Archive for : September, 2021

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Wünsch Dir was

Die Landstraße wird schmaler, die Wiesen werden weiter. Kraniche ziehen am Himmel vorbei. Irgendwann hinter abgeernteten Kornfeldern taucht das unscheinbare Lögow auf. Ein kleines märkisches Dorf im Nordwesten Brandenburgs zwischen Neuruppin und Kyritz. Eine gute Autostunde von Berlin entfernt. Am Dorfanger neben der Feldsteinkirche steht ein langgezogenes, geducktes Haus. Knapp 350 Jahre ist es alt, jedoch frisch und hübsch renoviert. An einem der Fenster zur stillen Schulstraße Nummer 2 hängt ein kleines Schild. Dorfkino Lögow. Hereinspaziert! Im alten Klassenzimmer der ehemaligen Schule laufen neue Filme aus aller Welt.  In Lögow befindet sich das kleinste Kino Brandenburgs. Ein Kleinod mit Katze, Glockenläuten der Kirche von nebenan, 16 Plätzen auf gepolsterten Kinositzen und breiten Sofas von Oma.

 

Film ab. Das Dorfkino Lögow ist Brandenburgs kleinstes Programmkino.

 

Klein, aber fein. Das ist das Konzept von Andreas Hahm-Gerling. Der Kino-Narr hat Fotografie- und Film in Bielefeld studiert und später selbst einmal einen Film gedreht. Er war jedoch eher als Kritiker für Zeitschriften unterwegs. Das Dorfkino in Lögow ist sein großes Wagnis, sein ganz spezielles Kind. Seit Anfang Januar 2019 lockt er Gäste mit einer Kino-Leinwand, Popcorn, Getränken und kostenlosen Salzstangen in sein kleines Kino der großen Gefühle, ganz am Ende der Welt. Die Atmosphäre ist fast wie zuhause auf dem Sofa und doch anders. Vorführungen gibt es donnerstags und freitags. Kinderkino sonntags. Hahm-Gerlings Versprechen: „Programmkino, Dokumentarfilme, internationale Filme. Mitmach-Kino: Kinder-Kino, Frauen-Kino, Kochen und Kino. Musik und Kino“. Für jede(n) soll etwas dabei sein. Vor allem sind ihm Austausch, Begegnungen und Kommunikation wichtig.

 

 

Etwas Besonderes des Schmuckstücks in der Kyritzer Provinz ist das sogenannte Privatkino. Besucher können sich ihre Filme selbst wünschen. Oder den Saal für eine Vorführung mieten. Soweit irgend möglich, werden Wünsche erfüllt. Natürlich ist die Pandemie den ambitionierten Plänen dieses Mini-Programmkinos mächtig in die Parade gefahren. Der Corona-Stillstand traf Lögow unmittelbar nach dem ersten vielversprechenden Auftaktjahr. Durchhalten lautet daher jetzt die Devise. Filme in Gemeinschaft sehen und erleben ist das Konzept. Gespräche über das Gesehene sind das große Plus dieses familiären Kinos im Klassenzimmerformat. Zehn Besucher pro Film kommen derzeit im Schnitt. Und noch eine Lögower Spezialität: Vorgeführt werden die durchweg neuen und anspruchsvollen Filme wie „Ich bin dein Mensch“ oder „Der Rausch“ auch dann, wenn nur ein einziger Besucher die ehemalige Schule von Lögow besucht. Dann heißt es im Dorfkino exklusiv: Vorhang auf, Licht aus und: Film ab.

 

Kino mit Kirchenglocken. Das kleine Lögow lockt mit großer Kunst.

 

Reservierungen online unter  Dorfkino Lögow.

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Die Kunst des Verhüllens

Paris genießt in diesen Tagen Christos letztes Werk: die Verhüllung des Arc de Triomphe. Seit 1962 wollte der Künstler das Nationalheiligtum im Herzen der Stadt verpacken. Erst kurz vor Christos Tod im Mai 2020 gab Präsident Macron grünes Licht. Im zweiten und letzten Teil einer Annäherung an den bulgarischen Aktions- und Performancekünstler, der mit seiner französischen Frau Jeanne-Claude die Kunstwelt umkrempelte, soll an den Sommer 1995 erinnert werden. Als die Deutschen einmal beschlossen, für genau vierzehn Tage ein glückliches Volk zu werden. Als sich der mächtige, damals leerstehende Berliner Reichstag in ein leichtes, schwebendes Gebäude verwandelte. Als dieser geschichtsträchtige Klotz an der einstigen Mauer verhüllt wurde, um Neues zu enthüllen. Als Berlin einmal anders war.

