Archive for : Januar, 2022

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Der genaue Blick

Sie war still, verschlossen und unauffällig. Eine Einzelgängerin, eine Frau mit einem eigenen Kosmos. Sie war ein Leben lang eine Nanny, ein Kindermädchen in Los Angeles und Chicago. Sie war keine Fotografin. Doch ihre Liebe gehörte der Fotografie. Wenn sie in ihren freien Stunden loszog, beobachtete sie ihre Umgebung und schaute ganz genau hin. Vivian Maier. Sie fotografierte Menschen wie sie sind. Im Alltag, bei der Arbeit, auf der Straße, im Park, vor dem Konzert. Sie hielt das Außergewöhnliche im Gewöhnlichen fest. Meisterhaft, brillant, mit Witz und dem gewissen Etwas. Unzählige Momentaufnahmen aus dem Leben in den Straßen der USA bannte sie auf Negative. Doch Maiers Bilder aus vier Jahrzehnten wurden zu ihren Lebzeiten nie gezeigt. Das fotografierende Kindermädchen verstaute ihre Arbeit in Kisten, Koffern und Schachteln. Sie starb 2009 völlig vereinsamt. In ihrem Testament hielt Vivian Maier fest: „Wir müssen anderen Menschen Raum geben. Das Rad dreht sich weiter. Jemand anderes wird übernehmen. Das ist der Lauf der Dinge.“

 

Selbstporträt Vivian Maier. (1926-2009)

 

Jedes Ende kann ein Neubeginn sein. Die als Künstlerin völlig unbekannte Vivian Maier (1926-2009) sollte recht behalten. Das Rad dreht sich weiter. Der große Ruhm der gebürtigen New Yorkerin kam nach ihrem Tod. Bei ihr half der berühmte Zufall nach. Der junge Sammler John Maloof ersteigerte auf einer Auktion in Chicago Berge von Kisten und Koffern mit Fotoabzügen und Negativen. Er wusste zuerst nicht, was er damit anfangen sollte. Er googelte den Namen „Vivian Maier“ – und fand nichts. Doch der Sammler war begeistert. Der Förderer erkannte den Wert der Bilder und scannte den riesigen Bestand ein. Jahrelang klopfte er bei Museen und Galerien an. Erste Ausstellungen fanden ein begeistertes Echo. Die Entdeckung Vivian Maiers wurde „eine der größten Sensationen“ der US-Fotogeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit nunmehr zehn Jahren faszinieren Maiers Alltagsaufnahmen Menschen in aller Welt.

 

Fotos: Vivian Maier.

 

Auf ihren vielen Expeditionen in den Alltag hielt Maier Momente fest, in denen sich Menschen der Großstadt unbeobachtet wähnten. Ihre Bilder erzählen Geschichten. Sie erfassen scheinbar Nebensächliches und stellen sie in den Mittelpunkt. Mit einem feinen Gespür für Details. Das kann ein Blick, eine Frisur oder ein stolzer Schwarzer Reiter mitten im hektischen Großstadtgewühl sein. Vivian Maier konzentrierte sich auf das Wesentliche. Sie inszenierte nicht, sie wollte bewusst unerkannt bleiben. Die Tochter eines Österreichers und einer Französin machte aus ihrer Person kein Aufheben. Sie blieb unverheiratet, kümmerte sich um den Nachwuchs amerikanischer Mittelschichtsfamilien. Ein Höhepunkt bildete ihre zusammengesparte Weltreise 1959, die sie nach Bangkok, Peking und in die Heimat ihrer Mutter nach Frankreich führte. Manchmal hat sich die scheue Maier auch selbst fotografiert, mal in Spiegeln, Schaufenstern oder nur als Schatten. Danach packte sie alle Negative weg und verstaute sie.

 

Fotos: Vivian Maier.

 

Maier schottete ihr Zweitleben als Fotografin sorgsam vor den Familien ab, bei denen sie als Nanny jahrelang arbeitete und wohnte. Niemand wusste davon. Ihre Fototouren blieben ihr gut gehütetes Geheimnis, die Bilder ihr ganz persönlicher Schatz. Insgesamt entstanden zwischen 1950 und 1990 rund 150.000 Aufnahmen. Die allermeisten hat Maier vermutlich aus Geldknappheit nie entwickelt. Jetzt sind insgesamt 120 beeindruckende Bilder aus Maiers Riesenbestand in Berlin zu sehen. Eine großartige Gelegenheit, das andere Gesicht der USA kennenzulernen. Ohne Pathos oder Hochglanz-Posen. Aus der Sicht einer Nanny, die ganz genau hinschaute, wo andere weitergingen oder einfach nur wegschauten.

