Sahra Wagenknecht. Die Selbstgerechten.

Hat Sahra Recht?

Der Zeitgeist schlägt links. Wirklich? Sahra Wagenknecht sagt Nein. Mit scharfem Schwert rechnet sie in ihrem neuen Buch mit dem rotgrünen Milieu im Lande ab. Der Titel ist eine Kampfansage: Die Selbstgerechten. Auf 334 Seiten attackiert Wagenknecht eine hochmütige Minderheit. Die sich progressiv wähnt, aber die arbeitende Bevölkerung längst vergessen hat. Entsprechend sind die Reaktionen im Netz: Streiterin Sahra wird gehasst wie gefeiert. Das Lager der attackierten „Selbstgerechten“ schimpft sie eine reaktionäre Kommunistin, eine Frau von vorgestern und narzisstische Außenseiterin. „Ohne solche Leute wäre vieles besser“, so der Sound der Wagenknecht-Kritiker.

 

Beifall für die Linke von ganz Rechts. AfD-Wahlplakat in Bitterfeld. April 2021 (Sachsen-Anhalt)

 

Die Bandbreite ihrer Unterstützer hingegen ist überraschend wie kurios. Tenor: Die hasserfüllten Reaktionen zeigten, dass Wagenknecht ins Wespennest gestochen habe. Verrückt. Die einstige Ikone der Kommunistischen Plattform gilt heute als „Stimme der Vernunft“, als Sprachrohr der schweigenden Mehrheit. Am heftigsten geht der Gaul mit der AfD durch. Sie plakatiert in Sachsen-Anhalt: SARAH HAT RECHT! Ein Super-Gau? Für Wagenknecht-Gegner in der eigenen Partei ist die Aktion der definitive Beweis ihrer „Kontaktschuld“ mit Nationalisten. Sind die Selbstgerechten also überflüssig wie ein Kropf?

Als Anhänger der Aufklärung empfehle ich etwas anderes: Ein eigenes Urteil bilden. Wie wäre es mit argumentieren statt moralisieren? Das ist sinnvoller als jedes Twitter-Gewitter. Wagenknechts Kernthese: Die Linken haben die Seiten gewechselt. Sie sind auf die Seite der (neoliberalen) Sieger übergelaufen. Die Verlierer der Globalisierung bleiben draußen vor der Tür. Wagenknecht macht eine neue gutsituierte, linksliberale Klasse aus, die „Lifestyle-Linke“. Diesem akademischen Milieu bedeute Identität mehr als die soziale Situation ihrer Mitmenschen. Mitgefühl mit Unterprivilegierten? Fehlanzeige.

 

 

Das Buch liefert zahlreiche Beispiele. So feierten linksliberale Meinungsmacher im Sommer 2020, dass nach einem erfolgreichen Shit-Storm das Knorr-Produkt Zigeunersauce nunmehr diskriminierungsfrei als „Paprikasauce Ungarische Art“ angeboten wird. Zeitgleich zum Ende der „rassistischen“ Zigeunersauce drohten 550 Mitarbeitern im Knorr-Stammwerk Heilbronn Kündigung bzw. massiver Stellenabbau. Hier rührte sich kein Protest. Reine Symbolpolitik statt Sozialpolitik, poltert Wagenknecht, ein Markenzeichen des neuen linken Zeitgeists.

Original-Ton Wagenknecht: „Der typische Lifestyle-Linke wohnt in einer Großstadt oder zumindest in einer schicken Unistadt und selten in Orten wie Bitterfeld oder Gelsenkirchen. Er studiert oder hat ein abgeschlossenes Universitätsstudium und gute Fremdsprachenkenntnisse, plädiert für eine Post-Wachstums-Ökonomie und achtet auf biologisch einwandfreie Ernährung. Discounterfleisch-Esser, Dieselauto-Fahrer und Mallorca-Billigflugreisende sind ihm ein Graus.“

 

Streit in der politischen Linke. Alles eine Frage der Inszenierung? Sahra Wagenknecht mit ihrem Mann Oskar Lafontaine beim Karneval.

 

Die promovierte Ökonomin plädiert für den Nationalstaat. „Nationale Identität“ definiert sie „kulturell und historisch, aber nicht genetisch“. Der diffamierte Nationalstaat sei der einzige Garant für einen funktionierenden Sozialstaat. Die EU habe bewiesen eine schöne Vision ohne Bodenhaftung zu sein. Brüssel ignoriert die realen Sorgen und Nöte der Menschen. Und die 51-jährige zerlegt  in einem ganzen Kapitel analytisch fundiert „die wunderbare Erzählung von der Migration als großen Freiheitsgewinn und Vorteil für alle Seiten“. Zum Beifall der AfD, zum Ärger der Linken.

Wagenknechts Fazit: Die richtige Gesinnung – oder Neusprech: Haltung – wiegt schwerer als das Richtige zu tun. „Den Mindestlohn zu erhöhen oder eine Vermögenssteuer für die oberen Zehntausend einzuführen ruft natürlich ungleich mehr Widerstand hervor, als die Behördensprache zu verändern, über Migration als Bereicherung zu reden oder einen weiteren Lehrstuhl für Gendertheorie einzurichten“.

Hat Sahra Recht? Fährt der Zug gerade in die komplett falsche Richtung? Wagenknechts Streitschrift liefert provokativen Stoff zum Überprüfen der eigenen Meinungen und Überzeugungen. Es empfiehlt sich das ganze Buch zu lesen. Und nicht vorschnell als Nazi-Müll zu disliken. Die Lektüre lohnt sich. Gesalzen und gehaltvoll wie eine „Paprikasauce Ungarische Art“. Guten Appetit.

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