Veteranen vor Moskauer Metro. Foto Frank Gaudlitz, 2017.

Liebesgrüße aus Russland

Seit mehr als drei Jahrzehnten reist der Potsdamer Frank Gaudlitz nach Russland. Im Gepäck: anfangs ein analoger Kleinbildapparat, später eine moderne Digitalkamera. Das Riesenreich hat den Fotografen nie losgelassen, berichtet er, dessen Alltag, spröder Charme und schleichender Verfall. Etappen des stürmischen Wandel hält er seit den späten Achtzigern mit seiner Kamera fest. Von Schwarz-Weiß bis Farbe. Gaudlitz fasziniert „die Weite des Landes, die das Schwere, das Tiefe hervorbringt.“ Und: „Es sind tolle, warmherzige Menschen“. Er schätzt das Land von Dostojewski, Gorki und Tschechow. Er weiß genau, dass es das Land der kleinen Leute ist, aber auch  der neureichen Oligarchen und Tschekisten mit Putin an der Spitze. Seine beeindruckenden Momentaufnahmen sind derzeit in der Kommunalen Galerie Wilmersdorf in Berlin zu sehen.

 

Kadett in der Moskauer Metro. 2017. Foto Frank Gaudlitz

 

1988 reiste Gaudlitz in das Perestroika-Russland von Gorbatschow. Ein zweites Mal 1989. Da sind die Vorboten des Untergangs eines totgeweihten Systems zu spüren. Gaudlitz, Jahrgang 1958, sind Nähe und Unmittelbarkeit wichtig. Nichts an seinen Bildern wird arrangiert oder inszeniert. Geduldig wartet er auf den richtigen Moment. Der Potsdamer fotografiert auf Straßen und Plätzen, am Rande von Paraden und bei Hochzeiten, auf Bahnhöfen und Schwarzmärkten, in Fabriken und Sperrgebieten. 1992, bei seiner dritten Exkursion, findet er ein verändertes Land vor. Das Lächeln in den Gesichtern sei verschwunden, erzählt er. In der toxischen Goldgräberzeit der Jelzin-Ära war alles möglich:  Kometenhafter Aufstieg oder freier Fall in Armut, Apathie und Wodkasucht.

 

„Im Krieg bin ich geboren, im Krieg werde ich sterben. Mein Sohn hat in Sewastopol bei der U-Boot-Flotte gedient. Er wohnt in der Ukraine. Jetzt bekämpfen ihn seine eigenen Leute.“ Tamara C., 79 Jahre, aus Sokrjany, Ukraine, jetzt in Stolniceni, Moldau. Oktober 2022. Foto Frank Gaudlitz, 2022.

 

Bei seinen nächsten Reisen 2012 und 2017 hatte sich Russland ein weiteres Mal verändert. Im Alltag zeigen sich mehr Symbole von Pathos und Patriotismus. Alte Sowjetmuster blühen auf.  Selbst in der Ballettschule wird den Kindern militärische Erziehung nahegelegt. 2021 folgte der Fotograf den Spuren Alexander von Humboldts, reiste von St. Petersburg bis ins sibirische Tobolsk. Der zweite Teil von Omsk nach Astrachan war für 2022/23 geplant. Daraus wurde nichts. Putins Überfall auf die Ukraine stoppte alle Pläne. Seitdem sprechen die Waffen. Gaudlitz machte sich stattdessen in den einstigen Unionsrepubliken Moldau, Georgien und Armenien auf die Suche nach Kriegsflüchtlingen. Die Gesichter der Exilanten aus Russland und der Ukraine haben eines gemeinsam: sie sind von Angst und Trauer gezeichnet.

Was hat der Krieg mit den Menschen gemacht, frage ich den Potsdamer Fotografen zum Abschluss. „Putin hat ihnen die Zukunft genommen.“

 

Russische Emigranten nach ihrer Flucht in Tiflis, Georgien im Exil. April 2023. Foto Frank Gaudlitz

 

Frank Gaudlitz. Kosmos Russland. Kommunale Galerie Berlin-Wilmersdorf bis 5. November 2023.

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