 

 

 

Die Vivian Maier-Ausstellung „Streetqueen“ ist bis zum 27. Februar 2022 geöffnet. Werkstattgalerie Hermann Noack. Am Spreebord 9, 10589 Berlin. Der Eintritt ist frei.

Sehr empfehlenswert.

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Umsteuern

„Ich bin Millionärin, besteuert mich endlich“, fordert Marlene Engelhorn. „Ich habe für mein künftiges Erbe nichts geleistet.“ Marlene ist 29 Jahre alt und wird ein zweistelliges Millionenerbe antreten können. Damit hätte sie für den Rest ihres Lebens ausgesorgt. Ein sorgenfreies Leben, eine rosige Zukunft. Die Studentin gehört zur unbeschwerten Wohlstandsgeneration, auf die ein bedingungsloses Erbeneinkommen wartet. Doch die Enkelin des BASF-Gründers Friedrich Engelhorn drängt auf eine „dauerhafte Vermögenssteuer für die Reichsten“. Sie will ihr Geld nicht spenden, sondern „angemessen“ Steuern zahlen. „Ich will mein Geld für das Gemeinwohl des Landes geben!“ Ein Rich Kid, das die Klappe aufreißt, titelt abschätzig das US-Wirtschaftsmagazin Forbes. Was will Marlene Engelhorn wirklich? Die Welt umsteuern und dadurch retten?

 

BASF-Erbin Marlene Engelhorn will eine Reichensteuer. Screenshot: ORF2

 

Bereits im letzten Sommer hatte Engelhorn die Initiative #taxmenow gegründet. In diesen Tagen beteiligte sich die BASF-Erbin an einem weiteren offenen Brief. Das Schreiben der US-amerikanischen „Patriotic Millionaires“ (Patriotische Millionäre), der „Millionaires for Humanity“ (Millionäre für die Menschheit) und ihrer Initiative „Tax me now“ (Besteuert mich jetzt) ist an die Wohlhabenden auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos adressiert. 102 Mitglieder aus dem Club der Reichen sagen: „Als Millionäre wissen wir, dass das derzeitige Steuersystem nicht fair ist“. In der Pandemie sei „unser Vermögen gewachsen, obwohl die Welt in den letzten zwei Jahren ein immenses Leid durchgemacht hat“. Mäzenatentum à la Bill und Melinda Gates reiche nicht mehr aus, es brauche eine verbindliche Besteuerung, „um die Welt gerechter zu machen“. So weit, so klar.

 

 

Doch der Appell der 102 Reichen für eine Reichensteuer an die Davos-Elite ist im Nachrichtenstrom versickert. Außerdem wurde das Weltwirtschaftsforum wegen der Pandemie auf Mai 2022 verschoben. Verpufft der gut gemeinte Vorstoß? Die Initiative Taxmenow will keine falschen Hoffnungen wecken. Ziel sei nicht zu spenden oder karitativ unterwegs zu sein. Die Website weist ausdrücklich darauf hin, dass „Anfragen zu Spenden oder Projektförderungen“ nicht beantwortet werden. Die Initiative wolle strukturelle Veränderungen“ und sich „für die Verteilungs- und Steuergerechtigkeit“ einsetzen.

Höhere Steuern für Reiche? Utopien für Spinner oder für Realisten? Tatsächlich hatte selbst einmal die USA einen Spitzensteuersatz von 70%. Das Land brach keineswegs zusammen. Das war in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts unter dem republikanischen US-Präsident Eisenhower, so der Historiker Rutger Bregman. Er sorgte auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 – also vor dem weltweiten Covid-Ausbruch – für Furore. Der 33-jährige Niederländer forderte höhere Steuern für die Reichen. Alles andere wäre, als ob eine Konferenz für Feuerwehrleute über alles spricht, nur nicht über Wasser zum Löschen. Seine Brandrede wurde millionenfach angeklickt. Die Wirtschaftselite nahm seine Thesen zur Kenntnis und ging zur Tagesordnung über. Übrigens: Das Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums findet nun vom 22. bis 26. Mai in Davos statt. Das Motto: „Working Together, Restoring Trust“. Vertrauen wiederherstellen ist ein schönes Versprechen. Echte Taten wären besser.

