Archive for : Januar, 2021

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Ziemlich gute Freunde

Gibt es das noch? Die vielbeschworene Männerfreundschaft? Freunde, die durch dick und dünn gehen. Sich austauschen, streiten, versöhnen, am Ende des Tages aber stets blind vertrauen können. Diese zwei Freunde von Law and Order waren sich ziemlich nah. Brüder im Geiste, Bewunderer von Macht und Stärke: Mister Donald John Trump, „durch Diebstahl abgewählter“ Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika und der „Geliebte Oberste Führer“ Kim Jong-un, Präsident der Demokratischen Volksrepublik Korea. Der Nordkoreaner ist weiter im Amt. Herrscher eines Landes, in dem es offiziell keine Corona-Pandemie gibt. In dem Menschen fröhlich und zufrieden ihrer Arbeit nachgehen. In dem Medien nicht „Feinde des Volkes“ sind, sondern das Land in seiner wahren Schönheit zeigen. Wie hier zum Jahresanfang 2021 in Pjöngjang.

 

 

Die beiden Freunde (auf Zeit) Trump und Kim trafen sich genau dreimal. Sie entwickelten eine Art Brieffreundschaft. Insgesamt 27 Botschaften tauschten der Ex- Präsident der USA und der nordkoreanische Machthaber Kim Jong Un aus. Kim schrieb 2018 nach dem ersten Treffen von Singapur: „Selbst jetzt noch kann ich den historischen Moment nicht vergessen, als ich die Hand Ihrer Exzellenz gehalten habe.“ Donald erklärte öffentlich vor seinen Fans: „Er hat mir wunderschöne Briefe geschickt, es sind großartige Briefe. Wir haben uns verliebt.“ Kim: „Die tiefe und besondere Freundschaft zwischen uns wird wie eine magische Kraft wirken.“

Beide Männer hatten einen gemeinsamen Feind. Barack Obama. „Ein Arschloch“, soll Trump zu US-Enthüllungsjournalist Bob Woodward gesagt haben. Den Diktator in Pjöngjang habe er aber in höchsten Tönen gelobt: „Er ist weit mehr als nur klug.“ So soll der Nordkoreaner dem US-Präsidenten nach dessen eigener Aussage mitgeteilt haben, wie er seinen eigenen Onkel hatte hinrichten lassen. „Er erzählt mir alles“, so Trump. Kim muss offenbar Song Thaek, die graue Eminenz in seinem Regime gemeint haben. Im Dezember 2013 hatte er seinen eigenen Onkel abgesetzt. Kim ließ ihn hinrichten. Das imponierte Trump.

 

 

Der scheidende US-Präsident stellte zum Ende seiner Amtszeit am 20. Januar 2021 nahezu unbemerkt einen „Rekord für die Ewigkeit“ auf. Er ließ seit dem vergangenen Sommer 13 verurteilte Menschen hinrichten, in einigen Fällen sogar gegen den Willen der Opferfamilien. So konnte er sich selbst nach der Wahlniederlage seinen Anhängern als „Henker in Chief“ präsentieren. Ein Mann, der durchgreift, der keine Gnade kennt. Einer, der für Law and Order steht – wie sein nordkoreanischer Freund.

 

Das offizielle Foto vom letzten Gipfeltreffen in Vietnam am 27./28. Februar 2019. Vorzeitig und ergebnislos abgebrochen. . Quelle Wikipedia

 

Am 10. September 2020 twitterte Donald Trump: „Kim Jong Un is in good health. Never underestimate him!“ Diese „Unterschätzt ihn nicht“-Botschaft ist eine von rund 56.500 Giftpfeilen, die er per Twitter während seiner vierjährigen Amtszeit in die Welt schickte. Sein Spezi Kim wird dieses Kompliment freuen. Der 37-jährige ist mittlerweile im zehnten Jahr im Amt. Als Enkel und Thronfolger in der dritten Generation seiner Familien-Dynastie. Unabwählbar seit 1948. Von solchen Verhältnissen scheint Trump zu träumen.

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Nach Hause – Teil 2

Er war gerade einmal 21, als er von Weltschmerz und Heimweh schrieb. Es ist das Trinkerlied von einem, der nicht mehr weiter weiß. Einer, der vom Thron des Selbstmitleids steigen soll, aber den Weg nicht nach Hause finden kann. „Herrlich!“ schrieb 1969 das Fachblatt Rolling Stone. Can´t find my way home stammt aus der Feder von Steve Winwood aus Birmingham. Sein Lied ist längst ein Klassiker – vor über vierzig Jahre in die Umlaufbahn gebracht. Winwoods zeitlose Ballade vom einsamen Trinker wird auch heute noch auf vielen Bühnen gespielt. Von den ganz Großen wie Eric Clapton oder in der überfüllten Schulaula, unter dem Beifall stolzer Eltern, die ihrem Nachwuchs applaudieren.

