Archive for : Juni, 2024

post image

Frau am Bass

Der Bass ist nur die Verwaltung seiner selbst. Brumm, brumm. Nichts Neues. Nur Stillstand. Irrtum! Die meisten Bassisten sind männlich, eher zurückgezogen und häufig im Hintergrund. Nein! Als Solo-Instrument im modernen Groove übernimmt der Bass nur eine dienende, selten aktive Rolle. Die tiefen Töne sind für Struktur, Begleitung und Tiefe zuständig. Noch ein Irrtum! Darf ich vorstellen: Kinga Glyk. Virtuos hat die junge Bassistin ihren eigenen Stil entwickelt. Sie zeigt eine eigene Handschrift, die überrascht und überzeugt. Kinga gelang mit 19 Jahren der Durchbrch zu ihrer internationale Karriere. 2017 konnte ich die junge Polin zum ersten Mal im heute journal einem breiten Publikum vorstellen. Kinga gilt als eines der Super-Talente im europäischen Jazz. Sie habe eine große Zukunft vor sich, schrieb ich damals. Mittlerweile spielt die 27-jährige auf den großen Bühnen der Welt.

 

 

Kinga ist ein polnischer Vorname und bedeutet auf Deutsch Kunigunde. Glyk kommt aus dem Griechischen und steht für „süß schmeckend und Zucker“. Kinga Glyk stammt aus einer polnischen Musikerfamilie in Kattowitz. Ihr Vater Irek ist Schlagzeuger, ihr Bruder ebenfalls Musiker und verantwortlich für den Sound. Mutter Glyk organisiert Band und Wohlbefinden. Ein Familienbetrieb. Mit zwölf begann Kinga den Bass zu entdecken. Sie spielte hunderte Konzerte kreuz und quer durch Polen. Im März 2015 erschien ihr erstes Album „Registration“. Im Sommer 2016 legte sie mit ihrer Band „Happy Birthday“ vor. Eine starke Einspielung. Voller Spielfreude, cool und mit großartigen Soli. Sie eifert den Großen wie Jaco Pastorius, Stanley Clarke oder Victor Wooten nach. Ihre Cover-Version von Claptons „Tears in Heaven“ wird ein millionenfach geklickter YouTube-Hit. Längst jammt Kinga mit Jazz-Größen wie Marcus Miller oder Michael League von Snarky Puppy.

 

 

Kinga Glyk: „Jazz ist nicht nur für alte Menschen. Sicher ist die Mehrheit meiner Zuhörer in den Konzerten älter als ich, aber ich glaube das ändert sich. Ich möchte auch jüngeren Leuten die Inspiration dieser Musik näherbringen.“ Kinga Glyk zeigt: Jazz hat eine Zukunft. Und die viel belächelten Bassmenschen, meist mit Hornhaut an den Händen können ihr Publikum verzaubern. Sie sind keine exzentrischen Alleinunterhalter. So auch das bekannteste Bass-Trio SMV. Stanly Clarke, Marcus Miller und Victor Wooten. Ihre wenigen Live-Auftritte haben Kult-Status. Thunder war ein gemeinsames Projekt mit drei durchgeknallten Bassisten auf einem Album. Das Besondere: Die Drei von der Bassstelle spielen aus Freude zusammen. Miteinander. Ohne Konkurrenz oder selbstverliebte Ego-Trips. Wahre Musik, die improvisiert und wieder zusammenfindet.

 

 

Kinga tritt gerne mit Hut, Charme und einer wunderbaren Gewissheit auf: Ihr Bass sorgt für Rhythmus, für richtige Tiefe und das gewisse Etwas. Kinga Glyk – längst ein Stern am Jazz-Himmel. Das bescheidene Mädchen mit dem tiefen Bass und dem großen Talent.