 

Rutger Bregman in Davos 2019.

 

 

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„Grundlos vergnügt“

Alles war schon einmal da. Krisen, Epidemien, eine selbstverliebte Elite, verbitterte Abgehängte. Das Leben kennt kein Pardon. Siege und Niederlagen liegen oft nur einen Wimpernschlag entfernt. Genauso Hoffnungen und Hilflosigkeit, Euphorie und Enttäuschungen. Alles kommt wieder. Vor hundert Jahren wie heute. Seien wir also „sozusagen grundlos vergnügt“. Das meint eine kleine, quirlige Frau mit Witz und Esprit, die Ende der „Goldenen Zwanziger“ die Berliner Welt im Vorübergehen entdeckt, erobert und elektrisiert hat. Sie heißt Golda Malka Aufen. Besser bekannt unter dem Künstlernamen Mascha Kaléko. Ihr Motto: Ich schaue mir die Welt an, solange es sie noch gibt. Magisch zieht sie Träumer, Abenteurer und Idealisten an. Ihre Gedichte sind wie Eispickel, die einen zugefrorenen See spielend leicht knacken. Was sie nicht ertragen kann: Träumer, die nur reden, aber keinen tropfenden Wasserhahn reparieren können. Oder Kerle, die beim ersten größeren Problem weglaufen.

Sozusagen grundlos vergnügtRezitation: Carmen-Maja Antoni.

 

Mascha Kaléko starb zurückgezogen und vergessen in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Heutzutage wird die Berlinerin mit Geburtsort im galizischen Chrzanóv in Literaturkreisen gefeiert. Die heiter-zarte Melancholikerin hat viele Fans. Diese Großstadtlerche, die unbekümmert ihr Leben in vollen Zügen genoss. Eine Kostprobe? – Was, bitteschön? Das ist wohl nicht mehr als eine kurze Affäre. Warum eigentlich nicht, überlegt sie und schläft zuhause federleicht ein. Neben ihrem Ehemann. So beschreibt Florian Illies Mascha in seinem Buch „Liebe in Zeiten des Hasses“.

Gedichte gelten als altmodisch, nicht Instagram-kompatibel. Doch sie können mitten ins Herz treffen. Wer sich Zeit und Geduld nimmt, wird belohnt. Und wie! Auf geht´s. Auf dieser Seite nun Mascha Kaléko. Mit zwei kurzen Texten zum Hören, Träumen, Genießen und Entdecken.

 

Kompliziertes Innenleben. Rezitation: Elke Heidenreich

 

Mascha verlebte in Berlin eine überwiegend heiter-unbeschwerte Jugend. Sie probierte sich aus, provozierte, begeisterte ihr Publikum. Als die Nazis an die Macht kamen, war sie 26 Jahre alt. Ihre Texte wurden 1935 als „schädliche und unerwünschte Schriften“ verboten. Sie konnte rechtzeitig in die USA emigrieren. Nach dem Krieg sollte sie 1960 in der Stadt ihrer hoffnungsfrohen Blüte den „Fontane-Preis“ der Akademie der Künste erhalten. Als sie im Mai 1959 erfuhr, dass ein früherer SS-Standartenführer in der Jury saß, lehnte sie die Nominierung ab. Die Akademie beschwichtigte und stufte dessen SS-Zeit als Jugendtorheit ein. Außerdem wurde ihr mitgeteilt, „wenn es „den Emigranten nicht gefalle, wie wir hier die Dinge handhaben,“ sollten sie fortbleiben. Nach diesem verbalen Fußtritt zog sie mit ihrem Mann nach Israel. Dort aber fehlte ihr die deutsche Sprache wie die Luft zum Atmen.

Ein letztes Mal überlegte Mascha Mitte der siebziger Jahre nach (West) Berlin zurückzukehren. Dazu kam es nicht mehr.  Sie erlag in Zürich einem Krebsleiden, gut ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes. Maschas letzte Ruhestätte ist auf dem Jüdischen Friedhof in Zürich zu finden. Ihre Gedichte aber bleiben und sind lebendiger als je zuvor.