 

„Wrapped Reichstag“. Sommer 1995. Christo und Jeanne-Claude.

 

Am Anfang war eine Postkarte. Im Sommer 1971 schickte der Historiker Michael S. Cullen eine bunte Ansichtskarte des Reichstages nach New York. Wäre der leere Kasten nicht ein ideales Kunstobjekt, fragte Cullen, ein Amerikaner im damaligen West-Berlin. Dann passierte erst einmal nichts. Anfang November 1971 antwortete überraschend das Ehepaar Christo und Jeanne Claude in einem förmlichen Schreiben. Jeanne-Claude teilte mit, sie seien interessiert, hätten aber frühestens 1972 Zeit. Daraus wurden am Ende 24 Jahre zähen Ringens. Die Widerstände waren groß, wie bei allen Christo-Projekten. Cullen traf das Ehepaar Christo im Hotel Savoy in Zürich. Das Trio verstand sich prächtig. Der US-Amerikaner in Berlin, der bulgarische Künstler und seine französische Frau mit Wohnsitz in New York.

 

Christo und Michael S. Cullen 1993. Cullen, ein Amerikaner in Berlin, schickte 1971 eine Postkarte nach New York – mit Folgen.

 

Das war die Grundidee: Kunst für jedermann! Kostenlos. Ohne Werbung. Ohne staatliche Förderung, Christo kam 1976 zum ersten Mal in das geteilte Berlin. Im Mai 1977 lehnte der damalige Bundestagspräsident Karl Carstens die Verhüllung strikt ab. Unvorstellbar! Der Reichstag sei ein Sakrileg. Mit insgesamt sechs Bundestagspräsidenten verhandelte das Christo-Team in den folgenden Jahren. Daraus entstanden sechzig Aktenordner Briefverkehr, die im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg archiviert sind. Erst der Mauerfall öffnete eine reelle Chance. Die damals amtierende Bundestagschefin Rita Süßmuth wurde zur großen Unterstützerin, während Helmut Kohl zeitlebens ein Gegner blieb. Er hielt die ganze Aktion für blanken Unsinn. Der heutige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble war gleichfalls dagegen. Erst im Angesicht des verhüllten Reichstages Ende Juni 1995 um vier Uhr früh im Morgenlicht wurde er zum Fan.

 

Arc de Triomphe. September 2021. Foto: Mike S. Cullen

 

Der Reichstag wurde 1995 ein weltweit beachtetes Kunstwerk. Es verzauberte die Welt und veränderte den Reichstag. Wie bei Christo und Jeanne-Claude üblich, wurde das Projekt nach zwei Wochen beendet und alle verwendeten Materialien recycelt. Am Reichstagsgebäude sollten keinerlei Spuren der Verhüllung bleiben. Den „Wrapped Reichstag“ erlebten rund fünf Millionen Besucher. Die Aktion kostete etwa 7,5 Millionen Euro. Die Finanzierung erfolgte ausschließlich über den Verkauf von Zeichnungen, Skizzen und die Vergabe von Filmrechten. Handsignierte Motive brachten bei Versteigerungen in späteren Jahren bis zu 300.000 $. Der Stoff, der in diesen Tagen den Pariser Triumphbogen verhüllt, stammt von einer deutschen Firma und ist aus dem gleichen recycelbaren Material wie einst in Berlin. In solchen Fragen blieb sich Christo treu. Der Mann, der mit Kunst die Welt ein wenig verändern konnte. Wenn auch nur für zwei Wochen.

