Werra bei Witzenhausen/Hessen

Der Salz-Fluss

Wer sich der Werra in der Mitte Deutschlands nähert, wundert sich. Auf den ersten Blick überrascht der Fluss mit reiner Idylle. Am Ufer tummeln sich Enten, sogar ein Fischreiher verharrt an den braunen Fluten. Beute machen kann er nicht. Der Reiher hat gelernt, dass in der Werra außer Salzkrebsen nichts zu holen ist. Die Werra ist „der salzigste Fluss Europas“. Die Einheit hat daran nichts geändert. Die Werra ist ein Fluss, der nicht mehr zufriert, „salziger als die Nordsee“. 1976 erreichte die Chlorid-Konzentration mit 40.000 mg/l ihren traurigen Höhepunkt. Nach Stilllegung der DDR-Kaliwerke in Merkers und Bischofferode sank die Belastung auf mittlerweile rund 2.500 mg/l. Der zulässige EU-Grenzwert liegt bei 100mg/l. Die Werra bleibt ökologisch tot. Bis heute ist die Werra keine Erfolgsgeschichte der deutschen Einheit.

In der Nähe von Heringen im thüringischen Werrakreis türmen sich zwei riesige Kaliberge auf. Monte Kalis im Volksmund genannt. Es sind Berge voller Probleme, tonnenweise Salzabfälle aus dem Kaliabbau. Je nach Witterung wechseln die menschengemachten Schutthalden ihr Gewand in Weiß-, Grau- oder Braun-Töne. Nach Plänen des Verursachers, des Düngemittelherstellers Kali +Salz (K&S) aus Kassel sollen die Kunstberge langfristig ein Kleid aus frischem Grün tragen. Naturschützer kritisieren, das Salz der Berge werde bei Regen ausgewaschen und lande am Ende doch wieder in der Werra. Die Kaligruben im Werratal erstrecken sich untertage auf einer Fläche so groß wie München. Längst ist das unterirdisch abgebaute Salz so wertvoll wie im Mittelalter. Der Kaliabbau zur Düngemittelherstellung ist ein Exportschlager. Der Ukraine-Krieg lässt K&S zum großen Gewinner werden.

 

Werra bei Dankmarshausen mit Monte Kali am Horizont. Juli 2022.

 

Die Werra selbst bleibt die große Verliererin. Was hat die deutsche Einheit von 1990 gebracht, um die Flusszerstörung zu stoppen? Dr. Walter Hölzel, Vorsitzender der Werra-Weser-Anrainerkonferenz kommentiert nüchtern: „Es hat sich verbessert. Der Chloridgehalt ist auf den Zustand von 1942 zurückgegangen, wie zur Zeit der Kriegsnotverordnung. Kali & Salz wollte nichts ändern, die Salzabwässer nicht aufarbeiten. Wir wissen, dass das geht, technisch und wirtschaftlich, aber es nichts gemacht worden“. Das bedeutet für die Werra, der Verschmutzungsgrad bewegt sich weiter über dem Zweitausendfachen des Grenzwertes.

Der Salz-Fluss bleibt tot. Aus Sicht der Werra sei „der Unterschied zwischen Sozialismus und Kapitalismus nur einer des Verschmutzungsgrades“, bilanziert die deutsch-amerikanische Umwelthistorikerin Astrid M. Eckert. Hat die Werra noch eine Chance? Werra-Kenner Hölzel: „2003 wurde dem Unternehmen Kali & Salz gestattet, die Wasserhärte von 60 auf 90 Grad deutscher Härte zu erhöhen. Verursacht wird es vor allem durch das Magnesium. Das ist hauptverantwortlich für den schlechten ökologischen Zustand des Flusses, viel mehr als Chlorid“. Das Fazit des Werra-Schützers: „Unter den bislang genehmigten Voraussetzungen wird sich die Qualität des Flusses in den nächsten zweitausend Jahren nicht ändern. Die Werra ist ein hochversalzener Fluss mit einem zerstörten Süßwasser-Ökosystem.“

 

Monte Kali (rechts) bei Heringen, links bei Philippsthal. © CEphoto, Uwe Aranas

 

Salzige Werra. Die Behörden schauen weg, kritisieren Naturschützer. Was wird nun aus den Monte Kalis, die sich immer höher auftürmen? Hölzel: „Das sind Ewigkeitslasten. Sie sollen nicht entfernt werden. Ganz im Gegenteil. Sie sollen sich noch einmal verdoppeln, bis zur Betriebseinstellung“. Die ist für das Jahr 2060 geplant. Dann soll Schluss mit der Kaliförderung sein.

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