Archive for : November, 2022

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Für ein Stück Brot

Endlich ist sie wieder da. Die kleine Gedenktafel, die an einen vergessenen Aufruhr von großer Tragik erinnern soll. Viele Jahre war das blau-weiße Emaille-Erinnerungs-Stück für zwei hingerichtete Menschen verschwunden. Eine Tafel für Menschen, die in den letzten Kriegstagen in Plötzensee unter dem Fallbeil sterben mussten, weil sie Brot wollten. Einfach nur ein Stück Brot. Brot, das kurz vor Kriegsende 1945 in Berlin nur noch an NS-Genossen verkauft werden durfte, um den „Endsieg“ zu sichern. Verschwunden war die alte blau-weiße Tafel von 1998, weil der neue Eigentümer die Bäckerei kaufte, sanierte und für die Wiederanbringung keine Notwendigkeit sah. Das ist nicht die ganze Wahrheit. Es dauerte auch so viele Jahre, weil die Berliner Bürokratie unschlagbar ist: im Nichtzuständig-Erklären, in großen Reden und im wurstigen Aussitzen.

 

Happy End nach langem Ringen. Die neue Gedenktafel vor der ehem. Bäckerei Deter in Berlin-Rahnsdorf. Carolin Weingart, stellv. Bezirksbürgermeisterin von Treptow-Köpenick, Dunja Wolff (SPD-Abgeordnete), Dietrich Elchlepp (Freiburg, ehem. MdB + MdEP, Angehöriger) und Gion Voges (Bürger für Rahnsdorf)

 

Jetzt steht wieder eine Gedenktafel vor der ehemaligen Bäckerei. Sie wurde vom tüchtigen Vorsitzenden des Bürgervereins Rahnsdorf Gion Voges und Dietrich Elchlepp, dem Freiburger Neffen der hingerichteten Margarete Elchlepp eingeweiht. Mit dabei waren einige Vertreterinnen des zuständigen Bezirksamtes Treptow-Köpenick, dazu eine Abgeordnete der SPD, sogar der Hauseigentümer und Bürgerinnen und Bürger des Berliner Vororts Rahnsdorf. Allesamt froren. Denn es war kalt an diesem Novembertag, neblig und trübe. Die Musiker trotzten tapfer den widrigen Bedingungen. „Eine Gedenkfeier auf einem Parkplatz, aber eine würdige Sache“, meinte eine Teilnehmerin.

Die Tafel erinnert an den 6. April 1945. An diesem Freitag, vier Wochen vor Kriegsende, schnappt schicksalhaft die ganze Grausamkeit des NS-Regimes in einer kleinen Bäckerei zu. In Rahnsdorf, ein ländlicher Vorort im Osten Berlins, geht das Brot aus. Verzweifelt drängen mehrere hundert Menschen, vor allem Frauen, in die Verkaufsstellen. Der alarmierte NS-Ortsgruppenführer geht dazwischen. Mit gezückter Waffe drängt er in der Bäckerei Deter die Menge zurück. Die Rache des Regimes folgt auf den Fuß. Systemtreue Frauen stellen Listen zusammen. Die Gestapo verhaftet 15 Personen. Am Tag darauf werden die 45-jährige Hausfrau Margarete Elchlepp und der 54-jährige Tischlermeister Max Hilliges in Plötzensee als „Rädelsführer“ enthauptet.

 

Berliner Gedenktafel für die Opfer des „Rahnsdorfer Brotaufstands“. Enthüllt am 25.11.2022. Zugegeben: ich wäre gerne dabei gewesen, aber eine Bronchitis setzte klare Grenzen.

