Ernst Barlach. Der schwebende Engel

„Und die Eselin sah den Engel“

Luft zum Atmen. Das ist wichtig für jeden einzelnen von uns. Egal wann, egal wo. Ob für die Kassiererin bei Lidl oder den Pfleger im Heim. Ob für den Zuwanderer aus Damaskus oder die Künstlerin in ihrer Kreativwerkstatt. Frei zu denken, frei zu reden, frei zu handeln. Frische Luft ist besonders wichtig in aufgeladenen Corona-Zeiten wie diesen. Wer will schon künstlich beatmet werden? Ein neues Phänomen zieht derzeit Kreise, das freiem Denken die Luft zum Atmen nimmt. Der Zeitgeist taufte es Cancel Culture. Was ist das? Wohin führt das?

„Cancel Culture“ ist ein Internet-Phänomen. Problematische oder missliebige Äußerungen werden via Twitter oder Facebook – oder was auch immer – kritisiert und die betreffende Person, besonders gerne Prominente im Netz „gecancelled“. Quasi von der Liste gestrichen, wie eine Zugverbindung. Die Person kommt an den digitalen Pranger, wird moralisch verurteilt und zum medialen Abschuss freigegeben. Ziel der Eskalation: Absage von Veranstaltungen und/oder abweichende Positionen verstummen zu lassen. Ist das nun Zensur oder politische Korrektheit? In letzter Konsequenz geschieht schleichend etwas noch perfideres. Selbst-Zensur. Sie ist viel effektiver als Zensur. Damit erstickt die politische Korrektheit am Ende jede Kreativität. Das ist die faustische Kraft, die das Gute will, aber das Böse schafft.

 

 

Der australische Sänger Nick Cave gilt als großer Grübler, Melancholiker und Untergangsprophet. Der in England lebende Kult-Musiker hat sich in die Cancel-Debatte aktiv eingeschaltet. Auf seiner Website beantwortet er Fragen seiner Fans. Er schreibt: „Barmherzigkeit ist ein Wert, der im Zentrum jeder funktionierenden und toleranten Gesellschaft stehen sollte. Barmherzigkeit erkennt letztendlich an, dass wir alle unvollkommen sind und ermöglicht uns so den Sauerstoff zu atmen – und uns durch unsere gegenseitigen Fehler in einer Gesellschaft geschützt zu fühlen. Ohne Gnade verliert eine Gesellschaft ihre Seele und verschlingt sich selbst.“

 

„Und die Eselin sah den Engel“.  Die Original-Ausgabe. Nick Cave schrieb in den Achtzigern seinen ersten Roman in Berlin. Es geht darum, dass Menschen fürchten, was sie nicht verstehen.

 

Nick Cave weiß, wenn das Schicksal plötzlich mit voller Härte zuschlägt. Der Sänger verlor seinen Sohn Arthur. Der Junge stürzte mit fünfzehn Jahren von der britischen Steilküste, nachdem er mit einem Freund einen LSD-Trip ausprobiert hatte. Der Tod seines Sohnes hat ihn geprägt. Cave zitiert Bob Dylan. „Death is not the end“. Immer wieder testet Cave die Grenzen des Sagbaren aus. Auf der Suche nach Erkenntnis, nach dem Kern unserer Existenz. Seinen Roman „Und die Eselin sah den Engel“ schrieb er in den Achtzigern in Kreuzberg. Cave forschte nach den Gründen für die Unmenschlichkeit des Menschen zum Menschen. Dass sie fürchten, was sie nicht verstehen.

Über die neuen Internet-Kämpfe sagt Cave: „Die Weigerung der Cancel-Culture, sich auf unangenehme Ideen einzulassen, erstickt die kreative Seele einer Gesellschaft. Politische Korrektheit hat sich zur unglücklichsten Religion der Welt entwickelt. Ihr einst ehrenhafter Versuch, unsere Gesellschaft gerechter zu gestalten, verkörpert nun all die schlimmsten Aspekte, die eine Religion zu bieten hat, und nichts von ihrer Schönheit, – moralische Gewissheit und Selbstgerechtigkeit, die selbst der Fähigkeit zur Erlösung beraubt ist.“

 

 

Luft zum Atmen ist überlebenswichtig. Man braucht sie auch zum Denken.

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