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Kunst auf Bewährung

Dezember 2018. Port Talbot in Wales. Plötzlich war der kleine Junge mit dem Schlitten da. Mit seiner Zunge versucht er ein paar Schneeflocken zu fangen. Doch er schnappt vergeblich. Es ist ein Ascheregen, der aus einer brennenden Mülltonne entweicht. Ein Grafitto auf einer Garagenwand. Season`s Greetings. Ein Weihnachtsgruß für die hart arbeitenden Malocher im walisischen Port Talbot. Eigentlich nicht der Rede wert, aber das Bild trägt die Handschrift des Kultkünstlers Banksy. Der Streetart-Sprayer bekannte sich zu seinem Werk. Das veränderte alles. Die Menschen pilgerten aus nah und fern nach Port Talbot. Freiwillig. Zur grauen Garage von Ian Lewis, der nebenan im größten Stahlwerk des Vereinten Königsreichs schuftet. So fiel ein wenig Glanz in die Arbeitersiedlung. Das Garagen-Graffito wurde zur Touristenattraktion.

 

Der Schneejunge. Banksy in Port Talbot, Wales. „Season´s Greetings“ auf der Garage von Stahlarbeiter Ian Lewis. Der Kunstmarkt spielte darauf verrückt. Foto: Wikipedia

 

Rasch erkannte der einheimische Galerist John Brandler seine Chance. Er kaufte den Schneejungen und ließ die besprühte Garagenwand in eine Halle der Stadt transportieren, um Banksy stolz einer größeren Öffentlichkeit zu präsentieren. Die digitalen Kunstjäger entdeckten das Werk und trieben den Wert des ausgestellten Wandgemäldes auf die stattliche Summe von einer halben Million Pfund (rund 600.000 Euro). Ende 2021 sollte der kleine Junge auf Ian Lewis-Stahlarbeitergarage nach London verkauft werden. Big Business. Banksy macht´s möglich. Das wurde dem 42-jährigen Einheimischen Michael Thomas zu viel. Er versuchte im vergangenen November den Deal auf seine Art zu stoppen. Thomas plante das Kunstwerk mit weißer Farbe zu übersprühen.

 

 

„Kunst ist für uns alle“, rief er. „Sie nehmen es weg, ein reicher Mann hat es.“ Der Banksy-Liebhaber wurde festgenommen. Er scheiterte mit seinem Versuch, Kunst zu retten, indem er sie zerstört. In der Verhandlung soll es sich der Richter nicht leicht gemacht haben, heißt es. Er hatte zu entscheiden: Gehört Kunst allen? Oder ist ein Banksy-Bild ein Stück Privateigentum? In Instagram-Zeiten eine Frage, die über viel Geld entscheiden kann. Der Richter verurteilte den Banksy-Attentäter schließlich wegen Einbruchs und Sachbeschädigung zu einer Bewährungsstrafe von 14 Monaten. In der Begründung meinte er: „Es kann gut sein, dass es nicht in Banksys Sinn war, dass das Gemälde Port Talbot je verlassen sollte.“

 

 

Was der weltberühmte aber weiter unentdeckte Banksy dazu meint, wissen wir nicht. Bekannt ist nur: Sein Werk Girl with Balloon, das bei einer Auktion öffentlichkeitswirksam geschreddert wurde, vervielfachte seinen Wert – durch den Akt der Zerstörung. Das Mädchen mit dem Ballon erzielte einen Verkaufspreis von 16 Millionen Pfund. Ach, hätte man den 42-jährigen Michael Thomas aus Port Talbot nur sprühen lassen. Vielleicht hätte er mit seiner „Rettet den Schneejungen“-Aktion im Namen der Kunstfreiheit mehr Glück gehabt. Ein neuer Banksy wäre entstanden und damit möglicherweise auch ein neuer Hype. Doch das ist sein Pech. Michael Thomas ist eben nicht Banksy. So muss er nun 12 Wochen elektronische Fußfesseln tragen, 1.200 Euro Schadenersatz zahlen und soll sich außerdem von Spraydosen fernhalten.

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2018 zauberte Banksy die Weihnachtsgrüße an die Garage von Ian Lewis in Port Talbot. Kurz zuvor hatte er bei Sothebys PR-wirksam sein „Girl with a Balloon“ schreddern lassen – mit wertsteigernder Wirkung. „Going, Going, Gone“ nannte er seine Aktion. Die Kunstwelt hyperventilierte. Das zerstörte Bild wurde im Sommer 2021 für 16 Millionen Pfund verkauft.