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Kunst für den Orient-Express

Noch in den fünfziger Jahren fuhr der legendäre Orient-Express von Paris nach Istanbul. Auf seiner Fahrt quer durch Europa ließ er die bulgarische Hauptstadt Sofia links liegen. Das ärgerte die regierenden Kommunisten. Also überlegten sie, wie sie das Bahn-Management auf die Vorzüge ihres Balkanstaates aufmerksam machen könnten. Kunststudenten erhielten den Auftrag, die Landschaft entlang der Strecke „attraktiver“ zu gestalten. Höfe und Zäune sollten gestrichen, Heuhaufen kunstvoll gestapelt, reizvolle Motive entwickelt werden. Einer der Studenten, ein gewisser Christo Wladimirow Jawaschew, war fasziniert. Die Landschaft als Leinwand. Ein ausgesprochen reizvolles Projekt, fand er. Landschaft „verpacken“, im neuen Glanz erscheinen lassen, einen Zauber verströmen, der anlockt und betört. Kunst, die einfach schön ist.

 

Christo (1935-2020 ) und Jeanne-Claude (1935-2009). Eine geniale Verbindung. Beide waren an einem 16. Juni 1935 geboren.

 

Aus der bulgarischen Kulissenschieberei wurde nichts. Störrische Beamte und widerspenstige Bauern legten sich quer. Das Projekt scheiterte. Eine prägende Erfahrung für den jungen bulgarischen Landschaftsmaler: Widerstand gehört zur Kunst. Gegenwind zu überwinden ist eine der hervorragendsten Aufgaben. Der junge Mann wollte sich aber frei entfalten. Der Enge des kommunistischen Systems entkam er versteckt in einem verplombten Güterwaggon im eiskalten Januar 1957 von Prag nach Wien. Als er dort an der Kunstakademie abgelehnt wurde, zog der Staatenlose ohne Pass weiter über Genf nach Paris. Christo Wladimirow Jawaschew erreichte im März 1958 die französische Hauptstadt mittellos, ohne einen einzigen Centimes in der Tasche, aber mit einem Traum. Dort wollte er sein Glück in der Kunst finden.

Um seine winzige Mansardenwohnung in der Nähe des Arc de Triomphes zu finanzieren, malte der 23-jährige in einem Friseursalon Damen der wohlhabenden Schichten. So verdiente er als Porträtmaler seinen Unterhalt und signierte mit dem Namen Javacheff. Eines Tages saß die Generalsgattin Précilda de Guillebon auf dem Frisierstuhl. Deren Tochter Jeanne-Claude war kunstvernarrt und bald auch verliebt in den armen, begabten Barbiermaler Christo, den jungen Mann mit leidenschaftlichem Balkan-Temperament und schlechten Französisch. Die Offizierstochter sagte später einmal: „Ich könnte natürlich behaupten, die Kunst sei das ausschlagende Moment gewesen‘, so Jeanne-Claude‚ „doch tatsächlich war er ein teuflisch guter Liebhaber.“

 

Précilda de Guillebon, 1958. Die Mutter von Jeann-Claude. Christo malte seine Schwiegermutter im Frisiersalon.

 

Sie heirateten in der Stadt der Liebe. Christo legte seine bulgarischen Nachnamen ab und entwarf, plante, zeichnete. Er wollte alles verpacken, was ihm in die Hände kam. Flaschen, Fahrräder, Bäume, Menschen. 1962 reifte die Idee, den nahen Arc de Triomphe zu verhüllen. Es sollte fast sechzig Jahre bis zur Vollendung dauern. Das hinderte ihn nicht, sein erstes Projekt in der Nachbarschaft umzusetzen. Als Antwort auf die Berliner Mauer sammelte Christo 85 Ölfässer. Er rollte sie am 27. Juni 1962 eigenhändig in die enge Rue Visconti. Dort stapelte er die bunten Fässer zu einer Mauer. Christos erstes Kunstwerk existierte nur 24 Stunden. Er musste seinen „Eisernen Vorhang“ unter Polizeiaufsicht wieder abbauen. Es war der künstlerische Urknall für den Verpackungskünstler Christo.

 

Christo. Der „Eiserne Vorhang“. 85 Ölfässer in der Pariser Rue Visconti.