 

Nur zwei Wochen später marschiert die Rote Armee ein. Der NS-Ortsgruppenführer wird von den Sowjets wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit erschossen. Die neue Stadtverwaltung ermittelt bis 1952 zum sogenannten Brotaufruhr von Rahnsdorf. Nun werden die Denunzianten selbst denunziert. Gegen acht Helferhelfers des NS-Ortsgruppenleiters wird ermittelt, eine Frau zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt. Danach legt sich der Mantel des Schweigens über die Sache mit dem „Brotaufruhr“. In den Familien bleibt das Drama ein gut gehütetes Geheimnis – bis in unsere Tage. Ich erfuhr von meinem Schwiegervater vom vergessenen Brotaufstand. Auf seinem Sterbebett bat er 2018, mich der Sache mit der verschwundenen Gedenktafel anzunehmen, die er 1998 mit enthüllt hatte.

 

Margarete Elchlepp (1899-1945). Sie gab im Verhör zu, ein Brot mitgenommen zu haben. Margarete wurde als „Rädelsführerin“ verurteilt. Sie wurde in Plötzensee am 8. April um 0.45 Uhr enthauptet. Die letzten Todesurteile wurden am 18. April 1945 vollzogen.

 

Tischlermeister Max Hilliges. Er war mit Reparaturen in der Bäckerei beschäftigt, als die Menge den Laden stürmte. Hilliges sagte dem NS-Mann Gathemann, der die Pistole gezogen hatte: „Gib den Frauen Brot.“ Und: „Du wirst Deinen braunen Rock bald auch ausziehen müssen“, so Witwe Elise 1947 bei einer Vernehmung.

 

Jetzt erinnert wieder eine Tafel an diese winzige Begebenheit im großen Strom der Menschheitsgeschichte, die davon erzählt, wozu verzweifelte Menschen in der Lage sind. Möge die Tafel lange stehen bleiben. Möge sich so etwas nie wiederholen. Möge es immer Brot für alle geben.

 

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Amour fou

Die Menschen strömen an einem kalten Novemberabend ins Berliner Ensemble. Am Eingang bitten Besucher auf Pappschildern um Karten. Das Brecht-Haus am Schiffbauerdamm in Berlin-Mitte ist restlos ausverkauft. Ein erwartungsfrohes Publikum im gehobenen Alter wartet sehnsüchtig auf Neues, Intimes, Klatsch und Tratsch, kurz auf Szenen einer Ehe. Es geht um eine verrückte Liebe. Um Lust und Leidenschaft, Eitelkeit und Eifersucht, um das kleine und große Glück, das wir alle suchen. Im Mittelpunkt zwei längst verstorbene Größen des deutschen Literaturbetriebs: Ingeborg Bachmann und Max Frisch. Zwei Ikonen der Dichtkunst, für knapp vier Jahre ein gemeinsames Paar. „Wir haben es nicht gut gemacht“, steht auf einem Transparent, das über der Bühne des großen Hauses hängt. Das ist der Titel des nun erschienenen tausendseitigen Briefwechsels zwischen dem einstigen Spiegel-Covergirl Ingeborg Bachmann und Macho-Max Frisch.

Als nach einem Vorwort von Herausgeber Thomas Strässle Constanze Becker und Matthias Brandt die Bühne betreten, brandet dankbarer Vorschuss-Beifall auf. Die beiden schlüpfen in die Rolle der beiden Nachkriegs-Literaturhelden Bachmann & Frisch. Und los geht es mit den ersten zarten Anbandelungsversuchen vom Frühjahr 1958. Als der dreißig Jahre ältere Max der „jungen Dichterin“ Ingeborg den Hof macht, während sie überraschend bereitwillig auf seine Avancen eingeht. Was sich nun entwickelt, ist eine Amour fou, eine Hass-Liebe zwischen „Herr und Magd“, zwischen Anziehung und Abscheu, Erotik und Enttäuschung. Es geht zur Sache. Sehr persönlich, intim, literarisch auf höchstem Niveau. „Wir sind halt ein berühmtes Paar gewesen, leider“. Das geneigte Publikum im BE-Saal lacht, stöhnt, zischt und kichert, als im schnellen Wechsel aus den Briefen voller Anklagen, Wutausbrüchen und Versöhnungsversuchen vorgelesen wird. Eine Frau in der Reihe hinter mir raunt unüberhörbar: „Richtig so!“ Soeben hatte Ingeborg ihrem „Bär“, so nennt sie zeitweise ihren Ehemann Max, die kalte Schulter gezeigt, nachdem er wieder seine Pfauenfedern gespreizt hatte.

