Archive for : April, 2026

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Oh, Michael

Der King of Pop ist wieder da. Der Mann mit dem geschmeidigen Gang und dem gewissen Etwas. Ein Mega-Star des 20. Jahrhunderts. Sein Leben klingt wie ein modernes Märchen aus den USA. Jetzt neu erzählt im Biopic-Blockbuster „Michael“. Die Geschichte des schwarzen Jungen aus dem Rust Belt rund um Detroit. Achtes Kind, Sohn des Kranführers Joseph und der Verkäuferin Katherine Jackson. Das Talent des Jungen: Tanzen, Singen, Menschen glücklich machen. Im Film heißt es: „Wir müssen aus Michaels Erfolg Kapital schlagen. Die Jackson-Familie ist wie eine Marke. Das ist unsere Coca-Cola.“

Mit sieben steht der kleine Michael zum ersten Mal auf der Bühne. Im Alter von fünfzig Jahren verlässt er die Welt wieder. Atemstillstand. Folge einer Überdosierung mit dem Narkosemittel Propofol. Über eine Milliarde Menschen verfolgt im Sommer 2009 die Trauerfeier, wie der hoch begabte, rast- wie ruhelose Michael seine letzte Reise in einem vergoldeten Sarg antritt.

 

 

Der neue Film erzählt nur die Geschichte seines unaufhaltsamen Aufstiegs. Da ist der ehrgeizige, tyrannische Vater, der aus dem musikalischen Können seiner Söhne Kapital schlagen will. Um jeden Preis. Geprobt wird mit dem Gürtel in der Hand. Vater Joseph schlägt mit harter Hand zu und tritt Türen ein, wenn es sein muss. Sein Motto: „Ich ziehe Männer groß, keine Jungs.“ Der Film endet mit zwei Konzertausschnitten. 1984 mit allen Jackson-Brüdern, aber ohne Vater. Der zweite Take präsentiert Michael 1988 auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Superstar als Heiland und Erlöser, Badness als sinnstiftende Gemeinschaft. Die Kamera badet in kreischenden, ekstatischen Menschen, die ihren Schwarm wie einen Gott verehren.

Der einstige Michael-Manager John Branca hat das perfekt inszenierte Kino-Comeback aus der Taufe gehoben. Dem gewieften, 75-jährigen New Yorker gelingt sein Meisterstück: Mit dem toten Michael kann er mehr Geld verdienen als mit dem Lebenden. John Branca ist der „King of Pop-Management“. Ein Meister der Selbstvermarktung, der unter anderem die Bee Gees, Boby Dylan, Rolling Stones, Elton John oder Santana vertritt. In der Kinoversion wird Branca von Schauspieler Miles Teller gespielt. Was für ein Deal! Am Michael-Mythos lässt sich weltweit gut verdienen.

 

 

Kritiker vermissen die vielen Schattenseiten im Leben des Michael Jackson. Tablettensucht, angeblicher Kindesmissbrauch, seine teure und bizarre Neverland-Scheinwelt, Michaels Realitätsverlust und Größenwahn.  Das blendet der Film komplett aus. Doch die Frage bleibt: Wer hat wen missbraucht?  Wer bereichert sich weiter an den Legenden vom Vorstadtjungen, der wie kein anderer geschmeidig groovt und den einzigartigen Moonwalk zelebriert. Mit virtuos glucksender Stimme, energetisch und pulsierend, die behandschuhte Hand am Gemächt. Sein Durchbruch mit Thriller 1983 gelingt mit einer faszinierenden Tanz-Choreographie, inspiriert vom Pantomimen Marcel Marceau.

 

 

Was in Michael nicht wirklich vorkommt: Die geraubte Kindheit. Der Drill und Druck in der Familie. Die Flucht in Schmerzmittel. Die zahllosen Geldmacher und Glücksritter, die seinen Erfolg gnadenlos vermarkten. Umgeben von Ja-Sagern flüchtet Michael Jackson in einen Goldenen Käfig, unter anderem Neverland genannt. Er lebt wie ein Außerirdischer in einer abgeschotteten Kunstwelt. Er ändert seine Hautfarbe, will weiße Kinder, sie sollen nicht wie sein Vater aussehen.

Jetzt ist der King of Pop wieder als Kino-Event präsent. Zum Schwelgen, Tanzen und Träumen, verbunden mit der simplen Botschaft: Musik kann dein Leben entscheidend verändern. Michael Jackson, so heißt es, wollte eigentlich immer wie Peter Pan sein. Das Kind, das niemals erwachsen wird. Das war wohl sein größter Traum!

