Stadthalle von Görlitz. September 2020

Görlitzer Blütenträume

Juni 1989. Der Bus rast durch die Straßen von Görlitz. Ein schwarz-weißer Streifen aus Gebäuden, Gassen und Plätzen huscht am Fenster vorbei. Hier abgestützte Balkone, dort ein gesperrter Straßenzug. Soll hier ein Kriegsfilm gedreht werden? Der Fahrer drückt auf die Tube. Das Ziel des Reisebusses mit seiner Ladung Journalisten an Bord ist die Stadthalle von Görlitz. Wie ein schwarzer Riese wartet der Jugendstilpalast am Ufer der Neiße. Ich bin Teil einer PR-Fahrt der DDR-Regierung, die stolz ihre „einseitigen Abrüstungsschritte“ in Görlitz verkünden will.

Um nichts Geringeres als den Weltfrieden geht es an diesem warmen Frühsommernachmittag. Die Medienmeute wird aus dem Bus komplimentiert. „Links rum, keine Sperenzchen, keine Extrawurst“, ruft der Aufpasser vom Internationalen Pressezentrum der DDR. Im Gänsemarsch eilen wir zu dem großen grauen Klotz. Wir, das sind ungefähr zwanzig westliche Korrespondenten von Presse, Funk und Fernsehen, die aus der DDR berichten. Internet übrigens konnten wir damals noch nicht einmal buchstabieren.

 

 

Im Innern des Saals sind große Transparente angebracht. „Friedensstaat DDR“ ist zu lesen. Dazu Blumenschmuck und ein Rednerpult. Wir werden eingewiesen. Nicht zu unterdrücken ist eine aufsteigende strenge Duftnote aus Schweiß und Gülle. Ein DDR-Offizier in schmucker Uniform erklärt, mehrere hundert Panzersoldaten der NVA seien in die Reserve entlassen und erste Kampftechnik abtransportiert worden. Ein anderer Redner betont, diese „Maßnahme“ beweise die Überlegenheit des Sozialismus. Man sei gespannt wie der Imperialismus auf die Friedensoffensive reagiere. Im Saal verteilt sich ein penetranter Geruch wie in der Bedürfnisanstalt .

Als ich mich nach Ansprachen und Militärmusik zu den Toiletten in die Katakomben begebe, schlägt mir die Quelle der Duftwolken entgegen. Bereits auf dem Weg zu den Toiletten stinkt es zum Himmel. Hier hat die DDR noch eine wichtige Zukunfts-Aufgabe vor sich, überlege ich bei der Rückfahrt im Bus, der mit überhöhter Geschwindigkeit die traditionsreiche sächsische Perle wieder verlässt. Uns sollte wohl der Anblick des Verfalls einer Stadt nicht zugemutet werden. Kein halbes Jahr später löst sich der „Friedensstaat“ selbst auf. Das Ende von potemkinschen Dörfern und Städten in den Farben der DDR.

Görlitzer Stadthalle. 1910 eingeweiht. Seit 2005 Leerstand.  Foto: Wikipedia

 

Und heute? Die einst prächtige Stadthalle, Ausdruck des Bürgerstolzes von Görlitz steht seit vielen Jahren leer. Der schwarze Kasten an der Neiße aus der Zeit des Kaiserreichs wirkt wie ein vergessenes Fossil. Görlitz kann sich zur Rettung des Konzerthauses aus dem Jahre 1910 nicht durchringen, heißt es. Zu groß, zu teuer, zu riskant. Droht das Ende eines traditionsreichen Hauses mit wechselvoller Geschichte und der weltweit einzigen Konzertorgel aus der Zeit des Jugendstils?

 

Stadthalle von Görlitz 1959. In der DDR ein „Kessel Buntes“ mit Boxkämpfen, Blumenschauen, Konzerten und Parteiveranstaltungen. Foto: Bundesarchiv

 

In diesem Saal für fast 2.000 Zuschauer traten weltbekannte Künstler wie Wilhelm Furtwängler mit seinen Philharmonikern auf. Hier verabschiedete die SPD ihr „Görlitzer Programm“ für die neue Weimarer Republik. Sie dauerte nur vierzehn Jahre. Hier predigte Anfang März 1945 Joseph Goebbels gegen den Untergang seines Systems an. Es sollte seine letzte öffentliche Rede werden. Eine gespenstische Veranstaltung. Goebbels peitscht die Menge auf. „Wir werden in diesen Kampf hineintreten wie in einen Gottesdienst.“ Die NS-Wochenschau vom März 1945 versucht in Nahaufnahmen entschlossene Volksgenossen einzufangen. Keine zwei Monate nach diesem bizarren Auftritt in Görlitz geht das Dritte Reich unter.

 

 

Was wird? Reifen neue Blütenträume?

Keiner weiß, ob es in Zukunft wieder Bälle, Boxkämpfe und Blumenschauen, Konzerte und Politinszenierungen geben wird, die vom Zukunfts-, Friedens- oder Durchhaltewillen künden. Damals beschlich mich in Görlitz ein merkwürdiges Unbehagen, diese krude Mischung aus lauter, dröhnender Propaganda und hartnäckigen Ausscheidungen aus dem Untergrund der Halle. Wenn Wände reden könnten, hätte der graue Jugendstilpalast viel zu erzählen.

Für 2025 ist die Wiedereröffnung geplant. Oder später. Aber vielleicht auch nie. In der Stadthalle von Görlitz sind schon viele Blütenträume geplatzt.

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