Archive for : März, 2023

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Herbert, der Träumer

Auf zu Grönemeyer! Einladung zur Premiere: „Das ist los“! Der Hauseingang in der Berliner Kantstraße ist unscheinbar. Nichts Besonderes. Nach der Einlasskontrolle erreicht man eine Art Gefängnishof. Hier begrüßt Herberts Hofstaat Besucher mit einem Covid-Testpäckchen. Stäbchen in die Nase, dreimal rühren, tröpfeln, warten. Hurra. Negativ! Auf zum Listening. Der Star des Abends kommt, wird an eine Mauer gestellt. Kameraleute und Fotografen machen ihre Bilder. Der blondtoupierte Herbert ganz in Schwarz posiert. 18 Millionen verkaufte Platten. 40 Jahre Bühnenpräsenz. No Business like Show-Business. Was aber war vor Herbert G. in diesem seltsamen Hinterhof? – Ein Frauengefängnis, raunt jemand. Heute ein vornehmes Hotel. Google meldet: Einst 77 Zellen, sechs Quadratmeter groß, jeweils mit drei Frauen belegt. Bis 1985 als Jugendarrest in Betrieb. Danach Leerstand. Heute 44 Hotelzimmer. Gediegen umgewidmet vom Ort der Verdammnis zum Hort für „Komfort und Ruhe inmitten der pulsierenden Stadt“. Das ist los.

 

Das ist los. Der Meister im Gefängnishof. Herbert Grönemeyer präsentiert sein neues Album.

 

Das Premierenpublikum sammelt sich an festlich gedeckten Tafeln. Medienleute, Menschen aus der Musikbranche, man kennt sich. Küsschen links, Küsschen rechts. Rasch ein Selfie und den besten Platz sichern mit gepflegtem Wein und 5-Gänge-Menu. Als Top Act: Grönemeyers neues, mittlerweile sechzehntes Album. Es geht los. „Hoffnung ist gerade so schwer zu finden/Ich suche sie. Ich schaue nach links und fühle mich blind/für Perspektiven, die uns weiterbringen.“ Knapp fünfzig Minuten Grönemeyer vom Band, alle dreizehn Songs. Ich schaue nach links und nach rechts. Einige hören aufmerksam zu. Viele fingern nervös an ihren Handys. Angst etwas zu verpassen? Offensichtlich! Selbst hier, wo die Happy Few der Premierengäste unter sich sind. Verrückt. Onkel Herbert singt: „Cis, binär und transqueerphob, Gucci, Prada, Taliban / Schufa, Tesla, Taiwanwahn / Was ist, Kid, kriegst du noch was mit.“  Der Titelsong. Das ist los. Ah. Aha. Ach so. Schenk mir deine knappe Aufmerksamkeit. Halte inne. Bitte. – Herbert surft im Zeitgeist der heutigen Zwanziger Jahre. Ich erkenne im dunklen Gefängnishof ein erleuchtetes Fenster und frage mich, wer in den Zellen saß.

 

 

Es folgt „Angstfrei“. „Fesch sein, frech sein, keiner kriegt uns jetzt klein/Tanz` drüber nach, tanz` drüber nach“, röhrt Deutschlands populärster Verseschmied. Knödelbarde Herbert. Poet der Babyboomer. Seelenklempner des Landes. Lieferservice für Mut, Trost und Orientierung. Heimlicher Bundespräsident. Das beherrscht er wie kein anderer. Der Mann, der uns seit Jahrzehnten begleitet. Als Herzensbrecher, politisches Auskunftsbüro, seelischer Kummerkasten. Ein Sinnsuchender wie du und ich. Nur, dass er Stadien füllt. Wir nicht. „Ohne Druck keine Diamanten/Ohne Flugangst würde keiner mehr landen“, knattert Herbert im letzten Song „Turmhoch“. Beifall. Der Meister betritt den Saal. Er sagt, was er wohl bei solchen Anlässen sagen muss. Er möchte „Mut machen in krisenbehafteten Zeiten“, er suche wie ein wildgewordenes Känguru nach den passenden Worten, werfe viele Texte wieder weg.  „Dinge sind nicht rosarot“. Er will alle mitnehmen. Schön, wenn ein Mensch mit 66 Jahren noch Träume hat.

