Monika 1607 Standskulpturen auf Sylt

Das Sylt-Versprechen

Niemals Alltag, immer Überfluss. Wilde Natur. Frischer Wind. Unbeschwertheit. Sonnenuntergänge. Romantik. Das volle Programm. So soll, so muss Deutschlands schönste und teuerste Insel wohl sein. So lautet das Sylt-Versprechen. Der Name verpflichtet. Sylt ist Sehnsuchtsort. Ein friesisches Ferienparadies mit schicken Villen im weiß-cremigen Hampton-Style, reetgedeckt. Ein exklusives Reichen- und Investorenmekka. Was Long Island für die New Yorker, ist den Deutschen dieser dünne heftig umwehte Inselstrich in der Nordsee.

Für Susanne Matthiessen ist Sylt viel mehr: Kindheit, Jugend, Heimat und Fluchtpunkt. Sie zählt sich zum Inseladel. Geboren bei auflaufender Flut in der inseleigenen Nordseeklinik. Mittlerweile sterben die echten Insulaner aus. Im Januar 2014 wurde die Geburtsstation geschlossen. Matthiessen (Jahrgang 1963) hat die schrillen Boomjahre ihrer Insel hautnah miterlebt. In den wilden Siebzigern sei Sylt „wahrscheinlich gesellschaftlich der lebendigste Ort Deutschlands“ gewesen, schreibt sie in ihrem Roman Ozelot und Friesennerz“. Eigentlich handelt es sich bei ihrem Debüt eher um eine Familienchronik. Eine Innensicht auf eine Insel, deren Geschäftsmodell die Organisation von „Eskapaden“ für Begüterte war. Heute heißt das Events.

 

Haus auf Sylt. Mit Nordsee-Blick. Viel mehr geht nicht.  Foto: Demiahl

 

Die „Goldenen Jahre“, in denen sich in Kampen an der „Buhne 16“ das „reichste, schamloseste und sündigste Strandparadies“ des Wirtschaftswunderslandes angesiedelt hatte. Ein Ort, an dem alles ging und erlaubt war. Hier trafen sich „Kampener Klunkerleute“. Eine Melange aus Geldadel, Alterben und Neureichen. In den Siebzigern kritzelte Vorzeige-Playboy Gunter Sachs Autogramme auf Geldscheine, tafelten die Vertreter von Verlegerdynastien wie Springer oder Augstein bei Fischfiete. Das Kult-Essen der Reichen und Schönen – „Langustinos à la Napoleon 63“. Alles nachzulesen im Sylt-Roman von Susanne Matthiessen.

Aus und vorbei. Heute geht es deutlich diskreter zu. Kampen ist längst eine geschlossene Gesellschaft für Wohlhabende. Mit privater Security aber ordentlich „Tinte auf dem Füller“. In Westerland hingegen versammeln sich Normalsterbliche. Die Durchschnittsurlauber im Friesennerz bilden die Zaungäste für das Treiben des Inseljetsets. Begehrt sind Sitzplätze im Café Orth an der Friedrichstraße. Dort flanieren unablässig „Schenkelschande bis Bauchblamage“ vorbei. Ein Platz zu ergattern sei wie eine Premierenkarte für die Bayreuther Festspiele.

 

„Nichts ist für immer. Außer das Meer. Hoffentlich.“ Susanne Matthiessen über die Zukunft von Sylt.  Foto: FrepoFred

 

Susanne Matthiessen entwirft fröhlich und frei ein Sittengemälde der Sehnsüchte der Deutschen, von den Siebzigern bis heute. Ihre Eltern führten in Westerland ein traditionsreiches Pelzgeschäft. Ihr Schicksal steht für die Nachkriegsgeneration. Einst galten Pelze als Statussymbol, heute stehen sie für Tierquälerei. Einst behängten aufstrebende Ehemänner ihre Gattinnen mit teurem Ozelot, Luchs oder dem „Oma-Persianer“. Der Husky-Look war übrigens der Renner bei Zahnarztfrauen. Dann klebte der neue Zeitgeist Blut an die Hände von Pelzhändlern. 2007 schloss Pelz Matthiessen für immer.

 

 

„Ozelot und Friesennerz“ ist ein kurzweiliges und unterhaltsames Buch über die Trauminsel der Deutschen. Susanne Matthiessen schaut frech hinter die Kulissen und erzählt aus der Sicht einstiger Strandräuber, wie deren heutige Nachfahren die Insel wie einen Gaul tot reiten, bis er zusammenbricht. Ein Sylt-Buch, das ungeschminkt und doch voll Herzenswärme Glanz und Gegensätze beschreibt. Genau das Richtige für Menschen wie mich, die noch nie auf der Insel waren.

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