies nicht wollte. Heinrich grollte fortan in der Provinz. Doch er machte aus der Not eine Tugend. In der märkischen Einöde von Rheinsberg organisierte er im Sommer Hoch-Kultur mit Theater, Oper und rauschenden Festen. Ein Erbe, das bis heute währt. Als sein kauziger missgelaunter Bruder 1786 starb, hoffte er vergeblich auf die Thronfolge. Intrigen am Berliner Hof verhinderten seinen Zutritt zur Macht. So blieb ihm nur beleidigte Zurückgezogenheit. Aus Feigheit? Oder war es doch die Klugheit eines uneitlen, bürgernahen Weltbürgers aus Rheinsberg?

 

Friedrich der Große hat den Hut auf. Mit dabei: Prinz Heinrich, der jüngere Bruder und Neffe Friedrich Wilhelm II. Er beerbt seinen Onkel, den „Alten Fritz“ 1786. Heinrich geht leer aus.    Quelle: CC-BY-NC-SA @ GLEIMHAUS Museum der deutschen Aufklärung

 

Sein älterer Bruder Friedrich II verspottete ihn am Ende nur noch zynisch. „Ich bin es müde über Sklaven zu herrschen.“ Was wurde aus Heinrich? Er gestaltete seinen Zufluchtsort Rheinsberg mit Theater und Park, Obelisk und Pyramide. Ganz nach seinen Vorstellungen. Nach seinem Tode 1802 wurde der kunstsinnige Prinz rasch vergessen. Der raubeinige Haudegen Friedrich II hingegen schaffte es zum Mythos – bis heute. Auf seine Grabplatte an der Pyramide von Rheinsberg ließ Heinrich folgende Inschrift eingravieren.

„Wanderer! Erinnere dich, dass Vollkommenheit nicht auf Erden ist. Wenn ich auch nicht der beste der Menschen habe sein können. Wenigstens gehöre ich nicht zu der Zahl der Bösen.“

Sein Vermächtnis verfasste Prinz Heinrich keineswegs im zeitgemäß preußischen Deutsch. Der kleine Bruder Friedrich Heinrich Ludwig wählte in Zeiten der Revolution das für ihn passendere Französisch. Die Kultur, die er so liebte.

 

 

 

Hinweis

Wer das schöne Rheinsberg in diesen Tagen besuchen will, muss sich gedulden. Der zuständige Landkreis hat am 23. März 2020 in einer Allgemeinverfügung „Reisen aus privatem Anlass zu touristischen Zwecken“ untersagt. Das Potsdamer Verwaltungsgericht hat das Betretungsverbot für Zweitwohnungsbesitzer mittlerweile gekippt. Für alle Touristen gilt die Verordnung weiter. In gutem alten DDR-Deutsch bedeutet das über Ostern: Einreiseverbot.

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