 

 

Waren die Frauen in diesem Gefängnis angstfrei? Wohl kaum. Aber auch sie träumten. Auf dem Heimweg beschließe ich mich schlau zu machen. Ich erfahre eine Menge über das versteckte Frauengefängnis in der Kantstraße 79. Frauen aus dem NS-Widerstand waren hier bis 1945 zusammengepfercht. Darunter die einunddreißigjährige Libertas Schulze-Boysen. Tochter einer preußischen Adelsfamilie. Verheiratet mit Harro Schulze-Boysen. Beide Mitglieder der Widerstandsgruppe „Rote Kapelle“. Libertas sammelte Film- und Bildmaterial über die Verbrechen der Nazis. Ab September 1942 war sie nach ihrer Verhaftung im Frauengefängnis. Bis zu ihrem gewaltsamen Tod am 22. Dezember 1942. Libertas Schulze-Boysen (20.11.1913-22.12.1942) wurde in Plötzensee enthauptet.

 

Libertas Schulze-Boysen (20.11.1913-22.12.1942) Mitglied der „Roten Kapelle“. Foto: Gedenkstätte Deutscher Widerstand.

 

Sie hinterließ diese Zeilen:

„Sie nahmen den Namen mir an der Tür,

Das Wünschen an der Schwelle.

Die Träume einzig blieben mir,

in meiner kahlen Zelle.“

 

Libertas war eine Mutige. Eine Hoffende und eine Träumerin, bis zum Schluss. Ich bin so berührt, dass ich diese Entdeckung machen konnte. Danke, Herbert. Für die Einladung an diesen besonderen Ort.

 

Einst Ort des Schreckens, heute ein Hotel. Frauengefängnis in der Berliner Kantstraße 79. Foto: Grüntuch Ernst Architekten.

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Israel: Putsch oder Paranoia?

„Achtung, Oberlehrer!“ In Fragen wie Menschenrechte, Klimawandel oder gesunde Ernährung schwingen wir Deutschen gerne den Zeigefinger. „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen.“ Diese Moral-Keule kommt keineswegs überall gut an. Siehe Katar, Polen oder … Israel. Israelkritik? Schwierig. Der deutsche Stresstest schlechthin. Wer wie ich in Israel war, ist von diesem kleinen Land mit der großen Geschichte fasziniert wie verwirrt zugleich. Jerusalem, Klagemauer, al Aksa-Moschee, Grabeskirche, Yad Vashem. Bethlehem, See Genezareth, Tel Aviv, Checkpoints, Mauern, Ramallah, Gaza. Auf engstem Raum knallen Glaube, Liebe, Hoffnung aufeinander, duellieren sich Ressentiments und blanker Hass. Als ich mit einer deutschen Gruppe die Gedenkstätte Yad Vashem verließ, sagte unser israelischer Reiseleiter: „Ihren Schäferhund haben sie besser behandelt. Das werden wir Euch nie vergessen.“

 

In der Altstadt von Jerusalem. Foto: Waldemar_RU

 

„Das war doch nicht ich, auch nicht meine Eltern“, murmelte ich, meine Gedanken behielt ich für mich. Aber Ackermann, so der Spitzname unseres Schwejk`schen Begleiters bemerkte meinen zweifelnden Blick. „Weißt Du was? Schweigen ist Zustimmung. Gleichgültigkeit ist ein scharfes Schwert.“ Punkt. Das saß. „Aufsitzen zum nächsten Ziel“, rief er unserer schweigenden Gruppe zu. „Ich zeige Euch jetzt, wo es in dieser gottverdammten Stadt die beste arabische Falafel gibt.“ Das war vor langer Zeit, ein paar Jahre nach der deutschen Einheit, als unser Land wieder groß geworden war. Die Lage in Jerusalem ist in diesen Tagen einmal mehr scharf wie eine Rasierklinge, an der man sich leicht verletzen kann. Israel mit seinen neun Millionen Menschen ist aufgewühlt. Juden, israelische Araber und Christen, Regierungsanhänger und Gegner streiten um eine Justizreform. Und wie!