 

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Hitlers letzter Geburtstag

Immer wieder regnet es an diesem Freitag, den 20. April 1945. Dichte Wolken hängen über der Reichshauptstadt. Aus der Ferne grummelt Geschützdonner. Raus aus Berlin! Nur weg heißt die Devise. „Rette sich, wer kann!“ Eine Massenflucht setzt ein, in Richtung Westen, größtenteils zu Fuß. An die zweitausend Passierscheine für Parteibonzen werden eiligst ausgegeben. Plötzlich wieder „Vollalarm“. US-Kampfbomber werfen ihre tödliche Last ab. Menschen kauern in Luftschutzkellern. Adolf Hitler begeht seinen 56. Geburtstag, es ist sein letzter. Tief unter der Erde geloben im Führerbunker die Letzten ihre „Treue bis in den Tod“, so Hitlers Kammerdiener Heinz Linge.

Happy Birthday, Adolf! Absurd, bizarr, grotesk! NS-Propagandachef Joseph Goebbels feiert im Großdeutschen Rundfunk ein letztes Mal seine Großtaten: „Wenn Deutschland heute noch lebt, wenn Europa und mit ihm das gesittete Abendland noch nicht ganz versunken ist – sie haben es ihm allein zu verdanken, denn er wird der Mann des Jahrhunderts sein. … Er ist der Einzige, der sich selbst treu blieb. … Er ist Deutschlands tapferstes Herz und unseres Volkes glühendster Wille.“

 

Deutschland im April 1945.

 

„Prost auf den Endsieg!“ Täglich „fallen“ an die zehntausend deutsche Soldaten, kommen tausende unschuldige Menschen ums Leben: Frauen, Kinder, Greise, Zwangsarbeiter, Flüchtlinge, Deserteure, KZ-Insassen. Das NS-Reich rast im Höllentempo in den Abgrund. Das nackte Chaos, der totale Wahnsinn. Zwischen Zossen und Wannsee bombardieren deutsche Kampfflugzeuge eine Wagenkolonne. So attackieren sie ihre eigenen Vorgesetzten, die sie für die Angriffsspitze der Roten Armee halten. Friendly Fire. Tatsächlich fallen die deutschen Bomben auf Hitlers flüchtenden Wehrmacht-Führungsstab, die zentrale Abteilung des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW). Die Festung Berlin wird zur Falle.

Mutti hat eben noch die letzten Schmucksachen vergraben. Meine Uhr behalte ich um, der Boden ist mir zu nass“, hält Lilo am 20. April 1945 fest, eine Schülerin aus Berlin-Friedrichshagen. „Ab und zu zittert das Haus von irgendeinem Einschlag, Ich weiß nicht, sind wir so wenig nervös, haben wir so wenig Fantasie oder sind wir absolut am Ende, dass uns alles gleichgültig erscheint, dass man nur das Ende herbeisehnt. … Kälte, Hunger und Bomben – Bomben! Manch einer meint, es wäre besser in Russenhand zu fallen als die dauernde Fliegerangst. Ich weiß es nicht“, notiert die Ärztin Anne-Marie Durand-Weyer aus Schöneberg.

 

Bruno Epple aus Radolfzell am Bodensee. Eintrag 20. April 1945 in seinem Tagebuch. Quelle: Stadtmuseum Radolfzell.

 

An „Führers Geburtstag“ vertraut der vierzehnjährige Bruno in Radolfzell seinem Tagebuch heimlich an: „Nürnberg und Leipzig sind in russischer Hand. Die Russen haben den Stadtrand von Berlin erreicht. Viele, viele Menschen müssen für die Nazi-Bonzen das Leben lassen, damit sie noch einige Wochen länger leben können. (…) Nieder mit diesen Scheusalen, nieder mit diesen Mördern!! Es lebe Christus! Es lebe Deutschland. Es lebe die Freiheit.“

Aus Schüler Bruno wird später ein vielseitig begabter Künstler. Und Hitler? Keine zehn Tage später macht der Tod auch vor dem Bösen nicht Halt. Hitler beendet am 30. April 1945 sein Reich der Finsternis – durch Selbstmord. Offiziell wird verkündet, er sei „in seinem Befehlsstand in der Reichskanzlei, bis zum letzten Atemzuge gegen den Bolschewismus kämpfend, für Deutschland gefallen“. Die letzte Lüge des alten Regimes. Die Radiosender spielen „Siegfrieds Tod“ aus der „Götterdämmerung“.

 

Auferstanden aus Ruinen. Seiltänzerin Margret Zimmermann. Köln, 1946.

