Kranichzug.

Hellwach

Am 25. August 79 n.Chr. brach der Vesuv aus. Der Untergang von Pompeji war eine der großen Naturkatastrophen jener Epoche. Kurz zuvor hatte Plinius der Ältere die Legende vom wachsamen Kranich überliefert. Der Kern seiner Geschichte: Wenn der Wachkranich einschläft, während die anderen Kraniche vertrauensvoll ruhen, ruft ihn der fallende Stein zurück zur Pflicht. Die Menschen am Vesuv hörten den Stein nicht fallen. Plinius kam wie die allermeisten Bewohner von Pompeji ums Leben. Nur seine Geschichte vom Kranich hat überlebt.

Der hellwache Kranich steht für die Sehnsucht vieler Menschen nach einem fürsorglichen Verhaltensideal und einer verantwortlichen Instanz. Im Mittelalter diente der Kranich mit dem Stein als Symbol der Caritas. Im 19. Jahrhundert wählte die Berliner Bankiersfamilie Mendelssohn den majestätischen Vogel zu ihrem Siegelmotiv. Motto: Eine(r) wacht für alle anderen. So sollte ab 1839 der „Kranich mit den Stein“ das Prinzip der ökonomischen und sozialen Verantwortung verkörpern. Eine Botschaft im Sinne der Aufklärung. Die Nazis liquidierten ein Jahrhundert später das erfolgreiche jüdische Bankhaus. Der Stein fiel. Der Kranich wurde erschlagen.

 

Kranich mit dem Stein. Symboltier des Bankhauses Mendelssohn in Berlin.

 

Die modernen Kraniche von Blackrock, Wirecard, Google und Facebook etc. folgen einem anderen Leitstern.

Ihr Leitbild ist das – Be First. Sei Erster, nimm alles mit, jeden Stein.

  • Dieser Zeitgeist liebt die Wertung, die Klassifizierung, die Einteilung in Top und Flop, in Ranglisten und das Verkäufliche.
  • Für diesen Zeitgeist muss alles sofort Bedeutung und Sinn haben. Es muss nützlich sein. Was keine Funktion, was nicht funktioniert, taugt nichts, wird missachtet.
  • Dieser Zeitgeist bedeutet ständige Kommunikation, ununterbrochenes Geplapper, mediale Berieselung und dauernde Erreichbarkeit.
  • Der Zeitgeist setzt bei allem Kult um das Schrille und scheinbar Überraschende doch auf das Bekannte, auf Sicherheit und Wiederholung.
  • Dieser Zeitgeist ist vernarrt in das Große, das Bombastische, in Superlative, Rekorde, in Geschwindigkeit und Raserei.

 

Selbstverständlich ist das nur meine bescheidene Sicht der Dinge. Selbstverständlich hat unsere Welt viel mehr Farben, Schattierungen und Zwischentöne. Gott sei Dank. Meine Beobachtung bezieht sich auf Leitbilder in etablierten und sozialen Medien, in der 24/7- Welt von Facebook, Instagram, Twitter und wie sie alle heißen. Zu wünschen wären viele Kraniche, die den Stein fallen hören. Die hellwach bleiben und sich doch nicht völlig einlullen lassen.

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