 

Ingeborg Bachmann und Max Frisch, ca. 1960. Foto-Collage: Buhs/Remmler/Ullstein, Picture Alliance/Keystone.

 

Die Liebe zwischen Ingeborg und Max kann nicht funktionieren. Das wird an diesem Abend rasch klar. Zu hoch die Ansprüche, zu empfindlich die Gemüter. Aber wie sie scheitert, das ist von einmaliger Größe; zeitlos, aufwühlend und leidenschaftlich. Unser Glück ist, dass immerhin dreihundert Briefe erhalten blieben, obwohl Ingeborg viele Max-Briefe vernichtet hat. Unser Glück ist auch, dass sich die beiden nicht auf WhatsApp schrieben, sondern Briefe austauschten, die tagelang zwischen Klagenfurt und Zürich, Berlin, Paris und Rom unterwegs waren. Am Ende des Abends ist die „Große Liebe“ verloschen. Matthias Brandt und Constanze Becker erhalten ihren verdienten langen Schlussbeifall. Sie kassierten im Fluge die Botschaft des Banners auf der Bühne: „Wir haben es nicht gut gemacht“. Es war ein nicht nur ein guter, es war ein grandioser Abend. Einige Stellen aus dem Briefwechsel will ich in loser Folge vorstellen, weil es spannend und vergnüglich ist, was sich die beiden Briefeschreiber Ingeborg Bachmann und Max Frisch in ihrer fulminanten Zweierbeziehung zu sagen hatten.

 

 

Max Frisch in Montauk. Eine Erzählung (1975)

„Ich hatte zu tun beim Sender in Hamburg und ließ mir das Hörspiel vorführen, dann schrieb ich einen Brief an die junge Dichterin, die ich persönlich nicht kannte: wie gut es sei, wie wichtig, dass die andere Seite die Frau sich ausdrückt. Sie hörte Lob genug und großes Lob, das wusste ich, trotzdem drängt es mich zu dem Brief. Ich wollte sagen wir brauchen die Darstellung des Mannes durch die Frau, die Selbstdarstellung der Frau.“

 

9. Juni 1958 München – Ingeborg Bachmann an Max Frisch

„Verehrter, lieber Max Frisch, Ihr Brief ist mir schon so vieles gewesen in dieser Zeit die schönste Überraschung, ein beklemmender Zuspruch und zuletzt noch Trost nach den argen Kritiken, die dieses Stück bekommen hat. (…) So will ich den Brief rasch abschicken mit der Frage, ob ich Sie, wenn ich Sonntag nach Zürich komme, sehen darf. Ich könnte 2, 3 oder 4 Tage bleiben, und ich hoffe so sehr ohne rechte Überlegung, dass auch Sie es wünschen könnten. (…)  Es wäre zu schön und ist nur fast zu viel verlangt. Sie haben mich schon sehr glücklich gemacht! Meine besten Wünsche sind bei ihnen und ihrer Arbeit. Ihre Ingeborg Bachmann.“

 

6. Juli 1958 Paris – Max Frisch an Ingeborg Bachmann

„Ich liege neben dir Ingeborg, und du bist nicht da. Wirst du je wieder da sein? ich bin glücklich und ratlos. Ich liebe eine Frau, die mich liebt, und Du trittst in mein Leben, Ingeborg, wie ein lang gefürchteter Engel, der fragt Ja oder Nein. Und ich bin glücklich und ratlos und zu feig, um über die Stunde hinaus zu denken. Ich will den Sommer mit dir. Ich bin nicht verliebt, Ingeborg, aber erfüllt von Dir, Du bist ein Meertier, das nur im Wasser seine Farben zeigt, Du bist schön, wenn man dich liebt, und ich liebe Dich.“

 