 

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Fünf Fischer und eine Frau

Eine bescheidene Hütte. Fünf Männer in Arbeitskluft. Auf dem Kopf eine Mütze. An den Wänden Öljacken. An der Tür ein Zeitungsartikel, der Anleitung zur Ersten Hilfe bei Unfällen verspricht. Fünf Fischer haben sich platziert. Männer, die früh rausfahren, hart anpacken und gerade Pause machen. Einer raucht. Ein anderer schaut aus dem Fenster. Ein Dritter hat die Hände zur Raute gelegt, seinen Blick nach innen gerichtet. Der Mann im Vordergrund mit Kapitäns-Mütze scheint etwas erklären zu wollen. Ein paar fahle Sonnenstrahlen fallen in die verrauchte Stube. Jeder scheint seinen Stammplatz zu haben. Fremde fallen hier auf. Was die Männer eint, ist die Tatsache, dass sie die anwesende Frau keines Blickes würdigen. Als wäre sie nicht da. Was will sie? Wer ist sie? Worum geht es? Das Bild gibt keine schnellen Antworten. Das ist das Geheimnis guter Bilder. Sie lassen uns rätseln.

Die Mittdreißigerin mit weißer Leinenbluse, langem Jeansrock und kurzem Haar beobachtet mit gefalteten Händen ein wenig scheu, aber aufmerksam den bärtigen Mann mit Kapitänsmütze, der ihr gegenübersitzt. Der Brigadechef konzentriert sich auf einen imaginären Punkt, leger die Zigarette in der linken Hand, als habe er in diesem Augenblick die Lösung für alle Fischfangfragen gefunden. Das rauchgeschwängerte Bild vom Damenbesuch in karger Hütte wirkt wie ein Historien-Gemälde von Caspar David Friedrich. Anfang November 1990 gelang dem Fotografen Michael Ebner diese einzigartige Momentaufnahme. Das Bild ging um die Welt.

 

 

Die junge Frau in der Fischerhütte ist Angela Merkel. Die damals 36-jährige war auf ihrer ersten großen Wahlkampftour. Merkel traf die Brigade in Lobbe auf Rügen. Eine wortkarge, trinkfeste Männerrunde, die auf bessere Zeiten hoffte. Die besten Tage des Fischereikollektivs waren vorbei. So erzählten sie von ihren Sorgen und Problemen, die unbekannte Frau von ihren Ideen und Plänen. Zur Aufmunterung trank die Runde angeblich bis zu fünf Schnäpse. Die junge Frau hielt mit und hörte zu. Das imponierte den schweigsamen Seebären. Sie vertrauten Angela Merkel, so berichteten sie später Reportern, obwohl sie die Frau vorher nicht kannten. Aber sie habe zugehört und mitgetrunken, das sei schon einmal ein Anfang. Außerdem warb sie für den berühmten Herrn Kohl, den Kanzler der Einheit, und der versprach blühende Landschaften.

Was folgte, ist schnell erzählt. Mit der Fischerbrigade ging es im vereinten Deutschland bergab, mit der stillen Zuhörerin umso steiler bergauf. Sie wurde zur mächtigsten Frau des Landes. Berufsfischer in Lobbe gibt es schon lange nicht mehr. Rügen werde zum zweiten Sylt, winkt einer der ehemaligen Fischer heute ab. Längst gebe es mehr Ferienwohnungen als ortsansässige Rüganer. Immerhin besuchte Angela Merkel 2009 die Hütte ein zweites Mal. Sie sprach mit den Fischern, die längst keine mehr waren.

 

 

Und heute? Auch Angela Merkel ist mittlerweile im Ruhestand angelangt wie die Männer aus der Fischerhütte. Ob sie noch einmal vorbeikommt, auf einen Tee vielleicht oder einen Schnaps? Die baufällige Fischerbude würde die Kanzlerin nicht mehr finden. Sie wurde vor wenigen Jahren abgerissen, um Platz für eine schicke Ferienanlage zu schaffen.  „Strandoase“ heißt es hier nun. Das Ende für einen kleinen Ort, den der Volksmund einfach nur den „Merkel-Schuppen“ nannte.