Bodensee im März 2020. Lockdown I

Jeder Tag ist ein Geschenk

Klaus Stuttmann.

“2020 war ein schlimmes Jahr, übellaunig, ungesund, angstbesetzt, maßregelnd, erlebnisarm und hygienisch”. So Deutschlands Dauer-Zeit-Erklärer Harald Martenstein, der jede Woche neu die Welt mit seinen Erkenntnissen beglückt. War das Corono-Jahr wirklich so schlimm, so übellaunig und angstbesetzt? Keineswegs. Ich bewunderte im Frühjahr die Nachtschicht in unserem Krankenhaus, wie immer chronisch unterbesetzt dafür rund um die Uhr erlebnisreich. Schwestern und Pfleger, die müde aber dankbar lächeln, wenn sie ehrenamtlich unterstützt werden. Ich bewunderte im Sommer Freunde, die an vielen Wochenenden im Jahr am Bahnhof Zoo in der Mission praktisch mithelfen, ohne großes Brimborium darüber zu veranstalten.

 

 

Ich bewunderte im Spätherbst die Kassiererin hinter ihrer Plexiglasscheibe, die trotz der x-ten Anmache, warum die Schlange so lange sei, irgendwann cool konterte: „Sie können ja gerne mit mir tauschen“. Ich bewunderte im Dezember die Swing-Musiker von der Andrej Hermlin Band, die seit dem 15. März ununterbrochen jeden Abend live auftreten, ob bei Minusgraden vor dem Brandenburger Tor oder bei ihren gestreamten Hauskonzerten, ohne Publikum, ohne Beifall. nur für einen Bettellohn, unverdrossen weiterspielend „bis die Krise vorbei ist“. Und ich bewunderte den Pianisten Igor Levit, der mit klammen Fingern die Rodung von Buchenwäldern musikalisch kommentierte. Was aber noch viel schöner ist: ich freute mich unbändig über das fröhliche Glucksen unserer beiden Enkelinnen.

 

 

„Ist´s auch grau und trübe – halt immer hoch die Rübe!“, konnte ich kurz vor der zweiten Schließung – im Neusprech: Lockdown II – auf einem Örtchen in Kreuzberg lesen, der zur Erleichterung dient. Natürlich nervt es mich maßlos, wenn ich erfahre, dass US-Milliardäre in diesem Jahr im Trump-Land Super-Gewinne eingefahren haben, dass allein bei uns die Zahl der Millionäre im Krisenjahr um sage und schreibe 58.000 Menschen gestiegen ist, während hunderttausende Familien und Rentner um jeden Cent kämpfen müssen oder im Flüchtlingslager auf Lesbos tausende Menschen in unwürdigen Verhältnissen gehalten werden.

Reich ist nicht derjenige, der viel hat sondern der wenig braucht, heißt es. Dieser Satz aus dem Repertoire der Nachhaltigkeitsbewegung soll keinesfalls zynisch klingen. Den überzeugendsten Spruch entdeckte ich in diesem Corona-Jahr jedoch bei der klugen, stillen und wunderbaren Dichterin Eva Strittmatter. „Die wirklich wichtigen Dinge sind kostenlos. Luft, Wasser, Liebe.“

Frohe Weihnachten und alles Gute für 2021.

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