28. Juli 1958 Neapel – Ingeborg Bachmann an Max Frisch

„Und ich bin sehr allein und nicht traurig drum im Augenblick, sondern nur, wenn ich weiterdenke. Die Fahnen vom Verlag sind gekommen, vom „Guten Gott“, ich kann nicht mehr viel verändern, was uns alles neu gesetzt werden müsste, aber sie haben das Buch nicht schlecht gemacht, glaube ich – es sieht viel besser aus als die Fahnen, die Du gesehen hast, und einiges kann ich doch noch so machen, wie Du´s mir geraten hast. Ich ginge so gern zu dir hinüber ins Nebenzimmer, um Dich zu fragen wegen der Beistriche, und für jeden müsste ich Dich dann einmal umarmen, oder viele Male, und für die Rufzeichen bekämst Du lauter Küsse. Gute Nacht! Ingeborg.“

Fortsetzung folgt.

Ihre Pfandflasche bitte!

Als Großstädter legt sich man sich im Laufe der Jahrzehnte eine dicke Haut zu. Sonst dreht man durch. Überall Tempo, Hektik, Enge, Glanz und Elend. Blitzschnelle Wechsel der Gefühle. Wer unterwegs ist, trifft im Zeitraffer Paradiesvögel, Aufschneider, schräge Typen und sonderbare Zeitgenossen. Armut ist ein ständiger Begleiter in U- und S-Bahnen. Geschnorrt und gebettelt wird überall: an Bahnhöfen und Übergängen, vor Geldautomaten und Supermärkten. Die Habenichtse versuchen es mit Musikeinlagen, Straßenzeitung oder einem treuherzigen Hund. Geld kannst du loswerden: morgens auf dem Weg zur Arbeit, abends auf dem Nachhauseweg. Ratsam ist ein gehöriger Schuss Gleichgültigkeit. Problem nur: Die Seele vernarbt. Aber wer kann schon allein die Welt retten?

 

Morgens am S-Bahnhof Savignyplatz in Berlin. „Schau mal, der fotografiert einen Penner mit Bier“, zischelt eine Touristin. Am Abend dieses 10. Novembers 2022 lerne ich am Bahnhof Friedrichstraße eine Rentnerin kennen.

 

Neulich war alles wie immer und dann doch ganz anders. Den Tag über wurde ich vier- oder fünfmal um einen Obolus gebeten. Wie immer die Strategie Kragen hoch, Blick ins Nichts und zügig weitergehen. Bloß keine Reaktion zeigen. Da spricht mich plötzlich auf dem Bahnsteig in den abendlichen Rushhour-Stunden eine ältere Dame an. Sie wirkt ausgesprochen ordentlich. Sie wird mich wohl nach dem Weg fragen, hat sich vielleicht in Berlin verlaufen. Irrtum! Sie fragt mich nach einer Pfandflasche, ob ich ihr eine geben könne. Ich verneine. Was ist mit Ihnen los, frage ich. „Meine Rente ist so klein“. Ob sie keine Familie habe? – „Ja, doch. Eine Tochter. Sie ist mit ihren beiden Kindern ausreichend beschäftigt.“ Ich frage, ob sie Berlinerin ist. – „Ja, aus Lankwitz“. Dieser Stadtteil im Südwesten ist so ordentlich wie die Frau, die mich mit großen Augen überrascht anschaut. Ich blicke vermutlich genauso perplex zurück.

 

Gibt es Zufallsbegegnungen? Oder ist es doch mehr? Ein Fingerzeig… vielleicht. Foto: Dirk_Kortus

 