 

„Kunst darf zwecklos sein. Kunst muss nicht nach dem Sinn fragen.“ Christos Lebensmotto: „Ich spreche nur durch meine Kunst. Die Wahrheit liegt in der Schönheit.“ Für das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude bedeutete das: Kommerzfreie Kunst. Keine staatliche Finanzierung, keine Werbung. Finanzierung ausschließlich über Verkauf von Skizzen, Zeichnungen, Film- und Fotorechten. Seine spektakulären Projekte am Reichstag in Berlin, Miami oder am Lago di Iseo in Italien waren stets auf vierzehn Tage befristet. So wird es auch am Arc de Triomphe sein, seinem Vermächtnis. Ein Tribut an die Stadt, in der er seine Liebe und seinen ersten Triumph feierte.

 

Christos letztes Kunstwerk. Beginn der Verhüllung des Arc de Triomphe. 12. September 2021.

 

Verhüllung Arc de Triomphe. 18. September 2021 bis 3. Oktober 2021

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Wen wählen?

Das beste Argument gegen die Demokratie ist ein fünfminütiges Gespräch mit einem durchschnittlichen Wähler, brummte einmal der konservative Winston Churchill über die Tücken von Wahlen. Und heute? Fast vierzig Parteien stehen demnächst auf dem Zettel. Eine Vielfalt, die alles verspricht. Sie heißen Liebe, Demokratie in Bewegung, V-Partei für Veränderung, Vegetarier und Veganer, Gartenpartei, Tierschutzpartei, Die Urbane HiphopPartei, Bürgerbewegung für Fortschritt und Wandel, Die Pinken, Der Dritte Weg oder Menschliche Partei für das Wohl und Glücklichsein aller. Das Blaue vom Himmel und ewiger Jahrmarkt auf Erden verheißen die Programme. Natürlich stehen die Etablierten ganz oben auf der Liste. Von CDU, SPD, FDP, Grüne, AfD bis Linke. Aber wen wählen?

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Man kann es sich leicht machen. Über Dilettanten-Personal, Bullerbü-Wahlkampf, 16-Jahre-Merkel-sind-genug und Nicht-schon-wieder-SPD schimpfen und digital herumholzen.  Über eine Politik des Zu-Spät und des Zu-Wenig klagen. Über eine Gesellschaft, die immer stärker ihren Zusammenhalt verliert und dabei ständig neue Verlierer produziert. Zetern wie einst Nietzsche über den Pöbel der höheren Stände. Das altvertraute Populismus-Modell aus der Schublade holen: Das Volk ist gut, die Eliten sind verdorben. Dabei wissen wir: Alles wird knapp. Rohstoffe, intakte Umwelt, Gerechtigkeit und besonders die Fähigkeit, neu zu denken und für andere zu handeln. Das Bequemste in Zeiten der „verwirrenden Unübersichtlichkeit“ ist daher einfach nichts zu tun. Keine Experimente. Weiter so! Wird schon werden…

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Wir können weiter die Augen verschließen und den Kopf in den Sand stecken. Das hat den Vorteil, dass es kuschelig bleibt. Man sieht, hört und fühlt nichts. Dummerweise wächst die Chance, in dieser Pose kräftig ins Hinterteil getreten zu werden. „Traumtänzer sind die, die glauben, dass alles so bleiben kann, wie es ist,“ sagen die Initiatoren der Freiburger Diskurse. Sie rufen ins Land: „Wahlprogramm sucht Partei!“ Sie sagen, es reiche nicht, den Müll zu trennen, ab und zu mal ein veganes Schnitzel zu bestellen oder eine Solaranlage subventioniert aufs Dach zu stellen. In der Mitte sei es noch zu vielen zu gemütlich, um auch nur irgendetwas zu ändern. Klima, Katastrophen, Pandemie und Desaster wie in Afghanistan hin oder her. Solange die Krise draußen vor der Tür bleibt, ist doch alles gut.

 

#imaginemagritte Schirn Frankfurt/Main

 

Die Freiburger Diskurse bieten frischen Wind für eine runderneuerte Gesellschaft in Politik, Gesellschaft und Umwelt. Neu denken, nachdenken, vordenken. Die Freiburger Denkschule fordert uns und die Parteien auf, sich zu ändern. Ist dieser Aufwand nicht ein wenig Lebenszeit wert, bevor das Kreuzchen mit schlechtem Gewissen wieder beim kleinsten aller Übel gemacht wird? Eine funktionierende Demokratie sollte uns doch mehr als fünf Minuten wert sein. Der alte Griesgram Churchill muss nicht immer recht behalten.