 

 

Steve Winwood wuchs in der Arbeiterstadt Birmingham auf. Mutter Lillian und Vater Lawrence liebten Musik, um sich aus der grauen Vorstadt hinaus zu träumen. Lawrence Winwood beherrschte Klarinette, Saxophon, Mandoline, Geige und Bass. Am Wochenende spielte er auf Hochzeiten und Tanzvergnügen. Sohn Steve war mit dabei, der früh klassische Gitarre und Klavier in der Schule lernte. Bereits im Alter von 15 Jahren war Winwood 1963 Kopf der Spencer Davis Group, als Leadsänger, Leadgitarrist und Pianist auf seiner geliebten Hammond-Orgel.

 

Steve Winwood. 2009. Quelle: Wikipedia

 

Die wilden Sixties. Die Zeit der Pop-Revolution. Trotz ganz früher Superhits wie Keep on running blieb Steve zeitlebens der bescheidene Junge aus Birmingham. Ein Mann ohne Allüren und Affären. So lernte ich ihn bei einem Interview in London kennen. Als im engen Hotelzimmer eine Sitzgelegenheit für den Tonassistenten fehlte, zog er einfach los, um einen Stuhl zu organisieren.

 

 

Die Premiere seiner Ballade Can´t find my way home war am 7. Juni 1969 bei einem kostenlosen Open-Air-Konzert im Hyde Park vor über 100.000 Zuschauern. Nur wenig später erschien das Album Blind Faith, das exakt nur sechs Titel enthält, aber bis heute als ein Meilenstein des neuen britischen Blues-Rock gilt. Steve meinte im Interview, es sei wichtig, dass Menschen ein Dach über dem Kopf hätten, einen Ort, an dem der Schlüssel ins Schloss passt. So viele Heimatlose, Obdachlose und Entwurzelte seien in der Welt unterwegs. „Wohl dem, der jetzt noch Heimat hat! Weh dem, der keine Heimat hat!“ Das meinte auch der große Skeptiker Friedrich Nietzsche.

 

 

„Steig herunter von deinem Thron. Jemand muss sich ändern. Du bist der Grund, warum ich so lange gewartet habe. Jemand hält den Schlüssel. Ich bin fast am Ende und habe nicht mehr viel Zeit. Ich bin betrunken und kann meinen Heimweg nicht finden.“ Heute gibt es vier neue Versionen. Mal von Steve jung und live auf großer Bühne, mal gereift vor knisterndem Kamin, mal hochprofessionell von Steves Weggefährten Eric Clapton oder wackelnd mit Windgeräuschen und dem Smartphone aufgenommen. Ganz einfach: Finde deinen Weg nach Hause.

 

 

Fortsetzung folgt.

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Der Standhafte

Am zweiten Tag des Jahres 2021 klingelt in Atlanta im Büro von Brad Raffensberger das Telefon. Es ist ein Samstag. Am anderen Ende ist das Weiße Haus. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bittet um ein Gespräch. Donald Trump hatte im Bundesstaat Georgia mit exakt 11.779 Stimmen gegen seinen Herausforderer Joe Biden verloren. Raffensperger ist Innenminister von Georgia und ein treuer Republikaner, zugleich oberster Wahlleiter. Raffensberger war bereits mehrfach von Parteifreunden bedrängt worden, das Ergebnis zu korrigieren. Bereits zwei Mal war daher nachgezählt worden. Biden blieb der Gewinner. Nun meldet sich der mächtige Trump höchstpersönlich. Raffensberger ist aufgeregt. Er startet ein Mittschnittgerät. Ein Anwalt seines Vertrauens hört mit.

Donald Trump fordert: „Also, ich will nur eins, ich will nur 11.780 Stimmen finden.“ Trump will erreichen, dass Raffensperger vor der Zertifizierung der Präsidentschaftswahl am 6. Januar im Kongress öffentlich erklärt, es lägen neue Beweise vor, die das Wahlergebnis infrage stellen. Der Mann aus Georgia betont immer wieder, die Wahl sei fair verlaufen und es sei korrekt ausgezählt worden. Trump behauptet weiter, unter den Wählern seien doch 5.000 Tote gewesen, während Raffensperger uneingeschüchtert erwidert: „Zwei. Die korrekte Zahl ist zwei.“ Trump bedrängt seinen Parteifreund: „Es ist nichts Schlimmes dabei, wenn du sagst, du hast – ähm – rekalkuliert“. Raffensberger, der als ein ruhiger, unauffälliger 65-jähriger Republikaner geschildert wird, bleibt standhaft. Er lehnt das Ansinnen des Präsidenten ab.