Nach einer kurzen Pause setzt sie an: „Ich bin Rentnerin, davon kann ich einfach nicht leben.“ Sie spürt meinen kritischen Blick. „Ich bin seit 17 Jahren Erwerbsminderungsrentnerin. Da bleibt nicht viel übrig. Ich muss von 579 Euro im Monat leben.“ Ich biete ihr ein Fisherman Friends-Bonbon an. „Geht nicht“, wehrt sie ab. „Zucker ist für mich Gift. Ich habe den Magen einer Hundertjährigen. Alles rausgeschnippelt. Ich darf praktisch nichts mehr essen und trinken. Keine Süßigkeiten, kein Fleisch, kein Alkohol, einfach nichts.“ Wir schauen uns ratlos an. Die Frau wird vermutlich Ende sechzig sein. „Ich bekomme keine Hilfe. Ich bin ganz auf mich allein gestellt.“ Ich krame in meinem Portemonnaie, gebe ihr einige Euros und meine Visitenkarte. Ich sage, ich kenne einige gute Sozialeinrichtungen, die helfen könnten. Sie schaut auf den Boden. Mein Zug fährt ein. Wir verabschieden uns grußlos. Ihr Blick sagt: An wen bin ich denn da geraten? Ich steige in die Bahn, schaue nach ihr. Die Frau mit dem hundertjährigen Magen ist verschwunden.

 

 

Diese Zufallsbegegnung geht mir bis heute nach. Ich muss an Hans Fallada denken, der die Not der Menschen vor hundert Jahren so eindrucksvoll geschildert hat. Einfache Menschen, die unverschuldet in den Strudel der großen Krisen geraten sind. Menschen, die anständig bleiben wollten in Zeiten, in denen die Dreisten glänzende Geschäfte machten. Falladas Roman »Kleiner Mann – was nun?« erschien 1932. Auf Seite 372 heißt es:

„Was soll man tun in einer Stadt, die einen nichts angeht, als hübsch bei sich zu Haus zu bleiben, bei den eigenen Sorgen? Läden, in denen man nichts kaufen kann. Kinos, in die man nicht rein kann, Cafés für Zahlungsfähige, Museen für Anständiggekleidete, Wohnungen für die anderen, Behörden zum Schikanieren – nee Pinneberg bleibt hübsch bei sich zu Haus.“

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Unter Nachbarn

Unser Haus ist ein typisches Berliner Mietshaus. Gründerzeit. Anfang des 20. Jahrhunderts in die märkische Erde gepflanzt. Schickes Vorderhaus, enger Hinterhof, begrünte Brandwand. Zwei Seitenflügel, drei Aufgänge, kein Fahrstuhl. Vorne bürgerlich-großzügig, typisch Wilmersdorf. Die Treppenhäuser in den beiden Seitenflügel sind deutlich schmaler, die Hinterhofwohnungen kleiner, aber preiswerter. Die gut vierzig Mitbewohner – groß und klein, alt und jung, sind so unterschiedlich wie die Stadt. Vom BVG-Ruheständler über die Bosnierin, parterre rechts, die vor Krieg und Vertreibung geflüchtet ist, bis zu mir als Fernsehmenschen ist eine bunte Mischung vertreten. Wir kommen in der Regel gut klar. Einmal im Jahr gibt es ein Hoffest. Jede/r bringt etwas mit, bis Würstchen, Kartoffelsalat, Bier und Wein, Klatsch und Tratsch erledigt sind. Das Aufräumen machen immer nur einige wenige und die immer gleichen. Egal. Ein Haus zum Wohlfühlen? „Hier kannste nicht meckern“, meint eine unserer Wilmersdorfer Witwen. Mehr Lob geht nicht.

In unserem Haus Gieselerstraße 16 wohnten einmal zwanzig Menschen, die allesamt Ende der dreißiger, Anfang der vierziger Jahre verschwanden. Sie hießen Marie Eisner, Albert Fraenkel, Johanna Friedmann, Julius Hans Heymann, Cere Jacobsohn, Edith, Marianne und Walter Koeppler, Lange, Gertrud Moll, Hugo Philipps, Louise Schönlank, Leo Schlesinger, Gertrud Schumlowitz, Irma und Wolf Max Silberstein, Hilde Traugott, Alice Vandsburger, Meta Wisztnicki und Irma Wolfsohn. Auch sie träumten vom kleinen und großen Glück. Was diese früheren Bewohner unseres Hauses vereint: sie wurden abgeholt, verschleppt, viele in den Tod geschickt, weil das NS-Regime es so wollte. Ihre Namen stehen in einer kleinen Broschüre aus dem Jahre 1987 von Udo Christoffel. Berlin-Wilmersdorf. Die Juden. Was aus den Menschen geworden ist, wissen wir nicht. Nur drei Schicksale konnte mittlerweile unsere kleine  Anwohnerinitiative klären.

