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Der Volksfreund

Der Norweger Henrik Ibsen meinte vorab, es werde „diesmal ein freundliches Stück sein, das von Staatsministern und Großhändlern sowie deren Damen gelesen werden kann und vor dem die Theater nicht zurückzuschrecken brauchen“. Sein brandneues Stück „Ein Volksfeind“ wurde ein Skandal. Der Plot: Kurarzt Tomas Stockmann entdeckt, dass sein Heilwasser verunreinigt ist. Die nahe Gerberei des örtlichen Großunternehmers vergiftet mit seinen Rückständen heimlich das Badewasser des Kurortes. Stockmann schlägt Alarm, ist überzeugt, „dass die Wahrheit vor jeder Rücksichtnahme kommt“. Er fordert den Missstand zu beseitigen. Mit seinen Enthüllungen hofft er als wahrer Freund des Volkes gefeiert zu werden. Vielleicht sogar mit einem Fackelzug.

 

Henrik Ibsen. 1828-1906. „Ein Volksfeind“ veröffentlichte er 1882.    Quelle: Wikipedia

 

Es kommt anders. Die Obrigkeit in Person seines Bruders Amtsrat Peter Stockmann schlägt geschickt zurück. Die Offenlegung des Übels sei keineswegs bewiesen, schade jedoch in erster Linie den ökonomischen Interessen der Bürger. Zwei Presseleute werden zu den wichtigsten Verbündeten der „hohen Herren“. Mit Falschmeldungen und billigen Vorwürfen heizt Redakteur Billing die Stimmung an. Sein Kollege Hovstad vertritt als Hofschranze geschmeidig die Interessen der Unternehmer und Mächtigen.

Die Bürger bilden eine „geschlossene Mehrheit“ gegen den „Brunnenvergifter“ Stockmann. Der Arzt wird boykottiert, seine Praxis gekündigt, die Tochter als Lehrerin entlassen. Selbst Stockmanns letzte Hoffnung, in die USA auszuwandern, wird vereitelt. Der um die Gesundheit besorgte Kurarzt wird zum tragischen Helden. Verzweifelt ruft er am Ende aus: „Der Starke ist am mächtigsten allein“. Wie einstweilen Wilhelm Tell bei Friedrich Schiller.

 

 

Die „geschlossene Mehrheit“ von Bürgern und Presse ist stärker als jede Wahrheit. „Die Quellen unseres geistigen Lebens sind vergiftet, Grund und Boden unter uns verseucht“, lässt Ibsen im Volksfeind (veröffentlicht 1882) erklären. Am Ende seiner Tragik-Groteske bleibt ein am Boden zerstörter brot- und besitzloser Badearzt zurück, der verlassen in einer Wohnung mit eingeschlagenen Fenstern sitzt. Aus dem angesehenen Bürger der Stadt ist ein verachteter Volksfeind geworden.

 

Seit der Uraufführung vor 140 Jahren auf Hunderte Bühnen der Welt gespielt. Bis heute. Hier: Theater in der Altstadt Meran/Südtirol.

 

Ibsens Stück spielte in einer norwegischen Kleinstadt in der Nähe von Oslo. Ein Volksfeind hat nunmehr 140 Jahre auf dem Buckel, jedoch kein bisschen Staub angesetzt. Im Gegenteil. Vor den Toren Berlins wird in diesen Tagen die „Tesla-Gigafactory Berlin-Brandenburg“ fertiggesellt, ohne gültige Genehmigungen, aber mit dem Versprechen „die fortschrittlichste Serienproduktionsstätte für Elektrofahrzeuge der Welt“ zu werden. Behörden und Rot-grüne Politiker wischen alle Bedenken beiseite. Das Giga-Projekt gilt als Innovation und Vorzeigeprojekt für den Klimaschutz. Auch hier geht es ums Wasser. Eine Steilvorlage für ein neues Theaterstück rund um die alte Frage, wer am Ende wem das Wasser abgräbt. Wie wäre es mit …  „Die Volksfreunde von Grünheide“.

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