 

post image

Mein erstes Mal

Frühe Morgenrunde durch den hochherrschaftlichen Schlosspark Neuhardenberg. Graue Wolken hängen tief über dem urpreußischen Anwesen nahe der deutsch-polnischen Grenze. Das Schlossensemble sieht aus, als wäre ein riesiges weißes Ufo mitten im märkischen Oderbruch gelandet. Ein Reiher lauert am Teich auf Beute. Ein paar Krähen krakeelen. Ansonsten: Stille, Friedfertigkeit, Harmonie. Einfach nur Durchatmen. Es sind meine ersten Stunden als frischgebackener Rentner. Ich bin einer von den vielen Babyboomern, die gerade den Ablauf ihrer Betriebszeit erleben. Plötzlich kreuzt ein kräftiger Landmann mit Muskelshirt und schwarzem Labrador-Schäferhund-Mischling meine Wege. Wir grüßen uns freundlich.

 

Neuhardenberg. Die Schinkelkirche. Ort für Konzerte, Lesungen, Kultur. Knapp zwei Autostunden östlich von Berlin.

 

Wir kommen ins Gespräch. Er drehe hier im Park regelmäßig seine Runden, zwischen Schloss, Eichen und Rotbuchen. Neuhardenberg habe sich prächtig entwickelt. Das gehöre hier alles der Sparkasse. „Gebaut mit unserem Geld.“ Wir lachen. Als er sein Haus finanzieren wollte, betont er, habe ihm die Sparkasse „das letzte Hemd ausziehen wollen“. Da habe er die Bank gewechselt. Diese Möglichkeit sei eine der wenigen Vorteile des „Westens“. Wir nähern uns im weitläufigen Park dem einstigen Hardenberg-Sitz mit mehreren Schlossflügeln und einer Schinkelkirche. Es werde heute nicht regnen, meint der Hundebesitzer fachmännisch, Petrus mache stets einen großen Bogen um Neuhardenberg. Warum? – Ganz einfach. Auf dem ehemaligen DDR-Regierungsflughafen befinde sich Europas größte Photovoltaikanlage. Die Abstrahlung, die Wärme! Der Mensch ruiniere die Natur.

 

Kit Armstrong. In Kalifornien geboren. Sohn einer Investmentbankerin aus Taiwan und eines Amerikaners. Seinen Vater hat er nie kennen gelernt. Mit fünf Jahren begann er mit dem Klavierspiel. Heute tritt Armstrong in den ersten Konzertsälen der Welt auf. Foto: Jean-Francois Mousseau

 

Was ich denn in Neuhardenberg mache, will er wissen. Ein schönes kurzes Wochenende verbringen, mit Freunden, Kultur und Musik, antworte ich. Ach so! Wer denn da sei, fragt er. Kit Armstrong, aber nicht der What-a-wonderful-World-Trompeter Louis Armstrong. Er schaut mich mit großen Augen an. Mein Armstrong sei ein junger, begnadeter Pianist, der in der Gutskirche auch Orgel gespielt habe. Die Journalistin Inge Kloepfer habe über das US-Wunderkind an den Tasten ein Buch geschrieben. „War´s gut?“ – Großartig. „Lustig. Sie kommen aus Berlin nach Neuhardenberg. Wir waren gestern in Berlin, in der Waldbühne. Sechs Stunden lang, bis der Rücken weh tat.“ Was gab´s? – „Na, Schlagerparade. War klasse.“ Wir verabschieden uns, gehen auf getrennten Wegen in den neuen Tag hinein.

 

 

Kit Armstrong hat fasziniert. Der 1992 in Los Angeles geborene Pianist glänzt an Klavier und Orgel mit Werken von Mozart, Bach, Liszt, William Byrd und einer Orgelsinfonie von Charles-Marie Widor, dem Lehrer von Albert Schweitzer. Im Gespräch mit Inge Kloepfer schwärmt der studierte Mathematiker von Bachs Kompositions-Fähigkeiten. In seinem C-Dur-Präludium aus dem Wohltemperierten Klavier lasse Bach fünf Finger wie fünf lustige Gesellen auf den Tasten tanzen. Dazu der Kontrapunkt. „Genial“. Genau so interpretiert das „Jahrhunderttalent“ in der Kirche von Neuhardenberg Bachs fröhlichen Tanz aus fünf Tönen. Nach dem Konzert fragt er bei Spargel und Wein: „Was meint Ihr? Hat Bach Tomaten gekannt?“

 

 

Was für ein wunderschöner Einstieg in eine neue Zeit. Ruhestand genannt.

Inge Kloepfer. Kit Armstrong. Metamorphosen eines Wunderkinds. Piper. 2024.