 

Liste der gemeldeten Juden in den Häusern der Gieselerstrasse 16, Berlin-Wilmersdorf im III. Reich. Vor ihrer Deportation. Quelle: „Berlin Wilmersdorf. Die Juden, Leben und Leiden“ Kunstamt Wilmersdorf. Hrsg. Udo Christoffel 1987.

 

Das Ehepaar Phillips wurde gegen ihren Willen in eine Einzimmerwohnung zwei Häuser weiter umquartiert. Weiterer Verbleib unbekannt. Am 5. August 1942 holte die Gestapo zwei Bewohner aus unserem Haus ab: die 64-jährige Irma Silberstein und ihren 71jährigen Ehemann Max. Das Ehepaar wurde nach Theresienstadt deportiert, schließlich im KZ Treblinka ermordet. Ein Nachkomme aus den USA besuchte vor einigen Jahren unser Haus. Für die beiden Silbersteins konnten vor unserer Haustür zur Erinnerung zwei zehn auf zehn Zentimeter große Messingschilder verlegt werden. Diese kleinen Mahnmale, besser bekannt als Stolpersteine, werden jedes Jahr geputzt. Am 9. November, dem Jahrestag der Reichpogromnacht, zünden Nachbarn Kerzen neben den Stolpersteinen an. In unserer Straße leuchten in dieser Nacht viele Kerzen vor den Häusern. Manchmal werden sie umgestoßen.

 

 

Die Stolpersteine sind das Verdienst von Gunter Demnig. Der Mann mit dem Filzhut hat mittlerweile über 96.000 Stolpersteine in mehr als dreißig Ländern verlegt. Was vor über dreißig Jahren mit einem ersten Erinnerungsschild auf dem Pflaster vor einer Kölner Haustür begann, zum Ärger der damaligen Behörden, hat eine große Laiengeschichtsbewegung in Gang gesetzt. Die Stolpersteine sind inzwischen weltweit das größte dezentrale Mahnmal an die Nazi-Verbrechen. Jeder Stein ehrt ein Opfer. Genau dort, wo die Menschen zuletzt lebten. Jeder Stein ist handgemacht. Ein Messingblech aus einem Millimeter Stahl wird in Beton verankert, um einen gewissen Schutz gegen Diebstahl oder Vandalismus zu gewährleisten.

Demig sagt gegen alle Kritik: „Die Stolpersteine sind keine Grabsteine.“ Sie sollen die aktive Erinnerung fördern: Wer hat hier gewohnt? Was wurde aus meinen früheren Nachbarn? Der gebürtige Berliner Gunter Demnig erntete Auszeichnungen, aber auch immer wieder Ärger mit Hauseigentümern, Behörden sowie mehrere Morddrohungen. Rund 800 Steine wurden beschädigt, sie sind längst ersetzt. Ein Kölner Pfarrer ermunterte den in Hessen lebenden Künstler, als er mit der Aktion begann: „Die Million wirst du wohl nicht schaffen, aber man kann ja klein anfangen.“ Demnig ist nun 75 Jahre alt geworden. Seine Mission will er fortführen, solange die Knie mitmachen. Im Juni 2023 plant er, mit seinem elfköpfigen Team den 100.000 Stolperstein zu setzen.

 

Germany, Berlin. 09.11.2022. Zwei Stolpersteine vor dem Haus Gieselerstrasse 16, in 10713 Berlin-Wilmersdorf. In Gedenken an Irma und Wolf Max Silberstein. Ehem. Bewohner, die als Juden 1942 nach Theresienstadt deportiert  und spŠäter in Treblinka ermordet wurden.  Foto: Mike Minehan

 

Vor unserem Haus sind zwei Stolpersteine verlegt. Es sollen mehr werden, sobald wir genaueres über das Schicksal der anderen verschollenen Nachbarn wissen.