Linie 1. Martin Dibobe im Kreise seiner Kollegen.

Zugführer 1.Klasse

Vorsicht an der Bahnsteigkante! Martin Dibobe beherrschte diese Ansage aus dem Effeff. Zurückbleiben! Dann beschleunigte er seine Elektrische und fegte mit dem hochmodernen Zug über die Hochbahn zwischen Schlesischem Tor und Zoologischer Garten. U-Bahn-Linie 1. Etwas Neues, etwas Besonderes in Berlin. Zur News aber brachte es Martin Dibobe als „Neger-Zugführer“. So porträtierte ihn im Juli 1902 die Berliner Illustrierte Zeitung. Eine Sensation: Der erste Schwarzafrikaner als Zugführer 1. Klasse und Beamter auf Lebenszeit. Verheiratet mit der Tochter des Vermieters vom Prenzlauer Berg. Zwei Kinder.

 

„Dunkle Lebensgrundlagen“. Porträt über Martin Dibobe in der Berliner Illustrierten Zeitung. 15. Juli 1902

 

„Durch Fleiß und einwandfreies Betragen habe ich mir eine Vertrauensstellung erworben“, sagte Martin Dibobe. Das kam im preußischen Kaiserreich bestens an. In einer aufregenden Zeit als die aufstrebenden Hohenzollern ihren „Platz an der Sonne“ ergattern wollten. Um jeden Preis. Also unterwarfen deutsche Truppen ferne Länder. Rohstoffe, Einfluss und Weltgeltung als Ziel. Dieser Wettlauf endete im „Großen Krieg“, im I. Weltkrieg. Deutschland verlor seinen Platz an der Sonne und alle Kolonien. Tansania, Namibia, Ruanda.

1876 als Quane a Dibobe in eine Häuptlingsfamilie in Kamerun hineingeboren besuchte er eine Missionarsschule. Als bestauntes Exponat gelang er als Zwanzigjähriger auf abenteuerliche Weise nach Berlin. Er wurde im Rahmen der „Völkerschau“ im Treptower Park ausgestellt. Das war 1896, als er als „Naturneger“ in einem kolonialen Menschenzoo als Attraktion vorgeführt wurde. Dibobe blieb in Berlin und machte einen fulminanten Aufstieg. Er lernte Schlosser bei Siemens, stieg rasch vom einfachen Schaffner zum Zugführer der Linie 1 auf. Im Alltag beobachtete er genau sein Umfeld. Er sah den Kampf der Arbeitermassen für ihre Rechte. Sollte das nicht auch für Afrikaner gelten?

 

Martin Dibobe in schmucker Uniform der Berliner Hochbahngesellschaft. Zu finden ist dieses Bild am Durchgang im U-Bahnhof Halleschen Tor.

 

Nach dem Ende des I. Weltkrieges reichte Zugführer Dibobe im Juni 1919 eine Petition an den neuen Reichspräsidenten Ebert ein. Im Namen der 17 Unterzeichner versicherte Dibobe seiner Heimat Deutschland „unverbrüchliche, feste Treue“ und verurteilte „den Raub der Kolonien“. Dann kam er auf seinen zentralen Punkt: „Die Eingeborenen verlangen Selbstständigkeit und Gleichberechtigung.“ Ferner forderte die Eingabe „das Ende von Prügelstrafen und Zwangsarbeit, von Misshandlungen und Beschimpfungen. Außerdem gerechte Löhne, die Schulpflicht, das Recht zum Studium sowie zur Ehe zwischen Eingeborenen und Weißen“. Ein wahres Zeitdokument vom Streben nach Gleichberechtigung

Dibobe bekam nie eine Antwort. Nicht vom Reichspräsidenten, nicht von der Nationalversammlung, schon gar nicht vom Reichskolonialamt. 1922 kehrte Dibobe nach Kamerun zurück. In seiner alten Heimat wurde er  als „deutscher Spion“ und „Aufrührer“ von den französischen Kononial-Behörden abgewiesen. Er starb vermutlich in Liberia. Dibobe hinterließ eine großartige Geschichte vom exotischen Schauobjekt bis zum Zugführer 1. Klasse und Vorkämpfer für Menschenrechte.

 

 

Genau einhundert Jahre ist seine Resolution alt. Was hat sich geändert? Antworten kann jede(r) selbst suchen und finden. Berlin streitet in diesen Tagen um einen neuen Namen für den U-Bahnhof Mohrenstraße. Wie wäre es mit Martin Dibobe, diesem schmucken Mann von der Linie 1 und längst vergessenen Pionier? Er hätte es verdient.

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