 

Jerusalem. Stadt der drei Religionen. Ein Ort voller Geschichte und Konflikte. Foto: rquevenco

 

Großdemonstrationen, Straßenblockaden und angedrohte Befehlsverweigerung durch Eliteoffiziere, Kampfjetpiloten und sogar Generäle erschüttern seit Monaten das Land. Die Regierung Netanjahu will die Justiz reformieren, damit „endlich die schweigende Mehrheit“ entscheiden könne. Demnach soll die einfache Mehrheit des Parlaments (Knesset) Entscheidungen des Obersten Gerichts außer Kraft setzen können. Benjamin „Bibi“ Netanjahus Koalition aus national-konservativen Likud, den religiösen Ultraorthodoxen und 14 Abgeordneten des Religiösen Zionismus wollen mit ihrem Gesetz die Herrschaft der „liberalen Elite“, verkörpert durch das Hohe Gericht, abschaffen. Es sind ähnliche Konflikte wie in Polen, Ungarn oder auch in der Türkei. Entmachtung der Demokratie durch „Reformen“ wie einst beim „NS-Ermächtigungsgesetz“, protestieren Kritiker. Tausend israelische Intellektuelle haben in einem Aufruf Alarm geschlagen.

 

Seit fast drei Monaten demonstrieren Zehntausende jeden Samstag in Israel gegen die Justizreform. Eine Gruppe von Frauen in den Kostümen der Fernsehserie „The Handmaid’s Tale“ in Tel Aviv. Bild: AFP

 

Dazu Schweigen? Geht nicht. Besser als belehren aber ist zuhören. Daher folgen einige Passagen aus einem Text des israelischen Historikers Yuval Noah Harari („Eine kurze Geschichte der Menschheit“), die bedenkenswert sind. „Das ist keine Rechtsreform – es ist ein Staatstreich“, schreibt Harari und weiter:

„Historisch betrachtet gibt es vor allem zwei Arten von Staatsstreichen. Die eine ist der „Putsch von unten“, und sie ist leicht zu erkennen: Der machthungrige General Strongman zum Beispiel beschließt, die Kontrolle in einer Bananenrepublik an sich zu reißen. Eines Morgens wachen die Bürger auf und sehen Panzer auf den Straßen der Hauptstadt. Ein Panzerbataillon umstellt das Parlament und feuert Granaten auf das elegante Marmorgebäude. Eine Kompanie von Fallschirmjägern stürmt das Haus des Premierministers, legt ihm Handschellen an und sperrt ihn in ein Militärgefängnis.

In der Zwischenzeit beschlagnahmt eine zweite Fallschirmjägerkompanie die zentrale Rundfunkstation. Um acht Uhr morgens schalten die verängstigten Bürger ihre Fernsehgeräte ein. Dort verkündet der mit goldenen Orden schwer dekorierte General Strongman mit gebieterischer Stimme, er ergreife hiermit „zum Wohle des Volkes“ die Macht im Land.

So etwas schwebt uns vor, wenn wir an einen Staatsstreich denken. Aber es gibt noch eine andere Sorte, für die es in der Geschichte zahlreiche Beispiele gibt: den „Putsch von oben“. Er ist weniger leicht zu erkennen.

Mit einem solchen Staatsstreich hat man es zu tun, wenn eine Regierung, die auf ganz legale Weise gewählt wurde, gegen die ihr vom Gesetz auferlegten Beschränkungen verstößt und versucht, unbegrenzte Macht zu erlangen. Das ist ein alter Trick: Erst das Gesetz nutzen, um Macht zu erlangen, dann die Macht nutzen, um das Gesetz bis zur Unkenntlichkeit zu verdrehen.

Die Regierung spricht von Reformen „zum Wohle des Volkes“.

 

Yuval Noah Harari. „Das ist keine Rechtsreform – es ist ein Staatstreich“.

 

Ein Putsch von oben kann eine sehr verwirrende Erfahrung sein. Auf den ersten Blick fühlt sich alles normal an. Es rollen keine Panzer auf den Straßen. Kein General mit einer vor Orden strotzenden Uniform unterbricht das Fernsehprogramm. Der Staatsstreich findet hinter verschlossenen Türen statt. Dort werden Gesetze verabschiedet und Dekrete unterzeichnet, welche die Regierung von jeder Einschränkung befreien und sämtliche Kontrollmechanismen außer Kraft setzen. Natürlich verkündet die Regierung den Staatsstreich nicht offiziell. Sie behauptet lediglich, sie führe nun einige dringend notwendige Reformen „zum Wohle des Volkes“ ein. Woran können wir nun erkennen, ob das, was derzeit in Israel vor sich geht, wirklich eine Reform ist, oder doch ein Staatsstreich? Der einfachste Test ist folgende Frage: Sind der Macht der Regierung noch Grenzen gesetzt? (…)