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„The way it is“

Der Mann am Klavier ist keine dreißig, verkriecht sich in der Garage und schreibt auf, was er in seiner Kleinstadt Williamsburg sieht, hört und erlebt: The way it is. Wir schreiben das Jahr 1986. Bruce wächst wohlbehütet auf. 15.000 Einwohner, gepflegte Vorgärten, US-Südstaaten-Idylle. In Virginia heißt es nur: „So ist das und so bleibt das!“ Quasi Gott gewollt. Bruce Hornsby eifert seinem Idol Bob Dylan nach, lässt sich von seinem Protestsong „Girl from the North Country“ anregen. Bruces Botschaft ist einfach: „Glaubt das nicht!“ Ausgrenzung, Diskriminierung und weiße Willkür sind keineswegs gottgegeben, auch wenn es manche sonntags predigen. Vor genau vierzig Jahren geschieht das kleine Wunder von Williamsburg. Der Südstaaten-Boy landet einen Welthit.

 

 

„The Way It Is“ ist der erste Song mit seiner Band und erstürmt Weihnachten 1986 die Charts. Weltweit. Rapper wie E-40 und Mase covern seine Hymne. 2019 räumt Pianist Bruce Hornsby ungläubig ein: „Das war ein wundervoller Zufall. Es war ein Song über Rassismus mit zwei improvisierten Solos. Das ist wohl kaum das Rezept für Pop-Erfolg.“ Im Laufe der neunziger-Jahre experimentiert Hornsby, weg vom Mainstream-Pop. Er orientiert sich an Bluegrass, jedoch immer häufiger am Jazz oder wagt Ausflüge in die Klassik. Seine Live-Konzerte unterscheiden sich von denen anderer Bands. Statt fester Setlists kann das Publikum mitbestimmen, was am jeweiligen Abend auf die Bühne kommt.

Bruce und seine Band, die Noisemakers feiern Improvisationen, gerne über eigene bekannte Titel. „Kreativ zu sein, Musik im Präsens zu machen, darum geht es uns live. Ich schreibe Songs, wir machen Platten und dann werden die Platten der Ausgangspunkt, die grundsätzliche Blaupause, das grundsätzliche Arrangement.“  Hornsby steigt zusätzlich als Live-Mitglied bei Grateful Dead ein, jammt mit Pat Metheny oder Eric Clapton. Er gewinnt eine treue Fangemeinde, die es ihm ermöglicht, auf seinen Solo-Alben immer wieder Neues auszuprobieren. Hornsby beherrscht viele Genres. Manche sagen, er könne sich musikalisch nicht wirklich entscheiden, was er will. Tja. Anything goes.

 

 

Nachdem es lange still um ihn wurde, startet Hornsby kurz vor der Corona-Zeit seine zweite Karriere. Auf Absolute Zero“ sammelt Hornsby einmal mehr unterschiedliche Musiker um sich, so yMusic, Blake Mills oder Robert Hunter. Das Album ist „eines der meistgefeierten in Hornsbys Karriere“, lobt das kritische Musik-Portal Laut.de. In diesen Tagen erscheint Indigo Park, sein mittlerweile wohl 25. Album. Es ist ein typischer Hornsby-Mix: Zehn Songs, die locker Anklänge von Pop, Folk, Jazz und Beats zum Tanzen bringen. Anspruchsvoll, eingängig und zeitlos, mit prominenten Gästen wie Ezra Koenig (Vampire Weekend) und Bonnie Raitt. Mein Favorit: Sliver of time. Einen Augenblick Bruce. Der bescheidene wie vielseitige 71-jährige Pianist aus dem Süden der USA weiß: Nichts muss bleiben, wie es ist.

 

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Alexander, der Große

Alexander Kluge ist dreizehn, als der Krieg endet. Ein Jahr älter als das Dritte Reich. Das Elternhaus ist beim großen Bombenangriff auf seine Heimatstadt Halberstadt abgebrannt, drei Tage vor der Befreiung durch die US-Armee. Doch der wichtigste Tag beim Kriegsende ist für den jungen Kluge der 1. Juni 1945. Die Rückkehr seiner Mutter aus Berlin. „Steht in der Tür und umarmt mich. Ich erinnere mich an eine junge Frau, wie sie in den Kleidern dieser Zeit vor mir steht, in Vorkriegsmode, zigmal umgeschneidert. Meine Eltern waren ja seit 1942 geschieden. Für meine Schwester und mich ist diese Scheidung schlagender und vernichtender als die Tatsache, dass unser Elternhaus bei dem Bombenangriff vom 8. April (1945) abbrennt. Das war nicht so schlimm wie das Auseinandergehen dieser Ehe.“