 

Brad Raffensberger. Innenminister von Georgia.

 

Nach dem erfolglosen Telefonat am 2. Januar 2021 attackiert Trump per Twitter seinen Parteifreund in Georgia. Der Innenminister Raffensperger habe sich geweigert, seine Fragen zur Wahl zu beantworten. Daraufhin schickt der als Lügner beschuldigte Mann aus Georgia den kompletten Mitschnitt des Telefonats an zwei Zeitungen. Vier Tage später, am Tag der Zertifizierung der Präsidentschaftswahl, ruft Donald Trump seine Anhänger in Washington auf, „die Integrität der Wahl zu garantieren und die amerikanische Demokratie zu verteidigen“. Fanatische Trump-Fans stürmen daraufhin das Capitol. Sie brüllen „U.S.A.“ und „Stop the Steal“. Bei der gewaltsamen Attacke auf den Kongress sterben fünf Menschen, darunter eine 35-jährige Trump-Getreue und ein Polizist.

 

 

Der aufrechte Konservative Brad Raffensberger steht mittlerweile unter Polizeischutz. Der Grund: Der Innenminister von Georgia hatte sich auf geltende Gesetze berufen und sich standhaft geweigert die seit Wochen wiederholte Dolchstoßlegende des Präsidenten zu unterstützen. Seitdem hat der Mann zahlreiche Morddrohungen erhalten. In einer SMS an seine Frau heißt es: „Dein Mann verdient es, erschossen zu werden.“

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Wenn uns der Wind trägt

Verlängern und verschärfen, heißt es ein weiteres Mal. Die Hängepartie geht weiter. Stillgestanden. Zuhause bleiben. Ohne „triftigen Grund“ kein Freigang. Der unsichtbare Feind SARS-CoV-2 feiert seinen ersten Geburtstag. Die Regierenden stochern halbherzig herum: im Wirrwarr von RKI-Zahlen, Prognosen und eigenen politischen Überlebensstrategien. „Ich bin Politiker, mein Sohn, kein Held, und die Politik schafft keine Wunder. Sie ist so schwach wie die Menschen selbst, nicht stärker, ein Bild nur ihrer Zerbrechlichkeit“. Das lässt der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt seinen Herkules im Stall des Augias sagen. Schützen und Handeln müssen wir selbst. Da hilft kein Gott, keine Kanzlerin, kein Christian Drosten.

Mag das Leben noch so kompliziert sein, noch so viele Irrwege parat haben, Verletzungen, und Wunden, und manchmal auch aussichtslos erscheinen, der Wind wird uns tragen. Das singt die Indie-Band Noir désir aus Bordeaux. Vor zwanzig Jahren veröffentlichten die Franzosen ihre wunderbare Ballade Le vent nous portera über Hoffnungen, Freiheit und Zärtlichkeit. Ihre Botschaft: bloß keine Angst vor dem Aufbruch haben. Stets unabhängig bleiben, den eigenen Kopf zum Denken nutzen. Denn der Wind wird uns tragen. Ein geradezu Reggae-geprägtes Sommerlied voll französischer Leichtigkeit und großem Tiefgang. An der Gitarre Manu Chao, verfilmt von Regisseur Alexandre Courtes, millionenfach geklickt.

 

 

Der Überraschungshit Le vent nous portera wurde in den letzten Jahren vielfach gecovert. 2010 von der Schweizerin Sophie Hunger oder auch von Element of Crime, diese natürlich mit der üblichen melancholischen Grundierung der Berliner Skeptiker und Kultband. Der Wind weht trotzdem. Désir Noir: „Ich hab keine Angst vor dem Weg. Muss ihn sehen, ihn fühlen
Seine Windungen tief im Innern, und alles wird gut werden. Der Wind wird uns tragen.“

 

 

Le Vent nous portera

„Wenn die Flut steigt
Und alle Rechnungen beglichen werden
Nehme ich deinen Staub in die Leere meines Schattens
Der Wind wird ihn verwehen
Alles wird vergehen, aber
der Wind wird uns tragen.“