Ob ein Bataillon oder ein Gesetz den Staat dem Herrscher unterwirft, spielt keine Rolle Fragt man die Putschisten geradeheraus, was die Macht der Regierung unter den neuen Regelungen begrenzen wird, lautet die einzige Antwort: „Unsere wohlwollende Haltung. Vertraut uns.“ Die klassische Antwort jedes Diktators. Auch General Strongman erklärt nach der Machtübernahme mit Hilfe eines Panzerbataillons in seiner Rede an die Nation: „Vertraut mir. Ich werde euch beschützen. Ich werde für euch sorgen.“

 

 

Der ganze Essay von Yuval Noah Harari erschien am 16. März 2023 in der Süddeutschen Zeitung. Die Regierung Benjamin Netanjahu plant mit ihrer Mehrheit das neue Justiz-Gesetz Anfang April zu verabschieden.

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Tacheles reden

Tacheles kann viel bedeuten. In Berlin ploppt bei Google „ein einzigartiges Objekt an einem der begehrtesten Standorte Europas“ auf. Mitten in der Hauptstadt. Ein Filetstück an der Friedrich-, Ecke Oranienburgerstraße. Auferstanden aus Ruinen lockt ein 23.000 Quadratmeter großes Prestigeprojekt für „gehobene Ansprüche“. Eines der luxuriösen Wohnhäuser, entworfen von renommierten Architekturbüros, nennt sich „Vert“. Französisch für grün. Das neue grüne Tacheles lässt keine Wünsche offen. In blumiger Maklerprosa heißt es: „Urbanes Lebensgefühl und Rückzug ins Apartment. Lässig und stilvoll lebt es sich in der von Herzog & de Meuron neu interpretierten Gründerzeitarchitektur“.

Ein Werbefilmchen produziert fröhliche Momentaufnahmen vom sorgenfreien Luxusleben mit leckerem Kuchen, treuem Hundeblick und dynamischen Menschen. Sie trägt High Heels und trinkt Champagner, er bindet sich eine Fliege um den Hals und radelt mit dem Einstecktuch „durch eine inspirierende Nachbarschaft“. Die Performance erinnert an eine Neuauflage von Ton Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“. In der Kinoversion spielte Tom Hanks einen New Yorker Börsenguru, einen Master of the Universe. Sinn des modernen Lebens: Geld verdienen und ausgeben.

Das neue Berliner Tacheles verspricht noch mehr: den Himmel auf Erden. Mit Concierge, Lobby, Tiefgarage mit E-Ladestation, Fahrradwaschanlage, Health Club, Hundewaschplatz, Spa, Quartiers-App und selbstredend Security. Dazu jede Menge Lebensqualität mit „Szenerestaurants, Conept-Stores oder Nachtleben … in den schillernden Farben der Metropole“. Wow! Dieses Paket hat seinen Preis. Im Schnitt kostet der Tacheles-Quadratmeter 15.000 Euro. Für Interessierte: Der „Schlüssel zum guten Leben“ passt bei einem 1-Zimmer-Apartment ab ca. 685.000, – Euro; bei einer Penthouse-Wohnung mit vier Zimmern ab 4.5 Millionen Euro.

 

1909 als „Friedrichstraßenpassagen“ mit Kuppel errichtet, ein Jahr später in Konkurs gegangen. Diese Aufnahme stammt vermutlich aus dem Jahre 1928. Nutzung durch AEG. Zu der Zeit hieß es „Haus der Technik“.  In der DDR übernahm u.a. die Gewerkschaft FDGB den kriegszerstörten Gebäudekomplex. Quelle: Museum für Technik

 

Tacheles hat noch eine andere Bedeutung. Das Wort kommt aus dem Jiddischen und steht für: Tacheles reden, das heißt offen und unverblümt seine Meinung äußern. Reden wir also Klartext: Das neue Vorzeigeprojekt ist ein Musterbeispiel wie Berlin Bestlagen für ein Butterbrot verscherbelte und zugleich jede Grundlage für eine soziale Wohnungspolitik gegen die Wand fuhr. Die Hauptstadt verkaufte 1998 das riesige Filetstück für 2,8 Millionen DM an die Fundus-Gruppe des Investors Anno August Jagdfeld. Als der Adlon-Investor ins Straucheln kam, verkaufte Jagdfeld 2014 das Ruinen-Areal für 150 Millionen Euro an die amerikanische Vermögensverwaltung Perella Weinberg Partners LP.