Typisch Kluge. Kriegskind, Kirchenmusiker, Jurastudent, Referendar, Filmemacher, Schriftsteller, Theoretiker, Chronist der Lebensläufe, Sammler und Jäger. Institution des deutschen Geistesleben. Alexander Kluge. Sein Name ist Marke. Unverwechselbar. Er konnte in einem Atemzug über Jesus, Hannibal, Clausewitz, Napoleon, Kant, Hegel oder die Schlacht von Stalingrad reden. Sein Motto: „Menschen haben zweierlei Eigentum: ihre Lebenszeit, ihren Eigensinn. Davon handeln meine Geschichten.“

 

 

Als ich vor einigen Jahren das Gleimhaus in seiner Geburtsstadt Halberstadt besuche, stoße ich rasch auf den Sohn der Stadt. In einer kleinen Ecke wird der Vor- wie Nachdenker „aus dem Land der Bauernkriege“ auf einer Wandtafel zitiert: „Aufklärung braucht Bodenhaftung. Wenn wir die Tiere in uns respektieren, lernen wir vielleicht die Natur draußen und damit unseren Erdball zu respektieren. Das Zeitalter der Aufklärung liegt noch vor uns.“

 

Abschied von gestern. 1966. Debütfilm mit Schwester Alexandra Kluge in der Hauptrolle. „Sein anderes Ich.“

 

Seine Texte enthalten häufig mehr Fragen als Antworten. Sein Interesse gilt Randfiguren und Verdrängtem. Nebenschauplätze faszinieren ihn: Wie verändert der Flügelschlag einer Libelle im Golf von Mexiko das Weltklima? Was machen „Artisten in der Zirkuskuppel: Ratlos?“ Für seine filmische Reise erhält Kluge 1968 den Goldenen Löwen von Venedig. Als Ende der achtziger Jahre das Privatfernsehen aufkommt, produziert er auf RTL in der Sonntagnacht-Nische ein Vierteljahrhundert lang Zehn vor Elf. Markenzeichen der über 3.300 Sendungen: Frei erfundene Persönlichkeiten erzählen „wahre“ Geschichten. Unvergessen: Peter Berling als Hitlers Bodyguard. Listige Fake-Geschichten. Ein Spiel mit ausgedachter Zeugenschaft als Test fürs Publikum. Dazu Gedanken-Puzzle und Gespräche mit Heiner Müller, Christoph Schlingensief oder Helge Schneider. Meist im Kluge-Flüsterton, beharrlich, geduldig, wissensklug.

 

Sand und Zeit. 2025. Weggefährtin Hannelore Hoger: „Er schrieb täglich ein neues Buch. Schreiben war sein Leben.“

 

Kluge stellt alte Gewissheiten auf seinen Prüfstand. Adam und Eva, Alexander der Große, Napoleon, Adolfs Verdauungsstörungen oder die neue Unübersichtlichkeit der TikTok-Welt. Sein Fazit: Der Mensch bleibt das moderne Raubtier. Und: Die Welt regiert sich selbst. Die Regeln ändern sich nie. Bis ins hohe Alter von 94 Jahren bewegen ihn zwei Lebensthemen: Der Schrecken des Krieges, untrennbar verknüpft mit dem Schicksal seiner Heimatstadt. Und seine rastlose Suche nach Erkenntnissen.  Letzte Ausstellung in Wien. Kluge im Konjunktiv der Bilder 2025: „Die aktuelle Bedrohung ist die Inflation der Bilder. Fake News muss man nicht fürchten. Man muss sie widerlegen. Mist muss man wegräumen.“

 

Die Welt im Sucher. Alexander Kluge (1932-2026) Rastlos, wissensdurstig, produktiv. Quelle: https://kluge-alexander.de/

 

Kurz vor seinem Tod experimentiert der Universalist mit KI-Systemen. Wie kann man Computer-Generiertes in Widersprüche und Fallen locken? „In meinem ganzen Leben habe ich keinen Menschen gesehen, dessen Geist derart über alle Grenzen springt“, schreibt Weggefährte und „Heimat“-Filmemacher Edgar Reitz. Alexander Kluge war „ein leuchtender Stern“; er sei überzeugt gewesen, dass er in seinen nicht realisierten Projekten weiterleben wird. Die Schauspielerin Lilith Stangenberg spielte 2020 die Hauptrolle in Kluges Orphea. Die Welt sei ohne ihn einsamer geworden und zugleich so reich beschenkt worden, betont sie: „Au revoir, liebster Alexander, möge dein neuer Gastgeber dich mit besonderer Zärtlichkeit behandeln.“