Der Standhafte

Am zweiten Tag des Jahres 2021 klingelt in Atlanta im Büro von Brad Raffensberger das Telefon. Es ist ein Samstag. Am anderen Ende ist das Weiße Haus. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika bittet um ein Gespräch. Donald Trump hatte im Bundesstaat Georgia mit exakt 11.779 Stimmen gegen seinen Herausforderer Joe Biden verloren. Raffensperger ist Innenminister von Georgia und ein treuer Republikaner, zugleich oberster Wahlleiter. Raffensberger war bereits mehrfach von Parteifreunden bedrängt worden, das Ergebnis zu korrigieren. Bereits zwei Mal war daher nachgezählt worden. Biden blieb der Gewinner. Nun meldet sich der mächtige Trump höchstpersönlich. Raffensberger ist aufgeregt. Er startet ein Mittschnittgerät. Ein Anwalt seines Vertrauens hört mit.

Donald Trump fordert: „Also, ich will nur eins, ich will nur 11.780 Stimmen finden.“ Trump will erreichen, dass Raffensperger vor der Zertifizierung der Präsidentschaftswahl am 6. Januar im Kongress öffentlich erklärt, es lägen neue Beweise vor, die das Wahlergebnis infrage stellen. Der Mann aus Georgia betont immer wieder, die Wahl sei fair verlaufen und es sei korrekt ausgezählt worden. Trump behauptet weiter, unter den Wählern seien doch 5.000 Tote gewesen, während Raffensperger uneingeschüchtert erwidert: „Zwei. Die korrekte Zahl ist zwei.“ Trump bedrängt seinen Parteifreund: „Es ist nichts Schlimmes dabei, wenn du sagst, du hast – ähm – rekalkuliert“. Raffensberger, der als ein ruhiger, unauffälliger 65-jähriger Republikaner geschildert wird, bleibt standhaft. Er lehnt das Ansinnen des Präsidenten ab.

 

Brad Raffensberger. Innenminister von Georgia.

 

Nach dem erfolglosen Telefonat am 2. Januar 2021 attackiert Trump per Twitter seinen Parteifreund in Georgia. Der Innenminister Raffensperger habe sich geweigert, seine Fragen zur Wahl zu beantworten. Daraufhin schickt der als Lügner beschuldigte Mann aus Georgia den kompletten Mitschnitt des Telefonats an zwei Zeitungen. Vier Tage später, am Tag der Zertifizierung der Präsidentschaftswahl, ruft Donald Trump seine Anhänger in Washington auf, „die Integrität der Wahl zu garantieren und die amerikanische Demokratie zu verteidigen“. Fanatische Trump-Fans stürmen daraufhin das Capitol. Sie brüllen „U.S.A.“ und „Stop the Steal“. Bei der gewaltsamen Attacke auf den Kongress sterben fünf Menschen, darunter eine 35-jährige Trump-Getreue und ein Polizist.

 

 

Der aufrechte Konservative Brad Raffensberger steht mittlerweile unter Polizeischutz. Der Grund: Der Innenminister von Georgia hatte sich auf geltende Gesetze berufen und sich standhaft geweigert die seit Wochen wiederholte Dolchstoßlegende des Präsidenten zu unterstützen. Seitdem hat der Mann zahlreiche Morddrohungen erhalten. In einer SMS an seine Frau heißt es: „Dein Mann verdient es, erschossen zu werden.“

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