 

 

How long is now? 12 Jahre diente das „Tacheles“ als Kreativ- und Kunstzentrum bis zur Räumung. (1990-2012) Blick von der Oranienburgerstraße. (2008) Quelle: Kunsthaus Tacheles.

 

Das war das Aus für das „alte“, nichtkommerzielle Tacheles. Künstler hatten Anfang der Neunziger das Ruinengelände besetzt. Sie übernahmen eine verwahrloste, einstige Einkaufspassage aus der Kaiserzeit, die zum Ende der DDR abgerissen werden sollte. Kreative aus aller Welt eroberten den Freiraum und gaben dem Gelände seinen Namen. Mit dreißig Ateliers, Bars, Cafés, einem Programmkino, den Salons, in denen bis tief in die Nacht Theater, Tanz und Performances aller Art gefeiert wurden. Das Tacheles brillierte als Symbol für das neue wilde, kreative Berlin. Aufregender als New York und dennoch unvorstellbar billig. Was geschah nach 2015? Die US-Investoren rissen die Reste des einstigen Kunsttempels ab, ließen teure Eigentumskomplexe errichten. Jetzt vermarkten sie ihr hochpreisiges „Investment“ und Konzept vom Schöner Wohnen „Am Tacheles“ passgenau mit der sagenumwobenen Legende des von ihnen selbst beerdigten Ortes. So macht Kapital aus Kunst maximalen Kommerz.

 

Das „Tacheles“ war ein offenes, selbstbestimmtes Haus für Kreative aus der ganzen Welt. (1990-2012) Quelle: Kunsthaus Tacheles.

 

Die Architektur des neuen 780-Millionen-Projekts mag jedoch nicht recht überzeugen. Die FAZ beklagt Eintönigkeit: „Belebung ist aber auch nötig, denn die Fassade knattert monoton einmal durch die 150 Meter lange Passage hindurch, als ob sie aus einem 3D-Drucker stammte, bei dem die Architekten den Abschaltknopf nicht mehr fanden; es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass man an ihrem Ende auf eine Praxis für Schnarch-Therapie zu spaziert.“

 

Vert Am Tacheles. Nordfassade. Xoio. Quelle: www.vert-amtacheles.de

 

Was noch mehr als fehlende Ästhetik schmerzt: Das Tacheles-Schicksal steht für das Versagen der Berliner Baupolitik der letzten Jahrzehnte. Seit langem herrscht große Wohnungsnot. Selbst Gutverdienende aus der Mittelschicht können sich in Berlin-Mitte kaum noch eine Wohnung leisten. Kreative schon gar nicht. Am Ende heißt Tacheles reden, ja leider und hier und heute: Eine Mehrheit der Berliner fordert die Enteignung der großen Player, während eine kleine Minderheit das Geschäft ihres Lebens macht. Willkommen im neuen, grünen Tacheles.

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Alles bleibt anders

Keine Sorge: Berlin bleibt sich treu. Die Hauptstadt liefert weiter Schlagzeilen, die blankes Erstaunen, Kopfschütteln oder Heiterkeit auslösen. Franziska Giffey, die nach der Pannenwahl in der Wiederholungswahl ihre Wiederwahl verpasst hat, bleibt trotz des Wahldebakels – schlechtestes Berliner SPD-Ergebnis aller Zeiten – voraussichtlich im Amt. Nicht als Regierende, vielmehr als Mitregierende in einer schwarz-roten Koalition. Die will gerne eine ganz Große sein, wird wohl aber eher eine halbstarke Regierungskoalition werden. Der wahrscheinliche, neue CDU/SPD-Senat vertritt 46,6% des Wählerwillens, wobei die größte Gruppe, die der Nichtwähler, gar nicht berücksichtigt ist. Doch das haben wir gelernt. Am Ende zählt nur eines: Mehrheit ist Mehrheit.

 

Potsdamer Platz. Foto: Robin Berndt.

 

Was ist zu tun? Eine Menge. Wohnen, Verwaltung, Bildung, Sicherheit, Verkehr, Umwelt und noch mehr. Wird sich etwas ändern? Wohl kaum. Im Alltag der knapp 4-Millionen-Stadt fehlt es häufig an einfachsten Voraussetzungen für eine bessere und „progressive“ Politik. Ein Beispiel von vielen: Wie hat sich auf Berlins Straßen der Verkehr im Winter 2023 entwickelt? Sind mehr oder weniger Autos unterwegs als im Vorjahr? Wäre gut zu wissen. Das Problem: Die Langzeit-Messstellen, die vorbeifahrende Fahrzeuge aufzeichnen, sind seit Oktober 2022 defekt. Nach Angaben der grün geführten Verkehrsverwaltung hat „die Solartechnik mit sehr alten Batterien“ den Geist aufgegeben. Neue Technik werde installiert. Wo sind die bislang gesammelten Messwerte? Antwort: „Mutmaßlich verloren“. Wenigstens der Berliner Mutterwitz kehrt zurück. Nur ein Beispiel: „Liegt ein Skelett auf dem Flur des Bürgeramtes. Was steht auf der Tür? – Bin gleich zurück!“

 

Sie dreht sich weiter. Weltzeituhr am Alex. Foto: Chris Beutke

 

Die Berliner Verwaltung ist bis zur Unkenntlichkeit kaputtgespart worden. Ihr Hoheitszeichen ist das gute, alte Fax-Gerät. Ohne dieses Kommunikationsgerät geht in Berlin nichts. Trotz x-fach angekündigter Digital-Offensiven. Jetzt „im Frühjahr 2023“ soll das digitale Ummelden des Wohnsitzes tatsächlich wahr werden. Wirklich? Der Berliner Alltag liefert wunderbare Possen. Wenn Bürger Stadtbäume spenden wollen, kann die Realisierung bis zu zwei Jahre dauern. Begründung: „Keine Leute“. Die 2006 versprochene Sanierung einer DDR-Plattenschule in Berlin-Lichtenberg, deren Fenster aus Sicherheitsgründen verschweißt werden mussten, lässt auch 2023 auf sich warten. Die Installierung einer „Lichtzeichenanlage“, volkstümlich Ampel genannt, benötigte in Berlin-Mahlsdorf rekordverdächtige 25 Jahre. Nach einem Vierteljahrhundert Planungs- und Projektierungsphase blinkt sie jetzt. Für Ampelfans die genauen Daten: Hultschiner Damm/Ecke Rahnsdorferstraße.

 

Wohnort: Unter der Brücke, Savignyplatz.

 

Wenn genervte Bürger zur Selbsthilfe greifen, erinnert sich Berlin jedoch seiner preußischen Vergangenheit. Unerlaubtes freiwilliges Engagement stößt auf staatlichen Ordnungssinn. Wer etwa in tristen Innenstadtstraßen Baumscheiben mit frischem Grün bepflanzt, muss mit Maßnahmen des zuständigen Grünflächenamtes rechnen. Ungenehmigtes Grün wird sogleich mit Stumpf und Stiel entfernt. Motto: „Da kann ja jeder kommen“. Dieses behördliche Grundgesetz bekam auch ein Rentner zu spüren. Der Mann begann verwahrloste Parkbänke eigenverantwortlich zu streichen und selbsttätig Schlaglöcher zu füllen. Das ging dann doch zu weit. Der Mann wurde mit einer Ordnungsstrafe belegt.

Keine Sorge. Berlin wächst weiter. Wird größer und weiter attraktiv bleiben. Trotz oder vielleicht wegen seiner Schwächen. „Um Berlin in seiner jetzigen Verfassung zu malen, müsste man den göttlichen Dante Alighieri bemühen, welcher die Hölle und das Fegefeuer zu schildern wusste“, schrieb Alfred Kerr, ein scharfer Beobachter des Berliner Stadtlebens. Das war 1896. Da regierte noch der Kaiser. Und das ist schon ziemlich lange her.

 

Da hilft nur: Vergessen wie. Der neue Berlin-Sound von Peter Fox.